Modellbau: Auto-didaktisch
Egal ob jung oder alt: Wer das Thema Modellautos wirklich erleben möchte, der findet in der neuen Ausstellung des PS.Speichers, dem Motorrad- und Automobil-Museum im niedersächsischen Einbeck, ein wahres Füllhorn an unvergesslichen Erfahrungen. Andreas Berse, Chefredakteur der Fachzeitschrift „Modell Fahrzeug“ und Berater des Projekts, gibt in seinem Gastbeitrag spannende Einblicke in die gemeinsame Arbeit.
Autor: Andreas Berse
Warum fertigte Spielzeuglegende Siku seine ersten Modelle im ungewöhnlichen Maßstab 1:60? Warum trat Hot Wheels seinen Siegeszug als Modellauto-Gigant in der Baugröße 1:64 an? Und warum pferchte Matchbox seine Sandkastenflitzer für die Dreikäsehochs alle in dieselbe, einheitliche Schachtel ein? Egal ob Bulldozer oder Sportwagen? Ganz einfach: Modellautos um die fünf Zentimeter Länge passen perfekt in die Kinderhand. Und so können die kleinen Autofans die Welt der Räder am besten begreifen. Denn Modellautos sind auch Handschmeichler und lehrreich!
Begreifen, das geht jetzt noch viel besser in der neuen Ausstellung des PS.Speichers mit dem etwas sperrigen Namen „Sammlung Modellfahrzeuge“, die im November eröffnet wurde. Ungefähr 8.000 Modelle sind hier in einer faszinierenden Museumsarchitektur inszeniert. Der PS.Speicher im norddeutschen Einbeck, mit 2.500 Fahrzeugen, verteilt auf Motorräder, Automobile und Lastwagen, ist bisher schon die größte Oldtimersammlung Europas. Nun gibt es in der Fachwerkstadt im Norden einen weiteren Grund für den Besuch in diesem Museum: ein Mekka, zu dem die Modellautofans pilgern werden.
Kreativität auf allen Rädern
Kreativer Motor hinter dieser ungewöhnlichen Präsentation ist Matthias Kaluza, der bereits die Konzeption des PS.Speichers verantwortet hat und maßgeblich an der Gestaltung des Horch-Museums in Zwickau beteiligt war. Der kreative Dirigent aus Sachsen: „Wir haben uns sehr genau überlegt, wie wir das Thema Modelllauto Familien präsentieren wollen. Denn die sind die größte und auch wichtigste Besuchergruppe im PS.Speicher. Bei der Kolorierung für diese Show hat mich Wassilly Kandinskys Art der Malerei inspiriert.“ Dieses Farbkonzept dürfte auch die kleinen Besucher in Einbeck begeistern.
Ziel der Ausstellung ist es, das Thema Automodelle wieder in die Kinderzimmer zu bringen. Dafür muss Spannung aufgebaut werden. Die Ausstellung soll neugierig machen. Und es geht darum zu zeigen, was die Welt der Miniaturen alles kann.
Die Stadt der kleinen Autos
Ein Teil der 8.000 Modelle, die auf nur 160 Quadratmetern bewundert werden können, sind in einer Art Skyline versteckt. In den beleuchteten Fenstern parken dann die Miniaturen aus ganz unterschiedlichen Baugrößen. Das Szenario erinnert bisher an die Stadtansichten aus dem weltberühmten Fritz-Lang-Film „Metropolis“, allerdings in einer freundlicheren Farbcharakteristik. Unten schlängelt sich eine Schnellstraße durch die Häuserschluchten, die fahrenden Autos in 1:43 beleben. Immer wieder baut die Sammlung mit dem Thema „Groß und Klein“ erkenntnisreiche Gegensätze auf. In einem der ersten Räume ist die von oben betrachtete Silhouette eines Volkswagen Käfers auf dem Boden skizziert. Im Boden eingelassen in einem beleuchteten Tunnel sind dann VW Käfer in den verschiedenen Maßstäben. Sogar eine echte „Blaue Mauritius“ ist hier zu entdecken. Ein rares Unikat in der Baugröße 1:12. Da kann jetzt jeder Besucher selber auf Schatzsuche gehen.

Fahrzeuge, die Geschichten erzählen
„Was mich freut, ist die Tatsache, dass die neue Dauerausstellung sich in das Konzept des PS.Speichers harmonisch einfügt. Sie erzählt Geschichten und Geschichte rund um das Thema Automobil. Die drei Jahre Planung haben sich gelohnt. Die neuen Räume machen unser Museum noch attraktiver, geben ihm eine zusätzliche Facette“, so Jan Kalbfleisch, Vorstand des PS.Speichers. Im PS.Speicher geht es bei den Autos in 1:1 weniger um Exoten wie einen Ferrari, sondern um die Autos, die über Jahrhunderte hinweg das ganz normale Straßenbild geprägt haben. Und: Es geht um die Geschichte hinter den Automobilen.
Sogar den ersten Preis konnte die Ende November eröffnete Show der Miniaturen aus Einbeck schon einheimsen. Die Leser der Fachzeitschrift „Modell Fahrzeug“, des führenden europäischen Fachmagazins für Autominiaturen, wählten die „Sammlung Modellfahrzeuge“ zum Sieger in der Kategorie Innovationspreis bei ihrer Leserwahl 2025. Das ist so etwas wie der Oscar für Automodelle. Und der Innovationspreis ist alljährlich ganz besonders begehrt.

Interaktiv durch die Miniwelt
„Am Anfang gab es Überlegungen, die Modelle nach Maßstäben, Herstellern und Themen zu sortieren. Wir brechen diese etwas statische Ordnung jetzt in diesen Räumen ganz bewusst auf. Denn durch die Spannung zwischen ganz verschiedenen Miniaturen und deren Themenwelten wird die Gesamtshow so mehr als die Summe ihrer Einzelteile. Genau das begeistert für das Thema Miniaturen“, erklärt Matthias Kaluza. QR-Codes liefern, zusammen mit kurz gehaltenen Texten, weitere, vertiefende Informationen. Online legt der PS.Speicher noch weitere Infos dazu drauf. Und: Besucher können auch, auf eine etwas andere Art Auto-Quartett spielen. Natürlich in einer moderneren Variante. Ausgesuchte Stücke erzählen außerdem auf Knopfdruck auch ihre besondere Geschichte und Filmaufnahmen widmen sich Herstellern, der Produktion und weiteren Themenbereichen. Dazu gibt es verschiedene, abwechslungsreich gestaltete Dioramen, die man teilweise auch virtuell durchwandern kann. Ganz ohne Digitales geht es nicht!
Für Sammler und Nachwuchsfahrer
Die ersten 75 Besucher waren am 26. November 2025 die Firmenvertreter der Modellautobranche, die wegen der Preisverleihung zum „Modellfahrzeug des Jahres 2025“ in Einbeck feierten. Besucher der neuen Dauerausstellung zeigten sich sichtlich begeistert. Viele hatten ein Lächeln im Gesicht und verließen die Räume mit glücklichen Kinderaugen. Für die Hersteller von Modellautos sind solche Locations heute ganz besonders wichtig. Einer der ersten Besucher schwärmte: „Das Thema Modellautos macht Spaß – ein echter Volltreffer!“ Ein anderer bemerkte: „Man kann hier so viel entdecken. Obwohl es ja ein kleiner Museumsteil ist, würde ich hier sicher den halben Tag verbringen, bevor ich wieder freiwillig hinausgehe.“
Die sehr speziell geschnittenen Räumlichkeiten architektonisch sinnvoll zu bespielen, war auch nicht ganz einfach. Ein Teil der Ausstellungsstücke befindet sich etwas kreisrund angeordnet in einem Turm, der in den unendlichen Modellautohimmel zu wachsen scheint. Eine Kamera fährt dann verschiedene Modelle an und erklärt Hintergründe, Hersteller, Maßstab und vieles mehr.
Die Planungen für das Konzept begannen bereits 2022. Dem PS.Speicher waren im Vorfeld mehrere Modellauto-Sammlungen angetragen worden. Der Fundus dieser Exponate wuchs dann in einen fünfstelligen Bereich. Mit diesen Sammlerschätzen etwas zu tun, war den Museumsmachern wichtig. Das Thema Automobil soll auch wieder stärker in die Kinderzimmer zurückkehren. Denn wenn Kinder nicht mehr mit Modellautos spielen, entsteht langfristig auch weniger Interesse an Sammlerstücken. Und der Markt der Modellautos lebt sowohl vom Bereich Spielzeug sowie von den „Collectors Items“, also von Miniaturen, für die sich hauptsächlich Sammler interessieren. Auch diese beiden Welten führt das Konzept in Einbeck schlüssig zusammen.
Manchmal dienen schließlich Modellautos auch als Werkzeuge für ihre großen Vorbilder. Matthias Kaluza fasst zusammen: „Wir zeigen hier deshalb auch Aerodynamik- und Stylingmodelle, die bei der Formfindung und Optimierung von echten Autos eine wesentliche Rolle spielen.“ Merke: Begreifen kann ganz viel Spaß machen.
