Modellbau: Bauer-Power

Kidults könnten für die Modellbauhersteller zur Bauanleitung für den Erfolg werden. Die Branche kennt diese Zielgruppe schon seit geraumer Zeit und bastelt am Aufbruch zu neuen Ufern,
weiß Modellbauexperte und Gastautor Andreas Berse.


Daniel Pasternok, Director Business Unit Revell, bringt die Sache auf den Punkt: „Mit Kidults beschäftigte sich Revell schon, bevor es diesen Begriff überhaupt gab.“ Aber: Kidult ist nicht gleich Kidult. Doch der Reihe nach! Pasternok: „Das eine Standbein für unseren Erfolg beim Thema Modellbau sind die Fans, die konventionelle Klebebausätze zusammenfügen und lackieren, um individuelle Kleinkunstwerke zu schaffen.“ Hier hat Revell in den letzten Jahren eine Spezialisierung der Produkte vorangetrieben. Der Fachmann: „Diese Kunden wollen Details, Details, Details oder Tuningparts wie Fotoätzteile und Spezialwerkzeuge für die noch bessere Verarbeitung!“ Hier kann das Marketing den traditionellen Kern der Revell-Kunden verorten. Noch einmal der Experte aus Bünde: „Für unser globales Geschäft sind das immer noch rund 50 Prozent des Umsatzes.“ Und viele der Kunden sind Kidults. Teilweise, ohne es zu wissen. Doch mit drei neuen Produkt-Portfolios will der Marktführer aus dem Ostwestfälischen einen wahren Bastlerboom anfachen. Der Dreiklang heißt: Click-System, Brick-System und Tiny Adventures.
Das Easy-Click-System bekommt zeitnah ein Facelift zum neuen Click-System. Pasternok: „Früher waren diese Steckbausätze, die sich ohne Farben und Klebstoff zusammenfügen lassen, eher einfach und im unteren Preissegment platziert. Unsere Marktforschung hat uns nun klargemacht: Wir können auch hier auf mehr Teile setzen und noch hochwertigere Produkte entwickeln.“ Der High-End-Traktor Fendt 728 Gen7 ist ein erstes Beispiel für diese Qualitätsoffensive bei den Steckbausätzen. Das neue Produkt kostet knapp 70 Euro. Pasternok gibt zu bedenken: „Der Kit ist so fein gemacht, dass die Fans von konventionellen Klebebausätzen ihn supern werden!“

Noch streng geheim ist der nächste Strategiepfeil, den der Bausatzmarktführer bald aus dem Köcher holt: Unter dem Namen Revell Brick-System kommt eine Reihe mit Steckbausätzen – inspiriert aus Dänemark – auf den Markt. Noch in diesem Jahr debütiert ein Fahrzeug, das aus mehreren Tausend Teilen zusammengefügt werden soll und dessen Original sich unter Wasser bewegt. Der Mann aus Bünde: „Nein, wir fangen nicht mit einem Auto an, sondern mit einem deutschen U-Boot im Format XXL!“ Es ist eine Miniatur des U 96 aus dem Film „Das Boot“, zu bauen aus über 6.000 Teilen und über einen Meter lang. Und die Titanic lässt Revell selbstverständlich auch vom Stapel.
Die dritte Serie ist vor allem eines: eine astreine Idee! Denn diese Produkte sind aus Holz gefertigt. Hinter der Submarke „Tiny Adventures“ verstecken sich Bausätze nach Vorbildern mit Rädern, aber auch kleine Dioramen. Unter anderen welche, die Szenarien von „Harry Potter“ nachzeichnen und gleichzeitig als Buchstütze dienen können. Der Kreative aus der Henschelstraße in Bünde: „Wir sind schon sehr stolz, dass wir hier einen solchen erstklassigen Lizenzpartner überzeugen konnten. Das hat den Produktstart extrem beschleunigt.“ Wie bei vielen Produkten für die Kidults geht es hier aber auch um neue, wichtige Vertriebskanäle. Pasternok: „Wir sind jetzt auch im Buchhandel bei Hugendubel und Co gelistet. Vielleicht verkaufen wir dort auch bald Autobausätze. Wer weiß?“
Lizenzen wie Star Wars und Co helfen bei der Beschleunigung der neuen Produktstrategie so nachhaltig wie der Hyperantrieb von Han Solos YT-1300 Millennium Falke beim Beschleunigen des Kampfkreuzers. Der Blick aus dem Cockpit macht für Pasternok eines klar: „Das Thema Kidults gibt uns viele neue Möglichkeiten.“ Nur: Sie entdecken du musst!
Wechseln wir von Bünde nach Fürth. Bei der Simba Dickie Group ist Markus Söllner Senior Product Manager und unter anderem zuständig für die hochwertige und traditionsreiche Modellbaumarke Tamiya aus Japan sowie für die 1:8-Kits von Ixo Collection. Beides Modellbau-Themen mit Kidult-Potenzial. Söllner: „Den Begriff gab es ja in den USA schon in den Sechzigern. Wir merken: Viele, die in den Achtzigern als Kids und Jugendliche Modellbau betrieben haben, kehren zu diesem Hobby zurück. Und bei Tamiya finden sie High-End-Produkte.“ Da werden auch Wiederauflagen zu Topsellern. Der Kenner der Szene: „Bei den Kits nach Automobilen haben die Helden der Achtziger, der Audi Ur-Quattro, der Mercedes-Benz 560 SEC und der Renault 5 Turbo, gerade einen veritablen Lauf!“ Jede Generation hat ihre Musik und ihre Auto-Heroes. Die Kidults auch.


Und die legen gerne auch einmal 1000 Euro und mehr für ein 1:8-Modell auf den Tisch des Hauses, das aus ein paar Hundert bereits komplett lackierten Teilen zusammengefügt werden soll. Söllner: „Diese Ixo-Collection-Serie, die wir in Deutschland, Österreich und der Schweiz vertreiben, ist für Kidults eine Steilvorlage. Denn der Erfolg beim Basteln ist wegen der fein gemachten Bauteile garantiert. Lackieren und Kleben muss der Käufer ja nicht!“ Aber es braucht Nehmerqualitäten an der Kasse, die offenbar in dieser Zielgruppe kein Problem sind. Die komplett montierten Modelle wiegen über fünf Kilogramm und haben teilweise sogar eine funktionstüchtige Beleuchtung.
Die begehrten Vorbilder bei diesem Publikum sind aber etwas älter: der Porsche 917 KH aus dem Steve-McQueen-Film „Le Mans“ von 1971 oder der Klassiker des Jahrhunderts: der Mercedes-Benz 300 SL als Flügeltürer von 1954. Ebenfalls extrem erfolgreich: der Bugatti Altantic 57 SC, eine Design-Ikone aus den Dreißigern!
Die Community ist gleichfalls wichtig, und das durchaus auch analog. Nochmals der Experte aus Fürth: „Natürlich findet auch im Modellbau eine Digitalisierung statt. Aber der Austausch über die Produkte im realen Leben mit Freunden, unter Gleichgesinnten oder im Verein zählt ebenso. Besuche auf Messen und Veranstaltungen sind für uns von großem Interesse, um die Produkte und Möglichkeiten in persönlichen Gesprächen zu vermitteln. Und wir bekommen ein Feedback – meist erfrischend ungefiltert und naturbelassen. Das hilft uns wiederum bei der Entwicklung der Neuheiten weiter!“
Also, liebe Kidults: Bauen Sie wohl! Das ist übrigens auch entspannend. Pocher, italienischer Spezialist, der zur britischen Hornby-Hobbies-Group gehört, ließ gestresste Manager hauseigene 1:8-Kits unter ärztlicher Beobachtung zusammensetzen und kam zu dem Ergebnis: Der Stress nahm um mindestens 50 Prozent ab, die Happiness mit jeder Minute Bastelspaß zu!
Andreas Berse

