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Ratgeber: Ernährung – Ganz schön breiig

3. September 2025, 7:59

Was Babys wirklich brauchen und worauf Eltern bei der Ernährung achten sollten, erklärt Familienmedizinerin Dr. med. Celine Schlager im Interview mit 1st Steps-Volontärin Marlene Witke. Ein Gespräch über Alltagstauglichkeit, Nährstoffbalance – und warum Trendbrei nicht immer die beste Wahl ist.

Die Regale in den Babyabteilungen vieler Drogerie- und Supermärkte sind prall gefüllt: Breigläschen, Babyriegel, Milchpulver und vieles mehr – keine leichte Entscheidung für viele (junge) Eltern. Während die einen noch ratlos vor den Regalen stehen und im Alltagsstress schließlich doch zum fertigen Gläschen greifen, glänzen andere in der Krabbelgruppe oder auf dem Spielplatz mit selbstgemachten Snacks in stylischen To-go-Boxen. Doch ist selbstgemachte Babynahrung wirklich die bessere Wahl? Die Expertin Dr. med. Celine Schlager klärt auf: „Beide Varianten haben ihre Daseinsberechtigung. Hier gibt es kein Schwarz-Weiß. Sinnvoll ist oft eine Kombination aus beidem. Eltern sollen und dürfen vor allem das nutzen, was in ihren Familienalltag passt. Stigmatisierung und Verurteilung sind hier fehl am Platz.“
Ein klarer Vorteil der selbstgemachten Variante: Man weiß, was drin ist. Eltern können die Zutaten selbst bestimmen – etwa frische und regionale Produkte statt Obst und Gemüse aus Übersee. Wer Babynahrung selbst kocht, kann gezielt auf zugesetzten Zucker, Salz, Aromen und Konservierungsstoffe verzichten. Auch die Art der Zubereitung liegt in eigener Hand: Schonendes Garen, wie Dünsten oder Dämpfen, erhält mehr Vitamine und Mineralstoffe als klassisches Kochen. Eine abwechslungsreiche, geschmacklich vielfältige Ernährung unterstützt zudem die sensorische Entwicklung von Babys und Kleinkindern. Auch das gemeinsame Kochen, besonders mit etwas älteren Kindern, stärkt nicht nur die Eltern-Kind-Beziehung, sondern schafft Achtsamkeit und Wertschätzung gegenüber Lebensmitteln.
Ein weiterer Punkt ist der Kostenfaktor, denn frisch gekochte Mahlzeiten sind meist günstiger als hochwertige Fertigprodukte. Durch Portionieren, Einfrieren und Wiederverwenden lässt sich Zeit sparen – eine Erleichterung im oft stressigen Familienalltag.
Dennoch: Selbstgekochte Nahrung erfordert Planung, Zeit und Organisation. Die Gesundheitsberaterin warnt zudem vor Hygienerisiken: „Selbstgemachte Kost droht schneller zu verkeimen. Industrielle Babynahrung hingegen unterliegen strengen EU-Kontrollen.“ Für unterwegs sind gekühlte Behälter oder Kühltaschen, daher besonders im Sommer empfehlenswert, um die Nahrung länger frisch zu halten.

Gläschen-Guide
Die Idee, Babynahrung selbst zuzubereiten, ist grundsätzlich positiv – jedoch müssen bei der Zubereitung ein paar Punkte beachtet werden. „Ich bin kein großer Freund des ‚Breifahrplans‘, auch wenn er einigen Eltern zu Beginn Sicherheit gibt. Essen kennenlernen soll Spaß machen, soll Vielfalt bieten, soll entspannt sein. All das geht oft durch den doch eher starren Breifahrplan verloren. Außerdem is(s)t jedes Kind und auch jede Familie individuell“, erklärt die Ernährungsexpertin. Eltern haben bei der Auswahl der Zutaten für die Ernährung ihrer Kinder zwar viele Freiheiten, doch eine ausgewogene Nährstoffversorgung ist entscheidend. Besonders essenziell ist eine ausgewogene Mikronährstoffbalance: Jod, Eisen, Zink, Kalzium und gesunde Fetten sollten in angemessener Menge auch auf dem Speiseplan der jüngsten Familienmitglieder stehen. Fertiggläschen hingegen sind praktisch für unterwegs und ersparen Zeit. Jedoch ist die limitierte Flexibilität und Inhaltskontrolle nicht außer acht zu lassen. Sie bieten weniger Möglichkeiten zur Individualisierung und Geschmackseinführung und enthalten zum Teil überflüssige Zusatzstoffe.

Vor dem 12. Monat sollte zudem auf zucker- und salzhaltige Lebensmittel, sowie Honig (Gefahr von Botulismus) und Kuhmilch verzichtet werden. Stattdessen eignen sich Kümmel, Fenchel und frische Kräuter zur Geschmacksbildung. Auch Fruchtsäfte und verschluckungsgefährliche Lebensmittel, wie Nüsse im ganzen, rundes Obst und Gemüse wie Trauben, Heidelbeeren, Cocktailtomaten oder Kichererbsen sollten umgangen werden. Angeboten werden sollten diese Lebensmittel aber trotzdem, vor allem auch um Nahrungsmittelunverträglichkeiten zu vermeiden. Davor kann eine frühe Einführung schützen. Heidelbeeren beispielsweise können zerdrückt oder in einem Fruchtsauger angeboten werden. Trauben und Cocktailtomaten sollten zur Sicherheit halbiert oder geviertelt werden. Ebenso ist es wichtig, regelmäßig Flüssigkeit anzubieten.

Zwischen Inspiration & Irrweg
Social Media wird immer mehr zu Inspirationsquelle für Eltern: Viele Rezepte sind dekorativ, kreativ und familientauglich. Kinderärztin Dr. Schlager sieht das differenziert: „Solche Impulse können helfen, aber Trends dürfen keineswegs den Fokus auf Ernährungssicherheit und Nährstoffversorgung verdrängen. Als Ernährungsexpertin empfehle ich da den Weg zur Balance. Natürlich dürfen und sollen sich Eltern aus Social Media Inspirationen holen. Sie sollten aber gut abwägen, ob und inwiefern der Trend taugt. Denn leider tummeln sich dort auch viele schwarze Schafe, die eben keine fachlich fundierte Ausbildung haben.“ Die Gefahr: Im Netz kursieren auch gefährliche Ernährungsideen. Von hausgemachter Säuglingsmilch oder reiner Ziegenmilchernährung ist aus medizinischer Sicht abzuraten. Besonders beliebt bei vielen Familien sind die sogenannten Quetschies – praktische Fruchtpüree-Pouches für unterwegs. Sie wirken auf den ersten Blick gesund, schließlich steckt reichlich Obst drin. Doch der Schein trügt: Viele dieser Produkte enthalten bis zu 18 Gramm Zucker pro Portion, das entspricht etwa sechs Stück Würfelzucker. Damit zählen Quetschies eher zu den Süßigkeiten als zu gesunden Zwischenmahlzeiten und sollten demnach nur ganz selten auf dem Speiseplan von Kleinkindern stehen. Denn: Werden Kindern regelmäßig süße Mahlzeiten angeboten, kann das langfristig ihre Geschmacksvorlieben prägen und die Neigung zu Süßem im weiteren Leben fördern. Auch körperlich kann sich der hohe Zuckerkonsum bemerkbar machen: Übergewicht und Verdauungsprobleme wie Blähungen oder Durchfall sind keine Seltenheit, insbesondere im sensiblen Verdauungssystem von Babys und Kleinkindern.
Ähnlich kritisch zu bewerten ist der Trend zu sogenannten Superfoods wie Chiasamen, Gojibeeren oder Kurkuma, die zunehmend auch in Kindermahlzeiten landen. Zwar gelten sie als gesundheitsfördernd, doch je nach Alter und Empfindlichkeit des Kindes können sie den kleinen Organismus unnötig belasten. Eltern sollten sich daher vorab gut informieren, ob und in welchem Maß solche Trendzutaten überhaupt kindgerecht sind.

Löffelgrün mit System
Immer mehr Familien ernähren sich vegetarisch oder vegan und möchten das auch für ihr Kind. Die Gesundheitsexpertin unterstützt den individuellen Ansatz: „Ich bin großer Freund der individuellen und auch ganzheitlichen Sichtweise, so auch bei der Familienernährung. Denn die jeweilige Ernährungsform muss zum Familienleben passen. Und das ist nun einmal sehr individuell. Mit optimaler fachlicher Beratung und Begleitung sind viele Ernährungsformen möglichen.“
Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin rät von veganer Ernährung im Säuglings- und Kleinkindalter ohne ärztliche Betreuung klar ab. Kritische Nährstoffe sind unter anderem Vitamin B12, Eisen, Zink, Kalzium und Omega-3-Fettsäuren. Ein bloßes Weglassen bestimmter Lebensmittel wie Fisch oder Fleisch ist demnach also nicht ratsam. Alternative Ernährungsformen erfordern eine gute Begleitung und Planung, um Mängelrisiken und Spätfolgen wie beispielsweise Wachstumsstörungen zu vermeiden. Aus medizinischer Sicht ist die vegetarische Ernährung bei entsprechender Nährstoffplanung und -ergänzung gut möglich und evidenzbasiert sicher. Eltern sollten aber vor allem auf die Vielfalt achten und die Protein- und Eisenversorgung im Blick behalten.
Vegane Ernährung erfordert ein hohes Maß an (Eigen-)Verantwortung. Frühzeitige und regelmäßige Laborkontrollen sind bei vegan ernährten Kindern essenziell. „Prinzipiell kann aber bei jeder Ernährungsform, bei der große Lebensmittelgruppen ausgeschlossen werden, ein Mangel auftreten. Ganz gleich ob vegetarisch, vegan oder omnivor. Insgesamt ist jedoch eine frische, vollwertige, vielseitige Ernährung mit vielen pflanzlichen Produkten für alle Kinder zu empfehlen“, so die Beikostberaterin.

Breifrei zur Selbstständigkeit
Beim sogenannten Baby-led Weaning (BLW) bestimmen Babys selbst, was und wie viel sie essen – ganz ohne Brei. Stattdessen wird Fingerfood angeboten, ergänzt durch Milchmahlzeiten. Viele Eltern empfinden dies als entspannter und natürlicher, weil die Kinder prinzipiell von Beginn an am Familientisch mitessen können. BWL fördert die Selbstregulation, die Feinmotorik und die Geschmackserkundung. Die Kinder lernen frühzeitig den Zusammenhang zwischen Nahrungsaufnahme und Sättigungsgefühl. Baby-led Weaning stärkt also intuitives Essen und ermöglicht eine breite Akzeptanz für verschiedene Lebensmittel. Voraussetzung ist allerdings, dass die angebotenen Speisen kindgerecht und ungewürzt sind. Auch hier gilt: Zucker, Salz, Fertigprodukte und stark gewürzte Gerichte sind tabu. Eine bunte Vielfalt an Gemüse und Obst, sowie Fleisch und Fisch (ohne Gräten), Hülsenfrüchte und Getreide sind empfehlenswert.
Kritik gibt es wegen möglicher Nährstofflücken, da zu Beginn meist nur sehr kleine Mengen gegessen werden. Eine sinnvolle Lösung kann eine Kombination aus BWL-Elementen und klassischer Beikost sein – angepasst an den Entwicklungsstand des Kindes.
Die Expertin fasst zusammen: „Es gibt nicht die eine richtige Methode, sondern ganz viele verschiedene Herangehensweisen. Denn jedes Kind is(s)t anders mit seinen ganz individuellen Interessen, Vorlieben und Bedürfnissen.“
Ein Ernährungskonzept, das die Vorteile von Selbstgekochtem, also die Frische und Inhaltskontrolle, mit der Bequemlichkeit gelegentlicher Fertigprodukten und einer Prise Trendbewusstsein kombiniert, scheint für viele Familien ideal. Wichtig bleibt, dass Nährstoffversorgung, Hygiene, Entwicklungsstand und familiäres Wohlbefinden im Fokus stehen. Eine fachliche Begleitung durch einen Ernährungsexperten kann dabei hilfreich sein.


Dr. med. Celine Schlager ist Ärztin für ganzheitliche Familienmedizin, Mutter, Buchautorin, Referentin und Gesundheitsberaterin. Sie begleitet Familien vom Säuglingsalter bis in die Jugend mit einem praxisnahen und ganzheitlichen Ansatz. Ihr besonderes Anliegen ist eine wissenschaftlich fundierte und zugleich alltagstaugliche Familiengesundheit. In ihrem Buch „Kindergesundheit heute – Schluss mit überholtem Halbwissen“ räumt sie mit 115 Mythen rund um die Themen Krankheiten, kindliche Entwicklung, Ernährung, Schlaf, Kleidung und Sicherheit auf.