Susannes Alltag

Eis am Stiel

Was ist nur dran am Siegeszug der Retrowelle? An den Vinyl-Platten, den Vollbärten, Toast Hawaii und Tiramisu? Kann man den andauernden Vintage-Hype damit erklären, dass sich Menschen nach Altbewährtem sehnen? Vor allem in dunklen Zeiten wie diesen?

Denn zwei Dinge sind doch völlig klar. Erstens, heute ist eigentlich alles schlecht, und zweitens, früher war alles viel besser. Logisch also, dass uns Dinge aus der Vergangenheit erfreuen, dass allein der Gedanke an früher einen seligen Glanz auf unsere Gesichter zaubert.
So findet eine Freundin von mir ihre emotionale Zuflucht in traditioneller bayerischer Volksmusik. Hört sie Hackbrett, Zither und die Steirische Harmonika, entspannt sie sich sichtlich. Und trällert der Volksmusiker „ho la ria die ho la rei dei ho la ro“, hört sie einfach nur: Es ist alles gut! Oder eine Nachbarin von mir. Eine alte Dame, die das Krähen unseres Hahns als tröstend empfindet. Es erinnere sie an ihre Kindheit auf dem Bauernhof, erzählte sie mir neulich, an damals, als noch alles gut war.
Auch ich erlebe meine Retro-Momente, zum Beispiel wenn ich mit meinen Töchtern ein Eis essen gehe. So neulich im Freibad. Zunächst standen sie eine geschlagene Stunde vor einer dieser vergilbten Eistafeln und grübelten über die anstehende Entscheidung. Lieber Eis am Stiel oder in der Waffel, klein oder groß, Limone oder Schokolade. Ein klassisches Kinder-Dilemma. Hannah entschied sich schließlich für Eispralinen, Vanilleeis mit Schokoüberzug; Luisa für ein knallbuntes Wassereis in Kaktusform.
Hannah klappte also den Pappdeckel ihrer Pralinenschachtel auf, Luisa rupfte derweil ungeduldig an der Plastiktüte, die an ihrem gefrorenen Zuckerwasser klebte. Ein Lächeln, ein Bissen, und schon folgte der Blick zum Schwesterchen. „Darf ich mal deins probieren?“, sollte der freundliche Einstieg in eine unschöne Szene werden. Luisa ließ Hannah probieren und Hannah Luisa und schon stand der Vorwurf im Raum, dass die eine einen wolfsgroßen Biss genommen habe, die andere hingegen lediglich ein Schoko-Molekül. Das musste natürlich ausgeglichen werden, so ging es hin und her und irgendwann mündete der einst wohlgemeinte Eis-Tausch im wütenden Gebrüll.

Ich reagierte milde, erinnerte ich mich doch noch sehr genau an meine eigenen traumatischen Eis am Stiel-Erfahrungen. Entschied ich mich für ein Wassereis, fühlte ich mich kurz darauf um meine Kalorienzufuhr betrogen; wählte ich hingegen ein Sahneeis, vermisste ich die fruchtige Erfrischung. Die Sache wurde nicht einfacher, wenn meine Geschwister dabei waren. Klar, sie schafften es irgendwie immer, das bessere Eis in Händen zu halten.
Während ich also die Szene um das Schoko-Molekül durch meine Sepia getönte Brille verfolgte, reagierte meine Umgebung weniger verständnisvoll.
Ich nahm die vorwurfsvollen Blicke zum Anlass, das familieninterne Eis-Regime zu überdenken. Und so kam mir eine großartige Idee: Die Kinder würden in Zukunft nur noch das gleiche Eis in die Hand gedrückt bekommen, dann würden sie sich nicht mehr streiten. Nicht mehr streiten können. Kurz darauf in der Eisdiele: für jeden eine Kugel Zitrone und eine Kugel Himbeere, und basta.
Nach einem friedlichen Entree schielte Luisa zu ihrer Schwester und stutzte. Erstaunt wanderten ihre Blicke zurück zu ihrem eigenen Eis. „Das ist ja sowas von fies!“, brüllte sie, „der Eismann hat mir zu wenig Himbeere gegeben. Sieh nur, Mama, ich hab nur ganz wenig Himbeere, Hannah hat viel mehr.“ Und ja, sie verlangte dann von Hannah den Ausgleich. Diese Ungerechtigkeit könne man schließlich nicht stehen lassen. Im Gegenzug bot sie großzügig das überflüssige Zitroneneis, das sie doch eigentlich gar nicht mochte. Hannah ließ sich zum Tausch bewegen und, was soll ich sagen. Da war er wieder, mein ganz persönlicher Retro-Moment.


Susanne Veit

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