Brennpunkt – Handel im Verbund

28. Januar 2022, 15:34

HAls die Vedes 1904 an den Start ging, war die Spielwarenwelt nach heutigen Maßstäben noch in Ordnung. Rückblickend gab es auch damals Hürden und Herausforderungen, jedoch nicht so komplexe und kaum kalkulierbare wie heute. Seit fast 120 Jahren gestaltet die Vedes nun die Zukunft des Spielwarenhandels mit. Über das Heute und Morgen sprach Sibylle Dorndorf Ende des Jahres 2021 mit den beiden langjährigen Vorständen.

Meine Herren, der Fachhandel steht seit Jahren aufgrund gravierender Veränderungen bei den Rahmenbedingungen wie generelle Kaufzurückhaltung, E-Commerce-Challenge, veränderte Shopper Journey, Social Shopping und so weiter unter Druck. Und dann kam noch Corona … Was meinen Sie – wird es im Handel in 2022 viele Pleiten geben?
Dr. Thomas Märtz: Im deutschen Einzelhandel ruft die Corona-Pandemie extrem unterschiedliche Entwicklungen hervor. Eindeutige Gewinner sind der Online-Handel und der Lebensmitteleinzelhandel. Auch Möbel und Baumärkte laufen besser als erwartet. Für die meisten Modehändler hingegen ist die Pandemie eine Katastrophe. Aber auch hier gibt es erfolgreiche Unternehmen, sofern sie sich rechtzeitig in punkto Omnichannel positioniert haben – und zwar lange, bevor Corona kam.

Und wie sieht es konkret in der Spielwarenbranche aus? Wie hat Ihre Händlerschaft die Lockdowns verkraftet? Was waren die Learnings daraus?
Dr. Märtz: Corona hat in der Spielwaren-Handelslandschaft durchaus nachhaltige Spuren hinterlassen. Die Mitglieder der Vedes Gruppe haben sich vergleichsweise gut behauptet, weil sie sich äußerst flexibel auf die Situation eingestellt und die Krise mit unternehmerischer Tatkraft gemeistert haben. Sicherlich gab es vereinzelt Schließungen, die durch die Krise beschleunigt wurden, aber auf anderen Ursachen, zum Beispiel einer fehlenden Nachfolgeregelung, beruhten. Es freut uns daher sehr, dass unsere Mitglieder trotz aller Probleme relativ stabil durch die Krise kommen.

Es ist viel die Rede vom Digitalisierungsschub im Handel. Können Sie das auch für die Vedes Händler unterschreiben und wie sieht das digitale Erwachen konkret aus?
Achim Weniger: Absolut, die Pandemie hat sich als echter Evolutionsbeschleuniger für die Digitalisierung im Fachhandel erwiesen. Wachstumstreiber ist und bleibt der Online-Handel, denn die Verbraucher legen ihre Geschenke coronabedingt vermehrt in den digitalen Warenkorb. Hier sind unsere Vedes Händler sehr gut aufgestellt, denn sie haben sich mit uns zusätzlich zum stationären Geschäft ein digitales Standbein geschaffen. Mit der Vedes Digitalen Shopping-Lösung sind unsere Mitglieder auf allen Kanälen aktiv, um ihren Bestands-, aber auch Neukunden einen vollumfänglichen Service anbieten zu können. Das Leistungsspektrum umfasst einen individuellen Internetauftritt, ausführliche Produktpräsentationen inklusive Verfügbarkeiten und Instrumente wie Click & Collect sowie die Möglichkeit, sich über einen eigenen Online-Shop individuell und kundenorientiert zu präsentieren.

Rechts Dr. Thomas Märtz, links Achim Weniager

Viele Verbände haben während der Lockdowns versucht, auf politischer Bühne zu intervenieren, um eine Öffnung der Geschäfte zu erreichen. Warum, meinen Sie, wird Spielware immer noch so unterschätzt? Mehr denn je waren die Produkte der Branche, das zeigen ja die gigantischen Umsatzzuwächse der Spieleanbieter, während der Kontaktbeschränkungen systemrelevant … Betreibt die Branche zu wenig Lobbyarbeit?
Dr. Märtz: Dieser Eindruck täuscht! Wir sind branchenübergreifend mit allen Handelsverbänden und vielen Verbundgruppen auf allen politischen Ebenen an vorderster Front aktiv. Wir sind der festen Überzeugung, dass nur gemeinsame Initiativen bei Bund und Ländern Aussicht auf Erfolg haben.

Wie haben Sie während der Pandemie Kontakt mit Ihren Händlern gehalten und wird eine neue Art der „Begegnung“ Ihrer Meinung nach auch nach der Pandemie bleiben?
Dr. Märtz: Auch hier hat es einen echten Digitalisierungsschub gegeben. Was früher undenkbar gewesen wäre, hat sich inzwischen fest etabliert. Wir halten engsten Kontakt zu unseren Mitgliedern in wiederkehrenden Live-Streams und erreichen hier mittlerweile mehr Teilnehmer als auf unseren früheren Regionalkonferenzen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Im Zuge dessen möchte ich auch die Frage nach den Messen stellen: Es wird nicht einfach sein, wirklich funktionierende hybride Konzepte aufzulegen. Die Leitmessen werden auf jeden Fall schlankere Veranstaltungen fahren müssen, um zu überleben, was meinen Sie?
Dr. Märtz: Die Messegesellschaften stehen vor großen Herausforderungen. Natürlich kann nichts den persönlichen Kontakt bei einer Messe ersetzen. Es zeichnet sich jedoch ab, dass sich viele Marktteilnehmer neu orientiert haben und alternative Optionen prüfen. Die weitere Entwicklung hängt sicherlich vom Verlauf des Pandemie-Geschehens im Jahr 2022 ab.

Auch teilweise einhergehend mit der Pandemie hat die Industrie die Vertikalisierung vorangetrieben. Wie sehen Sie diese Entwicklung in Bezug auf Ihre Händlerschaft?
Weniger: Grundsätzlich handelt es sich auch hier um eine Evolutionsbeschleunigung, da die früher klar getrennten Rollen beziehungsweise Zuständigkeiten bereits vor der Pandemie verschwommen waren. Wir beobachten diese Entwicklung aufmerksam und stehen diesbezüglich im direkten Dialog mit den Big Playern. Irritierend finden wir jedoch manche Aktivitäten und die Preisgestaltung in den eigenen Online-Shops einiger Industriepartner bei gleichzeitig abweichender UVP-Empfehlung für den Handel.

Gerade im entscheidenden vierten Quartal war die Spielwarenbranche – wie im Übrigen auch andere Branchen – von erheblichen Lieferengpässen betroffen. Wie sah die Situation bei Ihrer Händlerschaft aus und konnten die Händler sich rechtzeitig noch mit Ware eindecken beziehungsweise gegensteuern? 
Weniger: Die Vedes konnte sich – trotz größter Herausforderungen in punkto Disposition und Beschaffung – frühzeitig und ausreichend mit Ware bevorraten, so dass unser Großhandel im Weihnachtsgeschäft bis zum letzten Tag lieferfähig war. Deswegen waren die Regale unserer Vedes Händler – sowohl stationär als auch digital – im Jahresendspurt gut gefüllt.

Wir sehen extreme Preiserhöhungen bei den Frachtkosten und bei der Beschaffung von Rohstoffen wie Kunststoffgranulat, Gummi, Elektronik, Chips et cetera. Auch eine Verknappung von Rohstoffen führt zu oben genannten Engpässen, aber auch zu Preiserhöhungen. Viele Unternehmen haben bereits Ende 2021 Preise angepasst, wahrscheinlich wird auch das Jahr 2022 von diesen Rahmenbedingungen geprägt sein. Was glauben Sie, wird sich die Lage in 2022 entspannen? Wenn ja, wann und um wieviel Prozent zirka werden die Preise bei Spielware steigen? 
Weniger: Von Entspannung kann keine Rede sein – eher das Gegenteil ist der Fall. Wir gehen davon aus, dass sich die dramatischen Kostensteigerungen weiter negativ auf die Preise auswirken werden. Es wird nur im gemeinsamen Verständnis zwischen Industrie und Handel möglich sein, die gravierenden EK-Erhöhungen im Handel durch vernünftige UVP-Empfehlungen abzubilden. Der Handel kann diese Margenveränderung sicherlich nicht allein tragen!


Vedes AG erweitert Vorstand
Noch nicht in der Fragerunde, aber bereits im Amt: Der Aufsichtsrat der Vedes AG hat mit Wirkung zum 1. Januar 2022 Julia Graeber in den Vorstand berufen. Die gebürtige Nürnbergerin, die bereits seit 2019 im Unternehmen als Finanzleiterin tätig ist, verantwortet künftig die Ressorts Finanzen, Rechnungswesen, Controlling und IT. Dr. Thomas Märtz ist als Vorstandsvorsitzender für die Bereiche Unternehmensstrategie, strategische Allianzen und Kooperationen, Investor Relations, Unternehmenskommunikation und Human Resources zuständig, die Bereiche Einkauf, Marketing, Vertrieb und Logistik verantwortet von Achim Weniger.


Kommen wir zur Vedes selbst. Sind Sie mit dem zurückliegenden Geschäftsjahr zufrieden?
Dr. Märtz: Wir haben im vergangenen Jahr erfolgreich viele Maßnahmen eingeleitet, um die Vedes Gruppe auch in schwierigen Zeiten auf Kurs zu halten. Das operative Ergebnis 2021 hat sich im Vedes Konzern gegenüber dem Vorjahr deutlich verbessert. Mit der erfolgreichen Refinanzierung der Vedes Anleihe sowie der stillen Beteiligung der Bayerischen Beteiligungsgesellschaft an der Vedes AG haben wir die finanziellen Voraussetzungen geschaffen, um die strategische Weiterentwicklung der Vedes Gruppe mit Nachdruck voranzutreiben.

Sie haben zum 1. Januar 2022 den Vorstand um ein weiteres Mitglied erweitert. Julia Graeber wird künftig die Bereiche Finanzen, Rechnungswesen, Controlling und IT verantworten. Was bedeutet das übersetzt in Ihre Vedes Strategie auf die Mitglieder und den Markt gerichtet konkret?
Dr. Märtz: Mit dem nun erweiterten Vorstandsteam ist die Vedes Gruppe für den Aufbruch in die Zukunft bestens aufgestellt, den Wandel im Spielwarenfachhandel aktiv zu gestalten. Uns ist allen bewusst, dass 2022 nicht einfach werden wird. Zu dritt gehen wir die bevorstehenden Herausforderungen voller Zuversicht an, denn für uns gibt es keine Alternative zum Optimismus.

Vor der Pandemie galt in vielen Branchen „Think Big“, nun backen wir in mehrfacher Hinsicht kleinere Brötchen. Welche Rückschlüsse haben Sie in der Zentrale aus der Corona-Zeit gezogen und welche Einflüsse haben diese auf Ihre Geschäftstätigkeit und die Vedes Geschäftsfelder?
Dr. Märtz: Wir nehmen die veränderten Rahmenbedingungen als Grundlage, um die Zukunft der Spielwarenbranche zu gestalten. Als traditionsreiches Unternehmen mit einer 118-jährigen Geschichte stehen wir seit Generationen für einen starken Mittelstand und werden die bevorstehenden Herausforderungen aktiv angehen und die sich bietenden Chancen nutzen.

Die Vedes hat als Marke einen hohen Bekanntheitsgrad bei Familien. Werden Sie das mit entsprechenden Maßnahmen weiter forcieren?
Weniger: Natürlich, denn eine starke Marke ist in unserem harten Wettbewerbsumfeld das A und O! Allein im Jahr 2021 konnten wir durch unsere Vermarktungsaktivitäten im Digital- und Printbereich mehr als 600 Millionen Kontakte generieren. Und auch in Zukunft werden wir hier kräftig investieren, damit unsere starke Marke Vedes auf allen Kanälen präsent und damit in den Köpfen der Konsumenten fest verankert ist.

Wie ist Ihre Einschätzung: Wird es nach der Pandemie mehr Kooperationen und Zusammenschlüsse auf allen Ebenen der Branche geben?
Dr. Märtz: Das kann ich mir durchaus vorstellen, denn wir sitzen ja letztendlich alle im gleichen Boot – warum sollten wir dann auch nicht gemeinsam rudern!? Natürlich werden wir Optionen prüfen, wenn sie sich bieten. Das Ziel muss sein, auch branchenübergreifend Kräfte sinnvoll zu bündeln und Synergieeffekte zu erzielen.

Können Sie sich vorstellen, über Ihr Engagement bei der EK hinaus noch weitere Kooperationen oder Allianzen anzustoßen?
Dr. Märtz: Die Vedes ist bisher gut durch die Corona-Krise gekommen und bleibt auch in Zukunft stabil auf Kurs. Wir verfügen über die Kompetenz, die Finanzkraft und die richtige Mannschaft – die Grundlage für unseren Spitzenplatz.

Was die EK angeht, so bieten Sie den Bielefeldern Ihr Spielwaren-Know-how und schöpfen aus der Babykompetenz der Verbundgruppe für Ihre Händlerschaft. Gibt es weitere Sortimente, die für Vedes Händler künftig interessant sein werden?
Weniger: Wir blicken stets über den Spielwaren-Tellerrand auf der Suche nach arrondierenden Sortimenten, die das Angebot unserer Händler sinnvoll ergänzen. So sind wir bereits in den Bereichen Schule, Bücher, Sport, Outdoor, Geschenkartikel sehr aktiv.