Bücher: Lesen öffnet Welten

1. April 2026, 7:13

Lesen erleichtert den Zugang zu Bildung und einem erfolgreichen Berufsleben. Vielen Kindern und Jugendlichen in Deutschland bereitet Lesen aber große Schwierigkeiten. Lesebotschafter und Lesebotschafterinnen der Stiftung Lesen, wie Clarissa Corrêa da Silva, engagieren sich ehrenamtlich für die Leseförderung in Deutschland. Im Interview mit Marlene Witke erklärt die Moderatorin, Journalistin und Autorin wie Sie mit
digitalen Angeboten Kindern das Thema Lesen näherbringt.

Frau Da Silva, wie sind Sie zur Leseförderung gekommen?
Seit rund zwölf Jahren arbeite ich im Bildungs- und Wissensbereich. Themen wie Bildung, Wissenschaft, gesellschaftliche Fragen und Diversität haben sich dabei über die Jahre herauskristallisiert. Viele kennen mich aus Formaten wie „Die Sendung mit der Maus“, „Wissen macht Ah!“, „Triff…“ oder „Die beste Klasse Deutschlands“, das ich seit fünf Jahren gemeinsam mit Tobias Krell (Checker Tobi) moderiere. Darüber hinaus mache ich das Familienformat „Die Märchenreise“, in dem wir klassische ARD-Märchen mit Wissensreportagen verbinden, etwa indem wir bei der Salzprinzessin erklären, warum Salz früher als „weißes Gold“ galt. Darüber hinaus habe ich auch ein paar Formate im Erwachsenenbereich gemacht. Beispielsweise „Drei Blocks“.
Der Weg in die Leseförderung war für mich deshalb sehr natürlich, gerade weil ich seit vielen Jahren so intensiv in diesem Bildungsbereich tätig bin und dabei wertvolle und sehr tiefe Einblick sammeln durfte. Neben den Fernsehsendungen moderiere ich viele Veranstaltungen, häufig mit Fokus auf Bildung, Wissenschaft oder Nachwuchsförderung, etwa bei Jugend forscht. Außerdem arbeite ich auch hinter der Kamera: Ich konzipiere Formate, führe Regie und schreibe als Autorin, unter anderem für „Wissen macht Ah!“ und „Triff…“.
Ganz natürlich war der Schritt in die Leseförderung auch deshalb, weil ich selbst mehrere Migrationshintergründe habe und auch sehe, wie stark Leseschwächen gerade in den letzten Jahren zugenommen haben. Immer mehr Kinder verlassen die Grundschule, ohne richtig lesen und schreiben zu können. Das hat auch natürlich damit zu tun, dass viele Kinder in die Schule kommen, ohne Deutsch zu sprechen oder vielmehr die deutsche Sprache ausreichend zu beherrschen. Das heißt, man muss da förderungsmäßig viel weiter unten ansetzen, als früher. Gleichzeitig sehe ich aber auch, dass unser Bildungssystem sich sehr, sehr, sehr langsam verändert und viele dieser Defizite nicht adäquat auffangen kann.

Was würden Sie sich konkret vom Bildungssystem wünschen, um dieser negativen Entwicklung im Bereich der Lese- und Sprachkompetenz entgegenzuwirken? Und welche Aufgabe ordnen Sie sich als Lesebotschafterin zu?
Das Bildungssystem hat sich strukturell seit den 1960er-Jahren kaum verändert, während sich unsere Gesellschaft, die Art wie wir lernen und auch die relevanten Themen komplett gewandelt haben. Wir leben heute in einer digitalisierten, globalisierten Welt mit ganz anderen Anforderungen, auf die Kinder mit geänderten Prioritäten in der Schule vorbereitet werden müssen. .
Ich verstehe meine Aufgabe darin, außerhalb des schulischen Rahmens ergänzende Bildungsangebote zu schaffen. Schulen können bei großen Klassen und sehr unterschiedlichen Lernniveaus nicht jedes Kind individuell fördern. Außerschulische Lernangebote – besonders über Medien – werden deshalb immer wichtiger, gerade weil natürlich auch die Ansprüche diverser und komplexer geworden sind.

Wie kann man sich diese außerschulischen Lernangebote denn vorstellen und worauf zielen diese ab?
Bei mir sind es vor allem mediale Lernangebote: Fernsehsendungen, digitale Formate und begleitende Inhalte zum klassischen Lehrplan. Lernen über Medien ist längst ein relevanter Bildungsweg. Wir versuchen, Inhalte so aufzubereiten, dass Kinder freiwillig lernen wollen, das ist unsere größte Herausforderung und zugleich unsere Stärke. Sie ergänzen das schulische Bildungsangebot und fangen auf, was im Schulalltag mit großen Klassen und sehr unterschiedlichen Lernständen nicht immer individuell geleistet werden kann. Das ist, glaube ich, ja das größte Problem, weil individuelle Förderung im Schulalltag oft auf der Strecke bleibt.
Natürlich ist es schwierig zu erwarten, dass Schule jedes Kind in seinen individuellen Stärken und Schwächen umfassend fördern kann, gerade bei so vielen unterschiedlichen Voraussetzungen und äußeren Leistungsanforderungen. Unter anderem auch deswegen glaube ich, werden außerschulische Lernangebote einfach relevanter: Sie geben Kindern die Möglichkeit, Inhalte außerhalb der Schule nachzuholen und in ihrem eigenen Tempo zu lernen. So sehe ich zumindest meine Rolle und die meiner Kolleginnen und Kollegen.
Leseförderung und die Arbeit der Stiftung Lesen sind dabei meiner Meinung nach besonders wertvoll. Das ist eine großartige Initiative mit enormer Sichtbarkeit. Gerade in einer Zeit, in der immer weniger haptisch gelesen wird, ist es wichtig zu zeigen, wie grundlegend Lesen für so vieles ist. Es ist die Basis für alles Weitere und mir geht es darum zu vermitteln: Lesen macht Spaß, in welcher Form auch immer.

Was macht Lesen Ihrer Ansicht nach so besonders?
Lesen eröffnet unterschiedliche Zugänge. Neben dem kreativen Raum, den Bücher schaffen, bietet Lesen etwas, das andere Medien kaum leisten: ein eigenes Tempo. Und Tempo ist da ein ganz entscheidendes Stichwort, welches in unserem heutigen System häufig zu einer Herausforderung wird. Gerade für Kinder, die zu Hause kein Deutsch sprechen und dann in einer ganz normalen Schulklasse in Deutschland lernen, dann wird ihnen ein Tempo vorgegeben, dem sie folgen müssen, um irgendwie die Inhalte zu begreifen, um die Prüfungen zu schaffen und um den Lernstoff irgendwie draufzukriegen. Dabei brauchen sie vielleicht noch ein anderes Tempo, weil sie die Sprache ja gerade erst richtig erwerben.
Hier knüpfe ich auch nochmal an meine persönliche Geschichte an. Ich bin mit einer brasilianischen Mutter aufgewachsen und mit 14 Jahren nach Brasilien gezogen. Obwohl ich auf eine deutsch-brasilianische Schule ging und die Grundlagen der portugiesischen Sprache beherrschte, war ich nicht in dieser Sprache alphabetisiert. Das heißt, ich habe prinzipiell alles verstanden, aber literarische Texte zu verstehen ist etwas ganz anderes, als eine Sprache nur mündlich zu beherrschen.
Bücher fördern genau diese Tiefe und das von klein auf. Gerade in einer Zeit, in der Bewegtbild dominiert (und ich spreche da aus eigener beruflicher Erfahrung), wird es umso wichtiger, sich bewusst für das Lesen und das haptische Buch einzusetzen.

An wen richtet sich Ihre Arbeit als Lesebotschafterin, beziehungsweise Ihr Content konkret?
Grundsätzlich an alle Altersgruppen, denn Lesen beginnt beim Vorlesen. Vor allem aber erreiche ich Kinder ab dem Lese- bis ins Teenageralter. Als Lesebotschafterin der Stiftung Lesen arbeite ich aber auch mit jüngeren Kindern, etwa bei Vorleseaktionen. Zudem habe ich auch ein Kindersachbuch ab zehn Jahren veröffentlicht und bin damit viel auf Lesereisen unterwegs, auch wenn das Buch bereits vor drei Jahren erschienen ist.
Meine konkrete Arbeit beginnt etwa ab sechs oder sieben Jahren und reicht bis ins Preteen- und Teenageralter. Darüber hinaus halte ich auch Webinare, zum Beispiel für Lehrkräfte und Schulleitungen, etwa zu der Frage, wie komplexe Inhalte unterhaltsam und altersgerecht vermittelt werden können. Meine Hauptzielgruppe sind aber ganz klar Kinder.

Wie schätzen Sie den Stellenwert von Lesen heute ein – auch mit Blick auf BookTok und Social Media?
Der Stellenwert von Lesen ist gleich geblieben. Lesen ist eine Grundlage für so vieles. Es ist großartig zu sehen, wie viele junge Menschen sich heute wieder für Bücher begeistern. Ich war letztes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse und begeistert, wie viele junge Menschen dort waren – gerade im Fantasy- und Romance-Bereich.
Der Stellenwert ist gleich geblieben, aber die Wege haben sich verändert: BookTok, Bookstagram, Fantasy-Communities sind tolle Entwicklungen. Lesen ist heute omnipräsent und findet nicht mehr nur in der Schule statt. Wichtig ist jedoch, immer wieder zu zeigen, warum Lesen relevant ist – nicht nur für schöne Geschichten, sondern auch ganz praktisch fürs Leben.
Lesen muss für alle zugänglich sein. Bücher in einfacher Sprache oder bekannte Reihen können ein großartiger Ansatz für Integration sein.

Medien und Bücher werden oft als Gegensätze gesehen – das analoge Buch auf der einen und digitale Medien auf der anderen Seite. Ist das wirklich so?
Überhaupt nicht. Sie können sich wunderbar ergänzen. Neue Medien wurden historisch oft als Bedrohung für traditonelle wahrgenommen, doch das bestätigt sich in der Regel nicht.
Als Lesebotschafterin habe ich zum Beispiel ein tolles Projekt kennengelernt, welches digitale Gamebooks für Schulen anbietet. Kinder lesen dort Bücher auf dem Tablet, beantworten Fragen, machen Quizzes und spielen innerhalb der Geschichte weiter. Lehrkräfte können den Lesefluss digital begleiten und fördern. Durch Gamification macht das Lesen Spaß und bleibt dennoch Lesen.
Solche Projekte müssen sichtbarer werden. Neue Medien, soziale Netzwerke und künftig auch KI sind keine Gegner des Buchs, sondern bieten große Chancen.

Lesen beginnt ja bekanntlich nicht erst in der Schule mit dem eigenen Lesen, sondern bereits viel früher. Welche Rolle spielt Vorlesen, wie wichtig ist es tatsächlich?
Eine sehr große. Die frühe Sozialisationsphase ist entscheidend und eine der prägendsten, die wir haben und die beginnt nun mal im Elternhaus. Wenn Kinder früh mit Büchern in Berührung kommen, steigt Ihr Interesse an Büchern und Lesen. Ob sie dadurch automatisch besser lesen lernen, kann ich nicht belegen – aber das Interesse ist definitiv größer.
Heute gibt es zudem tolle Hilfsmittel wie beispielsweise Tiptoi-Bücher, mit denen sich Kinder mithilfe eines Stifts Texte selbst vorlesen lassen können. Das entlastet Eltern und eröffnet Kindern dennoch den Zugang zu Geschichten. Wir bei Stiftung Lesen engagieren uns aber auch explizit fürs Thema Vorlesen.

Wie arbeitet die Stiftung Lesen mit Lesebotschaftern zusammen und welche Aktionen stehen im Fokus der Leseförderung?
Es gibt sehr viele Lesebotschafter und Lesebotschafterinnen der Stiftung Lesen aus ganz unterschiedlichen Bereichen – Medien, Sport, Politik. Alle arbeiten ehrenamtlich und bringen ihre individuelle Stärke ein, für eine ganz unterschiedliche Zielgruppe. Gemeinsame Aktionen sind etwa der Bundesweite Vorlesetag im November oder digitale Lesungen. Ziel ist es immer, Sichtbarkeit zu schaffen und das Thema Leseförderung auf die öffentliche Agenda zu setzen.

Was können Buchhandel und Verlage tun, um die Leseförderung aktiv zu unterstützen?
Mehr echte Begegnung schaffen. Verlage könnten ihre Tore weiter öffnen, Einblicke hinter die Kulissen geben und mit Veranstaltungen oder Lesungen Räume schaffen, in denen Geschichten lebendig werden. Viele Menschen ahnen vermutlich gar nicht, wie viele Schritte, Hände und Knöpfe notwendig sind, bis ein Buch schließlich im Regal steht. Buchhandlungen und Bibliotheken sollten sich noch stärker als Erlebnis- und Begegnungsorte verstehen. Orte, an denen man sich aufhält, stöbert, entdeckt. Da geht man vielleicht in die Buchhandlung nicht unbedingt, wenn man jetzt ein Buch sucht, sondern wenn man sagt, ach, das ist nett und dann setze ich mich da mal hin und dann blätter ich hier mal ein bisschen was durch.
Auf meiner Lesereise im November vergangenen Jahres war ich viel in Bibliotheken unterwegs und auch da ist der Anspruch ein kultureller Raum zu werden extrem groß. Da war richtig was los, Menschen treffen sich da, eine Art Begegnungsstätte samt regem Austausch, statt ruhiger Bibliothek. Gerade während Corona scheint es sich dort beeindruckend gezeigt zu haben: als Lernorte, Treffpunkte, kulturelle Räume. Das sollte man vermutlich weiter fördern, um für viel mehr Zielgruppen ein schönes Erlebnis mit oder im Zusammenhang mit Büchern beziehungsweise Lesen zu schaffen.

stiftunglesen.de


2023 veröffentlichte die Moderatorin ihr erstes eigenes Kindersachbuch „Mein wunderbares Ich“ rund ums Thema Epigenetik

Stifung Lesen

Es fängt mit Lesen an: Die Stiftung Lesen ist davon überzeugt, dass Lesen die zentrale Voraussetzung für Bildung, beruflichen Erfolg, Integration und zukunftsfähige gesellschaftliche Entwicklung ist.
In enger Zusammenarbeit mit Bundes- und Landesministerien, wissenschaftlichen Einrichtungen, Stiftungen, Verbänden und Unternehmen initiiert und realisiert sie bundesweite Programme, Kampagnen sowie Forschungs- und Modellprojekte, darunter beispielsweise den Bundesweiten Vorlesetag im November.
Die Stiftung Lesen steht unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten. Unterstützt wird sie von zahlreichen, namhaften Unternehmen und Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft, die in ihren Gremien mitwirken.


Clarissa Corêa da Silva

Clarissa Corêa da Silva (Clari) ist Moderatorin, Autorin, Sprecherin und Podcasterin. Sie studierte Kommunikationswissenschaft und schloss mit einem Master in Medienmanagement ab. Clarissa ist vor allem bei sechs- bis 14-Jährigen im deutschsprachigen Raum als Ansprechpartnerin im Bereich Wissen bekannt. Mit aktuell fünf Wissensformaten für Kinder- und Familie gehört sie in der Zielgruppe zu den bekanntesten Persönlichkeiten der öffentlichrechtlichen Medienlandschaft. Auf der Suche nach Antworten auf Fragen wie „Wieso sagt man: alles in Butter?“ über knifflige Experimente bis hin zu spannenden Wissensreportagen, ist sie unterwegs.