Noch ist eine gute Anlage

10. März 2022, 13:14

Früher war das Hobby Modelleisenbahn eine todernste Angelegenheit. Es wurde vor allem von betagten Herren betrieben. Noch hat als Spezialist für Landschaftsbau en miniature ordentlich frischen Wind auf die Anlagen gebracht. Das Unternehmen feiert in diesem Jahr sein 111-jähriges Jubiläum.

Ihr Neuheiten-Motto im Jubiläumsjahr ist „Alles, was Spaß macht“. Früher war „Anlagenbau“ eine todernste Sache … 
Sebastian Topp: „Ernst“ ist eher das tägliche Leben. Das wird uns aktuell bewusster denn je. Und genau das lässt uns den Wert der Modellbahn wieder erkennen: Sie ist die „kleine heile Welt“, in der wir wunderschöne, friedliche Szenen gestalten können, die uns Freude bescheren. Daher steht das Hobby heute vermehrt bei Familien, die sich gemeinsam beschäftigen und Zeit miteinander verbringen möchten hoch im Kurs.

Noch hat immer mal wieder Pe(e)p in die Modellbahn-Landschaften gebracht, man denke nur an die Sexy Scenes, die sich so mancher in die Vitrine stellte, der mit dem Hobby gar nichts am Hut hatte. Hat diese „Lebensnähe“ neue Zielgruppen an das Hobby herangeführt?

Dr. Rainer Noch, Inhaber und Geschäftsführer Noch GmbH

“ Der 3D-Druck macht viele Produkt-Segmente erst möglich „

Topp: Unsere Sexy Scenes sind in meinen Augen nur die auffälligste und expressivste Ausprägung dessen, was unsere Produkte ausmacht. Wir versuchen all die Szenen und Erlebnisse, die uns als Menschen ausmachen und uns Freude bereiten im Modell darzustellen. Das kann die Sexy Scene sein aber genauso gut auch die Sound Scene, die ein Motorrad mit Motorengeräusch darstellt oder eine kleine Berghütte mit Wanderern. Dahinter liegt immer dasselbe Muster: Dinge, die uns im echten Leben Freude bereiten, in das Modell umzusetzen.
Ihr Slogan ist „Wie im Original …“ Gibt es etwas, das Sie nicht en miniature abbilden würden oder können? 
Topp: Wir sind offen für fast alles. Inhaltlich möchten wir nah an der heilen Welt bleiben. Produkttechnisch gibt es aktuell schnelle Entwicklungen vor allem im Bereich 3D-Druck, die uns befähigen, Dinge umzusetzen, die früher undenkbar waren.

Wie nutzen Sie die 3D- Technik? 
Dr. Rainer Noch: Wir nutzen diese Technologie für die Produktion von Figurenmodellen als Vorstufe für den Werkzeugbau. Wir haben auch bereits einige Artikel im Sortiment, die in der Serie 3D gedruckt werden. Wie der Laser-Cut den Gebäudemodellbau revolutioniert hat, schickt sich auch der 3D-Druck an, kleine Serien wirtschaftlich sinnvoll umsetzbar zu machen und damit ganz neue Produkt-Segmente überhaupt erst zu ermöglichen.

2009 haben Sie in Vietnam Noch Asia gegründet, um im Bereich Preis-Leistung wettbewerbsfähig zu sein. Viele Unternehmen, die ähnliche Wege gegangen sind, haben aktuell Probleme mit ihrer Lieferkette.  Wie sieht das bei Noch aus? 
Noch: Noch Asia ist sehr wichtig für uns. Wenn ich alleine an die Handbemalung unserer Figuren denke, ist Noch Asia mit circa 200 Mitarbeitern nicht wegzudenken. Aber Probleme haben wir wirklich einige. Im Sommer 2021 hatten wir in Vietnam einen viermonatigen Corona-Lockdown zu verkraften. Wir hatten also vier Monate kompletten Produktionsausfall! Das wirkt sich bis heute negativ auf unsere Lieferfähigkeit aus. Zum anderen haben wir natürlich die gleichen großen Probleme, mit denen derzeit alle Firmen konfrontiert sind, die aus Asien importieren.

“ Händler haben sich auf ein neues Service-Level geboostert „

Sebastian Topp, Geschäftsführer Noch GmbH

Haben Sie auch Engpässe in der Beschaffung von Material?  
Noch: Ja. Teilweise bei ganz profanen Produkten wie Papier. Zeitweise waren auch Rohmaterialien für unsere Hartschaumproduktion oder elektronische Komponenten für unsere Sound-Szenen nicht verfügbar. Es gibt ständig neue Überraschungen.

Haben Sie aufgrund dessen Preiserhöhungen vornehmen müssen? 
Noch: Ja. Normalerweise erhöhen wir unsere Preise immer im September. Dieses Jahr hatten wir erstmals eine zusätzliche Preiserhöhung im März.

In der Pandemie hat die Modelleisenbahn neue Fans gewonnen. Ist aus der Männerdomäne ein Familienhobby geworden? Und wie ist die Rollenverteilung? 
Topp: Auch hier spiegelt sich die Veränderung des Rollenbilds in der Gesellschaft im Hobby. Wir erreichen schon lange nicht mehr nur den männlichen Modellbahner, sondern konnten zum Beispiel durch die Brancheninitiative „Wir Modellbahner“ unsere Zielgruppe in den letzten Jahren deutlich verjüngen. Heute ist die Modellbahn ein Hobby in der Mitte der Gesellschaft und in Familien und auch bei jungen Paaren angekommen. Neben Eltern und Kindern bauen teils auch Großelter mit Ihren Enkeln an Modellbahnen und tauschen sich zu einem Thema aus.

Nutzt der Handel diese Gunst der Stunde?
Topp: Der stationäre Handel ist sehr umfangreichen Veränderungen unterworfen worden. Die Corona-Lockdowns waren sehr schmerzhaft und haben sowohl Konsumenten als auch Händler verunsichert. Mit ein bisschen Abstand betrachtet war diese Herausforderung für viele Händler jedoch ein Antrieb zu noch mehr Kreativität. Viele neue Ansätze wurden ausprobiert, ich denke zum Beispiel an Lieferung an regionale Endverbraucher auf Anfrage, Abholservices, Terminvereinbarungen vor Ort zum Beratungsgespräch, die Auseinandersetzung mit anderen Zahlungsarten wie Kartenzahlung, Apple oder Amazon Pay etc. Jetzt, da wir eine leichte Normalisierung der Lage sehen, sind diese „Sonder-Services“ Standard beim Fachhändler. Viele Händler haben also die Gunst der Stunde genutzt und sich auf ein neues Service-Level geboostert. Das hat den Fachhandel nachhaltig gestärkt.

Sie betreiben einen Online-Shop, sind sehr aktiv in Social Media und „auf allen Kanälen“ präsent. Was kann der Handel für Sie tun, was Noch nicht selbst leisten könnte?
Topp: Der Handel hat zwei große Vorteile, die wir als Hersteller nicht haben. Zum einen die persönliche Nähe. Der Händler ist direkt vor Ort. In Zeiten in denen „Buy Local“ im Trend liegt kann er seine Nähe zum Kunden vor Ort als großen Vorteil nutzen. Ein zweiter sehr großer Vorteil liegt in der Ware begründet. Der Händler vor Ort kann dem Kunden Produkte und Ware zeigen, unterschiedliche Marken und Hersteller und die jeweils beste Empfehlung für die spezielle Anforderung der Kunden aussprechen. In einem Systemhobby wie der Modellbahn ist das ein riesengroßer Vorteil.

Herr Dr. Noch, Sie führen Noch in der vierten Generation. Denken Sie heute schon über Nachfolgeregelungen nach? 
Noch: Ja, das tue ich, wenn auch mit angezogener Handbremse. Grundsätzlich fände ich es natürlich großartig, wenn eines meiner Kinder in die Firma einsteigen würde. Meine Kinder wissen aber, dass sie die Freiheit haben, ihren eigenen Weg zu gehen und den Beruf zu erlernen, der sie begeistert. Mein ältester Sohn ist 18, ich bin seinerzeit im Alter von 30 eingestiegen. Glücklicherweise ist mein Kompagnon Sebastian Topp einiges jünger als ich. Ich habe also keinerlei Anlass in operative Hektik zu verfallen.

Welche Kompetenzen braucht in Ihren Augen ein Unternehmer, der in den nächsten sagen wir mal 30 Jahren ein Traditionsunternehmen wie Ihres erfolgreich am Markt positionieren möchte? 
Noch: Am aller wichtigsten sind meines Erachtens zwei Dinge: Die Liebe zum Produkt und die Hinwendung zu den Menschen. Man muss sich mit dem, was man tut, identifizieren können und für die Produkte brennen. Gleichzeitig muss man die Menschen mit denen man zusammenarbeitet, wertschätzen und respektieren. Ein Unternehmer ist heute und morgen ein Teamplayer mit der immer wichtiger werdenden Zusatzqualifikation als Krisenmanager.

Wie feiern Sie Ihr 111-jähriges Jubiläum?
Noch: Am 27. und 28. Mai werden wir zwei tolle Tage der offenen Tür in Wangen feiern. Wir freuen uns auf alle die kommen wollen. Mehr Infos zu dem, was geboten sein wird, finden Sie auf unserer Website.

noch.de