Bücher bauen Brücken

19. Januar 2026, 13:52

Kontroverse Debatten, politischer Druck, drohende Verbote: Kinderliteratur wird zunehmend zum ideologischen Schauplatz in den USA. Doch Macmillan Publishers bleibt standhaft. CEO Jon Yaged erklärt im Interview mit Astrid Specht, warum Vielfalt in Geschichten unverzichtbar ist, welche Rolle Verlage im Kampf um Lesefreiheit spielen und was ihm trotz allem Zuversicht schenk

Jon, in den vergangenen Jahren richten sich Buchverbote und Zensuren in den USA zunehmend gegen Kinderbücher, die Themen wie Rassismus, Geschlechtsidentität und soziale Gerechtigkeit aufgreifen. Wie reagiert Macmillan Publishers darauf?

Bei Macmillan Publishers stellen wir uns der Zensur entschieden entgegen. Wir veröffentlichen weiterhin ein breites Spektrum an Stimmen und beziehen öffentlich Stellung gegen Maßnahmen, die die Freiheit des Lesens begrenzen. Versuche, Bücher einzuschränken, bedrohen den offenen Diskurs und wir werden nicht zulassen, dass sie das Angebot an Geschichten für junge Leser verengen.

Viele Autoren und Pädagogen bezeichnen Kinderbücher als „Kanarienvögel im Kohlebergwerk“, als frühe Warnsignale für gesellschaftliche Entwicklungen hin zu Intoleranz. Spiegelt dieses Bild aus Ihrer Sicht das heutige Amerika?

Absolut. Wenn Kinderbücher ins Visier geraten, ist das oft ein Zeichen dafür, dass größere gesellschaftliche Debatten unterdrückt werden. Das behindert die Entwicklung analytischer Fähigkeiten und kritischen Denkens, die für funktionierende Demokratien essenziell sind.

Als großer US-Verlag steht Macmillan sowohl unter wirtschaftlichem als auch moralischem Druck. Wie gelingt der Ausgleich zwischen kommerziellen Realitäten und dem Anspruch, Bücher zu veröffentlichen, die Vorurteile hinterfragen und Vielfalt fördern?

Wir haben klar formulierte Unternehmenswerte, die uns zu Entscheidungen befähigen, die nicht ausschließlich kommerziell getrieben sind. Einer unserer Kernwerte ist „Impact“. Wir veröffentlichen eine große Bandbreite an Titeln, die bilden, unterhalten und herausfordern. Wir glauben an die Kraft von Büchern, Menschen miteinander zu verbinden, Innovation zu fördern, vielfältige Stimmen zu stärken und zur globalen Debatte beizutragen.

Welche konkreten Maßnahmen ergreifen Sie zum Schutz von Autoren und Illustratoren, deren Werke angegriffen oder aus Schulen und Bibliotheken entfernt wurden?

Zunächst stehen wir öffentlich und eindeutig an ihrer Seite. Wenn Kreative angegriffen werden, unterstützen wir ihre Bücher weiterhin, verstärken ihre Sichtbarkeit und setzen uns für ihr Recht ein, gehört zu werden. Mitarbeitende unseres Hauses haben zudem eine Gruppe gegründet, die unter anderem verbotene Titel zusammenfasst und Auszeichnungen von Buch und Autoren dokumentiert – ein Beitrag gegen die Falschinformationen, die Buchverboten häufig zugrunde liegen. Sich von herausfordernden Werken zurückzuziehen, würde Zensur nur weiter ermutigen.

Welche Rolle sollten große Verlage beim Schutz der Meinungsfreiheit spielen, besonders, wenn Kinderbücher zum ideologischen Schauplatz werden?

Unsere Aufgabe ist es, sichtbare und klare Verteidiger der Lesefreiheit zu sein. Wenn Kinderbücher zum ideologischen Streitfall werden, können Verlage sich nicht heraushalten. Wir tragen Verantwortung, gegen Versuche der Unterdrückung von Ideen Stellung zu beziehen und den öffentlichen Dialog offen zu halten.

Haben die jüngsten Kontroversen Einfluss darauf, wie Ihre Programmteams Kinderbücher mit potenziell „sensiblen“ Themen akquirieren oder vermarkten?

Nein. Wenn überhaupt, bestärken uns diese Debatten darin, mutig zu bleiben. Wir erwerben und bewerben Bücher über ein breites Spektrum an Erfahrungen und Perspektiven hinweg. Angst oder politischer Druck bestimmen unsere Entscheidungen nicht.

Macmillan veröffentlicht seit vielen Jahren Bücher zu Diversität, Inklusion und multikulturellen Lebenswelten. Wie unterstützen Sie Lehrkräfte und Bibliothekare, die aufgrund solcher Titel in der Kritik stehen?

Wir stehen hinter ihnen – so wie hinter unseren Autorinnen und Autoren. Pädagogen und Bibliothekare leisten an vorderster Front wichtige Arbeit für Leseförderung und gesellschaftliche Offenheit. Wir machen uns öffentlich für sie stark, arbeiten gemeinsam mit Branchenpartnern gegen Gesetze, die ihre Entscheidungen kriminalisieren oder stigmatisieren – auch vor Gericht – und betonen den Wert vielfältiger Geschichten im Bildungsalltag.

In Debatten um Zensur stehen häufig Elternrechte gegen Kinderrechte. Wie können Verlage dazu beitragen, die Diskussion stärker auf Repräsentation und Empathie im frühen Lesen zu lenken?

Aktuelle Daten der American Library Association zeigen, dass die überwiegende Mehrheit der Buchverbote von nationalen Organisationen, Interessengruppen oder Politiker angestoßen wird, oft ohne Bezug zur betroffenen Gemeinde. Eltern haben das Recht, ihre eigenen Kinder zu erziehen, doch ihre Ansichten sollten nicht über andere Kinder gestülpt werden. Lesen fördert Empathie, erweitert Perspektiven, schult kritisches Denken und sorgt dafür, dass sich jedes Kind in Büchern wiederfinden kann. Darauf muss der Diskurs zurückgeführt werden.

Blick nach vorn: Erbt die nächste Generation eine offenere literarische Landschaft, oder steuern wir auf eine längere Phase von Einschränkung und Angst zu?

Wir erleben zweifellos eine schwierige Phase mit deutlichen Tendenzen zur Begrenzung. Ein Nebeneffekt ist, dass Lesen zunehmend stigmatisiert wird, während junge Menschen heute so wenig lesen wie selten zuvor. Das birgt langfristig Risiken für die Branche, vor allem aber für offene Gesellschaften. Wenn wir konsequent für freien Ideenaustausch einstehen und Bücher für alle zugänglich halten, können wir gegensteuern.

Zum Abschluss: Was macht Ihnen aktuell Mut als Verleger? Wo erkennen Sie inmitten politischer und kultureller Spannungen Widerstandskraft und Fortschritt im Bereich Kinderliteratur?

Hoffnung geben mir die Widerstandskraft und das Engagement, das ich täglich bei unseren Mitarbeitenden, Autorinnen, Bibliothekarinnen, Lehrkräften und zivilgesellschaftlichen Organisationen sehe. Sie setzen sich weiterhin für Wahrheit und für vielfältige Stimmen ein. Das zeigt: Das Recht zu lesen ist es wert, verteidigt zu werden und es kann bestehen.

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