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Toy History: Der Kreisel (800 v. Chr.)

27. Januar 2026, 9:00

Der Kreisel gehört zu den ältesten Spielzeugen der Menschheit. Schon vor Tausenden von Jahren ließen Kinder – und Erwachsene – einfache Kreisel aus Holz, Ton oder Stein rotieren. Seine Geschichte zeigt, wie aus einer einfachen Drehbewegung ein bedeutendes Werkzeug für Wissenschaft und Fortschritt entstand.

Ein Kind kniet auf einer staubigen Straße in Griechenland – vor dreitausend Jahren, einen kleinen Kreisel aus Ton zwischen den Fingern. Es setzt ihn mit Schwung auf den Boden. Der Kreisel beginnt zu tanzen, scheinbar schwerelos, und zieht dabei die Blicke der anderen Kinder auf sich. Dieser Moment könnte sich tatsächlich so zugetragen haben, denn der Kreisel ist eines der ältesten bekannten Spielzeuge der Menschheit.
Der Kreisel war in der antiken Welt ein weit verbreitetes und vertrautes Spielzeug. In der griechischen Literatur taucht er unter dem Namen „bembix“ auf. So nutzt zum Beispiel der Komödiendichter Aristophanes (450/445 v. Chr. – 385 v. Chr.) in seinem Stück „Die Frösche“ das Bild des Kreisels, um eine Drehbewegung zu beschreiben – ein Hinweis darauf, wie geläufig dieses Spielzeug damals war. Auch der antike Lexikograph Julius Pollux (150 – 220 n. Chr.) zählt den Kreisel in seinem „Onomasticon“ ausdrücklich zu den Kinderspielen der Griechen. Der Philosoph Platon (428/427 v. Chr. – 348/347 v. Chr.) verwendet den Kreisel in seinem Werk „Politeia“ als Metapher für Bewegung und Unruhe. In der römischen Literatur findet sich das Bild des Kreisels ebenfalls, etwa bei Vergil (70 v. Chr. – 19 v. Chr.) in der „Aeneis“, wo er als Vergleich für rasende Bewegung dient.

Archäologen haben Kreisel aus Stein, Ton oder Knochen in den Ruinen historischer Städte gefunden und zwar in Griechenland, Ägypten, Mesopotamien und im Römischen Reich. In Mitteleuropa taucht das Wort „Kreisel“ im Althochdeutschen auf. Die Herstellungstechniken spiegelten die Möglichkeiten und den Erfindungsgeist ihrer Zeit wider: Während aus der Antike einfache Formen bekannt sind, kamen im Mittelalter kunstvoll geschnitzte Holz- und Tonkreisel in Mode. Mit der Industrialisierung hielten Metall und später Kunststoff Einzug, und heute gibt es Hightech-Kreisel mit Kugellagern, Lichteffekten und digitalen Sensoren.
In der griechischen und römischen Antike war es Brauch, dass Kinder am Übergang zum Erwachsensein ihre Spielsachen – darunter auch Kreisel – als Opfergaben in Tempeln zurückließen. Es war ein symbolischer Abschied von der Kindheit, ein Schritt in eine neue Lebensphase.
Auch in der Kunst ist der Kreisel präsent, zum Beispiel bei Pieter Brueghel dem Älteren (um 1525/1530 – 1569), der auf seinem Gemälde „Die Kinderspiele“ von 1560 Kinder beim Kreiselspiel darstellt. Sein Werk ist im Kunsthistorischen Museum Wien zu sehen und zeigt über 80 verschiedene Spiele und Bräuche der damaligen Zeit.

Drehwürfel oder Wurfkreisel. Die Buchstaben sind Abkürzungen für Spielanleitungen, zum Beispiel SZ = „Setz zu“ bedeutet, der Spieler zahlt nochmals seinen Einsatz.
Kreisel, vermutlich Erzgebirge, 1941
Tischkreisel, Breitschwerdt Holzspielzeug, Freudenstein, 1973

Im 18. Jahrhundert war es der Mathematiker Leonhard Euler (1707 – 1783), der das sogenannte Eulersche Drehmoment formulierte und damit die Bewegungen rotierender Körper erstmals mathematisch beschrieb. Das Prinzip, dass ein rotierender Körper seine Achse beibehält, solange keine äußere Kraft einwirkt, erklärt nicht nur das Verhalten von Kreiseln, sondern ist auch Grundlage für Gyroskope, die in Flugzeugen, Schiffen und Raumsonden sowie beim autonomen Fahren zur Navigation eingesetzt werden. Sie dienen dazu, die räumliche Orientierung und die Drehrate von Objekten zu messen oder aufrechtzuerhalten.
Immanuel Kant (1724 – 1804), Philosoph der Aufklärung, hat sich mit dem Kreisel beschäftigt. Für Kant war der Kreisel ein Sinnbild für das Zusammenspiel von Wahrnehmung und Verstand. In seiner „Kritik der reinen Vernunft“ nutzt er das Bild des Kreisels, um zu zeigen, dass wir die Welt nicht einfach nur passiv aufnehmen, sondern dass unser Geist aktiv Strukturen und Zusammenhänge herstellt.
Der Kreisel ist Symbol: Solange er sich dreht, herrschen Leben und Energie. Kommt er zum Stillstand, droht der Fall, das Ende. Diese Symbolik hat Christopher Nolan in seinem Film „Inception“ (2010) aufgegriffen, in dem der Kreisel als Filmmotiv zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheidet. So dreht sich die Geschichte des Kreisels durch Jahrtausende und Kulturen, durch Kinderhände und Laboratorien, durch Physik, Philosophie und Filmgeschichte.