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Toy History: Status, Schutz und Tändelei – Bergkristall-Rassel (um 1500)

10. August 2026, 8:07

Rasseln dienen Babys bereits seit der Antike zur Unterhaltung und Beruhigung. Schon in frühen Hochkulturen gab es einfache Klangspielzeuge aus Ton, Holz oder Metall. Um 1500 dienten Rasseln aus Bergkristall im Adel als edle Babyspielzeuge und Beruhigungsobjekte.


von Dr. Karin Falkenberg


Heute sind wir beim Thema Babysicherheit zu recht Kontrollfreaks. Beißringe bestehen aus Naturkautschuk und Rasseln aus schadstofffreiem Hartholz. Labore testen jedes Spielzeug streng auf Speichelfestigkeit und mögliche Gifte, damit unseren Kleinen nichts passiert.

Um das Jahr 1500 sieht das noch ganz anders aus. Das Überleben von Neugeborenen ist ein harter Kampf. Wirksame Medizin gegen Infektionen? Fehlanzeige! Fast ein Drittel aller Babys überlebt das erste Jahr nicht. Die Hälfte stirbt, bevor sie erwachsen ist. In genau dieser rauen Welt steht die prachtvolle Rassel des 16. Jahrhunderts als Überlebens-Glücksbringer.
Dem Bergkristall schreibt man damals magische Kräfte zu. Im prähistorischen Alpenraum nutzt man Bergkristall eher praktisch, denn wegen des muscheligen Bruchs lassen sich daraus scharfe Klingen abschlagen. Im Mittelalter und der Renaissance wandert der Stein in Gefäße und Amulette. Die Menschen glauben daran, dass dieser reine Kristall Fieber senken und vor Vergiftungen schützen kann.
Und so ein magischer Abwehrzauber ist nötig! Die Säuglingspflege jener Zeit ist voller Traditionen, die den Neugeborenen nicht guttun. Direkt nach der Geburt wickelt man die Kleinen in enge, lange Stoffbänder. Warum? Man glaubt fälschlicherweise, dass die weichen Ärmchen und Beinchen ohne diese Stütze krumm wachsen würden. Viele Kinder verbringen ihre ersten Lebensmonate als steife, bewegungsunfähige Pakete. Bei reichen Familien kommt ein weiteres Thema dazu. Wohlhabende Mütter stillen ihre Babys selten selbst. Sie überlassen sie den Ammen, deren eigene Kinder wiederum oft vernachlässigt werden.Wenn die ersten Milchzähne durchbrechen, gilt das in der Frühen Neuzeit als Krankheit. Weil noch niemand die Ursachen für Fieber und Infektionen kennt, schiebt man vieles dem Zahnen zu und genau hier wird der Beißstab mit Rassel zum Multitool. Der kühle Bergkristall kühlt das wunde Zahnfleisch und die Rassel soll das Kind vom Schmerz ablenken.

Gleichzeitig ist die Rassel Statussymbol, denn Silber ist teuer. Es kostet ein Vermögen, Silber im Erzgebirge oder in Tirol aus dem Berg zu holen und von Goldschmieden verarbeiten zu lassen. Die feine Gravuren und Wappen zeigen, dass das Kind, dem so eine Rassel gehört, zu einer mächtigen Familie gehört. In den Werkstätten arbeiten Goldschmiede am Silber, die Lapidäre oder Edelsteinschleifer bearbeiten den Bergkristall.
Die Rassel ist zudem ein Apotropäum, ein magischer Schutzschild gegen das Böse, gegen Geister oder den sogenannten bösen Blick. Wenn die kleinen Silberkügelchen in den Glöckchen klingeln, wird der kleine Mensch nicht nur bespaßt, sondern der Klang soll vor allem alles Negative von dem wehrlosen Kind fernhalten. Hinter diesem vermeintlichen Zauber steckt eine biologische Wahrheit, nämlich die fundamentale Bedeutung des Hörens und Gehörtwerdens. Das Gehör ist einer der ersten Sinne, die sich im Mutterleib entwickeln. Bereits Wochen vor der Geburt lauscht das Ungeborene dem Herzschlag der Mutter. Nach der Geburt wird neben dem Schreien das Geräusch der Rassel zum akustischen Wegweiser in dieser neuen, unübersichtlichen Welt. Das helle Klingeln fesselt die Aufmerksamkeit und beruhigt das Nervensystem. Gleichzeitig ermöglicht die Rassel als Spielzeug dem Säugling eine erste, wichtige Erfahrung: Wenn ich mich bewege, mache ich ein Geräusch. Ich werde gehört, ich hinterlasse einen Eindruck in der Welt!