Wenn KI plötzlich da ist – Was Unternehmen vom MDR lernen können
Als Innovationsredakteurin bei MDR next beschäftigt sich Annie Reischmann seit zwei Jahren intensiv mit der Frage, wie Künstliche Intelligenz in einem großen Medienhaus wirklich ankommt. Nicht theoretisch, sondern im Alltag der Menschen, die in vielen Funktionen im MDR arbeiten. Mit MDR next KI hat der Mitteldeutsche Rundfunk 2024 ein ganzes Jahr zur Künstlichen Intelligenz gestaltet mit dem Motto „Künstliche Intelligenz erleben, verstehen und anwenden“ und dem Ziel, mit diesem Angebot wirklich alle im MDR zu erreichen. In ihrem Gastbeitrag erläutert sie, was Unternehmen ganz allgemein von diesem Programm lernen können.

Ein Programm, das viele Wege zur KI öffnet
MDR next KI bestand aus mehreren Modulen, die bewusst unterschiedliche Einstiege boten und verschieden zeitintensiv waren: Entdeckertage gaben Mitarbeitenden die Möglichkeit, KI-Installationen auszuprobieren und in entspannter Atmosphäre erste Fragen zu klären. Maker Days waren ganztägige Workshops zu Schwerpunkten wie Audio, Video, Recherche oder Text. Hier konnten kleine Gruppen eigene KI-Ansätze austesten und erste Prototypen entwickeln.
In der MDR next KI-Werkstatt arbeiteten Teams und Einzelpersonen mit KI-Mechanikern an konkreten Herausforderungen aus ihrem Arbeitsalltag. Dazu kamen KI-Talks mit Gästen aus Medien, Wissenschaft und Zivilgesellschaft sowie ein Ideenprogramm, bei dem 31 KI-Ideen aus allen Direktionen eingereicht wurden.
Eine neue Wissensplattform bündelte alle Inhalte, Videos, Prompts und Materialien an einem Ort. Mehr als 500 Mitarbeitende nutzten 2024 eines oder mehrere dieser Angebote. Viele Veranstaltungen waren ausgebucht – ein deutliches Signal dafür, wie groß der Wunsch nach Orientierung und praxisnahen Beispielen ist.
Was sich zeigt, wenn man zuhört
Ich war in vielen Formaten selbst im Einsatz: bei Entdeckertagen, Maker Days, in der Werkstatt. Und nahm aus den Gesprächen mehr mit, als ich hätte planen können:
Beim ersten Entdeckertag erzählte eine SEO-Kollegin, sie brauche KI nicht. Wir haben uns drei Minuten zusammengesetzt, gemeinsam Keywords für ihren entstehenden Artikel gepromptet – und ab diesem Moment wollte sie das Ergebnis sofort weiterverwenden. Manchmal braucht es nur einen kleinen Funken, um jemanden anzufackeln! In den im Laufe des Jahres entwickelten Prompting-Workshops starten wir deshalb immer mit der Frage:
„Welches Problem habt ihr, das ihr gerne mit KI lösen wollt?“
Manche beschreiben ihr Anliegen sofort klar, andere tasten sich heran – und stellen fest, dass schon diese Klärung oft der wichtigste Schritt ist.
Auch Peer-Learning spielte eine große Rolle: Ein Kollege zeigte spontan seinen Photoshop-Workflow mit Bild-Prompts, ein anderer berichtete von Token-Grenzen und die Gruppe fand gemeinsam einen Workaround. Solche Momente lassen sich kaum planen, erzeugen aber sofort spürbare Wirkung.
Ein Bedarf, viele Gewerke
Schnell wurde klar: Juristen, Verwaltung, Publikumsservice, Kommunikation oder Redaktionen – sie alle haben unterschiedliche Fragen und Einstiegspunkte.
Je genauer diese vorab abgefragt werden, desto passender lassen sich Beispiele wählen. Deshalb entstanden neben dem Grundlagenformat „Basics – Richtig prompten“ auch spezielle Workshops, etwa für einzelne Abteilungen oder Gewerke.
Weitere Formate entwickelten sich direkt aus Bedarfen im Haus:
– ein Einstiegsimpuls „KI nutzen im MDR mit Copilot“ für Teams, die ganz am Anfang stehen
– ein Social-Media-Format, ausgelöst durch einen konkreten SEO-Bedarf einer Redaktion
– Fortgeschrittenen-Workshops zu Agents und Custom GPTs
– und Best-Practices, angeregt durch Teams, die eigene KI-Analysen ausprobiert und geteilt haben.

2025: Ausbau mit KI-Labor, mehr Maker Days und zusätzlichen Werkstätten
MDR next KI endet nicht mit dem Kalenderjahr. 2025 wird das Programm ausgebaut – mit weiteren und tiefergehenden Maker Days, zusätzlichen Werkstatt-Terminen und einem neuen Modul: dem KI-Labor, in dem ein interdisziplinäres Team den praktischen Einsatz generativer KI-Tools in der Doku-Produktion erprobt und die Ergebnisse für den MDR auswertet, um Wissen und Handlungsempfehlungen ins Haus zu bringen.
Was Unternehmen aus anderen Branchen daraus mitnehmen können
Viele Branchen stehen vor ähnlichen Fragen wie Medienhäuser: Wo hilft KI wirklich? Wann entsteht Nutzen? Und wie holt man Teams ab, die völlig unterschiedliche Wissensstände haben?
Die folgenden Learnings sind direkt aus MDR next KI entstanden – und übertragbar:
- Einstiegshürden ernst nehmen
Viele Mitarbeitende haben KI-Tools noch nie geöffnet. Orientierung kommt vor Anwendung. - Angebote für unterschiedliche Wissensstände aufbauen
Grundlagenimpulse, praktische Einstiegsformate und Deep-Dive-Workshops sprechen jeweils andere Teams an. - Kleine Gruppen schaffen echte Lernmomente
Mit weniger Personen lassen sich Beispiele direkt auf den Arbeitsalltag zuschneiden. - Beispiele & Prompts an den Arbeitsalltag anpassen
Ob Redaktion, Service oder Verwaltung – passende Beispiele beschleunigen das Lernen. - Formate gezielt zuschneiden
Viele Workshops entstehen erst, nachdem Abteilungen ihre konkreten Situationen geschildert haben. - Best Practices sichtbar machen
Teams, die eigene KI-Workflows ausprobieren, inspirieren andere – und schaffen Vertrauen. - Ressourcen für das eigenständige Weiterlernen bereitstellen
Promptsammlungen, Materialien und Wissensplattformen helfen Teams, KI nachhaltig in ihren Alltag zu integrieren. - Offen bleiben für Weiterentwicklung
KI-Formate funktionieren am besten, wenn sie entlang der Fragen weiterentwickelt werden, die Teams mitbringen.

Fazit
KI im Unternehmen zu verankern ist weniger eine technische Einführung als ein Lernprozess. Bei MDR next hat es funktioniert, weil Formate nicht nur geplant, sondern kontinuierlich an realen Bedarfen ausgerichtet wurden. Das Zuhören war kein Zusatz, sondern der Kern. Und genau darin liegt die entscheidende Übertragbarkeit für andere Branchen.
