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Ich spiele, also bin ich

Integration, Inklusion, Vielfalt – Schlagworte, die derzeit durch die Medien kursieren. Inzwischen hat auch die Wirtschaft deren Bedeutung erkannt – kaum ein großes Unternehmen, das sich nicht nach innen oder außen zu diesen Werten bekennt. In der Spielwarenbranche werden indes immer mehr Produkte für Kinder mit besonderen Bedürfnissen konzipiert – ein Grund für die Spielwarenmesse, das Trend-Thema unter dem Motto „Be You!“ 2020 erstmals aufzugreifen.

„Be You!“ – Sei ganz du selbst, mit allem was dich ausmacht. So lässt sich einer der drei Messetrends der diesjährigen Spielwarenmesse interpretieren.
Unter diesem Motto präsentiert die Spielwarenmesse Produkte, die einerseits das wachsende gesellschaftliche Bewusstsein für die Vielfalt unserer Gemeinschaft widerspiegeln. Andererseits werden Produkte vorgestellt, die Menschen mit besonderen Bedürfnissen fordern und fördern. Dazu gehören Puppen, die Hörgeräte tragen oder nur ein Ärmchen haben, eine Barbie im Rollstuhl ist dabei und eine Barbie mit „Normalmaßen“ sowie ein Activity Gym, das alle Sinne anregt.
Mit „Be You!“ unterstreicht die Spielwarenmesse die Unbekümmertheit, mit der Kinder auf andere zugehen, ohne über deren Aussehen, Herkunft oder Religion zu urteilen. Diese Vorurteile entstehen erst im Laufe des Erwachsenwerdens. Schade eigentlich, ist es doch die Vielfalt, die unsere Welt bunt und lebendig macht. Umso wichtiger, ein positives Miteinander und das gegenseitige Verständnis füreinander schon im Kindesalter durch Spielen zu fördern, sodass sich das im Spiel Erlebte festigt und hoffentlich ins Erwachsenenalter überträgt. Produkte, insbesondere Puppen, die individuell gestaltet sind, bieten hier vielfältige Möglichkeiten, Empathie zu (er)leben.
Puppen sind für Kinder aber nicht nur eine Möglichkeit, Einfühlungsvermögen zu lernen, sie sind auch ein Schlüssel zur eigenen Identität. Indem Kinder unbelebte Objekte, wie zum Beispiel eine Schmusedecke, einen Plüschteddy oder eben eine Puppe „beseelen“, schaffen sie sich selbst einen geschützten Rahmen für die eigene Entwicklung. Decke, Teddy oder Puppen dienen als sogenannte Übergangsobjekte und vermitteln zwischen der Innenwelt des Kindes und seiner Außenwelt. Vor allem mit einer Puppe „können Kinder Erlebtes in Rollenspielen nachstellen, verändern, sich darin verlieren, so tun, als ob. Das ist wichtig für die Identitätsfindung. (...).

Die Puppe ist eben menschenähnlich, mit ihrem Gesicht, vor allem ihren Augen ist sie sowohl ein Teil vom Kind als auch ein Spiegel des Kindes“, so die Psychologie-Professorin Insa Fooken aus Frankfurt. In ihrem Buch „Puppen – heimliche Menschenflüsterer. Ihre Wiederentdeckung als Spielzeug und Kulturgut“ beschreibt sie unter anderem, wie wichtig „puppeln“ für die Entwicklung sozialer Kompetenzen bei Kindern ist.
Spielen kann aber noch viel mehr. Spielen kann auch Menschen in besonderen Lebenssituationen unterstützen. So wirkt sich Spielen beispielsweise positiv auf Menschen mit Demenz und Parkinson aus. Ebenso können Menschen mit besonderen Bedürfnissen oder einer Behinderung in ihrer Freizeit oder während einer Therapie spielerisch ihre geistigen oder körperlichen Fähigkeiten trainieren.
Es mag für manche zynisch erscheinen, aus einem relevanten Gesellschaftsthema Kapital zu schlagen. Doch Spielzeug i s t ein Spiegel der Gesellschaft und wird uns durch den Handel zugänglich gemacht. Daran ist nichts Verwerfliches.

spielwarenmesse.de

Nicht nur ein Hype

Christian Ulrich, Marketing Director bei der Spielwarenmesse Nürnberg geht im Interview mit Astrid Specht auf die Bedeutung des Trend-Themas „Be You!“ ein.

Herr Ulrich, die Produkte, die das TrendCommittee für das diesjährige Messe-Trendthema „Be You!“ ausgewählt hat, stehen ganz im Zeichen von Integration und Vielfalt. Wieso ist Ihnen von der Spielwarenmesse eG dieses Thema dieses Jahr besonders wichtig?
Unser zwölfköpfiges internationales TrendCommittee hat für 2020 drei Trends identifiziert: Neben „Be You!“ sind das „Toys for Future“ und „Digital goes Physical“. Unser Expertenteam beobachtet den weltweiten Spielwarenmarkt ganz genau, um relevante Trends frühzeitig zu erkennen. Dabei kristallisieren sich immer wieder Spielwaren heraus, die ein ähnliches Thema aufgreifen und damit eine neue Trendströmung begründen.

Christian Ulrich

„A doll like me“ – eine Puppe, die genauso aussieht wie die Puppenmama oder der Puppenpapa, gibt Kindern das Gefühl, nicht allein zu sein mit ihrer Besonderheit

Unter welchen Gesichtspunkten hat das TrendCommittee die präsentierten Produkte ausgewählt?
Bei den Strömungen handelt es sich um Trends, die die Branche nicht nur kurzfristig beeinflussen werden. Sie werden von Herstellern bereits aufgegriffen und in den Fachmedien diskutiert. Außerdem müssen die Trends international tragfähig sein. Sie sind also nicht auf ein bestimmtes Land beschränkt. Aussteller, die Produkte zu den Trends haben, können diese als Zweitplatzierung in der TrendGallery der Spielwarenmesse in Halle 3A präsentieren. Weitere Informationen zu den gezeigten Produkten und den Anbietern liefert außerdem der TrendGuide.

Für wen ist das „Be You!“-Spielzeug konzipiert und in welche Kategorien lassen sich die Produkte einteilen?
„Be You!“ vereint zwei Ansätze. Zum einen sensibilisieren Produkte dieses Trends Kinder für Toleranz, Inklusion sowie Diversität und stärken das Miteinander. Zum anderen zählen Spielwaren dazu, die Menschen mit Behinderungen oder Erkrankungen, wie Demenz oder Parkinson, fördern und damit spielerisch ihre geistigen und motorischen Fähigkeiten trainieren.

Bisher waren Produkte für Menschen mit besonderen Bedürfnissen reine Nischenprodukte. Ändert sich da gerade etwas auf gesellschaftlicher Ebene oder handelt es sich nur um einen vorübergehenden Hype?
Ich gehe davon aus, dass es sich hier um keine „Modeerscheinung“ handelt. Wie wichtig das Thema Inklusion ist, zeigt sich im Alltag. Menschen mit Behinderungen mehr Selbstbestimmung und Teilhabe zu ermöglichen, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die uns alle angeht. Auch hier bildet die Spielwarenbranche die Welt im Kleinen ab und reflektiert diesen Bedeutungszuwachs.

Inwieweit kann Spielzeug dazu beitragen, dass Integration und Vielfalt stärker und nachhaltig gelebt werden?
Spielen verbindet Menschen unabhängig von Herkunft, Religion, Alter und Äußerlichkeiten. In jungen Jahren gehen Kinder meist noch relativ unbefangen auf andere zu. Mit zunehmendem Alter werden sie jedoch vorsichtiger gegenüber Unbekanntem und entwickeln Vorurteile. Gemeinsames Spielen kann dazu beitragen, diese Vorurteile zu überwinden. Es fördert Verständnis und Toleranz und schafft damit ein besseres Miteinander.

Und was können Hersteller und Händler tun, um Integration und Vielfalt in der Gesellschaft stärker zu etablieren – die Produktion besonderer Produkte ist ja oftmals mit höheren Kosten verbunden ...
Aber ein Aufwand, der sich durchaus lohnt! Unsere Welt ist bunt und vielfältig. Das können Kinder von klein auf mit Spielzeug lernen. Dass die Nachfrage nach „besonderen Produkten“ durchaus vorhanden ist, zeigt unter anderem das Projekt „A Doll Like Me“ der Amerikanerin Amy Jandrisevits. Sie stellt Puppen für Kinder mit Beeinträchtigungen her. Dabei sind die Puppen in ihrem Aussehen und ihrer Charakteristika dem jeweiligen Kind nachempfunden: Manchen fehlt ein Arm, andere haben Verbrennungen oder Narben. Für die Kinder ist es das Größte, eine Puppe in den Händen zu halten, die ihnen ähnlich ist, da sie ihnen hilft, sich selbst zu akzeptieren.

Es gibt noch andere Anbieter, die ähnliche Puppen ebenfalls in Eigenregie herstellen. Was ist es, das an „A Doll Like Me“ im Vergleich so gut gefällt?
Das Projekt „A Doll Like Me“ steht stellvertretend für die vielen anderen Anbieter, die ähnliche Puppen herstellen. Sie schaffen für Kinder mit Beeinträchtigungen Ebenbilder, die sie so meist nicht im Sortiment eines Spielwarenhändlers finden. Die Puppen geben ihnen das Gefühl, stolz auf ihre Besonderheiten sein zu können. Außerdem leisten die Anbieter mit ihrer Arbeit einen wichtigen Beitrag, um die gesellschaftliche Wahrnehmung von Menschen mit besonderen Bedürfnissen zu verändern.

Ist der Markt bereit und offen, diese Puppen im großen Stil anzubieten oder werden sie ein Nischenprodukt bleiben?
Puppen, die individuell für ein Kind entworfen und hergestellt werden, taugen natürlich nicht für den Massenmarkt. Ich bin aber sicher, dass – einhergehend mit der veränderten Wahrnehmung hinsichtlich Diversität und Inklusion – wir künftig mehr Produkte für Menschen mit Beeinträchtigungen in den Schaufenstern der Spielwarenhändler sehen werden.

Herr Ulrich, ich bedanke mich für die spannenden Einblicke und wünsche Ihnen eine erfolgreiche Spielwarenmesse 2020!

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