Unternehmen / Companies: Werte / Values

22. August 2024, 7:55

Wert-volle Wirtschaft

Claudia Lässig, Geschäftsführerin der Lässig GmbH, hat als Autorin und Herausgeberin ein Buch begleitet, in dem es um das Thema „Werte“ aus Sicht von 40 Frauen in Führungspositionen geht. Warum es für Unternehmen in einer Zeit, in der es immer mehr Vetternwirtschaft und Korruption zu geben scheint, wichtig ist, Profil zu zeigen, erläutert sie im Interview mit Astrid Specht.

Economy of values

Claudia Lässig, CEO of Lässig GmbH, has written and edited a book on the subject of „values“ from the perspective of 40 women in leadership positions. In an interview with Astrid Specht, she explains why it is important for companies to raise their profile at a time when nepotism and corruption seem to be on the rise.

Frau Lässig, woran liegt es, dass das Streben nach Geld und Macht in Wirtschaft und Politik weltweit zuzunehmen scheint, während Werte kaum eine Rolle mehr spielen?
Der Verfall von Werten ist allgegenwärtig spürbar. Die Ursachen dafür sind vielschichtig, aber ich glaube, dass ein längeres Streben nach Individualität und Selbstverwirklichung, oft auf Kosten anderer, dazu beigetragen hat. Es geht darum, möglichst selbstbestimmt zu sein und das Maximale für sich selbst herauszuholen. Dies wird meiner Wahrnehmung nach stark durch verschiedene Medien, insbesondere soziale Netzwerke, vermittelt. Dort liest man häufig Slogans wie „Mach dein Ding“ oder „Kümmere dich nicht darum, was andere sagen“. Bis zu einem gewissen Grad ist das in Ordnung, aber irgendwann kippt es. Eine kürzlich veröffentlichte Studie zeigt, dass junge Menschen weltweit, auch in Deutschland, zunehmend unglücklich sind. Dies hängt stark mit dem Vergleich über soziale Medien zusammen. Dort wird oft eine perfekte, aber unrealistische Welt präsentiert, die zu einem ungesunden Perfektionismus führt. Zudem wird uns ständig suggeriert, man bräuchte bestimmte Produkte oder ein bestimmtes Aussehen, um glücklich zu sein. Ich halte diesen Ansatz für falsch. Ein weiteres Problem ist die Erwartungshaltung, alles erreichen zu können, ohne große Anstrengung. Viele glauben, ihnen stünde das einfach zu. Diese Anspruchshaltung unterscheidet sich stark von der meiner Generation, die sich mehr im Dienst der Gemeinschaft sah. Natürlich gibt es auch andere Faktoren. Betrachtet man die globalen Probleme – wie den Klimawandel und kriegerische Konflikte – wird es noch schwieriger, positiv in die Zukunft zu blicken.

Es ist doch aber eher die jüngere Generation, die mit der Anspruchshaltung „das habe ich mir verdient“ durch die Welt geht, oder nicht? Denn wenn man sich die Weltpolitik und -wirtschaft ansieht, sind es eher ältere und privilegierte Personen, die bereits lange an der Macht sind und große Vermögen angehäuft haben, die ihre Stellung zum eigenen Vorteil nutzen und in die eigene Tasche wirtschaften … War das denn schon immer so und ist es jetzt nur sichtbarer geworden, oder hat sich dies tatsächlich verstärkt?
Da stimme ich Ihnen zu. Ich glaube jedoch nicht, dass diese Problematik zugenommen hat, sondern dass sie heute einfach transparenter ist. Insbesondere in der Politik und in oberen Wirtschaftsebenen wurde lange nach dem Prinzip „eine Hand wäscht die andere“ verfahren. Früher wurde das nicht offen diskutiert, heute bringen Medien diese Themen stärker ans Licht, was ich grundsätzlich für positiv halte. Dadurch entsteht aber auch der Eindruck, dass diese Praktiken zunehmen.

Ms. Lässig, why is it that the pursuit of money and power seems to be on the rise in business and politics worldwide, while values hardly play a role anymore?
The decline in values is omnipresent. There are many reasons for this, but I believe that a prolonged pursuit of individuality and self-fulfilment, often at the expense of others, has contributed to it. It is often about being as self-determined as possible and getting the most for yourself. In my opinion, this is strongly conveyed by various media, especially social networks. You often read slogans like „Do your thing“ or „Don‘t worry about what others say“. To a certain extent, this is fine, but at some point it all tips over. A recently published study shows that young people around the world, including in Germany, are increasingly unhappy. This is strongly linked to comparison oneself on social media. A perfect but unrealistic world is often presented there, which leads to unhealthy perfectionism. In addition, we are constantly told that we need certain products or a certain look to be happy. I think this approach is wrong. Another problem is the expectation that we can achieve anything without much effort. Many people believe they are simply entitled to it. This sense of entitlement is very different from that of my generation, which saw itself more in the service of the community. Of course, there are other factors too. If you look at global problems – such as climate change and armed conflicts – it becomes even more difficult to look positively into the future.

But it‘s rather the younger generation that walks through the world with an attitude of „I‘ve earned this“, isn‘t it? Because if you look at world politics and economics, it‘s more likely to be older and privileged people who have been in power for a long time and have amassed large fortunes, who use their position to their own advantage and line their own pockets … Has this always been the case and has it only become more visible now, or has it actually increased?
I agree with you there. However, I don‘t believe that this problem has increased, but that it is simply more transparent today. Particularly in politics and at the upper levels of the economy, the principle of „I scratch your back and you scratch mine“ has long been applied. In the past, this was not discussed openly, but today the media is bringing these issues more to light, which I think is fundamentally positive. However, this also gives the impression that these practices are on the increase.

„Es reicht nicht, Werte nur aufs Papier zu bringen – sie müssen gelebt werden.“

Claudia Lässig (copyright: Wolfgang Stahr)

„It‘s not enough just to put values on paper – they have to be lived.“

Wie entstand die Idee zu Ihrem Buchprojekt?
Die Diskussion, die wir gerade führen, war tatsächlich der Ausgangspunkt. Wir haben uns gefragt, warum in großen Strukturen oft nicht werteorientiert gedacht wird. Ist es möglicherweise hinderlich, Werte in den Vordergrund zu stellen? Und wie machen das andere? Wie arbeiten Führungskräfte werteorientiert und sind sie damit erfolgreich? Dabei habe ich zunächst in meinem eigenen Umfeld reflektiert, wie ich selbst und mein Unternehmen damit umgehen. Mir wurde klar, dass es für uns bei Lässig kein Widerspruch ist, Werte zu leben und gleichzeitig wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Vielmehr macht es uns erfolgreicher, wenn wir unsere Werte authentisch kommunizieren und leben. Wenn man ein Unternehmen im Teamgedanken führt und seine Werte klar definiert, schafft das ein stärkeres, resilienteres Team. Die Arbeit fühlt sich dann nicht wie ein Schauspiel an, weil man sich nicht verbiegen muss.

Gibt es bestimmte Werte, die „wirtschaftlicher“ sind, oder ist es in einem Unternehmen grundsätzlich wichtig, überhaupt Werte zu haben?
Ich glaube, es ist grundlegend wichtig, Werte zu haben. Man sollte sich fragen, was gute Führung und ein gutes Betriebsklima ausmachen. Es reicht nicht, diese Werte auf Papier zu formulieren – sie müssen gelebt werden. Es ist nicht authentisch, Werte auszuwählen, die nur auf die Wirtschaftlichkeit abzielen oder nach außen gut aussehen. Gründerinnen und Gründer sollten sich am Anfang klar über ihre Werte austauschen und sicherstellen, dass das gesamte Team dahintersteht. Jeder muss für sich entscheiden, ob er oder sie mit diesen Werten leben und arbeiten kann. Wenn das nicht der Fall ist, passt man möglicherweise nicht ins Unternehmen.

Wie findet man als Organisation seine Werte?
Es beginnt mit Reflexion. Man muss sich bewusst machen, welche Werte einem selbst wichtig sind. Diese werden oft schon in der Kindheit geprägt und entwickeln sich im Laufe des Lebens weiter. Man sollte sich immer wieder fragen: „Was ist mir wichtig?“ und „Was widerspricht meinem Gefühl?“ Das, was einem im privaten Leben wichtig ist, sollte auch im beruflichen Kontext berücksichtigt werden. Für mich persönlich sind Freundlichkeit, Menschlichkeit, Toleranz und Ehrlichkeit zentrale Werte. Wenn diese nicht respektiert werden, fühle ich mich nicht wohl. In meiner Position habe ich den Luxus, das beeinflussen zu können. Für unser Team funktioniert es am besten, wenn wir ehrlich sind und klar kommunizieren, wofür wir stehen und was wir nicht wollen.

How did the idea for your book project come about?
The discussion we are currently having was actually the starting point. We asked ourselves why large structures are often not value-based in their thinking. Could it possibly be a disadvantage to focus on values? And how do others do it? How do managers work in a value-based way and are they successful in doing so? I started by reflecting on how I and my company deal with this in my own environment. I realized that for us at Lässig, living values and being economically successful at the same time is not a contradiction in terms. On the contrary, it makes us more successful if we communicate and live our values authentically. Leading a company with a team spirit and clearly defining its values creates a stronger, more resilient team. Work then doesn‘t feel like an act because you don‘t have to pretend to be someone you‘re not.

Are there certain values that are more „ profitable“ or is it fundamentally important for a company to have values at all?
I believe it is fundamentally important to have values. You should ask yourself what constitutes good leadership and a good working atmosphere. It is not enough to formulate these values on paper – they have to be lived. It is not authentic to select values that only focus on profitability or look good on the outside. Founders should clearly discuss their values at the beginning and ensure that the entire team is behind them. Everyone has to decide for themselves whether they can live and work with these values. If this is not the case, you may not fit into the company.

How does an organization find its values?
It starts with reflection. You have to realize which values are important to you. These are often formed in childhood and continue to develop throughout life. You should always ask yourself: „What is important to me?“ and „What goes against my beliefs?“ What is important to you in your private life should also be taken into account in a professional context. For me personally, kindness, humanity, tolerance and honesty are core values. If these are not respected, I don‘t feel comfortable. In my position, I have the luxury of being able to influence this. It works best for our team when we are honest and communicate clearly what we stand for and what we don‘t want.

Dieses Buchprojekt ist das vierte in der 2001 gestarteten Reihe „Frauen schaffen Zukunft“. // This book project is the fourth in the „Women create the future“ series launched in 2001.

In welchen Bereichen von Lässig wirken sich die definierten Werte am stärksten aus?
Das beginnt schon bei unserer Personalpolitik. Wir kommunizieren offen und ehrlich, auch nach außen. Bewerberinnen und Bewerber nehmen uns als authentisch wahr. Wir legen großen Wert darauf, dass neue Teammitglieder nicht nur leistungsfähig sind, sondern auch zu unserer Unternehmenskultur passen. Wir haben noch nie jemanden eingestellt und dann aus wirtschaftlichen Gründen entlassen. Unsere Einstellung ist es, Verantwortung zu übernehmen und transparent miteinander umzugehen. Diese Werte spiegeln sich auch in unseren Produkten wider. Wir könnten es uns oft leichter machen was Qualität, Produktion oder Testverfahren betrifft, aber das würde nicht zu uns passen. Wir handeln nach unseren Werten und das macht uns glaubwürdig und beständig.

Wie haben Sie die Frauen ausgewählt, die an Ihrem Buchprojekt beteiligt sind?
Es war uns wichtig, Frauen aus unterschiedlichen Bereichen und mit verschiedenen Ansätzen zusammenzubringen, ohne dass das Buch zu einer Werbeveranstaltung für die einzelnen Unternehmen wird. Wir haben dazu aufgerufen, sich zu bewerben und zu erzählen, warum sie Teil des Buches sein möchten. Auf dieser Basis haben wir dann die Auswahl getroffen.

Für wen haben Sie dieses Buch geschrieben?
Im Fokus steht das Thema Female Empowerment. Wir hoffen, dass die Leserinnen und Leser sich von den unterschiedlichen Geschichten inspirieren lassen. Sie sollen sehen, welche Herausforderungen die porträtierten Frauen gemeistert haben, welche unterschiedlichen Unternehmensformen es gibt und dass viele Wege zum Ziel führen. Die Beiträge sollen Mut machen, den eigenen Weg zu gehen, ohne perfekt sein zu müssen, und darauf zu vertrauen, dass es individuelle Lösungen für verschiedene Problemstellungen gibt.

Gibt es in diesem Buch einen Konsens, dass in Zukunft nur noch Unternehmen mit klar definierten Werten erfolgreich sein werden, oder kann es auch ohne Werte gehen?
Für mich persönlich geht es nicht ohne Werte. Das gilt jedoch nicht für jedes Unternehmen. Man kann Gewinnmaximierung oder Wachstum als Werte definieren, aber ich glaube, es sollte grundlegende Parameter geben, an denen man sich orientiert.

Zu guter Letzt: Interessieren sich Kunden überhaupt für die Werte eines Unternehmens oder ist das letztlich nur etwas, das nach außen propagiert wird, während der Preis das entscheidende Kaufkriterium bleibt?
Hier gibt es zwei Aspekte. Beim Employer Branding und angesichts des Fachkräftemangels wird es für Unternehmen immer wichtiger, Werte zu leben, die zu ihnen passen. Arbeitnehmer achten zunehmend darauf, bei einem Unternehmen zu arbeiten, das ihre eigenen Werte teilt. Auf der anderen Seite stehen die Endverbraucher. Hier besteht ein Spannungsfeld zwischen dem guten Gewissen beim Kauf von Produkten und dem Preis. Viele Verbraucher entscheiden nach dem Preis, was man am Erfolg von Plattformen wie Shein und Temu sieht. Das ist alarmierend. Es ist verständlich, dass nicht jeder sich teure Produkte leisten kann, aber wenn es um die Sicherheit der eigenen Kinder geht, sollte das der höchste Wert sein.

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In which areas of Lässig do the defined values have the greatest impact?
It already starts with our personnel policy. We communicate openly and honestly, also to the outside world. Applicants perceive us as authentic. We attach great importance to ensuring that new team members not only perform well, but also fit in with our corporate culture. We have never hired someone and then dismissed them for profit reasons. Our attitude is to take responsibility and deal with each other transparently. These values are also reflected in our products. We could often make things easier for ourselves in terms of quality, production or testing procedures, but that wouldn‘t suit us. We act according to our values and that makes us credible and consistent.

How did you select the women involved in your book project?
It was important to us to bring together women from different areas and with different approaches, without the book becoming a publicity vehicle for the individual companies. We invited these women to apply and tell us why they wanted to be part of the book and then based our selection on this.

Who is the target audience for this book?
The focus is on female empowerment. We hope that readers will be inspired by the different stories. We want them to see the challenges that the women portrayed have overcome, the different forms of business that exist and that many paths lead to the same goal. The articles are intended to encourage readers to go their own way without having to be perfect and to trust that there are individual solutions to various problems.

Is there a consensus in this book that only companies with clearly defined values will be successful in the future, or can they do without them?
For me personally, you can‘t do without values. However, this does not apply to every company. You can define profit maximization or growth as values, but I believe that there should be basic parameters to guide you.

Last but not least: Are customers interested in the values of companies at all, or is this ultimately just something that is propagated to the outside world, while price remains the decisive purchase criterion?
There are two aspects here. In employer branding and in view of the shortage of skilled workers, it is becoming increasingly important for companies to live values that suit them. Employees are increasingly looking to work for a company that shares their own values. On the other end are the consumers. There is a tension here between a clear conscience when buying products and the price. Many consumers make decisions based on price, as can be seen from the success of platforms such as Shein and Temu. That is alarming. It is understandable that not everyone can afford expensive products, but when it comes to the safety of your own children, that should be the highest value.

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