Case Study: Warum„Der kleine Prinz“ bis heute begeistert
Anlässlich des 80. Jahrestags der französischen Erstveröffentlichung von „Der kleine Prinz“ hat der Kinderbuchverlag Gallimard-Jeunesse gemeinsam mit Studio MinaLima (bekannt durch die Harry Potter-Filme) eine aufwändig illustrierte und interaktive Ausgabe von Antoine de Saint-Exupérys zeitlosen Geschichte herausgebracht, die sowohl Kinder als auch Erwachsene anspricht. Astrid Specht hat mit Hedwige Pasquet, Präsidentin von Gallimard-Jeunesse und Miraphora Mina und Eduardo Lima, die Co-Gründer von Studio MinaLima, über die anhaltende Kraft der Geschichte, die Rolle des Saint-Exupéry-Nachlasses, den internationalen Erfolg der Neuauflage und das empfindliche Gleichgewicht zwischen kulturellem Erbe, kreativer Innovation und Lizenzpotenzial gesprochen. Entstanden ist eine Case Study par excellence, die zeigt, wie gut die Neuauflage eines generationenübergreifenden Klassikers werden kann, wenn alle Komponenten stimmen.

„Der kleine Prinz“ ist seit 80 Jahren ein weltweites Phänomen. Was macht seine zeitlose Anziehungskraft aus?
Hedwige Pasquet: Ich denke, Der kleine Prinz ist tatsächlich zeitlos und universell zugleich. Wenn man sich die Werte anschaut – Freundschaft, Liebe, der Schutz der Natur, der achtsame Umgang mit Tieren –, dann sind das Werte, die alle Menschen ansprechen. Sehr interessant ist, dass Saint-Exupéry über die Welt der Erwachsenen spricht, aber durch die Welt der Kinder. Was er möchte, ist, dass jeder Erwachsene sich die Seele eines Kindes bewahrt. Das ist sehr wichtig für menschliche Beziehungen und dafür, wie wir auf die Welt blicken.
Außerdem steckt sehr viel Emotion in Der kleine Prinz. Saint-Exupéry selbst war ein Humanist. Er glaubte an die Menschheit, und das ist sehr wichtig. Als er das Buch schrieb, war es während des Zweiten Weltkriegs. Er befand sich in den Vereinigten Staaten, weit weg von Frankreich, und fühlte sich allein. Was damals geschah, hat ihn tief getroffen. Dann beschloss er, nach Frankreich zurückzukehren, um zu kämpfen. Er verließ die USA kurz bevor das Buch dort veröffentlicht wurde. Heute leben wir wieder in einer Zeit, in der Kriege präsent sind. Die Werte, die wir in Der kleine Prinz finden – nicht zu verzweifeln, Hoffnung zu bewahren –, sind nach wie vor sehr relevant. Hoffnung ist Teil des Buches. Das ist einer der Gründe, warum es die Leserinnen und Leser bis heute so stark anspricht.
Würden Sie sagen, dass genau das „Der kleine Prinz“ zu einem Klassiker macht – dass seine Werte über Generationen hinweg relevant bleiben?
Hedwige Pasquet: Ja, genau. Das ist es, was man einen Klassiker nennen kann. Die Werte sind noch immer dieselben, und wir verstehen nach wie vor, worum es in dem Buch geht. Die Emotionen sind noch immer nachvollziehbar. Sie gehen direkt ins Herz.
Gibt es Zahlen, die die weltweite Reichweite von „Der kleine Prinz“ veranschaulichen?
Hedwige Pasquet: Der kleine Prinz wurde in rund 650 Sprachen und Dialekte übersetzt. Weltweit wurden rund 350 Millionen Exemplare verkauft.


Mira, Eduardo, wie und wann wurden Sie von Gallimard-Jeunesse angesprochen, eine visuelle Neuinterpretation des Klassikers Der kleine Prinz zu entwickeln? Und was hat Sie an dem Projekt gereizt und dazu gebracht, Ja zu sagen?
Eduardo Lima: Als Gallimard erstmals auf uns zukam, war das eine Einladung, die unsere kühnsten Träume übertraf. Ich komme aus Brasilien, wo Der kleine Prinz ein Schatz ist. Ich erinnere mich daran, wie ich das Buch als Kind gelesen habe und wie tief es mich berührt hat. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich eines Tages die Möglichkeit bekommen würde, mit genau diesem Text zu arbeiten! Das war ein sehr, sehr bewegender Moment für mich.
Miraphora Mina: Zugegeben, zuerst dachten wir: „Sind Sie sicher?“ Das Originalwerk ist so beliebt, dass wir uns natürlich fragen mussten, ob es überhaupt klug wäre, auch nur daran zu denken, es anzufassen. Aber die Tatsache, dass der Vorschlag von Gallimard und der Familie Saint-Exupéry selbst kam – und dass sie uns ihr Vertrauen schenkten –, war genau die Bestätigung, die wir brauchten. Sie gaben uns vollständig „carte blanche“ … eine leere Leinwand, die wir dann natürlich mit so viel Farbe wie möglich gefüllt haben!
Welche strategische Bedeutung hat das 80. Jubiläum der französischen Veröffentlichung für Gallimard-Jeunesse? Ist sie eher kultureller, kommunikativer oder kommerzieller Natur?
Hedwige Pasquet: Zunächst einmal ist sie ganz klar kulturell. Wir glauben so sehr an diesen Text. Wir möchten ihn weiter veröffentlichen und immer wieder zeigen, wie wichtig er ist. Wir sind Saint-Exupéry sehr dankbar für das, was er geschaffen hat, und wir möchten es mit allen teilen. Natürlich ist es in gewisser Weise auch kommerziell, denn Der kleine Prinz ist ein Bestseller und das seit sehr langer Zeit. Aber an erster Stelle steht die kulturelle Bedeutung. Wir mögen es, von Der kleine Prinz begleitet zu werden. Er ist Teil unserer Kultur. Im Französischen würden wir von einem „patrimonialen“ Text sprechen, also von einem Titel des kulturellen Erbes. Er gehört zu unserem Kulturerbe, so wie große klassische Autorinnen und Autoren. Gleichzeitig ist er aber auch ein Ort, an dem wir Innovation praktizieren können. Für einen Verlag ist es sehr interessant, einen solchen Titel des kulturellen Erbes lebendig zu halten, indem man ihn mit zeitgenössischer Kreativität und moderner Kunst verbindet.
Ist diese kulturelle Relevanz spezifisch französisch, oder würden Sie sagen, sie ist international?
Hedwige Pasquet: Sie ist sehr international. Ein wichtiger Aspekt ist, dass Der kleine Prinz in Frankreich und in den Vereinigten Staaten noch urheberrechtlich geschützt ist, während er in vielen anderen Teilen der Welt gemeinfrei ist. Dadurch ergeben sich gewisse Unterschiede darin, wie Projekte entwickelt werden können. Aber was seine Bedeutung und seine kulturelle Wirkung betrifft, ist er wirklich international. Er ist nicht nur für Frankreich ein Titel des kulturellen Erbes, sondern für Leserinnen und Leser auf der ganzen Welt.
Für viele Leserinnen und Leser ist Der kleine Prinz eng mit den Illustrationen von Saint-Exupéry selbst verbunden. Warum haben Sie entschieden, dass jetzt der richtige Moment für eine so besondere neue illustrierte Ausgabe gekommen ist?
Hedwige Pasquet: Zunächst einmal ist es wichtig zu verstehen, dass dies nicht allein unsere Entscheidung ist. Es ist auch die Entscheidung des Saint-Exupéry-Nachlasses. In Frankreich gibt es zwei Arten von Rechten: wirtschaftliche Rechte und Urheberpersönlichkeitsrechte. Normalerweise gehört ein Text dem Autor und anschließend dem Nachlass bis 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Im Fall von Saint-Exupéry ist die Schutzfrist in Frankreich länger, weil er während des Krieges im Einsatz für sein Land gestorben ist. Deshalb kann keine wichtige Entscheidung ohne den Nachlass getroffen werden. Es ist auch nicht ganz das erste Mal, dass wir mit Der kleine Prinz etwas anderes gemacht haben. Vor mehr als zehn Jahren haben wir eine Graphic-Novel-Adaption von Joann Sfar veröffentlicht. Außerdem haben wir eine Pop-up-Ausgabe mit den Originalillustrationen von Saint-Exupéry herausgebracht. Aber für diese neue Ausgabe hatten wir das Gefühl, dass wir die richtige Gelegenheit und den richtigen Partner gefunden hatten. Wir kannten MinaLima bereits, und als wir mit ihnen arbeiteten, hatten wir das Gefühl, dass sie perfekt zu uns passen könnten.
Der entscheidende Faktor war also nicht einfach das Jubiläum, sondern die richtige kreative Verbindung?
Hedwige Pasquet: Ja, genau. Ich erinnere mich sehr gut an das Mittagessen, bei dem wir mit MinaLima sprachen und sagten: „Wir haben da eine kleine Idee. Was würden Sie davon halten, Der kleine Prinz zu illustrieren?“ Sie waren sehr begeistert. Aber natürlich mussten wir zuerst mit dem Nachlass sprechen. Bevor wir zum Nachlass gingen, wollten wir sicher sein, dass MinaLima interessiert wäre. Dann organisierten wir das Treffen zwischen dem Nachlass und MinaLima. Das war ein sehr besonderer Moment. Der Nachlass ist Der kleine Prinz gegenüber natürlich sehr beschützend. Und MinaLima – sowohl Miraphora Mina als auch Eduardo Lima – lieben das Buch. Sie waren auf derselben Wellenlänge, was Respekt und Begeisterung betrifft. Alle waren froh, sich kennenzulernen und voranzugehen.
Von außen könnte man denken, die Erben von Saint-Exupery seien eher zurückhaltend, wenn es darum geht, neue Interpretationen zuzulassen. Ist das zutreffend?
Hedwige Pasquet: Nein, nicht ganz. Der Nachlass war neuen Projekten gegenüber immer aufgeschlossen, aber das Projekt muss zum Geist des Werkes passen. Es gab Filme, Theateradaptionen, illustrierte Ausgaben anderer Saint-Exupéry-Titel und multimediale Entwicklungen. Außerdem gibt es immersive Erlebnisse, Projektionen und viele andere Formate. Der Nachlass ist also offen für unterschiedliche Projekte, aber sie müssen passend sein. Als die Erben Joann Sfar für die Graphic Novel traf, war das Gefühl: Ja, er ist der Richtige. Als er MinaLima traf, war es genauso. Es musste eine gute Verbindung sein.
Wie gehen Sie visuell an die Neuinterpretation eines Werkes heran, das bereits so eng mit seinem Autor verbunden ist?
Miraphora Mina: Uns war früh klar, dass unsere Ausgabe einen völlig anderen Ansatz verfolgen musste als die Illustrationen von Saint-Exupéry, die so ikonisch sind. Im Original ist das Universum des kleinen Prinzen visuell sehr reduziert, fast minimalistisch. Wir entschieden uns dafür, die Landschaft des Himmels zu erkunden und unsere Illustrationen mit einer Vielzahl von Planeten, Farben und anderen Wundern zu füllen, die man im tiefen Weltall finden könnte.
Eduardo Lima: Wir stellten uns vor, was der kleine Prinz mit seinen eigenen Augen gesehen haben könnte … und auch, was wir als Kinder gern gesehen hätten!
Wie ist es Ihnen gelungen, die Balance zwischen der Bewahrung des Originalwerks von Antoine de Saint-Exupéry und Ihrer eigenen kreativen Handschrift zu finden?
Eduardo Lima: Als Gallimard und die Familie Saint-Exupéry auf uns zukamen, sagten sie uns etwas sehr Wichtiges: Das Ziel sei nicht, das bereits Geschaffene neu zu erschaffen, sondern es vollständig neu zu imaginieren.
Miraphora Mina: Deshalb konzentrierten wir uns stattdessen darauf, wie wir den Geist des Originaltexts einfangen konnten: seine Verspieltheit, seinen Einfallsreichtum und sein Staunen. Die Themen der Geschichte sind so stark, zeitlos und universell, dass sie sich tatsächlich sehr gut für eine neue visuelle Interpretation eignen. Die ganze Geschichte handelt von der Kraft der Vorstellung, also mussten wir dem gerecht werden, indem wir unserer eigenen Kreativität freien Lauf ließen.
War MinaLima das einzige Designstudio, das Sie angesprochen haben, oder gab es einen breiteren Auswahlprozess?
Hedwige Pasquet: Es war von Anfang an MinaLima. Wir haben sehr eng mit ihnen zusammengearbeitet, und wir waren überzeugt, dass sie in der Lage sein würden, den Text zu respektieren. Zunächst haben sie sich kreativ ausgedrückt. Dann schickten sie uns die Zeichnungen, und wir besprachen sie gemeinsam. Ein Punkt, an dem wir sehr eng zusammengearbeitet haben, war das Gesicht des kleinen Prinzen. Als sie schließlich das richtige Gesicht gefunden hatten, war das für uns eine große Freude. Es fühlte sich wirklich wie das Gesicht des kleinen Prinzen an. Die Zusammenarbeit mit ihnen war sehr einfach. Es gab keine größeren Probleme. Das Wichtigste für uns war der Respekt vor dem Text. Wir wollten keine Änderungen am Text, und wir wollten nichts, das sich zu weit vom Geist des Buches entfernt hätte. Das war unsere Rolle: sicherzustellen, dass die Interpretation dem Werk treu bleibt.
Gab es bestimmte Designvorgaben, an die MinaLima sich halten musste?
Hedwige Pasquet: Sie waren vollkommen frei. Das ist unsere Art zu arbeiten. Wir erwarten von Illustratorinnen und Illustratoren, dass sie ihre Arbeit tun. Es muss ihre Art sein, Der kleine Prinz zu fühlen, ihn zu lesen, ihn zu lieben. Im Allgemeinen arbeitet Gallimard so. Wir bestellen Dinge bei Autorinnen und Autoren oder Illustratorinnen und Illustratoren nicht auf starre Weise. Es geht wirklich um den Ausdruck des Illustrators oder des Autors. Danach diskutieren wir und tauschen uns natürlich aus, aber wir lassen sie nach ihrer Art gestalten.
Diese besondere Ausgabe enthält zahlreiche interaktive Elemente. Welche Idee stand hinter diesem Ansatz?
Eduardo Lima: Interaktive Elemente sind ein sehr wichtiger Bestandteil jeder MinaLima-Ausgabe; sie gehören zu den ganz besonderen Merkmalen unserer Bücher. Wir haben dieses Format erstmals 2015 für unsere MinaLima-Classics-Reihe entwickelt, mit der Idee, dass die Leserinnen und Leser sich über den Text hinaus einbringen sollen. Wir möchten, dass man aktiv teilnimmt!
Miraphora Mina: Auch unser Hintergrund in Grafikdesign und Worldbuilding für den Film hat diesen Ansatz geprägt. Viele der interaktiven Elemente funktionieren beinahe wie Requisiten, die den Leserinnen und Lesern helfen, sich vollständig in die Welt der Geschichte einzutauchen.
Welche Rolle spielen taktile, analoge Interaktionen im Vergleich zu digitalen Erlebnissen, besonders für Kinder?
Eduardo Lima: Nichts kann die Magie von Papier ersetzen, selbst in der digitalen Welt, in der wir heute leben. Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen sowie Bibliothekarinnen und Bibliothekare aus aller Welt haben uns erzählt, dass unsere Ausgaben Kindern helfen, Leseschwierigkeiten zu überwinden – besonders wegen der physischen 3D-Elemente. Es ist ein aufregenderer und weniger einschüchternder Zugang zum Lesen. In einer Zeit, in der es eine echte Lesekrise gibt, ist es uns wichtig, ein Buch anzubieten, in das man wirklich eintauchen möchte.
Miraphora Mina: Wir sagen immer, dass Design alle fünf Sinne ansprechen muss. Berührung, Haptik, Bewegung – all das weckt einen ganz neuen Teil im Geist der Leserinnen und Leser. Mit den interaktiven Elementen konnten wir noch fantasievoller damit umgehen, die Grenze zwischen Lesen und Spielen zu verwischen.
Die Ausgabe scheint Kinder und Erwachsene gleichermaßen stark anzusprechen. War diese generationenübergreifende oder sogar „Kidult“-Anziehungskraft von Anfang an Teil des Konzepts?
Hedwige Pasquet: Wir haben nicht in dieser strategischen Weise darüber nachgedacht. Wir haben nicht gesagt: Wir wollen diese oder jene Leserschaft erreichen. Wir dachten: Wir lieben die Arbeit von MinaLima, und wir glauben, dass sie wirklich zu Der kleine Prinz passen kann. Wenn etwas auf so symbiotische Weise funktioniert, wird es natürlich. Zunächst gibt es natürlich die Kinder. Aber dann gibt es auch all die Erwachsenen, die sich die Seele eines Kindes bewahrt haben.
Mira, Eduardo, was würden Sie sagen – war diese Ausgabe darauf ausgelegt, ein erwachsenes Publikum anzusprechen? Oder ist dies eher ein generationenübergreifendes Projekt?
Miraphora Mina: Unsere Bücher sind für alle Altersgruppen gedacht. Natürlich sprechen Deluxe-Ausgaben aus ästhetischen Gründen ein älteres Publikum an, aber unser Ziel ist es immer, das Kind in jedem Menschen zu begeistern – über Generationen hinweg. Sich wieder mit diesem jugendlichen Sinn für Staunen und Vorstellungskraft zu verbinden, ist ein sehr wichtiger Teil unseres Designprozesses, und genau das hoffen wir erwachsenen Leserinnen und Lesern zu geben. Tatsächlich haben wir unsere Ausgabe von Der kleine Prinz allen Kindern überall gewidmet – auch den Kindern wie uns, die sich als Erwachsene verstecken!
Wissen Sie, wer die MinaLima-Ausgabe kauft? Sind es vor allem Familien, Sammler, Erwachsene …?
Hedwige Pasquet: MinaLima ist sehr bekannt für seine illustrierten Harry-Potter-Ausgaben, und Harry Potter hat eine sehr breite Leserschaft. Das war einer der Gründe, warum wir sie für Der kleine Prinz wollten. Sie können ein breites Publikum erreichen. Was sie mit dieser Ausgabe tun, ersetzt die Illustrationen von Saint-Exupéry nicht, und es geht auch nicht darum, etwas „Überlegenes“ zu schaffen. Ganz und gar nicht. Sie erweitern die Leserschaft. Es ist eine andere Art, Der kleine Prinz zu lesen. Das Buch ist interaktiv, und das ist sehr wichtig. Für Kinder heute ist das wichtig; sie erwarten diese Art von Einbindung. Gleichzeitig sind MinaLimas Illustrationen sehr farbenfroh, voller Details und Entdeckungen. Saint-Exupérys Originalillustrationen enthalten viel weiße Fläche, während MinaLima einen sehr farbenfrohen Ansatz gewählt hat. Interessant ist, dass sie versucht haben, sich vorzustellen, was Saint-Exupéry als Kind gesehen haben könnte. Sie haben nicht einfach den Text illustriert. Sie haben sich in die Perspektive der Kindheit hineinversetzt und die Welt durch Kinderaugen imaginiert. Dadurch entstehen viele Details, die Kinder faszinieren können.
Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht hochwertig gestaltete Buchausgaben, insbesondere im wachsenden „Kidult“-Markt?
Miraphora Mina: Bücher bieten eine Flucht aus der digitalen Welt. Heute haben Menschen ein großes Bedürfnis, physische Objekte zu sammeln, die sich in den Händen genauso schön anfühlen, wie sie anzusehen sind.
Eduardo Lima: Aber es geht auch um Spiel, und Spiel ist ein wichtiger Teil davon, wie wir an Design herangehen und mit unseren Leserinnen und Lesern interagieren. Man muss kein Kind sein, um zu spielen. Wir möchten das Kind in jedem Erwachsenen ansprechen.



Wie lange dauerte der kreative Prozess und was waren die größten Herausforderungen auf dem Weg?
Hedwige Pasquet: Es ging sehr schnell. Das erste Gespräch fand ungefähr im Januar des vergangenen Jahres statt. Danach mussten wir den Nachlass treffen, alles in die Wege leiten, und die Arbeit war im Juli abgeschlossen. Es war auch deshalb einfach, weil wir uns sehr eng austauschen konnten. MinaLima hat ein ganzes Team, und alle waren sehr auf Der kleine Prinz fokussiert.
Eduardo Lima: Normalerweise braucht unser Team sechs bis acht Monate, um ein Buch zu gestalten und zu illustrieren, vom Briefing bis zur Lieferung. Und bei dieser Ausgabe hat unser unglaubliches Illustrationsteam seine ganze Magie wirken lassen, damit sie anlässlich des 80. Jubiläums der ersten Veröffentlichung von Der kleine Prinz in Frankreich erscheinen konnte. Dank der Zusammenarbeit mit Gallimard und dem Saint-Exupéry-Nachlass war der gesamte Prozess eine Freude.
Gibt es ein bestimmtes Gestaltungselement im Buch, auf das Sie besonders stolz sind?
Eduardo Lima: Wir sind auf das gesamte Projekt so stolz … das ist, als müsste man sein Lieblingskind auswählen! Wenn ich mich für ein Element entscheiden müsste, auf das ich besonders stolz bin, dann wäre es die Persönlichkeit, die wir jedem einzelnen Planeten verliehen haben. Der Originaltext ist voller Karikaturen des Erwachsenenlebens, die einem wirklich im Gedächtnis bleiben. Es hat uns großen Spaß gemacht, sie noch überzeichneter und überlebensgroß wirken zu lassen, indem wir uns fragten: „Wie würde die Welt dieser Figur aussehen?“ Wir wollten, dass sich jeder Planet fast wie eine eigene Figur anfühlt. Insgesamt entsteht dadurch ein Universum voller Überraschungen – genau so, wie der kleine Prinz es sehen würde.
Miraphora Mina: Für mich ist es die Idee des Schals. Der wehende goldene Schal des kleinen Prinzen wurde für uns sehr wichtig – er zeigt seine Verbundenheit mit dem Universum um ihn herum und seinen Abenteuergeist. Er hat einen eigenen Kopf! Manchmal ist er kurz, manchmal lang … er umarmt die anderen Planeten und Figuren. Er wurde zu einem Symbol, das die Leserinnen und Leser durch jede Szene trägt. Als wir das Buch gestalteten, wussten wir einfach, dass wir sein Kostüm Wirklichkeit werden lassen mussten. Deshalb hat unser Art Director, Mauricio Carneiro, das gesamte Ensemble mit unglaublicher Detailgenauigkeit von Hand angefertigt, um es in unserem Shop in London auszustellen … es war fast so, als wäre der kleine Prinz selbst auf dem Planeten MinaLima notgelandet!
Wie reagierten internationale Verlage, als die MinaLima-Ausgabe erstmals vorgestellt wurde?
Hedwige Pasquet: Wir haben das Projekt im vergangenen Jahr internationalen Verlagen vorgestellt, bevor es erschienen ist. Es wurde in Bologna präsentiert, und obwohl wir zu diesem Zeitpunkt nur wenige Seiten zeigen konnten, war die Begeisterung sofort da. Zunächst haben wir 15 Verlage für einen gemeinsamen Druck mit der französischen Ausgabe zusammengebracht. Heute zählen wir 28 Sprachen. Die Verlage kommen aus sehr unterschiedlichen Ländern – von Armenien bis zu den Vereinigten Staaten, von der Slowakei bis Thailand. In Deuutschland ist die Ausgabe bei Coppenrath erschienen. Das zeigt die unglaubliche Universalität des Werkes. Im Rechtehandel ist es sehr selten, bei einem solchen Buch einen derartigen Erfolg zu sehen.
Haben Sie Unterschiede darin beobachtet, wie solche Ausgaben in Märkten wie Großbritannien, Frankreich und Deutschland aufgenommen werden?
Miraphora Mina: Unser Katalog wird heute in über 30 Märkten publiziert, und in jedem einzelnen haben sich diese Bücher ihren eigenen Raum und ihre eigene Leserschaft erobert, ganz gleich, wo auf der Welt. Die Illustrationen und 3D-Elemente sind wie eine gemeinsame Sprache, die in jedem Land verstanden wird.
Eduardo Lima: Jeder einzelne Titel wird natürlich unterschiedlich aufgenommen, je nachdem, wie bekannt die jeweilige Geschichte im jeweiligen Land ist. Das war einer der faszinierendsten Aspekte bei der Neuinterpretation klassischer Geschichten. Wir lieben es zu sehen, welche Geschichten in welchen Ländern Resonanz finden … und manchmal von den Ergebnissen überrascht zu werden!
Gallimard-Jeunesse hat im Laufe der Jahre auch verschiedene Formate für Der kleine Prinz entwickelt. Können Sie uns mehr darüber sagen?
Hedwige Pasquet: Ja. Bei Gallimard arbeiten wir viel mit verschiedenen Formaten rund um Der kleine Prinz. Zum Beispiel haben wir das Manuskript in einer Ausgabe mit Erklärungen und historischem Hintergrund neu veröffentlicht. Wir haben großformatige Ausgaben veröffentlicht, und vor einigen Jahren haben wir die Pop-up-Ausgabe herausgebracht. Diese Ausgabe nutzte Saint-Exupérys Originalillustrationen, animierte sie aber durch Papiermechanik. Sie erschien vor rund 25 Jahren und war damals eine große Innovation. Sie verkaufte sich weltweit rund 1,4 Millionen Mal, in vielen Sprachen. Das ist sehr beeindruckend, besonders weil es sich aufgrund der Größe und der komplexen Produktion um ein hochpreisiges Buch handelte.
Wie ist die Resonanz auf die neue MinaLima-Ausgabe bisher?
Hedwige Pasquet: Wir wissen bereits, dass die Resonanz sehr stark ist. In Frankreich sind wir bereits ausverkauft. Ein Nachdruck ist unterwegs, aber wir hatten eine große Erstauflage von 50.000 Exemplaren. Wir haben die französische Ausgabe erst jetzt im Frühjahr, Anfang April veröffentlicht und organisieren bereits einen Nachdruck für September. Auch Deutschland druckt nach. Insgesamt wurde das Buch, einschließlich der ausländischen Verlage, bereits viermal gedruckt. Es ist wirklich ein großer internationaler Erfolg!
Und wie steht diese Premium-Ausgabe neben der klassischen Paperback-Ausgabe da?
Hedwige Pasquet: In Frankreich haben wir auch das klassische Paperback-Format von Der kleine Prinz. Es gehört jedes Jahr zu den zehn meistverkauften Titeln – manchmal zu den Top Fünf oder sogar zum meistverkauften Titel. Es ist ein sehr erschwingliches Format, das in Schulen verwendet und zu Hause gelesen wird. Wir haben also wirklich eine große Bandbreite an verschiedenen Formaten. Das passt zur Universalität des Textes. Er kann im Unterricht behandelt, zu Hause gelesen, verschenkt oder in einer aufwendigeren Ausgabe wie der MinaLima-Version entdeckt werden.
Welche Rolle spielt Der kleine Prinz aus dieser Perspektive heute im internationalen Licensing?
Hedwige Pasquet: Die Licensing-Rechte werden von Anfang an vom den Erben verwaltet. Gallimard besitzt diese Rechte nicht. Aber nach allem, was wir weltweit sehen, gibt es immer mehr Lizenzen und immer mehr Produkte, die rund um Der kleine Prinz entwickelt werden. Der Nachlass hat weltweit mehr als 400 Lizenznehmer mit rund 10.000 Produkten. Diese basieren auf den Originalillustrationen. Für die MinaLima-Ausgabe halten wir die Rechte an den Illustrationen. Deshalb können wir uns vorstellen, dass es Merchandising und weitere Entwicklungen geben wird, die mit MinaLimas visueller Interpretation verbunden sind. Wir sind zuversichtlich, dass sich hier Möglichkeiten ergeben werden.
Sehen Sie Potenzial, dass solche aufwendig gestalteten Bücher als Ausgangspunkt für größere Produktwelten dienen können, zum Beispiel im Spielwaren- oder Geschenkartikelbereich?
Miraphora Mina: Ja, absolut! Für uns ist das Buch nie das Endprodukt. Wir denken immer darüber nach, wie wir all diese Inhalte in andere Medien erweitern können – ob Merchandise, Spiele, Musik, Film, Erlebnisse im großen Maßstab … wirklich alles, was wir uns vorstellen können!
Eduardo Lima: Wir glauben so fest an die Kraft der Bücher, weil sie uns alle miteinander verbinden – jeder Mensch trägt irgendwo in seinem Inneren eine Geschichte in sich.
Eine Zusammenarbeit zwischen einem traditionsreichen Verlag und einem international renommierten Designstudio ist ziemlich einzigartig. Was war für Sie der spannendste Moment oder die wichtigste Erkenntnis während dieses Prozesses?
Miraphora Mina: Diese Zusammenarbeit hat mir bestätigt, dass Innovation immer das Ziel jedes Projekts sein sollte. Es besteht immer die Versuchung, innerhalb der Grenzen des Vertrauten zu bleiben, aber das Verlagswesen – und übrigens auch die Unterhaltungsbranche – sollte eine Plattform für neue Stimmen und neue Visionen sein.
Hedwige Pasquet: Für mich war es die Beziehung zwischen dem Nachlass, MinaLima und Gallimard. Das Treffen zwischen dem Nachlass und MinaLima war sehr wichtig, und während der gesamten Entwicklung des Buches war die Beziehung zwischen uns dreien sehr harmonisch und sehr symbiotisch. Was mich am meisten überrascht hat, war, dass alle den Prozess genossen haben und jeder versucht hat, ihn so reibungslos wie möglich zu gestalten. Es gab keine Probleme. Selbst bei der Produktion, die lange vor dem Erscheinungstermin organisiert werden musste, da das Buch in China hergestellt wurde, verlief alles reibungslos. Es war mehr als nur eine reibungslose Zusammenarbeit. Es war eine angenehme Zusammenarbeit.
Inwiefern haben sich Ihre Erwartungen an die Zusammenarbeit bestätigt, und gab es Momente, die Sie überrascht oder dazu gebracht haben, Ihren Ansatz zu überdenken?
Eduardo Lima: Die größte Überraschung war die Resonanz der französischen Leser. Ihre Begeisterung und ihr Enthusiasmus haben uns völlig umgehauen. Die Originalausgabe von Saint-Exupéry ist Teil ihrer DNA, und dennoch haben sie unseren „Kleinen Prinzen“ mit offenen Armen empfangen. Es war eine wirklich bewegende Erinnerung daran, dass alles möglich ist, solange man ein Projekt mit Neugier und Herzblut angeht.
Hedwige Pasquet: Der Erfolg des Buches zeigt uns bereits, dass wir richtig gedacht haben. Wir waren überzeugt, das Buch auf die richtige Art und Weise zu veröffentlichen. Natürlich besteht immer ein Risiko, wenn man die Illustrationen eines so ikonischen Buches ändert. Manche Leute verstehen das vielleicht nicht. Aber es gab keinerlei Probleme. Stattdessen sehen wir, dass das Buch nun andere Leser erreicht. Wir sind stolz darauf, die Leserschaft von „Der kleine Prinz“ zu vergrößern.
Wenn Sie das Endergebnis betrachten, was würde diese Partnerschaft Ihrer Meinung nach ausmachen? Was hat es ermöglicht, gemeinsam etwas zu erreichen, das keine der Parteien allein hätte schaffen können?
Hedwige Pasquet: Ich glaube, wir drei waren notwendig, um das zu schaffen. Ohne den Nachlass hätten wir das niemals geschafft, denn der Nachlass ist derjenige, der das Werk schützt und direkt um dessen Integrität besorgt ist. Wir sind es natürlich gewohnt, mit dem Nachlass zusammenzuarbeiten, aber dieses Mal war es eine Dreierbeziehung: der Nachlass, MinaLima und Gallimard. Das hat es möglich gemacht. Wir haben es gemeinsam geschafft.
Miraphora Mina: Vertrauen und gegenseitiger Respekt prägten die gesamte Partnerschaft. Bei einem Werk, das so geschützt und geliebt ist, war das Vertrauen, das sie in uns setzten, wirklich befreiend. Mit der Unterstützung und Begeisterung von Gallimard und der Familie Saint-Exupéry im Rücken fühlten wir uns bestärkt, unsere Vision von „Der kleine Prinz“ ohne Einschränkungen oder Zwänge zum Leben zu erwecken.
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Hedwige Pasquet ist Präsidentin des französischen Kinderbuchverlags Gallimard Jeunesse, und einer Tochtergesellschaft der Verlagsgruppe Gallimard. Sie arbeitet seit 50 Jahren für die Gruppe und war maßgeblich an der Gründung zweier Tochtergesellschaften beteiligt. Seit deren Gründung Anfang der 1970er Jahre leitete sie Gallimard Guide bis 2009 und führt Gallimard Jeunesse bis heute. Neben Tausenden weiteren Büchern hat Gallimard Jeunesse unter anderem Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry sowie die Harry Potter-Reihe veröffentlicht.
Bei Fragen zum Thema Licensing, können sich Interessierte an so.taniuchi@gallimard-jeunesse.fr wenden.

Miraphora Mina und Eduardo Lima sind die Gründer des Londoner Designstudios MinaLima, das sich auf Grafikdesign, Illustration, interaktive Buchgestaltung, Sammlerprodukte und immersive Erlebniswelten spezialisiert hat. International bekannt wurden sie durch ihre Arbeit für die Harry Potter- und Fantastic Beasts-Filmreihen, für die sie über zwei Jahrzehnte hinweg die grafische Welt mitgestalteten darunter ikonische Requisiten wie dem Hogwarts-Aufnahmebrief über den Daily Prophet bis zur Karte des Rumtreibers. Zusammen mit ihrem Team zeichnen sie verantwortlich für die grafische Neugestaltung des Buchklassikers „Der kleine Prinz“.
Die Schmuckausgabe von „Der kleine Prinz“ ist in Deutschland im Coppenrath Verlag erschienen.