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Schön ist das Leben!

Thomas Brezina ist TV-Moderator, Produzent und einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Kinderbuchautoren. In seinem neuen Buch „Blödsinn gibts nicht“ will er Eltern, Lehrkräften und Kindergärtner*innen helfen, Kinder fürs Leben zu begeistern. Astrid Specht sprach mit ihm übers Kind-Sein, Helikopter-Eltern und warum der Blick in die eigene Vergangenheit heilsam ist.

Herr Brezina, woher kam der Impuls für ihr aktuelles Buch „Blödsinn gibts nicht“?
Auslöser war für mich, dass ich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis immer wieder hörte, wie sich Eltern angesichts der vielen Erziehungstipps von Experten und den unzähligen Ratgeberbüchern überfordert fühlten. Ich hatte das Gefühl, eine Verunsicherung mache sich breit – Verunsicherung darüber, was bei der Erziehung von Kindern denn nun richtig und was falsch ist. Ich selbst bin kein Vater, aber durch meine eigene Geschichte und durch meine langjährige Arbeit mit Kindern sind mir zwei Dinge klar geworden: Erstens trägt jeder Mensch den allerbesten Erziehungsratgeber immer bei sich, nämlich die eigene Kindheit, und zweitens sind Kinder keine Azubis. Leben ist Freude und Abenteuer, es will nicht er-lernt, sondern er-lebt werden!

Wie meinen Sie das, „jeder trägt den besten Ratgeber immer bei sich“?
Damit meine ich, dass jeder in seine eigene Vergangenheit blicken und reflektieren kann, wie er oder sie das eigene Aufwachsen erlebt hat. Wie hat es sich angefühlt? Was waren die schönsten Erlebnisse, was die weniger schönen? Eltern können und sollen sich die Frage stellen, was sie ihren eigenen Kindern mit auf den Lebensweg geben und wie sie sie begleiten möchten. In meinem Buch biete ich meinen Lesern spielerisch die Möglichkeit an, zurückzublicken. Ähnlich den Poesie-Alben, die wir alle noch von früher kennen, finden sie darin Fragebögen und Briefvorlagen für sich selbst und an die eigenen Kinder, die sie mit Erinnerungen befüllen können.

Was, wenn der Blick in die eigene Kindheit zu schmerzhaft ist?
Dann soll und darf man sich Hilfe holen. Sei es, indem man mit einem guten Freund oder einer guten Freundin spricht oder mit einem Therapeuten. Das kann wehtun, weshalb dieser Blick ein bisschen Mut erfordert. Aber es ist wichtig, ehrlich mit sich selbst und der eigenen Vergangenheit umzugehen.

Muss man denn als Eltern seine eigene Kindheit aufgearbeitet haben, um ein Kind liebevoll beim Aufwachsen zu begleiten?
Eltern machen sicherlich auch ohne Selbstreflexion vieles intuitiv richtig. Es bringt aber nichts, eine rosarote Brille zu tragen und die eigenen Kindheit zu verklären. Dann besteht nämlich die Gefahr, dass sich Muster aus der Vergangenheit wiederholen. Viel schöner ist es, wenn man seine Vergangenheit kennt und sich so viel bewusster auf die eigenen Kinder einlassen kann. Wer Kinder liebt und sie für das Leben begeistern möchte, der sollte ein klares Bild von der eigenen Kindheit haben. Alles, was uns selbst in unserer Kindheit geholfen, unterstützt, erfreut und begeistert hat, das können wir als Eltern ausbauen.

Welche Fehler machen Eltern aus Ihrer Sicht am häufigsten?
Das ist schwer zu sagen und ich möchte nur ungern eine Rangliste elterlicher Verfehlungen aufstellen. Ich glaube aber, viele Eltern überfordern ihre eigenen Kinder, weil sie es zu gut mit ihnen meinen. Sie glauben, Versäumnisse aus der eigenen Vergangenheit bei den eigenen Kindern nachholen zu müssen. Bestes Beispiel: Viele Eltern wünschen sich, dass ihr Kind ein Instrument erlernt, weil sie diese Möglichkeit selbst vielleicht nicht hatten. Was aber, wenn der Sohn oder die Tochter keinerlei Interesse am Musikmachen hat? Was bringt es dann, das Kind mit Klavier- oder Gitarrenunterricht zu quälen? Man kann natürlich Anreize und Angebote schaffen und wenn ein Kind diese Neigung hat und ureigenes Interesse am Instrument zeigt – wunderbar! Wenn nicht, auch wunderbar! Ich selbst erinnere mich an meine eigene Geschichte: Meine Eltern schickten mich zum Klavierunterricht, woran ich aber überhaupt keine Freude hatte. Meine Lehrerin, die auch Puppenspielerin war, hat das recht schnell erkannt und hat mir stattdessen erlaubt, mit ihren Puppen zu spielen – das war herrlich und wichtig für mich, da dies meine Begeisterung fürs Theater geweckt hat! Wissen Sie, ich bin davon überzeugt, dass jedes Kind, jeder Mensch eine eigene Persönlichkeit und eine Art Grundausstattung mit ins Leben bringt. Dazu gehören individuelle Vorlieben, Charakterzüge und Interessen, die das spätere Leben des Kindes prägen und bestimmen werden. Diese Grundausstattung ist ein Grund zum Staunen und nicht zum Verzweifeln. Mein Rat an (werdende) Eltern ist, ihr Kind nicht mit Erwartungen zu überhäufen, sondern es liebevoll zu beobachten und es in seiner Einzigartigkeit wahrzunehmen, zu begleiten und zu fördern. Das ist ehrlicher Respekt gegenüber einem Kind.

Sie meinen also, Eltern sollen ihren Kindern auf Augenhöhe begegnen?
Nein, ganz und gar nicht, man kann Kindern nicht auf Augenhöhe begegnen! Kinder sind keine kleinen Erwachsene, sondern kleine Menschen mit eigenen Wünschen, Bedürfnissen und einem ganz eigenen Zugang zum Leben. Sie tragen von Geburt an Eigenarten in sich, die sich im Laufe der Zeit verstärken werden. Das gilt für Talente, aber auch für Eigenschaften, die später problematisch werden könnten. In jedem Fall brauchen sie die Achtung und Aufmerksamkeit der Eltern, Erzieher*innen und Lehrer*innen, wie ein Sporttrainer oder ein Coach. Es gibt viel Kraft und Freude für das Leben, wenn Eltern mithelfen, damit ihre eigenen Kinder entdecken, was ihnen besonders liegt, wie sie sich am wohlsten fühlen und was ihnen entspricht oder nicht. Es ist wunderbar, zu beobachten, wie sich ein Kind in seiner Eigenart entfaltet.

Apropos: Müssen Einrichtungen wie Kindergärten und Schulen heute mehr Erziehungsarbeit leisten als früher?
Ja, das glaube ich auf jeden Fall. Wobei ich der Meinung bin, dass das eine gemeinsame Aufgabe von Eltern und Lehrern/Lehrerinnen ist.

Darf das überhaupt sein?
Die Frage ist nicht, ob das sein kann oder sein darf. Tatsache ist, das es so ist und da müssen wir ansetzen. Es bringt nichts, über „hätte, sollte, dürfte“ zu diskutieren, es ist viel wichtiger, dass wir Schulen und Kindergärten die Mittel zur Verfügung stellen, damit diese angemessene Erziehung leisten und mögliche Erziehungsdefizite ausgleichen können.

Was macht Ihrer Meinung nach eine gute Lehrkraft aus?
Gute Lehrkräfte haben einerseits Achtung vor ihren Schülern, ziehen aber gleichzeitig klare Grenzen. Und sie setzen Impulse, bieten Möglichkeiten zur Entfaltung an, hören zu. Auch Schule kann Kinder begeistern! Aber das geht eben nur, wenn der aktuelle Ist-Zustand der Institution Schule erkannt wird und wir pragmatisch damit umgehen. Es gibt natürlich jetzt schon viele Lehrer, die diese Prinzipien umsetzen, das muss immer wieder hervorgehoben werden.
Seit einigen Jahren kursiert der Begriff „Helikopter-Eltern“ durch die Medienlandschaft. Wie verstehen Sie dieses Phänomen?
Hier drückt sich meiner Meinung nach die Verunsicherung aus, die viele Eltern verspüren, wenn es um die Erziehung ihres Nachwuchses geht: Wie kann ich mein Kind fördern? Wo muss ich meinem Kind Grenzen setzen? Letztendlich ist das ein Lernprozess, den Mütter und natürlich auch Väter durchlaufen müssen. Wichtig ist, glaube ich, dass Eltern ihre Kinder einerseits nicht überfordern, andererseits aber nicht überbehüten. Kinder müssen schmerzliche oder traurige Erfahrungen machen, sodass sie lernen mit den damit verbundenen Gefühlen umzugehen. Eltern sollten ihrem Kind in diesen Situationen beistehen und signalisieren, dass sie da sind. Aber bewahren können sie ihre Kinder vor solchen manchmal schwierigen Momenten nicht. Das Resultat daraus wäre ein trauriges Scheinleben. Was die Förderung betrifft, kann ich nur wiederholen: Eltern können und sollen Angebote machen – ob das Musik ist, Sport, Kunst etcetera. Vielleicht auch mehrmals, weil es manchmal länger dauert, bis ein Angebot angenommen wird. Wenn ein Kind Interesse hat, wird es das zeigen. Wichtig ist, dass die Eltern sich Zeit nehmen, hinschauen und genau zuhören. Das ist ein großes Geschenk, das sie ihren Kindern machen können.

Abgesehen vom technologischen Fortschritt, inwieweit ist Kind-Sein heute anders als in Ihrer eigenen Kindheit?
Die Grundthemen sind dieselben: Es geht darum, herauszufinden, wer man ist, es geht darum, seinen Platz zu finden, Freundschaften und Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzubauen und so weiter. Was sich verändert hat, ist die Welt. Sie ist schneller geworden und das bringt größere Anforderungen mit sich, die bewältigt werden müssen.

Tragen digitale Medien und soziale Netzwerke nicht auch ein bisschen Schuld daran?
In gewisser Weise schon. Aber wir sind keine Opfer! Leben war schon immer Stress und, wie meine Tante Mitzi früher einmal lachend zu mir sagte: Man glaubte früher schon immer, dass zu viel Fernsehen Kindern und Jugendlichen schadete. Ich persönlich bin kein Kulturpessimist. Stattdessen stelle ich mir die Frage: Wie gehe ich optimal mit der Ist-Situation um? Was ist positiv daran? Wie kann ich mir meine Zeit online und offline einteilen – das gilt übrigens für Eltern wie für Kinder. Die Kunst ist, den Umgang mit Handy und Co. zu steuern und sich nicht steuern zu lassen. Man muss sich auch Zeit füreinander nehmen und „Quality Time“, also „Qualitätszeit“ miteinander verbringen. Das ist natürlich nicht immer möglich, jede Familie hat schließlich ihre Alltagsroutine, während der keine tiefgehenden Gespräche möglich sind. Aber abends beim gemeinsamen Essen oder vor dem Zubettgehen können sich Eltern beispielsweise Zeit für ihre Kinder nehmen, sie erzählen lassen und ihnen zuhören.

Was ist Ihr größter Wunsch für die heutige Kinder- und Elterngeneration?
Ich wünsche mir, dass Eltern den Willen haben, gemeinsam mit ihren Kindern Qualitätszeit zu verbringen und ihnen zuzuhören und sie so wahr- und anzunehmen, wie sie wirklich sind.

Herr Brezina, ich danke Ihnen für das spannende Gespräch!

thomasbrezina.com

 

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