Ratgeber: Kleiner Tröster
Der Schnuller ist für viele Babys ein beliebter Tröster. Er hilft beim Beruhigen und kann das Einschlafen erleichtern. Ob Schnulli, Nucki oder Nuckel – für den Beruhigungssauger gibt es viele regionale Bezeichnungen.

Die Geschichte des Schnullers reicht weit zurück. Bereits im alten Ägypten wurden kleine Tonfiguren in Honig getaucht und Babys zum Beruhigen in den Mund gegeben. Im Mittelalter entstanden verschiedene Varianten, darunter Lutschbeutel aus Leinen, die mit süßem Brei gefüllt waren. Auch das Daumenlutschen war seit jeher eine natürliche Möglichkeit für Babys, ihr Saugbedürfnis zu stillen.
Den modernen Schnuller entwickelten die deutschen Zahnmediziner Adolf Müller und Wilhelm Balters in den 1940er-Jahren entscheidend weiter. Sie entwarfen eine kiefergerechte Form, die den natürlichen Saugvorgang unterstützt und die Entwicklung von Kiefer und Zähnen möglichst wenig beeinträchtigen soll. Am 27. Juli 1949 meldeten sie ihren „natürlichen und kiefergerechten Beruhigungssauger und Kieferformer“ zum Patent an. Seitdem wurde der Schnuller kontinuierlich weiterentwickelt. Heute besteht er meist aus Silikon oder Naturkautschuk und ist in verschiedenen Größen erhältlich, die an das Alter des Kindes angepasst sind.
Ob Eltern ihrem Baby einen Schnuller anbieten, ist eine individuelle Entscheidung. Sie hängt davon ab, was für die Familie am besten passt und was das Baby akzeptiert. Viele Eltern sind zunächst unsicher, ob ihr Kind überhaupt einen Schnuller benötigt. Bei gestillten Babys empfehlen viele Fachleute, mit der Einführung eines Schnullers zu warten, bis sich das Stillen gut etabliert hat, in der Regel etwa bis zum Alter von vier Wochen. In dieser Zeit entwickelt sich meist ein stabiler Stillrhythmus, und das Risiko, dass der Schnuller das Stillverhalten beeinflusst, wird als geringer eingeschätzt. Ist das Stillen erfolgreich eingespielt, kann ein Schnuller entsprechend den Bedürfnissen des Babys und den Vorlieben der Eltern angeboten werden. Bei Frühgeborenen oder Babys mit anfänglichen Stillproblemen kann eine individuelle Beratung durch medizinisches Fachpersonal sinnvoll sein.
Ein großer Vorteil ist, dass Babys einen natürlichen Saugreflex besitzen. Das Saugen beruhigt sie häufig, erleichtert das Einschlafen und kann zu einem ruhigeren Schlaf beitragen. Auch wenn Babys nachts aufwachen, lassen sie sich mit einem Schnuller oft schneller wieder beruhigen.
Ein weiterer wichtiger Vorteil betrifft den plötzlichen Kindstod (Sudden Infant Death Syndrome, SIDS). Studien zeigen, dass das Schlafen mit einem Schnuller mit einem geringeren SIDS-Risiko verbunden ist. Der genaue medizinische Mechanismus ist jedoch bis heute nicht vollständig geklärt. Fachgesellschaften wie die American Academy of Pediatrics (AAP) gehen davon aus, dass mehrere anatomische und neurologische Faktoren zusammenwirken. Beim Saugen bewegt sich die Zunge nach vorne, wodurch die Atemwege besser offen bleiben können. Gleichzeitig wird der Unterkiefer leicht nach vorne verlagert, was den Rachenraum stabilisieren und erweitern kann.

Außerdem schlafen Babys mit Schnuller möglicherweise etwas weniger tief. Dadurch könnten sie bei einer Atemstörung oder einem Sauerstoffmangel leichter aufwachen und ihre Atmung schneller wieder regulieren. Das Saugen scheint zudem die neurologischen Weckreaktionen zu unterstützen.
Auch mechanische Faktoren könnten eine Rolle spielen. Der Schnullerschild schafft einen kleinen Abstand zwischen Gesicht und Schlafunterlage, wodurch die Luftzirkulation möglicherweise verbessert wird. Darüber hinaus regt das Nuckeln die Speichelproduktion und das Schlucken an, was ebenfalls die Aktivität der Atemwege fördern kann. Trotz dieser möglichen Schutzmechanismen ersetzt ein Schnuller keine anderen Maßnahmen zur Vorbeugung des plötzlichen Kindstods. Am wichtigsten bleiben das Schlafen in Rückenlage, eine feste Matratze, eine rauchfreie Umgebung und eine sichere Schlafumgebung. Der Schnuller kann diese Empfehlungen sinnvoll ergänzen, sofern das Baby ihn akzeptiert.

Interview
Der Schnuller ist weit mehr als eine Einschlafhilfe. Er kann das angeborene Saugbedürfnis stillen, Babys beruhigen und ihnen in den ersten Lebensjahren Sicherheit vermitteln. Gleichzeitig stellen sich viele Eltern Fragen: Wie wichtig ist der Schnuller für die emotionale Entwicklung? Wann ist der richtige Zeitpunkt für die Entwöhnung? Und wie gelingt der Abschied möglichst stressfrei? Professorin Dr. med. Eva Möhler Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums des Saarlandes, erklärt im Interview mit 1st Steps Redakteurin Janina Hamhaber, welche Rolle der Schnuller aus entwicklungspsychologischer und neurobiologischer Sicht spielt und worauf Eltern bei der Schnullerentwöhnung achten sollten.
Welche Bedeutung hat der Schnuller aus psychologischer Sicht für Babys und Kleinkinder?
Aus entwicklungsneurobiologischer Sicht erfüllt der Schnuller vor allem in den ersten Lebensmonaten eine beruhigende Funktion, indem er das angeborene Saugbedürfnis befriedigt und in für kleine Kinder aufregenden Situationen das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit unterstützt und tatsächlich auch den Spiegel von Cortisol (das ist ein Stresshormon) senken kann. Der Schnuller kann dadurch Übergänge wie Einschlafen, Trennungssituationen oder medizinische Untersuchungen erleichtern, ersetzt aber natürlich keine liebevolle Eltern-Kind-Interaktion.
Warum beruhigt Saugen viele Kinder, und welche Rolle spielt der Schnuller bei der Selbstregulation?
Dieses sogenannte ‚Nicht-nutritives Saugen‘ aktiviert ganz viele Mechanismen, die die parasympathische Aktivität – das ist unter anderem der vegetativ beruhigende Einfluss des Nervus Vagus- fördern und zum Beispiel die Herzfrequenz sowie hormonelle Stressreaktionen reduzieren können, das ist mittlerweile auch neurophysiologisch nachgewesen. Dadurch fällt es vielen Säuglingen und Kleinkindern leichter, sich selbst zu beruhigen und in den Schlaf zu finden oder Belastungen, oder auch einfach nur viele Reize, besser zu bewältigen. Der Schnuller ermöglicht damit eine ganz frühe Form der eigenständigen Selbstregulation, die sich mit zunehmender Entwicklung natürlich dann schrittweise durch eigene Regulationsfähigkeiten ersetzen sollte.
Wann ist ein guter Zeitpunkt, mit der Schnullerentwöhnung zu beginnen?
Aus kinderärztlicher und entwicklungspsychologischer Sicht empfiehlt es sich, den Schnullergebrauch spätestens zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr schrittweise zu reduzieren. Denn in diesem Alter verfügen viele Kinder ja bereits über bessere motorische, sprachliche und emotionale Kompetenzen, um viele andere geeignete Beruhigungsstrategien zu entwickeln. Das ist auch langfristig gut, um das Risiko für Zahnfehlstellungen zu verringern.
Woran erkennen Eltern, dass ihr Kind bereit ist, sich vom Schnuller zu lösen?
Eine gute Chance für eine Entwöhnung hat man zum Beispiel, wenn das Kind den Schnuller im Alltag sowieso zunehmend vergisst oder ihn nur noch in bestimmten Situationen, wie zum Einschlafen, benötigt. Aber auch, wenn man merkt, dass es sich zunehmend durch Sprache, Kuscheln oder andere vertraute Rituale beruhigen lässt, spricht das für einen guten Zeitpunkt. Der Erfolg ist meist größer, wenn die Entwöhnung nicht in eine ohnehin neue Lebensphase wie Eingewöhnung Kita oder Krankheit/Konflikt im Elternhaus oder ein neues Geschwisterkind fällt.
Warum fällt manchen Kindern der Abschied vom Schnuller besonders schwer?
Der Schnuller ist ja häufig ganz eng mit Sicherheit, Trost oder Einschlafen verknüpft und kann daher sehr wichtig im Sinne der Emotionsregulation werden. Er ist ja auch eine Art Übergangsobjekt zwischen der Mutterbrust und der komplett autonomen Selbstregulation des Kindes. Kinder mit erhöhter Stresssensitivität benötigen solche Beruhigungshilfen manchmal stärker und hängen dann auch intensiver daran. Zusätzlich erschweren die erwähnten Veränderungen wie Kindergartenbeginn, Geschwistergeburt, Umzug et cetera den Verzicht auf vertraute Regulationshilfen sehr.
Welche Strategien können Eltern nutzen, um die Entwöhnung möglichst stressfrei zu begleiten?
Am erfolgreichsten ist da ja meist ein schrittweises Vorgehen, bei dem der Schnuller zunächst nur noch zum Einschlafen erlaubt ist und anschließend im zweiten Schritt ganz wegfällt. Eltern könnten auch alternative Beruhigungsrituale wie Vorlesen, Kuscheln, Singen oder Atemspiele etablieren und dem Kind auch als Vorbild zeigen, wie sie sich selbst dadurch beruhigen. Ohne Beschämung oder Druck unterstützt man so das Kind dabei, neue Strategien – und vielleicht sogar eigene Ideen – der Selbstregulation zu entwickeln, das Thema ‚Schnuller‘ sollte dabei aber auch nicht überwertig werden und permanent den Dialog zwischen Eltern und Kind bestimmen.
Welche Fehler sollten Eltern bei der Schnullerentwöhnung möglichst vermeiden?
Eltern sollten vor Allem vermeiden, das Kind zu beschämen, unter Druck zu setzen oder den Schnuller plötzlich während belastender Lebensereignisse wegzunehmen. Wichtig ist auch – wenn man sich dafür entscheidet- dann auch ein konsequentes Vorgehen, also dass der Schnuller nicht nach Protest dann doch immer wieder zurückgegeben wird, da dies die Entwöhnung natürlich noch weiter verlängern kann. Alternative Emotionsregulationsstrategien, wie ein Stofftier oder ein Kuscheltuch oder eine Entspannungsmusik oder ein Lavendelkissen etc. und dann aber auch klare, verlässliche Regeln helfen Eltern da zum langfristigen Erfolg. Wichtig ist, dass auch die Eltern selbst sich nicht von der Umgebung unter Druck setzen lassen, das wird dann nämlich auch oft unbewusst ans Kind weitergegeben und dann klammern irgendwann alle ‚aus Prinzip‘ an ihren alten Mustern und so viel Stress in der Eltern-Kind-Beziehung ist deswegen dann auch wieder nicht gerechtfertigt.
