Fokus: Ready. Set. Future!
Mehr Zukunftsarchitektur statt Vergangenheitsverwaltung! Dafür plädiert Jakob Ledermann von der Transformationsberatung philoneos in München. Für ihn ist Zukunft kein fernes Szenario, sondern operativer Alltag, auf den sich auch die Spielwarenbranche einstellen muss, gerade weil auch die mit neuen Realitäten wie exponenzielle Technologien, phygitale (= Kofferwort aus physisch und digital) Erlebniswelten und veränderten Erwartungen von Konsumenten und Mitarbeitenden konfrontiert ist. Innovationswillen allein reicht also nicht mehr, gefragt ist echte Future Readiness.
Autor: Jakob Ledermann

Wie werden wir „future ready“? Wie bereiten wir uns vor auf eine Welt, in der Zukunft nicht mehr kommt, sondern längst da ist? Eine Welt, die ihre Geschwindigkeit und ihren Mechanismus gewechselt hat und mit ihr die Spielregeln für jede Branche?
Future Readiness bezeichnet die Fähigkeit von Organisationen und Menschen, in einem dynamischen, exponenziell verändernden Umfeld kontinuierlich Orientierung zu gewinnen, bewusst zu handeln und neuen Wert zu schaffen. Und das wichtigste gleich vorneweg: Zukunftsfähigkeit lässt sich systematisch durch organisationale Strukturen aufbauen, die Innovation ermöglichen, aber auch durch individuelle Haltungen, die sie zum Leben erwecken. Diese und all die weiteren Überlegungen sind für die Spielwarenbranche absolut relevant, denn in einer Industrie, die sich zwischen physischen Produkten, digitalen Welten und phygitalen Erlebniswelten neu erfindet, ist die zentrale Frage nicht mehr – und das gilt für alle Unternehmen –, ob wir uns bewegen müssen, sondern wie wir lernen, in einem Umfeld zu agieren, in dem sich das Spielfeld permanent verschiebt.
Radikaler Wandel und virtuelle Realitäten
Nach Belegen für radikalen Wandel muss man nicht lange suchen: Netflix brauchte einst noch dreieinhalb Jahre für eine Million Nutzer, ChatGPT schaffte es in fünf Tagen. Künstliche Intelligenz generiert in anderthalb Jahren so viele Bilder wie die Menschheit in 149 Jahren zuvor. Amazon reduziert die Zeit von „Click to Ship“ um 78 Prozent mit Automatisierung, Robotik und KI. Und wir? Wir verbringen 54 Minuten täglich auf TikTok, aber nur 35 Minuten mit Freunden. Jeder achte Mensch hat laut MIT-Studie keinen engen Freund mehr während „Character-AIs“ virtuelle Intimität versprechen.
Die Veränderung wird noch deutlicher, wenn wir uns die jüngeren Generationen anschauen: Die Generation Z (1997-2012) ist häufiger süchtig nach Social Media statt nach Alkohol. Die Generation Alpha (ab 2012) kennt keine Grenze mehr zwischen digital und physisch. Die phygitale Realität ist ihr Normalzustand: Smartphones sind keine Geräte, sondern Erweiterungen des Selbst. Besonders für die Spielwarenbranche ist dieser Wandel zentral. Spielen findet zunehmend in Welten statt, nicht mehr ausschließlich in Produkten. Physische Spielwaren verschmelzen mit digitalen Inhalten, Plattformen, Communities und virtuellen Räumen. Marken schaffen Erlebniswelten, in denen analoges und digitales Spiel, Lernen und Interaktion untrennbar miteinander verbunden sind. Und Nachhaltigkeit ist längst kein USP mehr, sondern Hygienefaktor – eine Voraussetzung für Marktzugang, nicht für Wettbewerbsvorteile.
Diese Fakten sind symptomatisch für einen fundamentalen Paradigmenwechsel, der längst alle Märkte durchzieht, auch die Spielwarenbranche. Wir befinden uns in einer Realität, in der Entwicklungen nicht einfach exponenziell schneller ablaufen, sondern qualitativ anders funktionieren. Exponenziell ist das neue Normal, Linearität ein Relikt vergangener Jahrzehnte. Die klassische Vorstellung von Zukunft als definierbarem Zielzustand hat ausgedient. Stattdessen entfalten sich multiple, parallele Zukünfte. Sie überlagern sich, widersprechen einander und fordern eine neue Kompetenz: den souveränen Umgang mit Unsicherheit, Mehrdeutigkeit und permanenter Gleichzeitigkeit.
Doch das geht mit einer Zerrissenheit einher: Auf der einen Seite steht FUD (Fear, Uncertainty, Doubt), also die Angst vor dem Verlust bewährter Geschäftsmodelle, die Unsicherheit über relevante Technologietrends und der Zweifel, ob prognostizierte Entwicklungen tatsächlich eintreten. Auf der anderen Seite wirkt FOMO (Fear of Missing Out), also die permanente Angst, dass relevante Entwicklungen unbemerkt vorbeiziehen könnten, während Innovationen, Plattformen und neue Wettbewerber sich rasant verbreiten.
In diesem komplexen Zukunftsraum stehen Organisationen und Menschen vor einer zentralen Frage: Wie baut man Future Readiness auf? Wie gelingt der Übergang in diese exponenziellen, phygitalen, technologisch getriebenen Zukünfte – und womit beginnt man überhaupt?
Future Readiness entfaltet sich auf zwei Ebenen: der organisationalen und der individuellen. Unternehmen müssen systematische Innovationsstrukturen aufbauen und gleichzeitig müssen Menschen beginnen, als Innovatoren zu denken und zu handeln. Im Folgenden werden beide Dimensionen und ihr Zusammenspiel beleuchtet.
Teil I: Organisationale Future Readiness. Vom Innovationswunsch zur Innovationsfähigkeit
Ein Schlüsselkonzept für organisationale Zukunftsfähigkeit ist die organisationale Ambidextrie, die Fähigkeit von Unternehmen, beidhändig zu agieren. Mit der einen Hand wird das bestehende Geschäft effizient verbessert (Exploitative). Mit der anderen werden neue Wege erkundet, radikale Innovationen entwickelt, neue Geschäftsmodelle exploriert (Explorative). Nur Unternehmen, denen es gelingt, diese beiden Logiken gleichzeitig zu beherrschen, werden langfristige Zukunftsfähigkeit sichern.
Doch hier kommt das Innovationsparadoxon: 83 Prozent der Unternehmen zählen Innovation laut BCG-Studien zu ihren drei wichtigsten strategischen Prioritäten. Gleichzeitig sind nur rund drei Prozent tatsächlich in der Lage, diese Priorisierung in konkrete Ergebnisse zu übersetzen. Die Lücke zwischen Anspruch und Umsetzungsfähigkeit wächst kontinuierlich. Der Innovation Readiness Gap ist eine universelle Herausforderung.
Das Problem ist struktureller Natur: Innovation wird häufig isoliert oder rein ideengetrieben angegangen. Hackathons entstehen ohne strategische Einbettung, Innovationslabore ohne klare Verbindung zum Kerngeschäft, Ideenplattformen sammeln Vorschläge, die im Alltag versanden. Das Ergebnis: Zukunft als Innovationstheater statt als organisationale Fähigkeit.

Ein ganzheitlicher Ansatz
Um dieses Muster zu durchbrechen, muss ein ganzheitlicher Ansatz zur systematischen Steigerung von Innovationsfähigkeit unter dem Ziel „Future Readiness“ gewählt werden. Dieser sollte nicht als streng linearer Prozess konzipiert werden, sondern als sich kontinuierlich weiterentwickelnde organisationale Fähigkeit: Zukunft zu verstehen, zu gestalten und wirtschaftlich nutzbar zu machen. Die philoneos Growth Helix zeigt, wie dieser Ansatz in der Praxis funktioniert:
Phase 1:
Strategic Foresight – Orientierung vor Aktivität
Strategic Foresight bedeutet explizit nicht, die Zukunft vorherzusagen. Stattdessen geht es darum, unter Unsicherheit fundierte, evidenzbasierte Entscheidungen zu treffen. Relevante Trends, technologische Treiber und gesellschaftliche Entwicklungen werden systematisch analysiert. Daraus entstehen Suchfelder – Themenräume, in denen zukünftig Wert entstehen könnte – sowie Spielfelder, in denen ein Unternehmen realistisch agieren kann. Das Ergebnis ist eine klar formulierte Innovationsstrategie, die alle folgenden Innovationsaktivitäten informiert. Sie definiert zudem, welchen konkreten Beitrag Innovation zur langfristigen Entwicklung des Unternehmens leisten soll.
Phase 2:
Innovationsarchitektur – Vom Design zur Systemfähigkeit
Die Innovationsarchitektur sorgt dafür, dass die strategische Richtung umgesetzt werden kann. Sie beschreibt das Design von Strukturen, Prozessen, Rollen und Mechanismen, die Innovation wiederholbar, steuerbar und skalierbar machen – das Betriebssystem für exploratives Arbeiten. Zur Innovationsarchitektur gehören definierte Ideen- und Innovationsprozesse, das Etablieren von Innovations-Teams, aber auch klare Entscheidungskriterien, Ziele und Kontroll-Mechanismen.
Der Zielzustand: Organisational Readiness. Innovation ist nicht mehr vom Engagement Einzelner abhängig, sondern wird zur systemischen Fähigkeit.
Phase 3:
Value Exploration – Von der Hypothese zum Markt
In der dritten Phase geht es um das Generieren, Validieren und Umsetzen von neuem Wert. Value Exploration umfasst kontinuierliche Innovationsaktivitäten sowie gezielte Innovationsformate. Der Fokus liegt nicht allein auf der Generierung von Ideen – Ideenmangel ist selten das Problem -, sondern auf dem Lernen, Testen und Skalieren neuer Lösungen. Ziel ist es, Unsicherheit schrittweise zu reduzieren und aus Hypothesen marktfähige Angebote zu entwickeln.
Das Zusammenspiel der Growth Helix
Die drei Phasen greifen ineinander wie die Windungen einer Helix: nicht als starre Abfolge, sondern als sich wiederholender Entwicklungsprozess. Innovation wird nicht mehr als Ausnahmezustand behandelt, sondern als integraler Bestandteil der Organisation.
Gleichzeitig zeigt sich: Selbst die beste Strategie und Architektur werden nur dann wirksam, wenn Menschen befähigt, ermutigt und befugt sind, in diesen Strukturen zu handeln. Organisationale Readiness allein ist nicht hinreichend, auch wir Menschen müssen „future-ready“ werden.

Teil II: Individuelle Future Readiness – Wenn Menschen zu Innovatoren werden
Innovatorin oder Innovator ist kein Jobtitel , es ist eine Haltung, eine Rolle, die Menschen unabhängig von Funktion oder Hierarchiestufe einnehmen können. Wer glaubt, Innovation an andere delegieren zu können, delegiert seine Zukunftsfähigkeit. Und es betrifft uns alle: wir leben in einer Zeit des Übergangs. Wir sind alle Teil der „Generation T“, der Transformations-Generation. Sie steht für den Übergang in eine neue technologische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Epoche. Die Herausforderungen dieser Transformation machen nicht an demografischen Grenzen halt. Sie betreffen die 55-jährige Abteilungsleiterin ebenso wie den 28-jährigen Produktmanager.
Die 4C-Formel: Consciousness, Curiosity, Context, Call to Action
Um als Individuen in diesem Umfeld wirksam zu sein, lässt sich Future Readiness entlang einer 4C-Formel beschreiben – ein flexibles Navigationssystem für individuelles Zukunftshandeln.
- Consciousness: Das bewusste Wahrnehmen von Veränderung
„Passiert da gerade etwas?“ – Veränderungen finden nicht nur als dramatische Disruptionen statt. Sie wirken permanent und oft inkrementell. Es ist wichtig, sich diese Veränderungen bewusst zu machen und bestehende Erfolgslogiken nicht automatisch in die Zukunft tragen. Wir müssen uns kontinuierlich mit unseren Zukünften auseinandersetzen. - Curiosity: Neugier als Zukunftskompetenz
Neugier beschreibt die Bereitschaft, sich mit neuen Entwicklungen auseinanderzusetzen. Sie sollte kein gelegentlicher Impuls sein, sondern ein fester Bestandteil des eigenen Denkens und Handelns. Neugier gibt notwendige Tiefe und durchdringt Trends und Entwicklungen – den Inhalt unserer Zukünfte. - Context: Von der Information zur Relevanz
Kontextualisierung ist die Fähigkeit, Entwicklungen einzuordnen und in Beziehung zum eigenen Wirkungsfeld zu setzen. Die zentrale Frage lautet: „Was bedeutet das Beobachtete konkret für uns und für unsere Kunden?“ Ein Spielwarenhersteller mit 80 Jahren Erfahrung in physischen Produkten muss die Trends der phygitalen Welten nicht kopieren. Er kann sie im Kontext seiner Stärken neu interpretieren. Kontext ist der Filter, der aus dem Rauschen das Signal extrahiert. - Call to Action: Vom Verstehen zum Gestalten
Erkenntnis allein erzeugt noch keine Veränderung. Zukunftsfähigkeit entsteht durch Handeln – und dieses Handeln muss nicht groß oder perfekt beginnen. Call to Action bedeutet, anzufangen: oft in kleinen, bewussten Schritten. Zukunftsorientiertes Handeln folgt einem Backcasting-Ansatz: Zunächst wird ein gewünschtes Zukunftsbild entworfen. Daraus werden Ziele abgeleitet, die als Orientierung für heutige Entscheidungen dienen. Aus diesen Zielen entstehen konkrete, kleine Experimente.
Das Zusammenspiel: Organisation trifft Individuum
Erst im Zusammenspiel von organisationalen Strukturen und individuellen Haltungen entsteht echte Future Readiness. Organisationen schaffen den Rahmen – Innovatoren füllen ihn mit Leben. Die beste Innovationsarchitektur bleibt wirkungslos ohne Menschen, die sie nutzen. Die inspirierteste Vision verpufft ohne Strukturen, die ihre Umsetzung ermöglichen. Future Readiness ist kein Zustand, den man erreicht und dann abhakt. Es ist ein kontinuierlicher Prozess – eine Bewegung, keine Destination.
Jetzt ist die Zeit, den ersten Schritt zu machen. Nicht morgen, nicht nach der nächsten Strategie-Runde. Denn das Spielfeld verändert sich und verschiebt sich weiter. Die Uhr tickt nicht linear, sie tickt exponenziell. Future Readiness ist keine abstrakte Managementtheorie, sondern eine konkrete, zu etablierende und lebende Praxis.

Über den Autor:
Jakob Ledermann ist Innovations-Stratege und Trend-Scout bei der philoneos GmbH in München. Er begleitet (Familien-)Unternehmen an der Schnittstelle von Innovation & Foresight: von der Entwicklung zukunftsfähiger Strukturen über die systematische Exploration emergierender Trends und Bedürfnisse neuer Generationen bis hin zum Aufbau nachhaltiger Handlungsfähigkeit. Als Speaker, Gastdozent sowie Herausgeber des Newsletters „Inspiration Circle“ spricht und schreibt er über aktuelle sozio-technologische Entwicklungen, macht sie greifbar und diskutiert ihre Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft. In seinen Vorträgen geht er gemeinsam mit dem Publikum der Frage nach: „Was kommt da eigentlich auf uns zu und wie bereiten wir uns am besten darauf vor?“
philoneos ist eine Transformationsberatung im DACH-Raum, die Unternehmen dabei unterstützt, Zukunftsfähigkeit in den Wirkungsfeldern Innovation & Foresight, Organization & Culture, und Sustainability aktiv zu gestalten – wissenschaftlich fundiert, kollaborativ und klar umsetzungsorientiert. Getreu dem Motto „reinventing tradition“ berät philoneos wertebasierte Organisationen dabei, Wandel als Chance zu nutzen und Traditionsfähigkeit neu zu denken.
