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A Doll like me macht die Welt komplett

Jedes Kind sollte eine Puppe haben, die so aussieht, wie es selbst, so lautet die Prämisse von Amy Jandrisevits. Und wenn das Kind nur einen Arm hat, dann ist das bei der Puppe eben genauso. Die Idee eine Puppe zu fertigen, die aussieht wie ihre Besitzer, kam der Amerikanerin bei ihrer Arbeit auf der Kinder-Onkologie. Unsere Autorin Linda Ewaldt weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig so ein kleines Ebenbild für Kinder sein kann.

Ich sah „A doll like me“ das erste Mal in einem Video, das viral ging. Ich musste zweimal hinsehen, ehe mir auffiel, dass sowohl das Mädchen als auch die Puppe eine nicht typisch geformte Hand hatten. Mein erster Gedanke: „Diese Puppe verändert das Leben!“ Das des Kindes. Das der Eltern. Und das von Menschen mit Behinderung – wie mir.
Meine Gliedmaßen sind alle typisch geformt und wenn mein Rollator nicht gerade neben mir steht, fällt im Sitzen nicht auf, dass ich behindert bin. Vielleicht hätte ich also eine solche Puppe nicht gebraucht, dafür aber den neuen Schulbus von Playmobil, der Platz für ein Kind im Rollstuhl lässt. Mein Playmobil-Rollstuhlkind balancierte im Rollstuhl noch unsicher zwischen den Sitzen. Denn in der Spielzeugwelt hatten Kinder mit Behinderung im wahrsten Sinne des Wortes keinen Platz – bis jetzt.

Trend oder Life Changer?

Die neue Entwicklung auf dem Markt, die nicht nur verschiedene Hautfarben und Körperformen zeigt, sondern eben auch Menschen mit Behinderungen inkludiert, ist kein einfacher Trend. Kein viraler Hype aus dem Internet, der aufgebauscht und einfach modern ist. Sie ist ein Life Changer. Kinder spielen mit Puppen, um in die Welt der Erwachsenen einzutauchen und sich darin auszuprobieren. Sie umsorgen „ihr Kind“, liebkosen und füttern es und verarbeiten durch das Puppenspiel Erfahrungen. Zum Beispiel die schöne erste Reitstunde, die unangenehme Impfung beim Kinderarzt oder die lästige Physiotherapie. Ein Ebenbild macht das Verarbeiten dieser Erfahrungen einfacher. Es zeigt aber auch, dass in dieser Welt Platz für Kinder ist, die nicht der Norm entsprechen oder eine Behinderung haben. Dass diese Kinder so okay sind, wie sie sind, und ihr Ich nicht auf einen „verbesserten“ und „makellosen“ Stellvertreter projizieren müssen. Kinder haben das Recht darauf, ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Eine Puppe wie „A doll like me“ hilft auf dem Weg dahin.

Linda Ewaldt lebt und arbeitet als freie Redakteurin und Texterin in Hamburg, mit Spezialisierung auf den Handel. Sie nutzt wegen einer angeborenen Gehbehinderung einen Rollator und hat so noch einmal einen anderen Blick auf inklusives Spielzeug

Damit sich Kinder mit Behinderung auch im Alltag wiederfinden, sind Puppen wie „A doll like me“ oder die Barbie im Rollstuhl längst überfällig

Ich bin nicht kaputt

Im Zusammenhang mit den handgefertigten, individuellen Puppen oder auch anderem Spielzeug, das Menschen mit Behinderung repräsentiert, lese ich oft, dass typische Kinder durch ein solches Spielzeug Toleranz lernen. Nun, ich war selbst einmal ein behindertes Kind und ich kann aus meiner Erfahrung sagen: Kinder werden tolerant geboren. Sie hinterfragen individuelle Features wie eine ungewöhnlich geformte Hand oder eine Gehbehinderung oft lange nicht. Die Frage, „ob man da nichts machen kann“, kam immer nur von Erwachsenen, die den Gedanken hatten, dass man jedes Kind so weit „reparieren“ sollte, dass es in diese Welt passt. Ich bin aber genauso wenig kaputt wie eine Puppe ohne Beine.
Kinder wussten das. Kinder, die mit mir aufwuchsen, stellten die Frage nach dem „Warum?“ meist erst Jahre später, weil es für sie unwichtig war, wie ich mich beim Spielen fortbewegte. Diese angeborene Unbeschwertheit wird den meisten Kindern aber früher oder später von den Erwachsenen aberzogen.
Die Mutter, die ihr Kind mit hochrotem Kopf weiterzieht, wenn es Fragen zu meinem ungewöhnlichen Gang stellt, und nervös „Psst!“ zischt, macht den ersten Schritt. Sie macht aus einer Behinderung ein Tabu, ein großes Mysterium, das man bitte nicht benennt und das in einer perfekten Welt auch nichts zu suchen hat. Wenn sie dann beim nächsten Rollstuhlkind oder dem kleinwüchsigen Mann noch von „Menschen mit besonderen Bedürfnissen“ spricht, ist der Graben zwischen Behinderten und Nicht-Behinderten gebuddelt und mit Wasser gefüllt. Denn Menschen mit Behinderung haben tatsächlich die gleichen
Bedürfnisse wie nicht-behinderte Menschen. Eines davon ist der Wunsch und vor allem auch das Recht, zu dieser Gesellschaft dazuzugehören.

Selbstbewusstsein gratis

Und wer kämpft für Kinder mit Behinderung um dieses Recht? Natürlich die Eltern. Und die fühlen sich oft sehr alleine und ausgestoßen, auf unangenehme Weise besonders, wenn sie plötzlich ein behindertes Kind haben. Ein Kind mit Behinderung und ein glückliches Leben sind doch nicht miteinander vereinbar – oder doch? Davon gehört haben die meisten Eltern bisher nicht, weil die Repräsentation fehlt. Puppen wie „A doll like me“, barrierefreie Spielgebäude wie die neue Schule mit Fahrstuhl von Playmobil oder die Barbie Fashionista im Rollstuhl sind deswegen längst überfällig und stärken nicht nur das Selbstbewusstsein von Kindern, sondern auch das der Eltern. Der jetzigen und der zukünftigen. Endlich!

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