Branche: Spielzeugmuseum Nürnberg unter neuer Leitung

30. Juni 2026, 12:56

Spielen verbindet Generationen, spiegelt Zeitgeist und kann sogar neue Perspektiven auf gesellschaftliche Fragen eröffnen. Davon ist Dr. Manuel Seitenbecher überzeugt, der seit dem 1. März das Spielzeugmuseum Nürnberg und das Deutsche Spielearchiv leitet. Mit Astrid Specht sprach er über seinen Einstieg, die geplante Weiterentwicklung der Dauerausstellung, die Bedeutung Nürnbergs als Spielzeugstadt und die Frage, warum Spielzeug heute nicht nur Erinnerungsstück, sondern Kulturgut, Wirtschaftsfaktor und Zukunftsthema ist.

Herr Seitenbecher, Sie sind seit dem 1. März Direktor des Spielzeugmuseums Nürnberg und leiten zugleich das Deutsche Spielearchiv. Was hat Sie an dieser Aufgabe besonders gereizt und wie haben Sie Ihren Einstieg erlebt?
Mein Antrieb war es auch vorher schon, niedrigschwelligen Zugang zu Kultur mit Spaß und Sinn zu schaffen. Und was bringt mehr Spaß und Sinn als Spielen? Oder anders formuliert: Ich möchte mit einem Museum Welten schaffen, in die man eintaucht, den Alltag vergisst, neue Energie tankt und das Museum mit leuchtenden Augen verlässt.
Zu meinem Einstieg: Der war sehr herzlich, ich bin von beiden Teams und vielen Partnern mit offenen Armen und neugierig aufgenommen worden und spüre, dass alle gemeinsam eine große Lust haben, die beiden Häuser gemeinsam für die Zukunft weiterzuentwickeln.

Sie kommen ursprünglich aus dem Kultur- und Bildungsbereich und haben speziell in den Bereichen Organisationsentwicklung, Digitalisierung und Coaching Erfahrung gesammelt. Inwieweit können Sie diese Aspekte in Ihre Arbeit jetzt einbringen?
Oh, in allererster Linie verstehe ich mich als Historiker und vor allem als Kulturmanager – ich habe die letzten 15 Jahre in Kultur- und Bildungseinrichtungen mit hohem Publikumsverkehr, Veranstaltungen und Ausstellungen gearbeitet. Die Nähe zu Museum und Archiv ist sehr ausgeprägt. Der Bereich von Organisationsentwicklung und Coaching kam erst zuletzt hinzu, weil mir das Thema gute Führung und dafür passende Strukturen außerordentlich wichtig sind und ich das vertiefen wollte. Und das sind natürlich beides Themen, die in der Arbeit mit zwei Teams eine ganz wichtige Basis sind, täglich einfließen und sicher auch für die Überarbeitung der Dauerausstellung hilfreich sind. Nur als Team können wir punkten, gerade in einer wie Nürnberg finanziell angeschlagenen Stadt. Da braucht es Kreativität, Leidenschaft und Erfahrung des gesamten Teams.

Für Sie sind drei zentrale Begriffe für die künftige Ausrichtung des Museums wichtig: Wiedererkennung, Storytelling und regionaler Bezug. Warum sind gerade diese Aspekte aus Ihrer Sicht so entscheidend?
Die Begriffe stehen für Emotionen, Erlebnis und Geschichte, und sie spiegeln auch die drei wesentlichen Besuchergruppen wider: Familien mit Kindern, Kulturinteressierte und Nürnberg-Touristen. Wiedererkennung setzt darauf, Dinge zu entdecken, mit denen man selbst gespielt hat und die einen berühren. Mit objektbasiertem Storytelling möchten wir einzelnen Objekten die Geschichten, die in ihnen schlummern, entlocken und sie vermitteln. Und der regionale Bezug ist die Legitimation des Museums und auch des Spielearchivs: Warum gibt es ein Spielzeugmuseum und das Deutsche Spielearchiv in Nürnberg als städtische Einrichtungen? Weil wir auf eine jahrhundertelange Tradition der Spielwarenherstellung in der Region aufbauen.

Die aktuelle Dauerausstellung des Museums reicht schwerpunktmäßig bis in die 1970er- und 1980er-Jahre, während Spielzeug ab den 1990er-Jahren weniger stark vertreten ist. Wie möchten Sie jüngere Spielzeuggenerationen ins Museum locken und wie heutige Spielkulturen stärker sichtbar machen?
Eben durch eine Überarbeitung der Dauerausstellung in den kommenden Jahren, welche die Ausstellung mit der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart verknüpft, und durch Stationen in der Ausstellung, in denen die Objekte erlebbar werden – durch Erzählungen und digitale Stationen, durch Replikate, oder auch durch Möglichkeiten zum Ausprobieren. Das meinen wir unter anderem mit Wiedererkennung und Storytelling.

Museen sind wichtige Spiegel und Bewahrer der Vergangenheit und damit enorm wichtig, um ein Verständnis menschlicher beziehungsweise gesellschaftlicher Veränderungen zu entwickeln. Warum ist Spielzeug aus Ihrer Sicht nicht nur ein nostalgisches Thema, sondern auch ein gesellschaftlich relevantes Kulturgut?
Spielzeug und Spielen verbindet uns weltweit und seit Jahrhunderten als Menschen. Spielzeug ist auch immer Ausdruck des Zeitgeists und des kulturellen Kontextes. Aber vor allem: Wenn wir uns alle im Alltag mehr auf die Kraft des Spielens – des Ausprobierens, des Fantasierens, des Scheitern, des gemeinsamen und kompetitiven Miteinander – besinnen, würden wir sicherlich manche gesellschaftliche und politische Problemlage neu betrachten und eben spielerisch lösen können. Es ist ein relevantes Zukunftsthema.

Auf zu neuen Welten: Diorama im Spielzeugmuseum Nürnberg

Nürnberg versteht sich historisch als Spielzeugstadt. Wie kann das Museum zusammen mit dem Spielearchiv diesen regionalen Bezug neu erzählen?
Indem wir gemeinsam mit den anderen aktuellen Playern der Metropolregion für die moderne Spielzeugstadt stehen: Wir bewahren und vermitteln einerseits die Tradition, geben aber gleichzeitig auch aktuellem Themen Sichtbarkeit und Stimme, kooperieren mit Wissenschaft, Handel und der Spielwarenmesse. Die Spielzeugstadt Nürnberg bedeutet eben heute auch: Ich kann hier ab 2027 einen Master im Gamesbereich studieren, der Gaming und Brettspiele verbindet; ich habe das größte zugängliche Brettspielarchiv Deutschlands vor Ort; das bestbesuchte Spielzeugmuseum im deutschen Raum – und immer noch viele Hersteller, Vertriebe, FairToys, den Ali Baba-Spieleverein, und natürlich die Spielwarenmesse. Sprich: Nürnberg als Metropolregion hat die Erzählung der Spielzeugstadt schon in die Gegenwart überführt. Und auch das soll einen sichtbaren Platz im Museum bekommen.

Für 2027 planen Sie eine Sonderausstellung zum Thema Erwachsene und Spielen beziehungsweise Kidults. Was interessiert Sie an diesem Phänomen besonders und wie möchten Sie den Bogen von historischen Formen erwachsenen Spielens bis zur heutigen Kidult-Zielgruppe schlagen?
Das Kidults-Thema zeigt, wie sehr Spielen und Spielzeug in der Mitte der Gesellschaft verankert ist. Es ist ein Wirtschaftsgut, es ist Kulturgut, es verbindet Generationen – und es bringt gute Laune. Und gleichzeitig ist es faszinierend, dass das Thema keineswegs so neu ist. Ehrlich gesagt ist doch unser gesamtes Museum ein Spielplatz auch für Erwachsene. Erwachsene haben in den vergangenen Jahrzehnten und selbst Jahrhunderten immer wieder gespielt, gesammelt und gebaut. Wir möchten manches davon gegenüberstellen, beispielsweise frühere Zinnfiguren und heutige Tabletop-Spiele. Hier freuen uns auch über Input und Kooperationen von und mit der Spielwarenbranche zu aktuellen Themen! Oder denken Sie nur an die ersten bürgerlichen Puppenhäuser; heute bauen wir aus tausenden Klemmbausteinen detailgetreue Häuser mit Innenausstattung nach.
Und dabei ist auch die Frage spannend: Warum spielen Erwachsene und sammeln Spielzeug? Welche Funktionen hat das früher und heute erfüllt? Und natürlich kann man bei diesem Thema auch hervorragend Kinder und Erwachsene gemeinsam Spielen lassen.

Welche Rolle kann und sollte die Spielwarenbranche für das Museum spielen? Und umgekehrt: Was kann das Museum der Branche bieten? Wo stehen sich die Branche und das Museum besonders nahe und wo könnte es aus Ihrer Sicht noch mehr Nähe geben?
Das Spielzeugmuseum ist nicht nur historisches Gedächtnis, sondern auch ein aktuelles Herz der Spielwarenbranche. Wir haben die Kinder, Familien und Spielzeugbegeisterten im Haus, und machen so auch Lust auf Spielen und aktuelles Spielzeug. Umgekehrt profitieren wir von der Weiterentwicklung der Branche und neuen Spielzeugen für die Ausstellung oder den Spielbereich. Wir wollen mit Ausnahme unseres kleinen Shops kein kommerzieller Ort sein, aber wir wissen auch, dass es der Branche gut gehen muss, damit die Liebe zum Spielzeug fortbesteht. Und wenn Sie so genau fragen: Wir suchen Partner und Sponsoren, um unseren etwas in die Jahre gekommenen Museumsspielplatz neu aufzustellen. Hier gemeinsam einen sichtbaren Ort von und mit der Branche mitten in der Nürnberger Altstadt zu schaffen, wäre eine tolle Sache!

Zum Schluss eine persönliche Frage: Haben Sie im Museum schon ein Objekt gefunden, das Ihnen besonders ans Herz gewachsen ist und was erzählt dieses Objekt für Sie über Spielzeug, Erinnerung oder Kultur?
Oh, ich entdecke jede Woche ein neues Highlight! Neu in die Dauerausstellung integriert haben wir eine Seifenkiste aus einem alten Flugzeugtank der 40er-Jahre. Ein Selbstbau aus Fundstücken, wie er damals gängig war. Es verdeutlicht auch die Aneignung und Umdeutung von Gegenständen zu Spielzeug – und wie sehr Spielen auch in solchen Notzeiten eine Kraft entwickelt. Mich fasziniert aber auch besonders das Nürnberger Blechspielzeug, insbesondere die frühen Vorstellungen von der Mondfahrt. Das Design der Firmen war ikonisch und oft sofort wiedererkennbar, und die utopische Gestaltung zeigt, wie viel Fantasie eben auch im Spielzeug sein darf. Und es schlägt einen Bogen zu all den Spielwaren, die aktuell neu erscheinen und die aktuelle Mondfahrt aufgreifen. Das Thema hat früher Kinder und Erwachsene begeistert, und tut es heute immer noch. Und genau das ist ein ganz besonderer Wert von Spielzeug.

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