Trends: KI im Kinderzimmer
KI-Spielzeuge ziehen zunehmend in Kinderzimmer ein. Sie stehen für einen Trend, der kreatives Lernen mit künstlicher Intelligenz verbinden soll und zugleich hohe Erwartungen an Bildung und Unterhaltung weckt. Im Gespräch mit Birgitta Barlet, Verlagsleitung Programm bei Kosmos, und Janina Hamhaber geht es um die Frage, wie weit dieser Wandel bereits reicht, welche Rolle KI im Spielzeugmarkt spielt und wo Chancen und Grenzen im Kinderzimmer liegen.

Auf dem Tisch steht eine leuchtende Blume, die sich langsam öffnet, sobald Licht auf sie fällt. Daneben ein kleiner Roboter, der auf Gesten reagiert und scheinbar versteht, was das Kind ihm zeigt. Ein Stofftier erzählt Geschichten, die sich jedes Mal ein wenig anders entwickeln. Technik, Spiel und Sprache greifen ineinander, als wären sie längst selbstverständlich miteinander verbunden.
Künstliche Intelligenz hält zunehmend Einzug in Kinderzimmer und verändert dort nicht nur, womit Kinder spielen, sondern wie sie mit ihrer Umgebung interagieren. Zwischen klassischem Experimentieren und digitalen Dialogsystemen entstehen neue Spielwelten, die Haptik und Algorithmus miteinander verbinden. Dabei zeichnen sich zwei Entwicklungen besonders deutlich ab: Systeme, in denen Kinder Technik selbst entdecken und verstehen lernen, sowie neue KI-Spielzeuge, die aktiv auf sie reagieren und mit ihnen interagieren.
Sieht so das Kinderzimmer von morgen aus?
Die Frage ist weniger futuristisch, als sie auf den ersten Blick wirkt. Denn genau diese Mischung aus physischem Spiel, technischer Reaktion und digitalen Systemen hält bereits heute in viele Kinderzimmer Einzug, wenn auch in unterschiedlichen Ausprägungen.
Ein Beispiel für den experimentellen Zugang ist die Robotic Flower von Kosmos. Der Experimentierkasten verbindet Elektronik, Design und kreative Gestaltung und macht technische Zusammenhänge durch eigenes Bauen erlebbar. Die Blume reagiert auf Licht und Bewegung, öffnet und schließt ihre Blütenblätter und vermittelt spielerisch Grundlagen von Sensorik und Mechanik. Die Robotic Flower verfügt zusätzlich über eine Glitzerkugel als versteckbares Fach für kleine Schätze im Inneren, eine integrierte Nachtlichtfunktion sowie individuell gestaltbare und austauschbare Blütenblätter. Hier verbinden sich Technik und Ästhetik auf besondere Weise und regen Neugier und Fantasie an.
Als Traditionsmarke prägt Kosmos den Experimentiermarkt seit über 100 Jahren und setzt mit dem sogenannten „MINKT“-Ansatz gezielt auf die Verbindung von Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik und Kunst. So entsteht ein Lernansatz, der nicht nur Wissen vermittelt, sondern Kreativität aktiv einbezieht.
Entwickelt wurde die Robotic Flower von Kosmos gemeinsam mit Agalya Jebens, Gründerin des High-Tech-Unternehmens SkySpirit. Die Idee entstand aus der Frage, ob natürliche Formen und Prozesse so in Technik übersetzt werden lassen, dass sie für Kinder nicht nur verständlich, sondern auch emotional ansprechend und spielerisch erfahrbar werden.
„Mit diesem besonderen Experimentierkasten bringen wir die kreative Dimension ganz bewusst in die naturwissenschaftliche Bildung. Wenn wir Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik mit Kunst verbinden, schaffen wir Lernräume, in denen Kinder nicht nur wichtige Gesetzmäßigkeiten verstehen, sondern gleichzeitig eigene Ideen entwickeln, ausprobieren und stolz präsentieren können. Das stärkt Selbstwirksamkeit, Problemlösekompetenz und Kreativität – und genauso erfüllen wir unsere Mission: Wir machen Kinder stark“, erklärt Birgitta Barlet, Verlagsleitung Programm bei Kosmos.
Zwischen leuchtenden Experimenten und interaktiven Spielsystemen zeigt sich ein klarer Trend: Technik im Kinderzimmer wird nicht nur komplexer, sondern auch dialogfähiger. Für Hersteller wie Kosmos bedeutet das, vertraute Lernformate weiterzudenken ohne den haptischen Kern des Experimentierens zu verlieren. Im Gespräch mit Birgitta Barlet wird deutlich, wie dieser Spagat in der Praxis aussieht und welche Rolle künstliche Intelligenz dabei spielt.

Wie entstand die Entscheidung, künstliche Intelligenz stärker in Experimentierkästen einzubinden?
Als führender Verlag im Bereich der Experimentierkästen greifen wir technische Zukunftsthemen auf und machen sie spielerisch erlebbar. So war es bei Radiotechnik, Elektronik, Digitaltechnik, bei Programmierung und nun eben bei Robotik und Künstlicher Intelligenz (KI). Dabei muss man unterscheiden: Robotik und Bionik sind natürlich nicht das Gleiche wie KI, doch die Welten überschneiden sich zunehmend. Unser aktueller Experimentierkasten „Robotic Flower“ bietet einen altersgerechten Einstieg in Sensorik und Bionik – ohne KI-Funktionen, aber mit viel Experimentierfreude. Unser Roboter Miika K.I. dagegen bringt echte Künstliche Intelligenz ins Kinderzimmer und ermöglicht es Kindern, KI-Modelle spielerisch zu trainieren und anzuwenden – inklusive Datenschutz durch Offline-Verarbeitung. So entsteht eine Lernlandschaft, die von einfachen Experimenten bis zu komplexeren KI-Erfahrungen reicht.
Welche Rolle spielt KI dabei wirklich: Werkzeug, Lerninhalt oder Erlebnisfaktor?
„Genauso wie Robotik ist KI bei uns nicht nur ein Buzzword, sondern sorgfältig entwickelter Lerninhalt und Erlebnisfaktor. Mittels Experimenten und Modellen erklären und zeigen wir, was hinter diesen Technologien steckt. Am besten funktioniert das natürlich, wenn Kinder selbst einen Roboter bauen und so seine Funktionen verstehen oder ein KI-Modell trainieren und einsetzen. Genau das können sie mit unseren speziell dafür entwickelten Experimentierkästen tun. Miika K.I. zum Beispiel vermittelt ein universelles Prinzip von KI: Erstens Daten sammeln, zweitens mit den Daten ein KI-Modell trainieren und drittens das KI-Modell einsetzen – in unserem Fall wird damit ein Roboter per Gesten gesteuert. Das Besondere daran ist, dass man all das offline ohne Verbindung zum Internet machen kann. Dieser Datenschutz-Aspekt war uns besonders wichtig. Wir haben bei der Entwicklung einen konsequenten „Safety-by-Design“-Ansatz verfolgt.“
Es gibt Kritik an KI-Spielzeug, etwa hinsichtlich emotionaler Bindung oder Abhängigkeit. Wie geht Kosmos mit solchen Bedenken um?
Das sind berechtigte und wichtige Fragen. Entscheidend ist ein verantwortungsvoller und bewusster Umgang mit KI-Technologien. Deshalb wird bei Kosmos großer Wert darauf gelegt, Kinder nicht nur mit Technologie spielen zu lassen, sondern sie auch in ihrem Verständnis dafür zu begleiten. In den Materialien zu Miika K.I. werden deshalb auch ethische und gesellschaftliche Aspekte altersgerecht aufgegriffen.
Wo sehen Sie selbst Grenzen von KI im Kinderzimmer?
Eine unkontrollierte Nutzung von KI hat im Kinderzimmer keinen Platz. Wichtig ist, dass Produkte transparent gestaltet sind und Eltern nachvollziehen können, wie Daten verarbeitet werden. Etablierte Anbieter orientieren sich dabei an hohen Sicherheits- und Datenschutzstandards, die in Europa klar geregelt sind.
Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht die Begleitung durch Eltern?
Bei gut gestalteten Produkten ist eine dauerhafte Begleitung nicht zwingend notwendig. Dennoch kann ein gemeinsames Entdecken sinnvoll sein, gerade zu Beginn. Gemeinsames Spielen und Tüfteln stärkt zudem die Beziehung und fördert ein besseres Verständnis für Technik.
Ist geplant, in Zukunft stärker mit vernetzten oder lernfähigen Systemen zu arbeiten?
Im Unternehmen selbst spielt KI als Werkzeug zur Unterstützung von Prozessen bereits eine Rolle. In der Produktentwicklung bleibt der Fokus jedoch klar auf dem haptischen Erlebnis. Der Kern vieler Kosmos-Produkte ist das eigene Erleben, Bauen und Ausprobieren – also das, was oft als „analoges Dopamin“ beschrieben wird.
Die Robotic Flower ist dafür ein gutes Beispiel: Sie reagiert auf Licht und Bewegung, verbindet Technik mit Gestaltung und schafft ein Erlebnis, das sowohl technisch als auch ästhetisch funktioniert.
Glauben Sie, dass KI-Spielzeug künftig selbstverständlich im Kinderzimmer sein wird?
Die Entwicklung zeigt, dass KI zunehmend Teil des Alltags wird – auch im Spielbereich. Entscheidend ist dabei nicht die Technologie selbst, sondern der bewusste und altersgerechte Umgang damit. Kinder sollten verstehen, wie solche Systeme funktionieren, um sie sinnvoll nutzen zu können.
Neben diesen Entwicklungen entstehen bereits weitere Formen KI-gestützter Spielzeuge, die das Erzählen und Interagieren in den Mittelpunkt stellen. Ein Beispiel für diese Entwicklung ist „Poe der Geschichtenerzählerbär“ von Plai AI, der über Joy Toy auf den Markt gebracht wird und interaktive Geschichten erzählt. Der KI-gestützte Teddy steht exemplarisch für eine neue Generation von Spielzeugen, die nicht mehr nur reagieren, sondern interagieren, erzählen und situativ auf Spracheingaben eingehen. Damit verschiebt sich die Rolle des Spielzeugs vom vorprogrammierten Reiz-Reaktions-System hin zu einem scheinbar dialogfähigen Gegenüber. Anders als klassische Spielzeuge kann der KI-gestützte Bär flexibel auf neue Ideen reagieren und gemeinsam mit Kindern individuelle Geschichten entwickeln. Dadurch entstehen sehr persönliche Spielerlebnisse. Doch wie funktioniert der Bär?
Er ist kein rein mechanisches oder klassisch elektronisches Spielzeug, sondern Teil eines vernetzten Systems. Der Plüschbär enthält Mikrofone, Lautsprecher und einfache Sensorik, über die er Spracheingaben erkennt und verarbeitet. Die eigentliche Rechenleistung findet jedoch außerhalb des Spielzeugs statt: Die Sprache des Kindes wird über eine App auf dem Tablet oder Smartphone an eine KI weitergeleitet, die daraus Geschichten generiert. Damit verschiebt sich das klassische Verständnis von Spielzeug. Während frühere interaktive Figuren vollständig im Gerät programmiert waren, ist der Geschichtenerzähler-Bär auf externe Rechenleistung angewiesen.
Das Kind spielt damit nicht nur mit einem Kuscheltier, sondern indirekt mit einer digitalen KI-Umgebung. Das Tablet oder Smartphone wird dabei zur Steuerzentrale des Spiels. In der Praxis beginnt die Interaktion häufig auf dem Bildschirm: Über die App werden Inhalte ausgewählt, Profile angelegt und Geschichten gestartet. Ob Abenteuergeschichte oder Fantasiewelt, das Kind gibt Impulse, die vom System aufgegriffen und vom Bären im Raum wiedergegeben werden. So entsteht eine doppelte Spielstruktur aus physischem Erlebnis und digitaler Steuerung. Interessant ist dabei die Verschiebung der klassischen Diskussion um Bildschirmzeit. Während bei Tablets und Smartphones der Bildschirm im Vordergrund steht, tritt er hier in den Hintergrund obwohl die Verarbeitung vollständig digital bleibt.


Es gibt auch Stimmen, die Bedenken bezüglich dem Umgang mit solchen Entwicklungen haben, darunter der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), Prof. Dr. Rodeck: „Vor parasozialen Beziehungen muss gewarnt werden: Kinder lieben etwas, das so tut, als würde es sie zurücklieben – aber es tut es nicht.“ Gleichzeitig wird deutlich, dass KI-gestützte Spielzeuge auch konkrete pädagogische Chancen bieten. Besonders bei Kindern mit Sprachschwierigkeiten oder geringer Sprechmotivation können interaktive Systeme niedrigschwellige Impulse geben und zum aktiven Mitmachen anregen. Rodeck selbst ergänzt: „KI-Spielzeug könne Kinder mit qualitativ hochwertiger Sprache konfrontieren. Das ist insbesondere dann eine Chance, wenn Eltern selbst wenig vorlesen, sprachlich eingeschränkt sind oder wenn die Kinder mehrsprachig aufwachsen.“
Wenn KI-Spielzeuge transparent aufgebaut sind und altersgerecht eingesetzt werden, können sie Kinder darin unterstützen, Sprache zu entwickeln, Geschichten aktiv mitzugestalten und eigene Ideen auszuprobieren. Besonders im gemeinsamen Spiel mit Eltern oder Geschwistern entstehen dabei zusätzliche Anknüpfungspunkte für Kommunikation und Kreativität. Für die Spielwarenbranche ergibt sich daraus eine Weiterentwicklung bestehender Konzepte: Klassische haptische Spielzeuge bleiben im Mittelpunkt, werden jedoch punktuell durch digitale, interaktive Elemente ergänzt. So entstehen hybride Spielwelten, in denen physisches Erleben und digitale Reaktion nicht im Widerspruch stehen, sondern sich gegenseitig ergänzen.
In dieser Verbindung zeigt sich KI im Kinderzimmer weniger als Bruch mit traditionellen Spielprinzipien, sondern vielmehr als Erweiterung: Sie kann Lernprozesse differenzierter gestalten, individuelle Bedürfnisse stärker berücksichtigen und neue Formen des gemeinsamen Erzählens und Entdeckens ermöglichen. Insgesamt zeigt sich damit eine Entwicklung, in der KI im Kinderzimmer vor allem als ergänzendes Element wirkt: Sie erweitert Spielwelten, unterstützt Lernprozesse und eröffnet neue Möglichkeiten für Kreativität, Sprache und gemeinsames Erleben.