Bücher: Kinder haben eine Stimme
Bei der Verleihung des 6. Deutschen Kinderbuchpreises entscheiden 32 junge Leserinnen und Leser zwischen sechs und zehn Jahren mit, welches Buch ausgezeichnet wird. Janina Hamhaber hat sich umgehört, was hinter der Kinderjury steckt und welche Bedeutung ihre Perspektive auch für den Handel bedeutet.
Folgende Titel waren Teil der Shortlist:
- Manno Monster und ich von Katja Reider
- Der Leuchtturmbär von Mathilde Stein
- Eine Oma für alle Fälle von Christian Wichmann
- Ich seh in dir, was du nicht siehst von Martin Fontanellaz
- Knallharte Steinzeit: Kleines Mammut, große Gefahr von Rüdiger Bertram
- Abenteuer in Müffel-Büffel – Hier stinkt’s gewaltig! von Katalina Brause
- Mister Marple und du: Hilfe, das Klassentier ist weg! von Sven Gerhardt
- Tom Tauber – Ratte der Lüfte von Hannah Schenk
- Henriette Huckepack – Hokus Pokus Fidibus, was ist da im Museum los? von Andrea Lienesch
- Vier Viertel und ein Haufen Chaos 1: Ein Zuhause für Loki von Cally Stronk & Constanze Kitzing

Neun Wochen nach der Einschulung konnte Emilia* bereits zwei vollständige Bücher selbstständig lesen und eigene Geschichten verfassen. Sie ist neurodivergent, Autistin und hochbegabt und bringt eine außergewöhnliche Begeisterung für Bücher, Geschichten und neues Wissen mit. Gleichzeitig zeigt sich im Schulalltag, dass sie eine Lernumgebung braucht, die ihrem besonderen Lerntempo und ihren individuellen Bedürfnissen stärker Rechnung trägt. Für ihre Familie war deshalb schnell klar, dass Emilia Möglichkeiten braucht, ihre Interessen und Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Besonders das Lesen und das Erfinden eigener Geschichten gehören zu ihren großen Leidenschaften. Auf der Suche nach passenden Angeboten stieß die Familie im Internet auf die Kinderjury des Deutschen Kinderbuchpreises. Die Idee passte zu Emilia: zehn neue Bücher lesen, eigene Favoriten auswählen und anschließend gemeinsam mit 31 weiteren Kindern darüber entscheiden, welches Buch den Deutschen Kinderbuchpreis gewinnt. Damit wurde aus ihrer ausgeprägten Lesebegeisterung eine konkrete Aufgabe. Emilia sollte nicht nur Bücher lesen, sondern ihre Meinung dazu abgeben. Ihre Einschätzung würde Teil einer Entscheidung sein, bei der die Stimme von Kindern ausdrücklich gefragt ist.
Zehn Bücher, 32 Kinder, eine Entscheidung
Da es zum Zeitpunkt der Bewerbung erst Januar war und die Bewerbung bis spätestens 31. Mai eingereicht werden musste, hieß es zunächst: warten. Ende Juni kam schließlich die ersehnte E-Mail mit der Betreffzeile: „Du bist in der Kinderjury beim Deutschen Kinderbuchpreis“. Das Warten hatte sich gelohnt! Mitte Juli wurde es dann konkret. Es klingelte an der Haustür, und der Postbote stand mit einem großen Paket vor der Tür. Aufgeregt öffnete Emilia das Paket. Darin enthalten waren die Bücher der Shortlist. Es handelte sich um die Auswahl, die zuvor die zehnköpfige Erwachsenenjury aus den eingereichten Titeln ausgewählt hatte. Bis zum 7. September hatten Emilia und die anderen Kinder Zeit, die Bücher zu lesen, ihre drei persönlichen Favoriten auszuwählen und sie anhand eines Fragebogens zu bewerten. Die endgültige Entscheidung über den Preisträger liegt damit nicht bei der Erwachsenenjury, sondern bei den Kindern. Das ist eine Besonderheit des Deutschen Kinderbuchpreises und zugleich für den Handel interessant. Denn Kinder sind bei Büchern zwar die eigentlichen Nutzer, häufig aber nicht die alleinigen Entscheider. Eltern, Großeltern und andere Erwachsene kaufen die Bücher. Im stationären Buch- und Spielwarenhandel kommt zusätzlich die Beratung hinzu. Welche Geschichte passt zum Kind? Welches Buch könnte gefallen? Welche Themen interessieren? Und was ist für Sechsjährige interessant und was für Acht- oder Zehnjährige?
Die Kinderjury rückt deshalb eine Frage in den Mittelpunkt, die auch für den Handel bedeutsam ist: Was wollen Kinder eigentlich selbst lesen? Die zehn Bücher der Shortlist richten sich an Kinder zwischen sechs und zehn Jahren. Innerhalb dieser Altersgruppe liegen jedoch Welten. Ein Kind liest gerade erst seine ersten Bücher selbst, ein anderes verschlingt bereits umfangreiche Geschichten. Manche interessieren sich für Abenteuer, andere für Humor, Freundschaft, Fantasie oder Sachthemen. Eine Altersempfehlung kann deshalb nur eine Orientierung sein. Die tatsächlichen Interessen des einzelnen Kindes spielen bei der Auswahl eine mindestens ebenso wichtige Rolle. Für den Handel bietet die Kinderjury hier einen interessanten Anknüpfungspunkt. Die Auszeichnung eines Titels durch eine Kinderjury lässt sich anders kommunizieren als eine klassische Literaturauszeichnung. Nicht allein Fachleute haben entschieden, sondern Kinder haben die Bücher selbst gelesen, verglichen und bewertet. Das kann auch im Verkaufsgespräch eine Rolle spielen. Ein Buch, das von Kindern ausgewählt wurde, bringt eine besondere Form der Empfehlung mit. Es liefert Eltern einen zusätzlichen Orientierungspunkt und kann gleichzeitig Kinder direkt ansprechen. Gerade im Spielwarenhandel, in dem Bücher Teil eines breiteren Kinder- und Familiensortiments sein können, ist diese Perspektive interessant. Bücher stehen hier nicht isoliert, sondern neben Spielen, Puzzles, Kreativprodukten und anderen Angeboten. Für die Beratung kann es deshalb hilfreich sein, nicht nur auf das Alter, sondern auch auf die Interessen eines Kindes zu schauen. Für Händlerinnen und Händler kann der Deutsche Kinderbuchpreis deshalb mehr sein als eine Auszeichnung, die im Herbst Aufmerksamkeit bekommt. Die nominierten und ausgezeichneten Titel können auch Impulse für die Sortimentsgestaltung und die Kundenansprache geben. Welche Themen sprechen Kinder unterschiedlicher Altersgruppen an? Welche Bücher eignen sich für eine Empfehlung an Eltern und Großeltern? Welche Titel lassen sich mit anderen Produkten im Sortiment verbinden? Ein Kinderbuch kann beispielsweise Ausgangspunkt für ein ganzes Themenumfeld sein. Ein Abenteuertitel kann neben Spielen oder Kreativprodukten zum Thema Abenteuer stehen, eine Geschichte über Tiere neben entsprechenden Spielen, Figuren oder Bastelangeboten. Damit wird das Buch vom Einzelartikel zum Bestandteil einer Themenwelt.
Auch für die Kundenansprache ergeben sich Möglichkeiten. Ein Hinweis wie „von Kindern ausgewählt“ oder „ausgezeichnet mit dem Deutschen Kinderbuchpreis“ kann im Laden Aufmerksamkeit erzeugen und ein Beratungsgespräch eröffnen. Auszeichnungen können für Bücher eine wichtige Orientierungs- und Vermarktungsfunktion übernehmen. Untersuchungen zum deutschen Buchmarkt zeigen, dass Literaturpreise mit Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit verbunden sind. Dass Auszeichnungen die Nachfrage nach Büchern beeinflussen können, zeigen auch wissenschaftliche Untersuchungen aus anderen europäischen Buchmärkten. Nicolas Lagios und Pierre-Guillaume Méon untersuchten den französischen Prix Goncourt und stellten fest, dass der Gewinn des Preises die Verkäufe der ausgezeichneten Bücher im Durchschnitt um rund 350 Prozent erhöhte. Eine Untersuchung des italienischen Premio Strega von Michela Ponzo und Vincenzo Scoppa kam ebenfalls zu einem deutlichen positiven Effekt auf die Buchverkäufe. Die Studien zeigen damit, dass Literaturpreise nicht nur Aufmerksamkeit schaffen, sondern auch eine messbare wirtschaftliche Wirkung entfalten können. Dabei geht es nicht darum, die Entscheidung der Kinder als alleinige Qualitätsgarantie zu verstehen. Sie ergänzt vielmehr andere Orientierungshilfen wie pädagogische Empfehlungen, Bestsellerlisten, Verlagsmarketing und die persönliche Beratung.
Für den Handel liegt darin eine zusätzliche Perspektive auf die Zielgruppe. Erwachsene entscheiden häufig über den Kauf, Kinder entscheiden aber darüber, ob ein Buch tatsächlich gelesen wird. Das macht ihre Reaktion auf einen Titel für die Beratung und langfristig auch für die Sortimentsgestaltung relevant. Natürlich sind 32 Kinder keine repräsentative Stichprobe der gesamten jungen Leserschaft. Kinder unterscheiden sich in ihren Interessen, ihren Leseerfahrungen und ihrem Entwicklungsstand. Gerade für den Handel ist diese Vielfalt jedoch interessant. Denn auch im Laden gibt es nicht „das“ sechsjährige oder „das“ achtjährige Kind. Es gibt Kinder mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten. Die Kinderjury macht diese Individualität sichtbar. Sie zeigt, dass die Frage nach dem passenden Buch nicht allein über Alter oder Geschlecht beantwortet werden kann. Entscheidend ist, was ein Kind motiviert und welche Geschichte es tatsächlich begeistert. Für Händlerinnen und Händler bedeutet das: Je besser die individuellen Passionen eines Kindes im Beratungsgespräch erkannt werden, desto größer ist die Chance, einen passenden Titel zu finden.
Der Deutsche Kinderbuchpreis ist seit seiner Gründung 2021 allerdings nicht ohne Kritik geblieben. In der Anfangsphase wurden unter anderem die ungewöhnlich hohe Dotierung, die Rolle der privaten Stifter Jasmin und Wolfram Schröter, Inhaber des Zeitfracht-Logistikunternehmens, im Kulturbetrieb sowie die ursprüngliche Konzentration auf die Textautorinnen und -autoren diskutiert. Auch die Frage, inwieweit eine Jury aus 32 Kindern die Vielfalt der jungen Leserschaft abbilden kann, wurde kritisch betrachtet. Einige Punkte haben sich inzwischen verändert. Das Preisgeld wird auf mehrere Platzierungen verteilt, außerdem gibt es einen eigenen Illustrationspreis. 2026 sind Jenny Boidol (Bunt ist die Welt: Eine Reise durch 194 Länder), Leo Timmers (Kiki und ich) und Hanna Riebenbauer (Wir forschen!) für den Sonderpreis Illustration nominiert. Mit insgesamt 100.000 Euro Preisgeld gehört der Deutsche Kinderbuchpreis weiterhin zu den höchstdotierten Auszeichnungen für Kinderliteratur im deutschsprachigen Raum. Die Preisverleihung findet am 3. Oktober 2026 in Stuttgart statt.
Sonderpreises: „Lesen macht Kinder stark“
2026 kommt eine weitere Facette hinzu: Gemeinsam mit der Philipp Lahm Stiftung wird erstmals der Sonderpreis „Lesen macht Kinder stark“ vergeben. Ausgezeichnet werden Bücher, die Kinder in ihrer persönlichen, emotionalen und sozialen Entwicklung stärken. Für den Handel ist auch dieser Schwerpunkt interessant, weil er Bücher stärker über ihre Inhalte und Themen positioniert. Geschichten über Freundschaft, Selbstvertrauen, Gemeinschaft oder den Umgang mit Herausforderungen können im Verkaufsgespräch konkrete Anknüpfungspunkte bieten. Damit lässt sich Literatur auch außerhalb des klassischen Buchregals denken. Ein Buch kann Teil einer Themenwelt werden, Bestandteil einer Geschenkidee oder Ausgangspunkt für eine Beratung sein. Aus Sicht des Handels kann die Verbindung verschiedener Produktgruppen damit zusätzliche Möglichkeiten schaffen, Geschichten und Themen über das einzelne Buch hinaus erlebbar zu machen.
Für Emilia ist die Teilnahme an der Kinderjury vor allem eines: eine große Freude. Sie bekommt zehn neue Bücher, kann lesen, Geschichten entdecken und ihre persönlichen Favoriten auswählen. Gleichzeitig erlebt sie, dass ihre Meinung gefragt ist und Gewicht bekommt. Für ihre Familie ist die Teilnahme ein weiterer Baustein auf der Suche nach Möglichkeiten, Emilias Interessen und Fähigkeiten zu fördern. Die Kinderjury bietet ihr dabei einen Raum, in dem ihre besondere Begeisterung für Bücher gefragt ist. Für den Handel steckt darin eine einfache Botschaft: Kinder sind nicht nur die Zielgruppe. Sie sind Experten für ihre eigenen Interessen. Wer Kinder beim Einkauf ernst nimmt, ihnen zuhört und ihre Vorlieben berücksichtigt, kann Beratung und Sortimentsgestaltung näher an der tatsächlichen Zielgruppe ausrichten. Der Deutsche Kinderbuchpreis macht dieses Prinzip sichtbar. 32 Kinder aus 16 Bundesländern lesen, vergleichen und entscheiden. Sie bekommen eine Stimme, die gehört und ernstgenommen wird. Ihre Auswahl ist nicht repräsentativ, aber sie bringt eine unmittelbare Perspektive der Zielgruppe in die Preisentscheidung ein. Und genau das macht die Kinderjury auch für den Handel interessant. Bei einem Kinderbuch geht es nicht nur darum, welches Buch Erwachsene für passend halten. Entscheidend ist auch, ob ein Kind es in die Hand nimmt, darin zu lesen beginnt und anschließend nach der nächsten Geschichte fragt.