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Kolumne: Hals- und Beinbruch

28. März 2025, 11:18

Im Laufe ihrer Karriere als Mutter hat unsere Autorin Nadja Finkenzeller schon einiges erlebt und von Zeit zu Zeit hat sie sich dabei gefragt: Warum gibt es eigentlich bei dem einen oder anderen Produkt für Kinder keine Altersbeschränkung für den Gebrauch durch Erwachsene? Aus ihrer Sicht wäre das durchaus hilfreich.

Es gibt eine Regel, die wir mit Bedacht beherzigen sollten: Wer den Kinderschuhen längst entwachsen ist, sollte zum Selbstschutz nicht mit jedem Spielzeug oder jedem Freizeitartikel der lieben Kleinen auf Tuchfühlung gehen. Das Universum kann uns nämlich gnadenlos bestrafen. Und da spreche ich aus eigener Erfahrung und kann ad hoc vier Fallbeispiele aus dem Ärmel schütteln, die zum Fallstrick für meine liebsten Kindsköpfe wurden.

Waghalsige Schlittenfahrten sind wohl eher etwas für die jüngere Generation: Zu dieser Erkenntnis kam Nadja Finkenzeller bei einem Familienausflug, der nur auf den ersten Blick einem Wintermärchen glich.

Fall 1: Schlitten-Crash-Kurs bitter nötig
Es begann wie im Bilderbuch: Mein Mann saß wie der König der Winterlandschaft auf dem Schlitten, unsere kleine Prinzessin vorne drauf. Kind glücklich, Vater stolz. Doch was folgte, war eine winterliche Katastrophe in Zeitlupe. Als die Abfahrt begann, kippte unsere Tochter vornüber in den Schnee, und statt anzuhalten, gab der Schlitten Vollgas. Mein Mann? Plötzlich mehr Passagier als Pilot, konnte nur noch hilflos zusehen, wie der Schlitten im Namen der Physik alles ignorierte, was er je über Bremswege gelernt hatte. Während das Kind buchstäblich unter die Räder – pardon, Kufen – geriet, rauschte mein Mann weiter den Hang hinunter, vorbei an wehrlosen Schneemännern und völlig außer Kontrolle. Das große Finale? Direkt vor mir, der Mutter, die am Fuß des Hügels in den höchsten Tönen schrie. Erst hier, direkt in der Schallzone meiner Empörung, kam der Schlitten zum Stehen. Wir zogen unsere schneebedeckte, aber glücklicherweise unverletzte Tochter aus der Lawine der Peinlichkeit. Die Tränen trockneten schnell und sie fährt heute noch gerne Schlitten. Die Folge für den Kamikaze-Papa? Schlittenfahrten sind für ihn tabu, denn in frostigen Erinnerungen an die Abfahrt des Grauens läuft es ihm auch heute noch eiskalt den Rücken hinunter.

Fall 2: Das Erdbeer-Debakel
Mein Bruder, ein Meister der blitzschnellen Einfälle, dachte, er hätte den Dreh raus: Kinder, Erdbeerfeld, volle Körbchen – eine Idylle, die selbst Pinterest alt aussehen lässt. Doch der wahre Höhepunkt des Ausflugs, der in die Familienannalen eingehen sollte, kam erst auf dem Rückweg. Mit dem Erdbeerkörbchen am Lenker eines Kinderrollers (!) sauste er los, fast heldenhaft. Die Kinder im Stechschritt hinterher. Doch der Bordstein, dieser stille Saboteur, stand ihm im Weg und in einem Moment der Unaufmerksamkeit und einen kurzen, aber dramatischen Überschlag später, landete mein Bruder zack auf dem harten Asphalt. Das Ergebnis dieses halsbrecherischen Ausflugs: Erdbeerpüree auf dem Asphalt, ein Mann mit zwei gebrochenen Ellenbogen, zwei bis unter die Achseln eingegipsten Armen und eine Ehefrau mit Aussicht auf eine sechswöchige Gips-Diplomatie-Ausbildung. Im Fokus dabei: Kurse wie „Wie man zwischen Mitgefühl und ‚Ich hab’s dir doch gesagt’“ die Ruhe bewahrt und dabei ganz nebenbei Haushalt, Job und Kinder managt. An dieser Stelle ein Hoch auf alle Supermamis!

Fall 3: Die Mutter aller Stürze
„Das kann ich auch!“ Ein Satz, der vor allem im Zusammenhang mit Kinderfahrzeugen ein gefährliches Potenzial birgt. Die Hauptakteurin dieser Tragikomödie: eine meiner besten Freundinnen und Mutter einer Teenager-Tochter, die ein Hoverboard ihr Eigen nennt. Nach dem Motto „Mittendrin, statt nur dabei“ wollte Mami zeigen, dass sie auch mit über 40 immer noch cool ist, mit ihren Kids mithalten kann und sich auch von modernen Spielzeugen nicht abschrecken lässt. Doch was sie nicht bedacht hatte: Das Hoverboard hatte seinen eigenen Kopf und keine Lust auf Showeinlagen im Mami-Style. Kaum betrat sie die Bühne, also die Fußablagen des Hoverboards, war das Spektakel einige Sekunden später schon wieder vorbei. Es gab einen lauten, schmerzhaften Rumms, einen gebrochenen Arm, ein verlorenes Stück Stolz und eine Tochter, die jetzt bei Familienfeiern mit einem Augenzwinkern erzählt: „Mama kann fliegen – aber nur einmal.“

Fall 4: Meisterwerk der Ausdauer
Weihnachten, das Fest der Liebe und … des Wahnsinns. Und daran ist Kinderspielzeug nicht immer ganz unschuldig. So erinnere ich mich an ein Weihnachtsfest, bei dem unsere damals fünfjährige Tochter ein wunderschönes Spielschloss als Geschenk bekam. Beim Auspacken strahlte unsere Kleine wie ein Honigkuchenpferd und mein Mann und der stolze Onkel beschlossen sogleich, das Schloss seiner eigentlichen Bestimmung zuzuführen. Denn es war ein Konstruktionsspielzeug, das erst noch in kleinster Feinarbeit zusammengebaut werden musste. So weit so gut: Doch im Laufe der nächsten Stunden entwickelte sich unser Wohnzimmer zu einem Schlachtfeld aus Plastik und Nerven. Die festliche Harmonie? Im wahrsten Sinne des Wortes am Boden. Denn die Spielzeuganleitung mutierte zum Runenrätsel und die Stimmung sank schneller als der Glühweinpegel. „Ich schmeiß’ das Schloss den Abhang im Garten hinunter!“, zischte mein Mann irgendwann. „Nicht, bevor ich es plattgetreten habe!“, grummelte der Onkel. Da war es mittlerweile Mitternacht und das Kind – völlig übermüdet – ging tränenüberströmt ins Bett. Das Schloss blieb als Torso im Wohnzimmer zurück. Der Geduldsfaden der Erwachsenen war leider gerissen, aber die Geschichte ging dennoch gut aus. Denn wie heißt es so schön: In der Ruhe liegt die Kraft. Und so wurde das Bauwerk am nächsten Morgen doch noch vollendet und ließ den ganzen Aufwand in einem neuen, glänzenden Licht erscheinen.

Kleine Stolperfallen für Große
Die Moral von der Geschichte: Kinderprodukte sind für ungeduldige und grobmotorische Erwachsene nichts. Schlitten, Roller, Hoverboards oder Spielzeugschlösser mögen harmlos aussehen, doch können sie sich mitunter als heimtückische Fallen entpuppen oder zu einem echten Nervenmarathon werden. Ein falscher Handgriff und sie können uns schneller den Boden unter den Füßen wegziehen, als man „Notaufnahme“ sagen kann. Meine Botschaft an alle Eltern da draußen: Die Wolke aus Frust, verletztem Ego, zerbröselten Bauanleitungen und gebrochenen Knochen muss doch nicht sein. Kauft das Spielzeug gerne, aber überlasst die eigentliche
Action denen, die sie beherrschen: den Kindern!