Er war Kurtz mal weg

3. Juni 2022, 11:24

Kein Scherz: Bernd Stocker is back. Seit 1. April 2022 krempelt er beim ehemaligen Spielwaren Kurtz in Stuttgart nochmal die Ärmel hoch. Nach sechs Jahren „Abstinenz“ zog es den Spielwarenhändler aus Leidenschaft zurück in die schwäbische Metropole. An seine alte Wirkungsstätte. Eine Reise in die Vergangenheit? Eine Leidenschaft, die mehr Leiden schafft als Freude in diesen Zeiten? Sentimentalität? Ein trotziges: Ich zeig’s euch? Was treibt Bernd Stocker an? Was fasziniert ihn? Das erfuhr Sibylle Dorndorf im Gespräch.

Herr Stocker, einmal Spielwaren, immer Spielwaren. Sie kennen die Branche aus fast jeder Perspektive. Einkaufsverbund, Industrie, Handel, als Vater … am Handel mit Spielwaren scheint Ihr Herz zu hängen. Warum?
Für mich, wie für viele, die schon so lange in der Branche arbeiten, gibt es nichts Schöneres, als sich mit der Vielfalt der Produkte, der jeweils standortabhängigen Bedingungen und den tollen Menschen, sowohl auf Kunden- als auch auf Mitarbeiterseite zu beschäftigen. Gerade in den vergangenen Jahren ist mir bewusst geworden, welch tolle Zeit ich hier in Stuttgart hatte und insofern war es klar, dass ich die Chance ergreifen werde und trotz schwieriger Rahmenbedingungen einen Neustart wage.

Totgesagte leben länger. Viele hatten den „Kurtz“ in Stuttgart aufgegeben, obschon es eines der schönsten Spielwarengeschäfte Deutschlands war und ist. Und eine Institution für die Stuttgarter. Die wechselvolle Geschichte dieses Traditionshauses ist eng mit Ihrer eigenen verbunden. Nach sechs Jahren feiern Sie nun ein Comeback, mit dem in diesen Zeiten wohl niemand gerechnet hat …
Na ja, in der Branche wird schon immer viel geredet, und insofern habe ich die Gerüchte und Presse natürlich mitverfolgt. Klar ist jedoch, dass seit meinem Weggang in Stuttgart das Thema Spielwaren nicht mehr bespielt wurde. Die Geschäfte sowohl in Stuttgart als auch in Tübingen waren in den letzten Jahren von der strategischen Ausrichtung der Kanz-Gruppe beziehungsweise Bellybutton International geprägt. Hier lag ganz klar der Fokus auf Textil. Wenn dann noch andere Probleme dazukommen, ist es fraglich, ob der Kunde die offerierten Konzepte annimmt. Grundsätzlich ist meine Erfahrung im Handel, dass der Kunde heute Identität und Verbindlichkeit sucht. Das heißt, in ein Spielwarengeschäft gehört Spielware und es orientiert sich an den aktuellen Trends und Themen bei Klein und Groß.

„In ein Spielwarengeschäft
gehört Spielware“

Spielwaren sind „Ihr Ding“. Die Branche Ihr Zuhause. Aber nicht erst seit Corona ist die heile Spielwaren-Welt nicht mehr so wie sie war. Im Handel, bei den Kunden, in den Unternehmen. Leichter ist es nicht geworden. Und während viele sich zurückziehen, ihre Geschäfte schließen, wollen Sie es in Stuttgart noch mal wissen. Sie fangen doch sicher nicht mehr da an, wo Sie vor sechs Jahren aufgehört haben, oder?
Na ja, das geht natürlich nicht. Für mich besonders ist aber, dass viele meiner ehemaligen Weggefährten auf Seiten der Belegschaft wieder da sind. Zuletzt sind Mitarbeiter, die gleich 2013 das Unternehmen verlassen haben, wieder an den alten Arbeitsplatz zurückgekommen. Um erfolgreich im Handel zu sein, ist neben Verbundpartnern und Standort auch das Personal von großer Bedeutung. Dies ist das Fundament für die Zukunft und war schon immer eine Stärke von uns.
Inhaltlich versuchen wir einen Spagat zwischen Tradition und sich veränderter Konsumlandschaft zu schaffen. Die Kunden erwarten von einem Stuttgarter Traditionsgeschäft natürlich eine Modelleisenbahn, aber auch moderne und attraktive Sortimente mit digitalen Anbindungen. Die technischen Anforderungen an unsere Prozesse hin zum Kunden sind enorm, hier wollen wir in den nächsten Monaten enorm viel investieren und für den Kunden ­hybride Modelle anbieten.

Ein Fundament für den Erfolg im
Handel ist das Personal. Bernd Stocker kann auf alte Weggefährten zählen.

Man kann es fast nicht mehr hören, aber das digitale Erwachen im Handel ist in aller Munde. Nur weiß keiner so recht, wie es konkret aussieht. Wissen Sie’s?
Wie bereits gesagt, haben wir hier einige Themen in Planung, die wir nach einem etwas holprigen Start in Stuttgart in den nächsten Monaten realisieren wollen. Hierbei spielt unser Verband, die Vedes, eine große Rolle. Neben unserem neuen Warenwirtschaftssystem IPOS versuchen wir hier in Bezug auf die Prozesse durchgehend digital in alle Richtungen zu sein.
Leider haben wir auch nach sechs Jahren Abwesenheit eine nahezu unveränderte Situation in Bezug auf digitale Prozesse zwischen Industrie und Handel. Es gibt in der Branche zu wenig Industriepartner, die die Schnittstelle NTG nutzen. Gerade die großen Lieferanten arbeiten alle an einer internen Optimierung und konzentrieren sich auf bilaterale Schnittstellen, anstatt große Lösungen mit der NTG und den Verbänden zu realisieren. Wenn wir heute noch immer Bestellungen via Fax übertragen und Rechnungen mit der Post bekommen, wenn wir noch immer keine vollständigen PRICAT’S und Bilddaten von Artikeln haben, dann hat die Industrie die Notwendigkeit einer auch zum Handel ausgerichteten Digitalisierung noch nicht verstanden.

Sie haben in Ihren Geschäften immer auf Produkte gesetzt, die vom Spielwert her nachhaltig waren. Nun ist dieser Begriff in aller Munde und forciert so manche Kaufentscheidung. Setzen Sie in Ihren Geschäften heute mehr auf Nachhaltigkeit als früher? In welchen Bereichen? Und wie setzen Sie das um?
Das Thema Nachhaltigkeit ist, wie Sie gesagt haben, schon immer wichtig für uns gewesen. Ich denke wir sollten aber auch hier nicht nur den Fokus auf das Produkt, sondern vielmehr auf den Entstehungsprozess (Produktion), den Transport- und Verpackungsprozess sowie die Verkaufsverpackung richten. Gerade im Bereich Transport stellt sich doch die Frage, welche Rolle zukünftig ein leistungsstarker Großhandel, wie zum Beispiel die Vedes, spielen kann. Bedarfsgerechte Belieferung, DropShip für Kunden via Großhandel, Ship per Store im Onlinehandel, das sind die Themen, die zu einer positiven CO2-Bilanz führen können. Wenn Sie heute in die Logistikbereiche der Händler schauen, welch enormen Müllberge, verursacht von den Indus­triepartnern, entstehen, dann haben wir hier noch viele Aufgaben zu bewältigen, die sich kurzfristig positiv auf unsere Umwelt und auf unsere Kosten niederschlagen. Bereits vor meinem Rückzug habe ich mit Lieferanten über die „Lieferverpackung und Verkaufsverpackung“ von Produkten gesprochen. Seither hat sich nichts getan. Die Artikel kommen immer noch in einzelnen Kunststoffbeuteln, diese wiederum zusammengefasst in einer großen Kunststofftüte, angeliefert in einem viel zu großen, in Folie eingeschweißten Karton.
Ich bin der Meinung, dass wir uns beim Thema Nachhaltigkeit noch mehr auf die Themen rund um das Produkt kümmern sollten, da wir hier deutlich schneller Effekte für die Umwelt und auch in Bezug auf Kostenersparnisse haben können.

Können Sie bestätigen, dass nachhaltige Produkte und nachhaltiges „Handeln“ bei Ihren Kunden mehr nachgefragt werden?
In unseren Geschäften was dies schon immer ein Thema. Meiner Meinung nach ist dies auch ein Garant für die vielen inhabergeführten Einzelhandelsgeschäfte, und damit auch eine klare Abgrenzung zu anderen Formaten wie stationär und online.

Sie haben noch weitere Geschäfte in München, Tübingen und Konstanz. Fahren Sie überall das gleiche oder ein ähnliches Konzept?
Die Bedingungen sind teilweise schon unterschiedlich. Unser Anspruch an Standort, Personal und Sortiment ist allerdings immer derselbe. Insofern hat der Kunde hier auch einen gewissen Wiedererkennungswert. Und die Bedürfnisse der Kunden sind eigentlich überall gleich, die einzelnen Möglichkeiten jedoch teilweise unterschiedlich.

Auf welche Marken setzen Sie vor allem?
Für uns steht immer das Produkt im Fokus. Die Marke muss das Potenzial haben, neben einer guten Spielidee auch einen gewissen Spielwert zu bieten. Wenn dann eine Marke noch begehrlich und positiv besetzt ist, dann funktioniert diese auch in den Formaten, für die ich stehe.

Sie sind ein alter Spielwaren-Hase. Würden Sie Gründern im Handel zu Spielwaren im Sortiment raten?
Wenn man nach sechs Jahren Abwesenheit diese Herausforderung wieder annimmt, dann kann ich diese Frage nur bejahen. Für Gründer wünsche ich mir, dass es hier bessere Start-Konzepte gibt, in welchen die jeweiligen Partner sich verpflichten, einen Neugründer zu unterstützen. Hierzu reicht es nicht, nach Erfüllung der Anmeldeformalitäten einfach nur Ware zu schicken.