Trageberatung: Eng verbunden

16. April 2026, 7:45

Tragen oder schieben? Eine Frage, die sich viele Eltern gerade zu Beginn stellen. Babytragen gehören zu den erklärungsintensiveren Produktfeldern, insbesondere in puncto Sicherheit und korrekte Anwendung ist fundierte Beratung gefragt, auch im Handel. Im Interview mit 1st Steps-Volontärin Marlene Witke erklärt die zertifizierte Trageberaterin Maria Welker unter anderem, warum es dabei gar kein „Entweder-oder“ geben muss.

Trageberaterin Maria Welker, Zertifizierte Trageberaterin & geprüfte Eltern-Kind-Kursleitung

Maria Welker absolvierte ihre Ausbildung bei der Trageschule Hamburg. Sie bietet Trageberatungen in Marburg, Gießen sowie online an, mit Fokus auf eine individuelle, bindungsorientierte Beratung zu Tragetüchern und Tragehilfen – ohne strenge Dogmen und darauf ausgerichtet, gemeinsam die passende und komfortable Lösung für Eltern und Baby zu finden.


Frau Welker, wie sieht das Berufsfeld einer Trageberaterin aus? Welche Angebote bieten Sie Eltern konkret und wie sieht Ihr Berufsalltag aus?
Eine Trageberaterin hat in der Regel eine fundierte Ausbildung an einer Trageschule absolviert. Dort werden alle wichtigen Grundlagen rund um das Babytragen vermittelt. Dazu gehören unter anderem die kindliche Entwicklungsphysiologie, ergonomisches Tragen, die Eltern-Kind-Beziehung, Tragen in besonderen Situationen wie das Tragen von Zwillingen oder bei Kindern mit besonderen Bedürfnissen sowie Themen wie Bedürfnisse und Bindungsaufbau. Auch die besondere Zeit rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett spielt dabei eine wichtige Rolle.
Als Trageberaterin begleiten wir Familien oft ganz nah im Alltag. Viele Beratungen finden direkt im Zuhause der Eltern statt, manche Kolleginnen und Kollegen arbeiten auch in eigenen Studios oder Beratungsräumen. Gemeinsam schauen wir: Was entlastet euch wirklich im Alltag? Denn jede Familie ist anders und bringt individuelle Bedürfnisse und Lebenssituationen mit. Genau darauf wird die Beratung abgestimmt. Im Grunde sind wir Trageberaterinnen das Bindeglied zwischen der großen Vielfalt an Trageprodukten auf dem Markt und den tatsächlichen Bedürfnissen der Eltern.

Gibt es bestimmte Seminare, die Sie anbieten? Und finden die eher als Hausbesuche oder in einer Praxis statt?
In meinem Fall biete ich vor allem Hausbesuche an. Ich komme direkt zu den Familien ins Wochenbett – was gerade in der ersten Zeit eine große Entlastung sein kann, weil die Beratung in der vertrauten Umgebung stattfindet.Zusätzlich gebe ich Trage-Workshops, zum Beispiel schon in der Schwangerschaft. Diese finden häufig in Hebammenpraxen statt, gemeinsam mit werdenden Eltern. Dort ist Raum für die theoretischen Grundlagen: Warum tragen? Wann kann man beginnen? Und weshalb ist Nähe für Babys so wichtig? Gerade für Ersteltern ist das oft sehr hilfreich. Viele wissen noch nicht, dass ihr Baby vielleicht gar nicht gern im Kinderwagen oder im Babynest liegt, sondern vor allem die Nähe am Körper braucht und dass dieses Bedürfnis ganz normal ist. Später biete ich auch Workshops zum Rückentragen an. So entstehen verschiedene Angebote, die Familien in unterschiedlichen Lebensphasen begleiten und unterstützen.

Sie haben das Stichwort Hebamme erwähnt, arbeiten Sie da aktiv zusammen?
Ja, genau. Es gibt auch Hebammen, die selbst Trageberaterin sind. Grundsätzlich hängt es immer von den persönlichen Schwerpunkten ab. Manche Hebammen setzen ihren Fokus auf Stillberatung oder Beikost, andere auf das Thema Tragen. In meinem Fall arbeite ich mit Hebammen und Hebammenpraxen zusammen, die sagen: „Tragen finden wir super, aber das ist jetzt nicht so unser Fachgebiet.“ Dann holen sie externe Trageberaterinnen wie mich dazu, um ihr Praxisangebot zu erweitern und die Familien bestmöglich zu unterstützen.

Worauf kommt es beim Tragen von Babys und Kleinkindern ganz besonders an? Was sind die wichtigsten Dos und Don’ts?
Ich sage immer, Tragen ist grundsätzlich nicht kompliziert, es gibt nur wenige Punkte, die besonders wichtig sind. Ganz konkret geht es um fünf Dinge. Die Atemwege des Babys müssen jederzeit frei bleiben, damit es ungehindert atmen kann. Der Rücken sollte gut gestützt sein, damit das Baby nicht zusammenfällt, und die Anhock-Spreizhaltung ist entscheidend für eine gesunde Hüftentwicklung. Außerdem sind Ergonomie und Komfort für die tragende Person wichtig, damit Mutter oder Vater das Baby tragen können, ohne Rückenprobleme oder Schmerzen zu bekommen. Ideal ist zudem eine aufrechte Trageposition, bei der das Baby aufrecht vor dem Körper sitzt und nicht liegend. Wer diese fünf Punkte beachtet, hat schon die halbe Miete und kann sicher und komfortabel tragen.

Ist das Tragen grundsätzlich für jedes Eltern-Kind-Paar geeignet oder gibt es Einschränkungen?
Das ist sehr, sehr selten der Fall. Die Vielfalt in den Familien ist Realität, und ich habe schon viele unterschiedliche Eltern-Kind-Paare begleitet. Zum Beispiel Väter mit Beinprothesen, Eltern im Rollstuhl, blinde Mütter oder Menschen mit körperlichen Einschränkungen wie einem künstlichen Zugang zum Darm. Auch diese Familien konnten problemlos tragen, und oft sind sie besonders tough. Ganz selten, gibt es gesundheitliche Risiken, etwa wenn jemand das Bewusstsein verlieren könnte. Solche Fälle müssen individuell geprüft werden, wobei die Eltern in der Regel selbst gut einschätzen können, ob Tragen für sie möglich ist. Im Durchschnitt gibt es kaum Situationen, in denen Tragen nicht geht.
Ich achte außerdem darauf, mögliche Hemmungen der Eltern wahrzunehmen und herauszufinden, ob es dafür Gründe gibt. Die Handgriffe beim Tragen lassen sich gut erlernen, und es gibt mittlerweile so viele Varianten, dass auch Eltern, die Schwierigkeiten beim Binden haben, die für sie einfachste und entlastendste Lösung finden können. So kann praktisch jede Familie eine geeignete Trageweise entdecken.

Welche Trageformen gibt es und welche empfehlen Sie – je nach Alter oder Situation? Trage oder Tuch? Die Auswahl kann ja schon sehr erschlagend sein.
Ja, das ist wirklich eine der entscheidendsten Fragen und ich glaube, für viele Eltern auch der größte Struggle, besonders beim ersten Kind. Social Media spielt dabei eine große Rolle, weil manche Marken durch starkes Marketing sehr präsent sind. Das ist oft der erste Berührungspunkt für Eltern mit dem Thema Tragen überhaupt.
Dann ist es wirklich wichtig zu schauen was brauche ich überhaupt? Ich mache zum Beispiel auch Online-Trageberatung, wenn vor Ort keine Kollegin verfügbar ist. Dabei geht es zunächst um eine Bedarfsanalyse: Wie sieht der Alltag der Familie aus, was haben die Eltern vielleicht schon bei Freundinnen gesehen oder selbst ausprobiert, und was könnte aus der großen Vielfalt an Tragehilfen überhaupt passen?
Am Ende des Tages ist entscheidend, dass die Tragehilfe auch zum Körperbau und zu den individuellen Empfindungen der Eltern passt. Es gibt so viele Varianten – breite oder schmale Gurte, feste oder weiche Materialien –, was einerseits super ist, weil praktisch jede Person etwas Passendes finden kann, andererseits aber auch die Suche erschwert.
Genau hier setzt die Trageberatung an: Ich probiere mit den Eltern verschiedene Modelle durch, vergleiche sie und finde gemeinsam heraus, was in der konkreten Situation am besten zur Familie und zum Baby passt. Ziel ist, aus der riesigen Vielfalt das Passende zu identifizieren, das sowohl sicher als auch komfortabel ist.

Wie viele Tragemodelle haben sie denn auf ihren Hausbesuchen mit dabei? Also unter wie vielen Modellen können die Eltern dann entscheiden oder ausprobieren?
Das müsste ich jetzt mal zählen, aber ich habe einen sehr großen Koffer. Wenn ich zu einer Familie komme, habe ich im Prinzip von allem etwas dabei. Selbst wenn die Eltern nicht unbedingt ein Tuch möchten, habe ich immer eines dabei, falls sich die Beratung doch in diese Richtung entwickelt.
Ich habe elastische Tragetücher, Ringslings, Halfbuckles,also Tragehilfen, die am Bauch geschnallt werden und die Träger gebunden werden, in verschiedenen Varianten,teils mit Polsterung oder auffächerbaren Trägern. Außerdem habe ich Fullbuckles, also Vollschnallen-Tragen, in unterschiedlichsten Ausführungen mit Magnetschnallen, mit vorher Anziehen und Zuklicken, mit traditionellem Festziehsystem oder Verbindungsschnalle im Nacken. Innerhalb dieser Modelle gibt es wieder verschiedene Bauchgurte – breit, schmal oder fest – also tatsächlich eine sehr große Auswahl, aus der die Eltern direkt vor Ort ausprobieren und wählen können.

Was sollte der Fachhandel beim Verkauf von Tragen unbedingt beachten? Mit welchen Fragen oder Problemen kommen Eltern besonders häufig zu Ihnen?
Es ist auf jeden Fall hilfreich, wenn der Fachhandel Modelle anbietet, die eine gute Ergonomie gewährleisten. Sie sollten verstellbar sein und sich an das Kind anpassen lassen, sodass Eltern ungefähr einschätzen können, ob die Trage ab Geburt geeignet ist. Wenn das in der Praxis nicht immer perfekt klappt, ist es wichtig, dass das Personal vor Ort entsprechend geschult ist und die Unterschiede der Modelle differenziert erklären kann. Ich weiß natürlich, dass nicht jeder Fachhandel eine komplette Trageberatung leisten kann, das ist auch oft ein finanzielles Thema.
Persönlich würde ich mir wünschen, dass der Fachhandel ausschließlich Tragen anbietet, die zum Beispiel die Anhock-Spreizhaltung unterstützen. Leider gibt es immer noch Marken, die das nicht tun. Man kann nicht davon ausgehen, dass sich Eltern diese Informationen selbst besorgen, und sie vertrauen darauf, dass Produkte im Fachhandel sicher und qualitativ hochwertig sind. Dieser Anspruch darf aus meiner Sicht in Deutschland gelten.
Kinder sind oft robuster, als man denkt, aber wir wollen nicht den Worst Case ausprobieren, indem ein Baby einfach in eine Trage gesetzt wird, die nicht passt. Tragen soll gesundheitsfördernd und sicher sein – genau das sollte der Fachhandel unterstützen und vermitteln.

Welche Rolle spielt das Tragen für die Bindung zwischen Eltern und Kind? Welche zentralen Vorteile bietet es?
Wenn Babys richtig getragen werden, hat das unheimlich viele positive Effekte auf ihre gesamte Entwicklung, sowohl emotional als auch motorisch, aber auch auf die Eltern-Kind-Dynamik. Getragene Babys weinen oft weniger, und Eltern gewinnen gleichzeitig mehr Handlungsspielraum im Alltag. Zwei freie Hände zu haben und trotzdem nah beim Kind zu sein, gibt vielen Eltern das Gefühl, den oft turbulenten Alltag mit Baby besser im Griff zu haben. Das ist gerade im ersten Jahr enorm wertvoll.
Insgesamt bietet das Tragen viele Vorteile, die auch im Fachhandel stärker hervorgehoben werden sollten. Gerade in Zeiten des Onlinehandels liegt hier eine große Chance: Durch persönliche Beratung, das Erklären von Funktionen und das Eingehen auf individuelle Bedürfnisse kann sich der Fachhandel klar abheben.

Gibt es Mythen rund ums Tragen, die sich hartnäckig halten und Eltern vielleicht verunsichern?
Ja, es gibt sie noch. Ich nenne sie gern die „Oma-Gertrud-Mythen“. Also Aussagen wie: „Lass das Kind doch mal schreien“, oder „Trag es nicht so viel, sonst will es nur noch getragen werden.“ Diese Vorstellungen halten sich hartnäckig, auch wenn es inzwischen besser wird. Viele Eltern sind heute deutlich selbstbewusster und lassen sich davon weniger verunsichern.
Was ich aber immer noch häufig erlebe, ist die Sorge: Wenn ich mein Baby viel trage, möchte es dann überhaupt noch in den Kinderwagen? Oder gewöhne ich es zu sehr daran? Hier ist viel Aufklärung wichtig. Eltern müssen verstehen, warum Babys den engen Körperkontakt brauchen und wie kindliche Entwicklung, auch aus Sicht der Entwicklungspsychologie, funktioniert. Wenn man das gut erklärt, oft auch gestützt durch Studien und wissenschaftliche Erkenntnisse, können diese Ängste in der Regel gut genommen werden.

Hat sich das Tragen im Laufe der Zeit verändert? Würden Sie sagen, es ist wieder mehr zum Trend geworden?
Ja, ich finde schon, dass heute viel getragen wird. Gleichzeitig hat sich die Wahrnehmung stark verändert, sowohl bei den Eltern als auch bei den Herstellern. Früher war das Tragen oft eher in einer „Öko-Ecke“ verortet, ein bisschen verstaubt und weniger als selbstverständlicher Teil des Alltags angesehen. Dann kam eine Phase, in der sich viele bewusst davon abgrenzen wollten und eher auf den klassischen, oft auch sehr stylischen Kinderwagen gesetzt haben.
Heute hat sich das wieder gewandelt. Tragen und Kinderwagen schließen sich nicht mehr aus, sondern ergänzen sich. Eltern sehen sich nicht mehr als „Team Kinderwagen“ oder „Team Trage“, sondern nutzen beides – je nachdem, was im Alltag gerade besser passt. Es geht vielmehr darum, mobil und selbstbestimmt unterwegs zu sein.
Auch die Hersteller haben diese Entwicklung erkannt und das Design ihrer Tragehilfen angepasst. Tragen ist heute nicht mehr nur funktional, sondern auch ein Lifestyle-Produkt. Viele Modelle sind optisch ansprechend, sodass Eltern sich damit identifizieren und sie gern im Alltag nutzen.
Im Idealfall finden wir in der Beratung eine Tragehilfe, die gut sitzt, entlastet und den Eltern auch gefällt, dann ist es wirklich die perfekte Lösung.

Zum Abschluss, was möchten Sie Eltern mitgeben, die unsicher sind oder Angst haben, beim Tragen etwas falsch zu machen?
Mir ist es immer wichtig, den Eltern zunächst die Sorge zu nehmen. Viele denken: „Alle anderen schaffen das doch, warum fällt es mir so schwer?“ Ich sage dann immer, jeder hat irgendwann das erste Mal getragen. Manche finden schneller hinein, andere sind vielleicht etwas verkopfter und brauchen mehr Zeit und Zuspruch und das ist völlig in Ordnung. Ich empfehle zum Beispiel, die Tragehilfe zunächst im Sitzen anzulegen. Das nimmt vielen schon die Unsicherheit. Auch das Üben mit einem Kissen oder gemeinsam zu zweit kann helfen. Grundsätzlich gilt sich bewusst Zeit zum Üben zu nehmen. Diese Routine entwickelt sich schnell, oft merkt man schon nach wenigen Versuchen, wie viel sicherer man sich fühlt.
Ein Satz, den ich oft sage, ist: Babys sind robuster, als man denkt. Viele Eltern haben Berührungsängste oder Angst, die Trage zu fest anzulegen und ihr Baby zu „zerquetschen“. Dabei ist eher das Gegenteil problematisch. Eine zu locker gebundene Trage kann sicherheitsrelevant sein. Wenn sie etwas fester sitzt, fühlt sich das für das Baby vielleicht ungewohnt an, ist aber in der Regel unkritisch.
Wichtig ist, sich zu trauen, Dinge auszuprobieren, und Vertrauen in die eigene Lernkurve zu haben. Die meisten Eltern entwickeln sehr schnell ein gutes Gefühl dafür – meist schon nach wenigen Versuchen.

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