Frankfurt Kids: Vielfalt fürs Sortiment

5. Oktober 2026, 7:55

Kinderbücher sind für viele Spielwarenfachhändler längst mehr als ein ergänzendes Sortiment. Erfolgreiche Geschichten schaffen Figuren- und Themenwelten, die weit über das Buch hinausreichen und Anknüpfungspunkte für Spiele, Spielwaren, Film und Licensing bieten. Die Frankfurter Buchmesse rückt diese Schnittstellen 2026 stärker in den Fokus und beschäftigt sich dabei mit der Frage, wie qualitativ hochwertige Kinder- und Jugendmedien unter wachsendem wirtschaftlichem Druck entstehen und ihr Publikum erreichen können.

Wenn die Frankfurter Buchmesse vom 7. bis 11. Oktober ihre Tore öffnet, lohnt sich auch für den Spielwarenhandel der Blick Richtung Mainmetropole. Kinder- und Jugendmedien haben in diesem Jahr – ganz neu – in Halle 4.0 ihren zentralen Platz. Dort kommen Verlage, Handel und Publikum zusammen und empfangen ihr Publikum während im Mittelpunkt auf der Imagination Stage Konferenzen, Vorträge und Diskussionen stattfinden.
Einen zentralen Programmpunkt bildet am Messemittwoch die Frankfurt Kids Conference, die am Messemittwoch, 7. Oktober von 15.30 bis 18 Uhr auf eben jener Imagination Stage in Halle 4.0 stattfindet. Unter dem Motto „Rewriting the Future“ kommen internationale Vertreterinnen und Vertreter der Kinderbuchbranche zusammen, um über aktuelle Herausforderungen und neue Lösungsansätze zu diskutieren. Zwei Panels widmen sich dabei insbesondere der Frage, wie sich hochwertige Kinderbücher auch in einem schwieriger werdenden Markt realisieren lassen. „Saving the World Without a Budget“ nimmt kreative und praxistaugliche Strategien unter Kostendruck und angesichts veränderter Lesegewohnheiten in den Blick. „The Future Is Bright“ richtet den Fokus dagegen auf Geschäftsmodelle und Ideen, die Verlagen neue Perspektiven eröffnen können.
Dass diese Fragen nach Wirtschaftlichkeit längst nicht nur Verlage betreffen, zeigt sich auch im Handel. Gestiegene Preise und gesellschaftliche Veränderungen erhöhen den Druck auf die Kategorie Kinder- und Jugendbuch. Gleichzeitig braucht der Handel eine ausreichend breite Auswahl an Titeln für unterschiedliche Alters-, Themen- und Preissegmente. Gerade für Spielwarenfachgeschäfte, die Bücher als Zusatzsortiment führen, sind attraktive Inhalte und eine klare Positionierung entscheidend: Ein Buch muss nicht nur inhaltlich überzeugen, sondern sich neben Spielen, Kreativprodukten und Spielwaren auch am Point of Sale behaupten.
Wie neue Strukturen dabei helfen können, zeigt ein Beispiel aus Frankreich. Les Nouveaux Éditeurs wurde 2024 vom früheren Hachette-Livre-Chef Arnaud Nourry gegründet und bietet unabhängigen Verlegerinnen und Verlegern unter anderem Unterstützung bei Finanzierung, Produktion, Vertrieb, IT und beim Aufbau internationaler Netzwerke. Auf der Kids Conference berichtet Karine Leclerc über ihre Erfahrungen mit diesem Modell. Gemeinsam mit Sophie Chanourdie gründete sie 2025 den Kinderbuch- und Comicverlag Éditions La Doux, der aus Les Nouveaux Éditeurs hervorgegangen ist und 2026 auf der Kinderbuchmesse in Bologna als bester europäischer Verlag ausgezeichnet wurde.
Die Frage nach tragfähigen wirtschaftlichen Modellen zieht sich auch durch andere Veranstaltungen des Kinder- und Jugendbuchprogramms. Unter dem Titel „Gute Kinderbücher brauchen Budget“ geht es beispielsweise darum, welche EU-Fördermöglichkeiten Verlagen zur Verfügung stehen, wie diese beantragt werden können und welche Projekte sich damit realisieren lassen. Dabei geht es letztlich um weit mehr als das einzelne Buch. Denn erfolgreiche Kinderinhalte bewegen sich zunehmend zwischen unterschiedlichen Medien und Produktwelten. „Kinderbücher stehen oft am Anfang von Geschichten, die als Film, Serie, Spiel oder Spielzeug weiterleben. Entscheidend sind zwei Fragen: Wie erreichen diese Produkte ihr Publikum? Und wie finanzieren Unternehmen Qualität bei steigendem Kostendruck? Unser Fachprogramm bringt Akteurinnen und Akteure aus Buch- und Medienbranche zusammen und öffnet den Blick für Partnerschaften, neue Märkte und neue Wege“, sagt Birgit Fricke, Key Account Managerin und Kinderbuch-Expertin von der Frankfurter Buchmesse.

Birgit Fricke
(Foto: Gian-Luca Heiser)

Gerade dieser Blick über Branchengrenzen hinweg macht das Programm auch für die Spielwarenbranche interessant. Eine Kinderbuchfigur kann zur Lizenz werden, eine erzählte Welt zum Spiel, zum Puzzle oder zur Sammelfigur. Umgekehrt konkurrieren Bücher im Handel mit einer Vielzahl anderer Freizeitangebote um Aufmerksamkeit. Für Händler stellt sich deshalb zunehmend die Frage, welche Themen, Figuren und visuellen Welten das Potenzial besitzen, Kinder und Familien über unterschiedliche Produktkategorien hinweg anzusprechen.
Welche Bedeutung dabei die Gestaltung hat, zeigt unter anderem Serafina, der Nachwuchspreis für Illustration, den die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendliteratur gemeinsam mit Partnern während der Buchmesse vergibt. 2026 findet die Preisverleihung am 7. Oktober auf der Imagination Stage statt. Ergänzend beschäftigt sich eine Veranstaltung mit dem visuellen Wandel im Kinderbuch und dessen Auswirkungen auf Verlage, Buchhandel und Illustratorinnen und Illustratoren. Für den Handel ist dieser Aspekt nicht zu unterschätzen: Cover, Illustrationsstil und Figurenwelten prägen nicht nur die Wahrnehmung eines Buches, sondern können entscheidend dafür sein, ob daraus eine visuell wiedererkennbare Marke entsteht.
Wie weit sich solche Stoffe entwickeln können, zeigt schließlich die Verbindung von Buch und Film. Am 8. Oktober diskutiert die Frankfurt Screen World anhand der Verfilmung von Bart Moeyaerts Jugendroman „Heute heißen alle Sorry“, wie sich die Tonalität eines literarischen Werks in eine filmische Sprache übertragen lässt. Dabei geht es auch um Fragen der Zielgruppenansprache: Wann helfen Kategorien wie Kinder- oder Jugendbuch beziehungsweise -film bei Vermarktung und Vertrieb – und wann begrenzen sie Reichweite und potenzielle Märkte? An der Gesprächsrunde nehmen Vertreterinnen und Vertreter aus Literatur, Filmproduktion, Fernsehen und Rights Management teil.
Für den Spielwarenfachhandel eröffnet sich damit in Frankfurt ein Blick auf eine Branche, die vor vielen ähnlichen Herausforderungen steht: Kosten steigen, Zielgruppen verändern ihr Medien- und Konsumverhalten und gute Produkte müssen in einem immer größeren und vor allem vielfältigeren Angebot sichtbar werden. Gleichzeitig entstehen dort Geschichten, Figuren und Themenwelten, die später in ganz anderen Regalen wieder auftauchen können. Wer Bücher als Zusatzsortiment führt oder nach neuen Lizenzthemen und Cross-Selling-Potenzialen sucht, findet auf der Buchmesse deshalb nicht nur neue Titel, sondern möglicherweise auch die ersten Kapitel der nächsten großen Spielwarenwelt.

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