NGO War Toys: Ein bisschen Frieden …?
Kriegsspielzeug ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Mal ist es Ausdruck kindlicher Fantasie und spiegelt (unbewusst) ein Gefühl von Gruppenzugehörig wider („wir gegen die anderen“), mal wurden Produktion und Verkauf von Zinnsoldaten, Spielzeugwaffen und Co. gezielt von Regierungsseite gefördert, um Kinder von Kleinauf mit militärischem Gedankengut vertraut zu machen und sie zu kleinen Soldaten zu erziehen. In Deutschland ist Kriegsspielzeug seit Ende des Zweiten Weltkriegs gesellschaftlich weitesgehend verpönt, weltweit finden sich jedoch bis heute in den meisten Kinderzimmern Soldatenfiguren, Spielzeugpistolen sowie Panzer oder Flugzeuge im Miniaturformat. Ob allein der Besitz solcher, kriegerisch orientiertes Denken fördert, ist wissenschaftlich umstritten, doch gibt es Wege, das Spiel „Krieg“ heute anders zu inszenieren und so zu einem reflektierteren Umgang mit dem Thema zu finden, wie die NGO „War Toys“ aus den USA zeigt.


Qayyarah, Irak – Mas‘ud zeichnete, wie die irakische Armee seine Stadt von ISIS befreit und ergänzte Rauch aus nahegelegenen Ölfeldern, die von ISIS-Kämpfern in Brand gesetzt worden waren.
„Morgen kommt der Weihnachtsmann / kommt mit seinen Gaben. Trommel, Pfeifen und Gewehr / Fahn’ und Säbel und noch mehr, ja ein ganzes Kriegesheer / möchte’ ich gerne haben.“ So der Originaltext des bekannten Weihnachtsliedes von Heinrich Hofmann von Fallersleben. Die Verweise auf Kriegsspielzeug wurde im Nachkriegsdeutschland zwar ersetzt, doch spiegeln die Originalzeilen wider, wie allgegenwärtig und selbstverständlich der Umgang mit dem Thema Krieg, Militär und Kampfhandlungen war.
Kriegsspielzeug ist in seiner psychologischen und pädagogischen Wirkung letztendlich schwer einzuschätzen. Es ist umstritten, ob eine aggressive Haltung zu dem Wunsch nach Kriegsspielzeug führt oder der Umgang mit Kriegsspielzeug diese Haltung erst erzeugt. Entsprechend widersprüchlich sind die Bewertungen in der Gesellschaft und in der Pädagogik. Die weitgehende Ablehnung von Kriegsspielzeug begrenzt sich in weltweiter Sicht im Wesentlichen auf den europäischen Kontinent, speziell auf Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. In den deutschsprachigen Ländern ist die Verbreitung von physischem Kriegsspielzeug seit der Friedensbewegung der siebziger Jahre allerdings relativ gering, wobei überraschenderweise in dieser Dekade zeitweise detailgetreue Figurensets sowie Modellbauten und -autos aus dem Dritten Reich im Spielwarenfachhandel erhältlich waren. Letztendlich zeigte aber die kulturhistorische Studie von Siegbert Warwitz und Anita Rudolf aus dem Jahr 2021, dass Kriegsspielzeug in sämtlichen Regionen der Erde und bei nahezu allen Völkern nachweisbar und beliebt ist. Und schon 1986 ergaben die Befragungen der Pädagogin und Professorin für Erziehungswissenschaft Gisela Wegener-Spöhring, dass ein Großteil der Grundschulkinder Kriegsspielzeug besitzt und sich mehr davon wünscht.
Vor diesem Hintergrund stellt sich weniger die Frage, ob Kriegsspielzeug existiert oder aus Kinderzimmern verschwinden wird, sondern vielmehr, wie Kinder heute damit spielen und welche Geschichten dabei entstehen. Denn zwischen Verdrängung und unreflektierter Reproduktion liegt ein Spannungsfeld, das bislang nur selten aktiv gestaltet wird. Genau hier setzt eine Initiative an, die einen bewusst anderen Zugang wählt: Die US-amerikanische NGO „War Toys“ versucht nicht, das Thema Krieg aus dem Spiel zu verbannen, vielmehr versucht sie, über das Spiel selbst neu zu rahmen und damit neue Perspektiven zu eröffnen.

Mossul, Irak – Hussein träumte davon, in seine Heimatstadt Mossul zurückzukehren. Gleichzeitig konnte er sich kein Ende der Kämpfe vorstellen und zeichnete einen Hubschrauber, der auf seine Familie schießt.

Der Name „War Toys“ wirkt zunächst irritierend und das ganz bewusst. Die Organisation nutzt diese Provokation, um Aufmerksamkeit auf ein Thema zu lenken, das in der Spielwarenwelt wie zuvor beschrieben ebenso präsent wie komplex ist: die Rolle von Krieg und Konflikt im kindlichen Spiel. „Kriegsspielzeug existiert und es existiert schon so lange wie die menschliche Zivilisation“, lautet eine der zentralen Aussagen von Gründer und Geschäftsführer Brian McCarty. Der Ausgangspunkt seiner Organisation ist daher nicht die Frage, ob solches Spielzeug existieren sollte, sondern wie Kinder im Spiel mit ihnen umgehen und welche Geschichten dadurch entstehen.
War Toys ist eine 2019 gegründete US-amerikanische Non-Profit-Organisation an der Schnittstelle von Kunst, Medienarbeit und Spielzeugdesign. Ein wichtiger Teil ihrer Arbeit besteht darin, mit Kindern zu arbeiten, die Krieg, Vertreibung oder Konflikte erlebt haben. In kreativen Prozessen – etwa über Zeichnungen oder visuelle Erzählformen – schildern diese Kinder ihre Erfahrungen und Perspektiven. Die daraus entstehenden Bilder und Geschichten bilden die Grundlage für Fotoserien, Ausstellungen, Bildungsprojekte und weitere Programme der Organisation. Dabei will War Toys ausdrücklich für keine Seite Partei ergreifen. Der NGO geht es vielmehr darum, sichtbar zu machen, was Krieg für Kinder bedeutet, und auf subtile Weise einen differenzierten Dialog über die Bedeutung von Kriegsspielzeug anzuregen – für Kinder ebenso wie für die Spielwarenbranche. Das Ziel ist nicht moralische Bewertung, sondern ein besseres Verständnis dafür, wie Kinder komplexe Wirklichkeiten über Spiel und Fantasie verarbeiten.
Der zweite Teil des Ansatzes richtet sich direkt an die Spielwarenbranche. War Toys beschäftigt sich mit der Frage, wie kleine Veränderungen im Produktdesign Geschichten erweitern können, die Kinder beim Spielen entwickeln. „Eine so kleine Veränderung kann große Wellen schlagen, weil Kinder dadurch mehr Spielmöglichkeiten bekommen als nur das klassische ‘Wir gegen die anderen’“, beschreibt McCarty diesen Gedanken. Ein Beispiel dafür ist ein Projekt, das an eine der bekanntesten Figurenwelten der Spielzeuggeschichte anknüpft: die klassischen kleinen Plastiksoldaten, die weltweit in unzähligen Varianten produziert und verkauft werden. War Toys entwickelte die Idee, diese traditionellen Militär-Playsets um Figuren zu ergänzen, die nicht kämpfen, etwa Fotojournalisten, Rettungskräfte oder humanitäre Helfer. Dadurch soll sich die Bandbreite möglicher Spielrollen erweitern: Neben Soldaten treten auch Beobachter, Helfer oder Zivilpersonen auf, wodurch neue Erzählformen entstehen können. Aus dieser Idee entstand eine Reihe sogenannter „noncombatant figures“, also Figuren von Personen, die im realen Leben nicht direkt Teil eines Kampfgeschehens wären. Ergänzt wird das Konzept durch ein mehrsprachiges Brettspiel, das Kinder dazu einlädt, gemeinsam Zivilisten in einem Krisengebiet zu retten, statt ausschließlich militärische Szenarien zu spielen. Auch hier steht nicht der Kampf im Mittelpunkt, sondern Kooperation und Perspektivwechsel. Bemerkenswert ist dabei vor allem das Produktionsmodell hinter diesem Ansatz. War Toys versteht sich nicht als klassischer Spielwarenhersteller und bringt keine eigene Marke auf den Markt. Stattdessen entwickelt die Organisation Designideen und Konzepte für die Figuren, Spiele und so weiter, die von bestehenden Herstellern übernommen werden können. Ziel ist es, bestehende Märkte zu nutzen, anstatt neue zu schaffen. „Wenn wir Herstellern solcher generischen Spielzeuge einfach bessere Designs an die Hand geben, können wir bestehende Märkte nutzen, um Spielmuster weltweit positiv zu beeinflussen“, beschreibt McCarty diese Strategie. Im Fokus stehen dabei besonders weit verbreitete generische Spielzeugkategorien, also einfache, kostengünstige Produkte, die weltweit in großen Stückzahlen produziert werden. Die Organisation übernimmt die Entwicklungsarbeit für neue Figuren oder Spielkonzepte und stellt diese Fabrikanten ohne Lizenzgebühren zur Verfügung. Dadurch können Produzenten solche Ideen in ihre bestehenden Produktlinien integrieren und über ihre Kanäle vertreiben, ohne dass sich Preisstruktur oder Produktionskosten wesentlich verändern.
Dieser Ansatz unterscheidet sich von klassischen Social-Impact-Projekten im Spielwarenbereich. Während viele Initiativen auf limitierte Charity-Produkte oder Spendenprogramme setzen, versucht War Toys, Veränderungen direkt innerhalb bestehender Märkte anzustoßen. Kleine Designentscheidungen können, zumindest in der Theorie, eine große Reichweite entfalten, wenn sie in Produkte einfließen, die ohnehin millionenfach produziert werden.
Und was hat das alles mit dem Fachhandel in Europa und Deutschland zu tun? Spielen solche Konzepte hierzulande überhaupt eine Rolle? Die meisten Spielwarenhändler in der DACH-Region positionieren sich bewusst über Markenqualität, kuratierte Sortimente und Beratung. Niedrigpreisige generische Spielwaren spielen häufig eine geringere Rolle als im internationalen Massenmarkt. Dennoch berührt das Projekt eine grundsätzliche Frage, die für die gesamte Branche relevant ist: Welche Geschichten erzählen Spielzeuge und welche Rollenbilder transportieren sie?

Tschernihiw, Ukraine – Alisa stellt sich eine helle und glückliche Zukunft vor, die möglich wird, wenn ihr Vater aus dem Krieg zurückkehrt und Wasser aus dem Boden emporsteigt.

Diese Frage gewinnt im globalen Spielwarenmarkt zunehmend an Bedeutung. Themen wie Diversität, emotionale Kompetenz, Nachhaltigkeit oder gesellschaftliche Verantwortung spielen in der Produktentwicklung vieler Hersteller inzwischen eine größere Rolle als noch vor einigen Jahren. War Toys nähert sich diesem Themenfeld eben nicht über neue Markenwelten, sondern über minimale Eingriffe in bestehende Spielzeugformate. Entsprechend arbeitet die Organisation bereits an weiteren Projekten. Ein nächster Ansatz betrifft sehr günstige Puppenhausfamilien, die weltweit in zahlreichen Spielsets verwendet werden. Hier möchte War Toys Herstellern alternative Figurenvarianten anbieten, um kulturelle Vielfalt und unterschiedliche Familienbilder stärker abzubilden. Auch dabei bleibt das Grundprinzip dasselbe: kleine Designänderungen, die sich ohne große Kosten in bestehende Produktionsstrukturen integrieren lassen.
Ob sich diese Ideen langfristig im Markt etablieren, bleibt abzuwarten. Als Impuls für die Branche ist das Projekt jedoch bereits heute bemerkenswert, denn es lenkt den Blick auf eine Dimension von Spielzeug, die nicht unterschätzt werden darf: Spielware ist nicht nur ein Produkt, sondern fungiert auch als Erzählinstrument. Sie prägt Rollenbilder, Konfliktmuster und Fantasiewelten und damit die Geschichten, die Kinder über die Welt entwickeln. Am Ende steht deshalb weniger ein fertiges Produktkonzept als vielmehr eine offene Frage an die Branche: Wenn Spielzeug beeinflussen kann, wie Kinder ihre Umwelt im Spiel verstehen, welche Verantwortung trägt dann das Design dieser Produkte? War Toys versucht, darauf eine ganz eigene Antwort zu geben, jedoch nicht durch große Gesten, sondern durch kleine Veränderungen. „Frieden ist nicht nur die Abwesenheit von Krieg; Frieden bedeutet, ihn bewusst zurückzuweisen“, fasst McCarty zusammen. Und das funktionert möglicherweise schon durch eine kleine Veränderung im Spielzeugdesign.

War Toys, unter der Leitung von Brian McCarty, ist ein ehrenamtlich arbeitendes Team angesehener Expertinnen und Experten aus den Bereichen expressive Therapie, kindliche Entwicklung, Menschenrechte, Medienproduktion sowie Spielzeugdesign und -herstellung. Zu den Beteiligten zählen unter anderem ehemalige Mitarbeitende von Mattel, Sesame Workshop, den Vereinten Nationen, der Kindersendung Mr. Rogers’ Neighborhood, Disney, dem Human Rights Institute der Columbia University, MTV, der Lesley University und Turner Broadcasting.
Die Organisation führt die Aufklärungsarbeit einer seit 2011 bestehenden Fotoserie fort, in der McCarty mit Kindern arbeitet, die von Krieg betroffen sind. Das Projekt greift Prinzipien und Methoden der expressiven Kunsttherapie auf, um die Erfahrungen der Kinder behutsam zu erfassen und sichtbar zu machen. Unter Anleitung speziell ausgebildeter Therapeutinnen und Therapeuten sowie in Zusammenarbeit mit NGOs und UN-Organisationen übernehmen die Mädchen und Jungen dabei selbst die kreative Leitung: Sie entwickeln die Bildideen, die anschließend mit vor Ort verfügbaren Spielzeugen fotografisch umgesetzt werden.
Die unmittelbare Auseinandersetzung mit den teils gravierenden Folgen von Vertreibung und kriegsbedingten Traumata war schließlich der Auslöser für die Gründung der Non-Profit-Organisation im Jahr 2019. Seither bündelt War Toys die Erfahrungen aus der Fotoserie, entwickelt darauf aufbauend neue Programme und baut Partnerschaften auf – mit dem Ziel, das Leben von Kindern weltweit positiv zu beeinflussen.
