Ratgeber: Spielraum für Entwicklung
Was macht Kinder wirklich schlauer und
welche Rolle spielt dabei gutes Spielzeug?
Der Markt für Lern- und Förderprodukte wächst, doch nicht jedes Produkt hält, was es verspricht. Prof. Dr. med. Eva Möhler, Direktorin des
Universitätsklinikums des Saarlandes für Kinder- und Jugendpsychiatrie, erklärt, was Kinder in den ersten Lebensjahren tatsächlich brauchen.


Der Markt für Frühförder- und Lernspielzeug wächst kontinuierlich. Wie ordnen Sie diesen Trend aus entwicklungspsychologischer Sicht ein?
Grundsätzlich ist das gestiegene Interesse an früher Entwicklung ja eigentlich eher positiv, zumal vier Fünftel aller Wachstumsprozesse des Gehirns in diesen ersten Lebensjahren stattfinden, und die frühe Kindheit tatsächlich eine elementar bedeutsame Phase für unser aller Leben ist. Unnötig ist dabei aber, wenn Eltern der Eindruck vermittelt wird, Entwicklung müsse durch möglichst viele spezielle Förderprodukte optimiert werden. In den ersten Lebensjahren lernen Kinder vor allem durch Beziehung, Exploration, Bewegung und selbsttätiges Spiel – ein als „Lernspielzeug“ vermarktetes Produkt ist meistens überhaupt nicht entwicklungsförderlicher als ein einfacher Ball, Bauklötze oder Alltagsgegenstände. Die American Academy of Pediatrics empfiehlt zum Beispiel entsprechend eher einfache, altersgerechte Spielzeuge, die Interaktion und aktives Spielen ermöglichen.
Was brauchen Babys und Kleinkinder in den ersten Lebensjahren wirklich, um ihre Entwicklung bestmöglich zu entfalten?
Aktuelle Übersichtsarbeiten bestätigen insbesondere die Bedeutung responsiver Eltern-Kind-Interaktionen für emotionale Regulation, soziale und kognitive Entwicklung. Ganz entscheidend sind auf jeden Fall verlässliche Bezugspersonen, die kindliche Signale wahrnehmen und angemessen beantworten, sowie Sicherheit, Bewegung, Sprache und vielfältige Möglichkeiten zur selbstständigen Exploration. Die WHO nennt das Ganze ‚Nurturing Care‘ Sicherheit, responsive Fürsorge bieten genug Gelegenheiten zum frühen Lernen. Auch Stillen bis zum Ende des zweiten Lebensjahres ist für die Gehirnentwicklung ausgesprochen förderlich. Stresshormone hingegen können die frühe Gehirn- und Persönlichkeitsentwicklung unter Umständen stören, zeigen auch unsere eigenen Studien. Deshalb ist alles, was Sicherheit gibt, wie regelmäßige Tagesabläufe, Routinen, eine überschaubare Anzahl von Bezugspersonen für Kinder unter zwei Jahren eine ganz wichtige Basis für Lernen und Entwicklung.
Welche Fähigkeiten entwickeln sich in den ersten drei Lebensjahren besonders stark und lassen sich durch Spiel sinnvoll unterstützen?
Besonders dynamisch entwickeln sich Grob- und Feinmotorik, Sprache und Kommunikation, Aufmerksamkeit, soziale Kompetenzen, Emotionsregulation sowie erste exekutive Funktionen wie Impulskontrolle und Arbeitsgedächtnis. Stresshormone wirken sich insbesondere auf die exekutiven Funktionen ungünstig aus, daher sollte auch Spielzeug nicht zu reizintensiv sein und die Umgebung nicht überflutend. Welche Spielzeuge unter dieser Voraussetzung verwendet werden, ist nicht so zentral bedeutsam. Aber wenn man bestimmte Aspekte besonders fördern will: Beim Klettern und Toben wird ein Gehirn-Wachstumsfaktor ausgeschüttet und Grobmotorik trainiert, beim Stapeln werden beispielsweise Feinmotorik und räumliches Denken trainiert, beim gemeinsamen Rollenspiel Sprache und soziale Kognition. Für gezielte Interventionen zur Verbesserung exekutiver Funktionen bei Kindern bis drei Jahren gibt es zwar erste positive Befunde, die Evidenz ist aber noch heterogen.

Welche Bedeutung hat freies Spielen im Vergleich zu gezielten Lern- und Förderkonzepten?
Freies Spiel besitzt einen besonderen Stellenwert, weil das Kind selbst entscheidet, womit, wie lange und auf welche Weise es sich beschäftigt; dadurch werden Neugier, Kreativität, Problemlösen und Selbstwirksamkeit gefördert. Gezielte Förderung kann ergänzend sinnvoll sein, insbesondere bei Entwicklungsverzögerungen, sollte aber freies Spiel nicht verdrängen. Vor allem wenn Förderung auf Kosten von Bewegung und Outdoor-Play erfolgt, ist sie eher kontraproduktiv. Wichtig ist auch, dass Kinder gerne Erwachsene nachahmen und dabei auch viel lernen. Also ist es wichtig, dass sie ihre Bezugspersonen auch bei echten Tätigkeiten und nicht nur auf dem Sofa am Handy erleben. Zudem ist es gut, wenn die Aufmerksamkeitsspanne von Kindern nicht dadurch verkürzt wird, dass man ihnen ein neues Spielzeug anbietet, während sie noch mit einem anderen intensiv beschäftigt sind.
Welche Eigenschaften zeichnen Spielzeug aus, das die Entwicklung von Babys und Kleinkindern tatsächlich unterstützt?
Alles, was die Bewegung anregt, ist besonders gut und wichtig. Gutes Spielzeug ist sicher, altersangemessen, verständlich und zugleich offen genug, um unterschiedliche Spielideen zuzulassen. Vielfältig kombinierbare Materialien, die die Fantasie anregen, sind besonders wertvoll, ebenso Gegenstände, bei denen das Kind selbst aktiv werden muss, etwa greifen, sortieren, stapeln, rollen oder konstruieren, anstatt lediglich einen Knopf zu drücken und anschließend einer automatischen Reaktion zuzusehen. Ein weiteres Qualitätsmerkmal ist, dass das Spielzeug Kommunikation und gemeinsames Spielen mit Eltern oder – ab dem dritten Lebensjahr ganz besonders wichtig – anderen Kindern erleichtert.

Gibt es bestimmte Materialien, Spielformen oder Funktionen, die aus entwicklungspsychologischer Sicht besonders wertvoll sind?
Besonders empfehlenswert sind Spielsachen, die Bewegung und Gleichgewicht fördern: Laufrädchen, Schaukeln, Bälle, Bobby Cars, aber auch für die Feinmotorik sind einfache, vielseitige Materialien wie Bauklötze, Steck- und Sortiermaterial, Puppen, oder für das gemeinsame Anschauen und Spielen Bilderbücher, Knete sowie ungefährliche Natur- und Alltagsmaterialien. Sie ermöglichen wiederholtes Experimentieren, Ursache-Wirkungs-Erfahrungen, Konstruktion und Fantasiespiel, statt nur eine vorgegebene Handlung abzurufen. Ein systematischer Review von 2025 zeigt beispielsweise, dass das Spiel mit frei kombinierbaren Materialien vielfältige Möglichkeiten zur Förderung kognitiver Prozesse eröffnet, wobei die Studienqualität noch unterschiedlich ist. Der Kontakt zu anderen Kindern regt insbesondere ab dem zweiten und dritten Lebensjahr die sozialen Kompetenzen an, die eine ganz entscheidende Grundlage für die weitere Entwicklung darstellen. Spiele, die ein ‚parallel Play‘ und andere interaktive Formate unterstützen und überhaupt natürlich der soziale Kontakt sind deshalb in diesem Alter besonders wertvoll.
Welche Rolle spielen Sinneserfahrungen, Bewegung und haptisches Erleben für die frühkindliche Entwicklung?
Sie sind zentral, denn kleine Kinder erschließen sich ihre Umwelt buchstäblich mit dem ganzen Körper: Sie greifen, drehen, werfen, krabbeln, balancieren und nehmen Gegenstände häufig auch mit dem Mund wahr. Wenn Kinder (und Erwachsene) sich bewegen wird zudem ‚Brain Derived Neurotrophic Growth Factor‘ ausgeschüttet, das ist ein Wachstumsfaktor für das Gehirn. Deshalb ist der Spielplatz die allerbeste Lernumgebung für Kinder und Outdoor-Play durch Vitamin D und frische Luft ein ganz entscheidender und wichtiger medizinischer Faktor für die Gehirnentwicklung. Studien und systematische Reviews zeigen zudem einen Zusammenhang zwischen Bewegungsmöglichkeiten, motorischer Kompetenz und weiteren Entwicklungsbereichen; deshalb sollten Spielumgebungen möglichst viel eigenständige Bewegung ermöglichen. Die sensomotorischen Erfahrungen verbinden außerdem Wahrnehmung und Handlung und schaffen wichtige Grundlagen für Körpergefühl, räumliches Denken und spätere komplexere Fähigkeiten.
Welche Trends beobachten Sie derzeit im Bereich der frühkindlichen Förderung, die auch für Hersteller und Handel relevant sind?
Momentan wächst das Angebot digitaler und „smarter“ Spielzeuge; hier sollten Eltern sehr zurückhaltend bleiben. In den überwiegenden Fällen bietet die Technik keinen Entwicklungsmehrwert sondern bindet lediglich viel Aufmerksamkeit des Kindes, was natürlich manchmal aus Gründen der Reduktion elterlicher Belastungen auch kurzzeitig vertretbar ist. Aber der wichtige pädiatrische Grundsatz: ‚Bildschirmfrei null bis drei‘ beruft sich auf zahlreiche Studien, auch aus unserem eigenen Haus, die einen sehr nachteiligen Effekt frühen Konsums digitaler Bildschirmmedien auf Sprache, Motorik, Konzentration und Kognition nachweisen. Auch gibt es einen Trend zu sehr reizintensiven Spielzeugen, die wir mit dem gleichen Hintergrund kritisch sehen: Ein reizüberflutetes, gestresstes Gehirn kann sich a) nicht mehr gut regulieren und b) nicht gut lernen. Aus wissenschaftlicher Sicht sinnvoll erscheint hingegen der Trend weg vom rein instruktionalen „Lernprodukt“ hin zu offenem, bewegungsorientiertem und multisensorischem Spiel oder auch zu Produkten, die gemeinsames Spielen von Eltern und Kindern im analogen Raum unterstützen.
Welche Produktkategorien werden aus Ihrer Sicht künftig an Bedeutung gewinnen, wenn es um spielerisches Lernen geht?
Entwicklungspsychologisch besonders zukunftsfähig erscheinen Bewegungs- und Balanciermaterialien, Konstruktionsspielzeug, multisensorische Materialien sowie Produkte für gemeinsames Eltern-Kind-Spiel. Hybride digitale Produkte können unter Umständen dann eine Rolle spielen, wenn die digitale Komponente reale Bewegung, Problemlösen oder Kooperation anregt, statt sie zu ersetzen; systematische Forschung zu „physical-digital play“ weist darauf hin, dass solche Designs unter Umständen zentral entwicklungsrelevante Verhaltensweisen wie Bewegung unterstützen können, das sollte aber nicht bildschirmgestützt sein. Die allerbeste Lernumgebung für kleine und große Kinder bleibt die Natur oder der Spielplatz.
Welche häufigen Missverständnisse begegnen Ihnen im Zusammenhang mit Lernspielzeug und frühkindlicher Entwicklung?
Ein häufiges Missverständnis lautet: Je früher, anspruchsvoller und technischer die Förderung, desto besser entwickelt sich das Kind. Tatsächlich entwickelt sich ein gesundes Kleinkind nicht deshalb schneller, weil möglichst viele Buchstaben, Zahlen oder Fremdsprachen auf einem elektronischen Spielzeug angeboten werden; entscheidend sind die oben genannten biologischen Faktoren und das, was das Kind selbst mit einem Spielzeug tut und ob daraus zum Beispiel Interaktion, Exploration und Freude entstehen. Ein zweites Missverständnis ist, dass Eltern ständig „fördern“ müssten – dabeisein ist für ein kleines Kind tatsächlich oft alles oder auch gemeinsames Anschauen, Sprechen, Bauen, Toben. Dabei sind Zeit und Raum für Bewegung und genügend Zeit für selbstbestimmtes Spiel die entwicklungspsychologisch wertvolleren Lerngelegenheiten. Ein weiteres Missverständnis ist, dass reizintensive Spielzeuge wie digitale Produkte durch die Vielzahl der gebotenen Wahrnehmungen eine gute Förderung bieten – das Gegenteil ist der Fall. Grundsätzlich geht es in den ersten Lebensjahren weniger um die Anregung der Sinnesorgane, sondern um den Aufbau der neurobiologischen ‚Hardware‘, also des Gehirns: Muttermilch, Sicherheit, Reizschutz, Bewegung, Tageslicht, Outdoor-Erfahrungen, angemessene soziale Stimulation und Schutz vor Bildschirmen. Letztere sind auch eine Quelle von Missverständnis, denn immer noch denken viele Eltern, ihr Kind könnte vor dem Fernseher etwas lernen, das absolute Gegenteil ist aber für Kleinkinder der Fall.
