Brennpunkt: Wie kinderfreundlich ist Deutschland?

16. April 2026, 7:59

Deutschland ringt um sein Selbstbild als modernes, kinder- und familienfreundliches Land. Auf dem Papier gibt es Elterngeld, Rechtsansprüche auf Betreuung, Mutterschutz, Elternzeit und eine im europäischen Vergleich durchaus ausgebaute Familienförderung. In der Lebensrealität vieler Paare und Eltern ergibt sich jedoch oft ein anderes Bild: Kinder sind gewünscht, aber schwer in ein unsicheres, teures und organisatorisch überlastetes System einzupassen. Die Folge ist ein wachsender Abstand zwischen Kinderwunsch und Kinderwirklichkeit und eine rapide sinkende Geburtenrate.Welche Faktoren dazu beitragen, dass Deutschland eben nicht so kinderfreundlich ist, wie es sein könnte, fasst Astrid Specht zusammen.

Die Geburtenrate in Deutschland lag 2024 bei nur noch 1,35 Kindern je Frau. Zugleich zeigen Daten des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB), dass der Kinderwunsch junger Erwachsener deutlich darüber liegt. Frauen wünschen sich im Schnitt 1,76, Männer 1,74 Kinder. Das Problem ist also nicht in erster Linie fehlende Lust auf Familie, sondern häufig die Frage, ob die Rahmenbedingungen dafür tragfähig genug sind. Die sinkende Geburtenrate in Deutschland bedeutet nicht automatisch, dass junge Menschen sich grundsätzlich gegen Kinder entscheiden. Vielmehr wächst in Deutschland die sogenannte „Fertility Gap“: die Lücke zwischen gewünschter und tatsächlicher Kinderzahl. Laut BiB blieb der Kinderwunsch zwischen 2021 und 2024 stabil, während die konkrete Absicht, in den nächsten drei Jahren ein Kind zu bekommen, zurückging. Das spricht dafür, dass Familiengründung eher verschoben als grundsätzlich verworfen wird. Als plausible Gründe nennen aktuelle Erhebungen Zukunftssorgen in Krisenzeiten, unsichere berufliche Perspektiven, finanzielle Unsicherheit und ein Mangel an passenden Partnerschaften.

Das Bild ist also weniger „childfree um jeden Preis“ als vielmehr: Kinder ja, aber bitte nicht in einem Umfeld, in dem Kinder zur Belastung degradiert, statt als Bereicherung und natürlicher Bestandteil des Lebens angesehen werden. Hinzu kommen klassische strukturelle Faktoren: späte Familiengründung, lange Ausbildungszeiten, hohe Wohnkosten und Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Das Bundesfamilienministerium verweist selbst darauf, dass viele Kinder für die Mehrheit kinderloser Frauen und Männer zum Lebensplan gehören, jedoch häufig erst dann, wenn persönliche, soziale und finanzielle Bedingungen als „richtig“ empfunden werden. Gleichzeitig steigt mit dem Alter das Risiko biologischer Fruchtbarkeitsprobleme. Im Sozialbericht 2024 wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sich Familiengründung immer weiter nach hinten verschiebt und damit altersbedingte Fertilitätsrisiken sowohl für Frauen als auch für Männer zunehmen. Auch medizinische Gründe spielen eine Rolle. Das Informationsportal „Kinderwunsch des Bundes“ nennt organische Ursachen bei Frau und Mann in ähnlicher Größenordnung; bei einem Teil der Paare liegen bei beiden Partner ungünstige Faktoren vor. Zu den relevanten Ursachen zählen unter anderem Endometriose, hormonelle Störungen, Chlamydieninfektionen, eingeschränkte Spermienqualität sowie Lebensstilfaktoren wie Rauchen, Über- oder Untergewicht und Drogenkonsum. Das Umweltbundesamt weist zudem darauf hin, dass per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen oder PFAS, also sogenannte „Ewigkeitschemikalien“, in Deutschland nachweislich weit verbreitet sind. Ein direkter kausaler Beitrag einzelner Umweltstoffe zur sinkenden Geburtenrate ist damit zwar nicht allein bewiesen, aber Umweltbelastungen gehören fachlich klar in die Debatte um reproduktive Gesundheit.

Grenzerfahrung Geburt

Ein besonders heikler, aber inzwischen nicht mehr wegzudiskutierender Grund, weshalb insbesondere Frauen mit Sorge auf das Thema Familiengründung blicken beziehungsweise, was rückblickend ein Grund für Paare sein kann, kein zweites oder drittes Kind zu bekommen, ist Gewalt in der Geburtshilfe. Welche Erfahrungen Frauen konkret in den sozialen Netzwerken, in Foren und im privaten Umfeld schildern, ist erschütternd und nahezu kongruent: angeschrien werden, unter psychischen Druck gesetzt werden, fehlende Aufklärung, Maßnahmen ohne echte Zustimmung, das Ignorieren von Geburtswünschen, unnötige oder schlecht erklärte Interventionen, verbale Abwertung und das Anwenden des Kristeller-Handgriffs gegen den Willen der Gebärenden. In einer Befragung von 1.078 Frauen zu Erfahrungen zwischen 2021 und 2024 wussten 43 Prozent nach eigener Angabe nicht, dass sie den Kristeller-Handgriff ablehnen dürfen; offene Antworten dokumentieren außerdem Fälle, in denen Maßnahmen trotz Widerspruch fortgesetzt wurden.

(Foto: pexels-gustavo-fring)

Die Befragung ist nicht repräsentativ, aber sie macht ein Problem sichtbar, das von Betroffeneninitiativen seit Jahren beschrieben wird. Vor diesem Hintergrund ist wichtig zu verstehen, dass es aktuell keinen endgültigen Konsens über die Definition von geburtshilflicher Gewalt gibt, doch orientieren sich der Deutsche Hebammenverband und Hebammen für Deutschland an der WHO, wonach geburtshilfliche Gewalt Missbrauch, Respektlosigkeit und Misshandlung durch medizinisches Personal umfasst. Dazu zählen verbale Demütigungen, mangelnde Vertraulichkeit, unnötige Schmerzen, Missachtung der Intimsphäre, Vernachlässigung sowie medizinische Eingriffe ohne ausdrückliche Einwilligung. Das zeigt, es geht nicht nur um spektakuläre Extremfälle, über die viele Eltern auf ihren Social Media-Kanälen berichten, sondern auch um routinierte Grenzüberschreitungen, die im Klinikalltag normalisiert werden können.
Die Gründe für dieses Fehlverhalten liegen nach allem, was seriös ableitbar ist, vor allem in strukturellen Defiziten: Personalmangel, Zeitdruck, ökonomischer Druck, Hierarchien in Kliniken, unzureichende Eins-zu-eins-Betreuung und eine Geburtshilfe, die vielerorts stärker auf Abläufe als auf Beziehung ausgerichtet ist. Dies wird indirekt auch von der HebammenStudie 2025 gestützt: 43,6 Prozent der befragten Hebammen denken über einen Berufswechsel nach, 68 Prozent kritisieren unzureichende Vergütung und gut die Hälfte zu viel Bürokratie. Wer unter solchen Bedingungen arbeitet, gerät leichter in einen Modus der „Abarbeitung“. Das entschuldigt Gewalt nicht, aber es erklärt, wie sie systemisch begünstigt wird.

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Ein weiterer Grund, weshalb Frauen im Kreissaal grenzüberschreitendes Verhalten oder sogar Gewalt erfahren, könnte ein bis heute (unbewusst) existierendes Rollenbild der Frau speziell in Deutschland sein. Über Jahrhunderte galt eine Frau als „gut“, wenn sie still, kontrolliert, unauffällig, gefügig und angepasst war – ein Bild das während der jüngeren Geschichte, insbesondere während des Nationalsozialismus zunächst erweitert wurde und sich schließlich verfestigte. So setzte das NS-Regime auf einen neuen, politisch funktionalisierten Frauentyp: treue Ehefrau, gebärende Mutter, Stütze der „Volksgemeinschaft“. Zwar wurde ein großer Teil dieses Bildes im Nachkriegsdeutschland und vor allem während der Frauenbewegung der späten 60er- und 70er-Jahre neu gezeichnet, schaut man sich jedoch heute in den sozialen Medien um, in denen viele junge Frauen freudestrahlend dem „Trad Wive“-Trend anhängen und junge Männer sich nach den sexistischen Idealen der Manosphere strecken, wobei sie ihre vermeintliche Dominanz gegenüber Frauen mit falschen biologischen Annahmen begründen, stellt sich die Frage, wie viel gleichberechtigter wir als Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten tatsächlich geworden sind. Doch zurück in den Kreissaal: Verstößt eine Frau also vor, während oder nach der Geburt gegen diese ungeschriebenen Regeln des Frau-Seins, gegen dieses unbewusst in vielen Köpfen noch immer herrschende Frauenbild, wird sie also laut, emotional, fordernd und/oder ungehalten, erfährt sie kein Verständnis, kein Mitfühlen vom Klinikpersonal sondern Widerstand in Form von Abwertung, Zurück- beziehungsweise Zurechtweisung oder eben auch übergriffiges, als Gewalt empfundenes Verhalten.
Es gibt verschiedene Lösungwege, doch muss die Bereitschaft für deren Umsetzung als erstes vonseiten der Politik und letztendlich auch dem betreuenden Personal auf den Geburtsstationen vorhanden sein: Dazu gehören verbindliche Qualitätsstandards, das Einholen von echter informierter Einwilligung statt Formularroutine, bessere Personalschlüssel, mehr hebammengeleitete Modelle, systematische Erfassung der Nutzerinnenperspektive, Beschwerdestrukturen ohne Angst vor Retraumatisierung und eine Kultur, in der Geburt nicht als logistisches Problem behandelt wird, sondern als sozio-biologische und vor allem sehr, sehr menschliche Realität.

Hebammen zwischen Hilfe und Mangelverwaltung

Das Verhältnis zwischen Hebamme und Mutter beziehungsweise Eltern ist in Deutschland oft von großer Dankbarkeit geprägt, allerdings kann dies auch kippen. Gerade Erstgebärende erleben Beratung nicht immer als Stärkung, sondern durchaus auch als Bevormundung: beim Stillen, beim Schlafen, beim Tragen, bei der Frage, was ein „guter Start“ für das Baby sei. Für dieses Spannungsfeld gibt es bislang wenig belastbare quantitative Forschung speziell zur Kommunikationsqualität, aber es gibt auch hier Hinweise auf strukturelle Ursachen für eine unstimmige Beziehung zwischen Eltern und Hebamme: Personalmangel, hohe Arbeitsbelastung, Zeitknappheit, ökonomischer Druck und ein Versorgungssystem, das Familien im Wochenbett nicht überall verlässlich erreicht. Eine qualitative Studie von 2024 erschienen in „Zeitschrift für Allgemeinmedizin“ im Springer Verlag spricht ausdrücklich davon, dass eine flächendeckende Grundversorgung im Wochenbett wegen Hebammenmangels nicht immer gewährleistet ist. Hinzu kommt ein inhaltlicher Konflikt: Hebammen vertreten oft evidenzbasierte Ideale, etwa beim Stillen oder bei bindungsorientierter Versorgung. Diese Ziele können für Eltern hilfreich sein, im Alltag aber auch als moralischer Maßstab verstanden werden. Vor allem für Paare, die zum ersten Mal Eltern werden, ist die Zeit rund um die Geburt sehr sensibel und wenn dann Beratung unter Zeitdruck erfolgt oder Unsicherheit auf beiden Seiten existiert, wird Unterstützung schnell als Urteil missverstanden. Das Problem ist also meist nicht „die Hebamme“ als Person, sondern eine Konstellation aus fachlicher Autorität, emotionaler Ausnahmesituation bei den Eltern und systemischer Überlastung von Hebammen. Verbessern ließe sich dies durch bessere Arbeitsbedingungen und -voraussetzungen für Hebammen, mehr Zeit pro Familie, kommunikationsstärkere Aus- und Weiterbildung, klarere Standards für nicht-stigmatisierende Beratung und eine Versorgung, die Eltern nicht nur über richtige Lösungen aufklärt, sondern sie mit ihren realen Grenzen ernst nimmt.

Tabuthema Gewalt in Kitas

Sieht man sich auf Social Media um, gibt es viele Eltern, denen die Betreuungssitution in Deutschland Sorgen bereitet. Nicht nur, dass die Verfügbarkeit von Kitaplätzen im Ungleichgewicht ist – in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt müssen Kitas in ländlichen Regionen aufgrund fehlenden Nachwuchses schließen, während in Bundesländern wie Bremen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz sowie in vielen westdeutschen Großstädten ein eklatanter Mangel an Kitaplätzen herrscht – der Ton und Umgang in vielen Betreuungseinrichtungen scheint rauer zu werden. Tatsächlich ist das Thema Gewalt in der Kita inzwischen nicht mehr auf Einzelfälle reduzierbar. In Fachpublikationen, Kinderschutzmaterialien (beispielsweise der Landesjugendämter Rheinland und Westfalen) und natürlich auch in den sozialen Medien wird ausdrücklich beschrieben, dass es im Kita-Alltag zu körperlichen und emotionalen Übergriffen, Grenzverletzungen, Machtmissbrauch und sexualisierter Gewalt gegen Kinder kommen kann und kommt. Aktuelle Forschung verweist auf verletzendes Verhalten wie Anschreien, Beschämen, Ausgrenzen, grobes Anfassen, Zwang rund um Essen oder Toilettengänge und mangelnde Responsivität gegenüber kindlichen Bedürfnissen. Dass solche Formen von Gewalt vorkommen, ist fachlich unbestritten. Strittig ist, wie häufig sie sind, denn bundesweit robuste, offizielle Hellfeldstatistiken bilden das Problem bislang nur unzureichend ab.
Die Ursachen sind auch hier vor allem strukturell. Eine Bertelsmann-Studie von 2025 verweist mit Blick auf pädagogisches Fehlverhalten auf Risikofaktoren wie belastetes Teamklima, fehlende Kenntnisse über Schutzkonzepte, Personalmangel, Zeitdruck und hohe Arbeitsbelastung. Gleichzeitig zeigen andere Bertelsmann-Auswertungen, dass die Qualität der Kita-Betreuung je nach Bundesland und Region stark variiert und Fachkräfte teils für deutlich mehr Kinder zuständig sind als anderswo. Wo Personal knapp ist, Routinen eng sind und Reflexion im Team fehlt, steigt das Risiko, dass Überforderung an den Schwächsten ausgelassen wird, also an Kindern, die sich noch kaum selbst schützen können.
Ein weiterer Grund für unnötig grobes Verhalten von Erzieherinnen und Erzieher gegenüber Kindern könnte auch ein fehlgeleitetes Verständnis der kindlichen Entwicklung sein. Bis heute gibt es Pädagogen und Eltern, die davon überzeugt sind, dass Kinder im Kita-Alter „ihre Grenzen austesten“ wollten und sich absichtlich bockig verhielten, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Dies ist aus entwicklungspsychologischer Sicht jedoch kaum möglich, sagt die Münchner Pädagogin Dr. Eliane Retz in ihrem Buch „Kita-Eltern begleiten und beraten“. Darin beschreibt sie die kognitiven Reifungsprozesse, die ein Kind durchläuft, bis es Einsicht in das eigene Verhalten und dessen Auswirkungen auf andere hat. Und diese Prozesse, so Retz, setzen erst ab dem vierten Lebensjahr ein. Bis dahin sind Verhalten und Reaktionen hauptsächlich emotional gesteuert und haben keinen bewusst manipulativen Charakter.
Woher dieses (Un-)Verständnis für die kindliche Psyche stammt, ist spekulativ, doch möglicherweise spielt der Erziehungsratgeber von Johanna Haarer, einer Lungenfachärztin, aus den 30er-Jahren eine Rolle. In ihrem Bestseller „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“, der bis in die 80er-Jahre millionenfach verlegt und dessen „Ratschläge“ von mindestens zwei deutschen Elterngeneration an deren Kinder weitergegeben worden ist, heißt es beispielsweise Neugeborene sollten in den ersten 24 Stunden ihres Lebens nichts zu trinken bekommen. Die Erziehung solle am Tag der Geburt beginnen und ohne „vernünftigen“ Grund solle eine Mutter sich nicht mit ihrem Kind befassen. Damit aus dem Kind kein „Haustyrann“ werde, gelte es, frühzeitig seinen Willen „zu brechen“, denn Kindern wäre schon ab einem sehr frühen Alter ein „Machtbedürfnis“zuzutrauen. Haarers Ansichten sind von der modernen Forschung längst als falsch und schädlich widerlegt worden und keine Ausbildungsstätte vermittelt ein solches Bild von der kindlichen Psyche, doch es stellt sich durchaus die Frage, ob und wie stark Haarers Einfluss unbewusst auf die heutige Generation von Pädagogen und Eltern nachwirkt.
Was hilft nun aber konkret? Schutzkonzepte in Kitas, die nicht in Ordnern verstauben, sondern gelebt werden, wäre ein Vorschlag. Verbindliche Beschwerdewege für Kinder und Eltern, Supervision, bessere Leitungsressourcen, Teamkultur statt bloßer Dienstplanung und vor allem bessere Rahmenbedingungen. Wer Kinderschutz will, muss Strukturqualität finanzieren, sonst bleibt es beim Lippenbekenntnis.

Kitakosten nach Postleitzahl

Wie schon angedeutet, hängt die Familienfreundlichkeit Deutschlands oft auch vom Wohnort ab. Der Ländermonitor Frühkindliche Bildung zeigt, dass die Beitragsfreiheit für Kindertagesbetreuung zwischen den Bundesländern sehr unterschiedlich geregelt ist. In Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Rheinland-Pfalz beispielsweise gibt es generell keine Elternbeiträge, in Hamburg besteht Beitragsfreiheit für einen Grundumfang von fünf Stunden täglich. Andere Länder gewähren Beitragsfreiheit erst ab einem bestimmten Alter oder nur in den letzten Jahren vor der Einschulung, wieder andere kennen keine generelle Beitragsfreiheit so wie beispielsweise Bayern und Baden-Württemberg. Das bedeutet: Familien starten je nach Wohnort mit sehr unterschiedlichen finanziellen Belastungen in die Elternschaft. Grund ist der deutsche Föderalismus. Länder, Kommunen und Träger setzen unterschiedliche Prioritäten, verfügen über unterschiedliche Finanzkraft und verfolgen teils bewusst verschiedene Modelle. Für Familien wirkt das jedoch oft willkürlich. Hinzu kommt: Beitragsfreiheit allein löst nicht alle Probleme. Die Bertelsmann Stiftung hat schon früh darauf hingewiesen, dass der Ausbau von Qualität und ausreichenden Plätzen ebenfalls Milliarden kostet. Um Deutschland umfassend familienfreundlicher zu gestalten, wäre es nötig ein bundeseinheitlicheres System mit klaren Mindeststandards, sozial gerechter Staffelung und dem Ziel, frühe Bildung nicht länger vom Geldbeutel oder Wohnort der Eltern abhängig zu machen.

Gender Pay Gap: Finanzfalle Familiengründung

Wie kinderfreundlich Deutschland ist, zeigt sich auch darin, wie groß das finanzielle Risiko für Frauen bleibt, Mutter zu werden. Laut Destatis lag die unbereinigte Gender Pay Gap 2025 bei 16 Prozent. Zum Verständnis: „Unbereinigt“ bezieht sich auf die strukturelle Ungleichheit, die zwischen Männern und Frauen im beruflichen Alltag herrscht, das heißt alle arbeitenden Männer und alle arbeitenden Frauen werden über alle Berufe, Branchen, Arbeitszeiten, Hierarchiestufen hinweg miteinander verglichen. Werden strukturelle Unterschiede herausgerechnet und vergleicht man Männer und Frauen unter möglichst denselben Voraussetzungen erhält man die „bereinigte“ Version der Gender Pay Gap. Und diese liegt in Deutschland bei sechs Prozent zugunsten der männlichen arbeitenden Bevölkerung. Im Vergleich: Die unbereinigte Gender Pay Gap lag 2024 in Estland bei 18,8 Prozent und war damit EU-weit am höchsten. In Luxemburg lag sie bei minus 0,8 Prozent und war damit am niedrigsten innerhalb der EU. Insgesamt verdienen Männer EU-weit im Schnitt 11,1 Prozent mehr als Frauen.
Destatis zeigte für Deutschland weiter, dass bei Eltern minderjähriger Kinder 2024 zwar 92 Prozent der Väter, aber nur 71 Prozent der Mütter erwerbstätig waren; bei Eltern mit Kindern unter drei Jahren waren 89 Prozent der Väter, aber nur 40 Prozent der Mütter erwerbstätig. Fast jede zweite erwerbstätige Frau arbeitet zudem in Teilzeit. Damit verfestigt sich ein Muster, das viele Familien ökonomisch automatisch in die klassische Rollenverteilung zwingt: Der besser verdienende Partner bleibt deutlich häufiger im Job und das ist in Deutschland mehrheitlich noch immer der Mann.
Für die Attraktivität von Elternschaft ist das fatal. Denn wenn Schwangerschaft, Elternzeit und Care-Arbeit fast zwangsläufig zu Einkommensverlusten, Karriereknicks und reduzierten Rentenansprüchen führen, wird das Kinderkriegen unattraktiver, gerade für gut ausgebildete Frauen. Lösungsansätze liegen auf der Hand (oder sollten es zumindest): bessere Kinderbetreuung, mehr Väterbeteiligung, partnerschaftlicheres Elterngeld, weniger steuerliche Fehlanreize für das Einverdienermodell, Rückkehrrechte in vollzeitnahe Arbeit und eine Arbeitswelt, in der Fürsorgearbeit nicht stillschweigend als private Frauenangelegenheit verbucht wird.

(Foto: pexels-gustavo-fring)

We are Family … sollte man glauben

Weitere Faktoren, die die Familiengründung in Detuschland unattraktiv macht, ist das Ehegattensplitting: Es kann zwar Haushaltseinkommen stabilisieren, setzt aber zugleich schwächere Erwerbsanreize für Zweitverdienende, also häufig Frauen. Schon frühere Evaluationen und familienpolitische Analysen kamen zu dem Schluss, dass öffentlich finanzierte Kinderbetreuung und Elterngeld für Vereinbarkeit deutlich produktiver sind als steuerliche Modelle, die eine traditionelle Arbeitsteilung begünstigen. Auch der Neunte Familienbericht empfahl die Weiterentwicklung von Betreuungsinfrastruktur, Elterngeld und Ehegattenbesteuerung. Hinzu kommen große Hürden beim Elterngeld und in der Reproduktionsmedizin. Beim Elterngeld gelten seit dem 1. April 2025 niedrigere Einkommensgrenzen; gleichzeitig sind Mindest- und Höchstbeträge seit der Einführung 2007 nicht dynamisiert worden, was die reale Kaufkraft deutlich geschmälert hat.
In der Kinderwunschmedizin übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung in Deutschland grundsätzlich 50 Prozent der Kosten für bis zu drei IVF- oder ICSI-Behandlungen, allerdings in der Regel nur für verheiratete heterosexuelle Paare und innerhalb von Altersgrenzen. Ein doppeldeutiges Signal: Kinder ja, aber bitte normgerecht, in einem bestimmten Zeitraum und möglichst ohne hohe Kosten.
Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Politik in Deutschland Familiengründung deutlich attraktiver gestalten könnte, ohne in bevölkerungspolitische Panikrhetorik zu verfallen. Nötig wären vor allem die zuvor erwähnten Faktoren wie eine verlässliche Infrastruktur, bezahlbare Betreuung, inflationsfeste Familienleistungen, bessere Absicherung und Begleitung während Schwangerschaft, Geburt und im Wochenbett, weniger bürokratische Hürden, partnerschaftlichere Erwerbsanreize und ein Gesundheitssystem, das Frauen und Familien nicht nur medizinisch versorgt, sondern würdevoll begleitet.

Ist Deutschland also kinderfreundlich? In Sonntagsreden: Ja. In der Infrastruktur und im gelebten Alltag: Nur bedingt. Das Land ist für Familien nicht durchgehend unfreundlich, aber in vielen Bereichen ägerlich wenig auf sie eingestellt. Wer Kinder bekommt, trifft auf ein System, das fordert, belehrt, belastet und regional höchst unterschiedlich unterstützt. Das beginnt bei der unsicheren Entscheidung für ein Kind und gegebenenfalls bei der medizinischen Unterstützung, setzt sich in Geburtshilfe und Wochenbett fort und endet nicht bei Betreuung, Erwerbsarbeit und finanzieller Gleichstellung. Die eigentliche Diagnose lautet deshalb nicht: Deutschland will keine Kinder. Sondern: Deutschland will Kinder ohne Familien und deren Bedürfnisse konsequent in den Mittelpunkt zu stellen. Und dieser Perspektivwechsel muss stattfinden, soll Deutschland eine wirtschaftlich gesicherte Zukunft haben.