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Brauchen Babys Design?

„Hässlichkeit verkauft sich schlecht“, postulierte der US-Designer Raymond Loewy einst. Klar – schön müssen Produkte sein, um Kunden zu begeistern. Doch ist das alles? Ist das „Schön“ des einen auch das „Schön“ des anderen? Und vor allem, wie bekommt man den Lifestyle der Eltern und die Ansprüche der Kinder unter einen Hut? Ein Spagat für Hersteller und Handel.

Auf die Frage, was Design eigentlich sei, haben selbst Designer keine gemeinsame Antwort. Der Begriff wird von jedem individuell interpretiert. Das reicht von subjektivem Schönheitsempfinden einerseits bis hin zu sehr tiefgreifenden Überlegungen zu Gesellschaft, Sinnhaftigkeit, Ökologie, Ergonomie, Produktionstechnik und Formgebung andererseits.
Als Industriedesigner, der sich seit langer Zeit Produkten für Kinder verschrieben hat, kann auch ich nicht mit Eindeutigkeit sagen, was Design – geschweige denn gutes Design – für diese Zielgruppe denn nun ist.

Der erste Eindruck zählt

Sobald Produkte am Markt in Konkurrenz zueinander stehen, müssen sie sich durch überzeugende Alleinstellungsmerkmale vom Wettbewerb abheben. Und der erste Eindruck, also die Optik, ist dabei essenziell. Ob bei Kinderwagen, Babybetten, Wippen, Wickeltaschen, Accessoires, Beißringen oder Spielzeug – sinnvolle, durchdachte und zielgruppengerechte Gestaltung hat bei Kunden immer die besseren Chancen.
Zunächst zählt im Regal aber das, was landläufig unter „Design“ verstanden wird: das äußere Erscheinungsbild. Das Produkt sollte nach Möglichkeit ja ins Umfeld und zum Lifestyle der Eltern passen. Und dazu gehört natürlich auch eine gute Portion Zeitgeist und Mode.

Bauhaus-Puppen

Ressourcenschonend und optisch ansprechend sind die Produkte von Plan Toys

Geschmäcker ändern sich

Das fällt besonders auf, wenn man es mit einem gewissen zeitlichen Abstand betrachtet, zum Beispiel auf Fotos aus der eigenen Kindheit. Diese Farben. Diese Materialien. „Das hatte man damals eben so“, ist die entschuldigende Auskunft, die wir dann bekommen.
Sicher werden wir in 30 Jahren auch Bilder von unseren Kindern vorgehalten bekommen – verbunden mit den Fragen, weshalb alle Babyprodukte eine App hatten, weshalb alles gleichermaßen pastellfarbig „skandinavisch“ war und weshalb man auf so vielen Bildern mit Fruchtquetschbeuteln zu sehen ist. Auch dann wird die Antwort lauten: „Das hatte man damals eben so“. Gemeint ist damit aber, wir als Eltern wollen das so. Es entspricht dem Zeitgefühl, und es ist das, was im Handel angeboten wird. Außerdem befriedigen wir damit unseren eigenen Lifestyle.

Kinder orientieren sich früh

In den ersten Lebensjahren ist Kindern das Design eigentlich egal. Vermeintlich. Denn: Auch das Setting zu Hause ist geschmacksbildend, und der Umgang mit Produkten prägt Kinder bereits früh. Das heißt, entscheiden sich Eltern beispielsweise hauptsächlich für Einwegprodukte, wird das Kind dies übernehmen, leben Eltern einen bewussten und Ressourcen schonenden Umgang mit Produkten vor, werden sich die Kinder daran orientieren. Sie registrieren sehr wohl, ob Eltern lieber zu Quetschies und Gläschen greifen oder Zeit in die Zubereitung von Nahrung investieren. Sie erleben, wenn sich Eltern Gedanken über Wohnathmosphäre machen und stimmige Produkte kombinieren. Sie fühlen sich wohl mit Produkten, die clever sind und deren Benutzung Freude bringt. Zum Beispiel weil sie ergonomisch gestaltet sind, oder weil man die Materialien gerne anfasst.

nigi, nagi und nogi von Moluk

Tripp Trapp von Stokke

Durch eine hohe Gestaltungsqualität zeichnen sich die Möbel von Leander aus

Design ist mehr als Form

Das zeigt deutlich die Herausforderung, der sich Designer gegenüber sehen: Es geht beim Gestalten von Produkten nicht nur um die schöne und zeitgemäße Form, viele Aspekte tragen zur Produktqualität bei. Design ist mehr, als nur das Erscheinungsbild und schöne Farben. In die Gestaltung sollten Kundenwünsche mit einfließen, aber auch Sicherheitsaspekte, Herstellungsbedingungen, gesellschaftliche und ökologische Aspekte sowie Ansprüche des Handels.
Natürlich gibt es auch Produkte, die nur einer schönen Formgebung folgen. Sie zeichnen sich dadurch aus, einen zeitgeistigen Nerv zu treffen und sprechen primär Kaufimpulse an. Oder sie sind „nur hübsches“ Dekoobjekt und Statement Piece. Die Herausforderung bei durchdachter Gestaltung besteht aber vielmehr darin, Funktionalität, Nachhaltigkeit und wirtschaftliche Aspekte durch das Design unter einen Hut zu bekommen.
Bei Babyprodukten müssen Hersteller hier noch einen zusätzlichen Spagat wagen, denn im Laden werden nicht die eigentlichen Nutzer, nämlich die Babys angesprochen, sondern deren Eltern, Tanten, Onkel oder Großeltern. Den Erwachsenen also muss der Mehrwert für das Kind vermittelt werden. Babyprodukte müssen daher zum einen den Bedürfnissen des Kindes, zum anderen denen der Käufer gerecht werden.
Allerdings sind frisch gebackene Eltern sehr empfänglich für derartige Angebote. Schließlich statten sie sich für eine völlig neue Lebenssituation aus, kaufen nach dem Motto: für den Nachwuchs nur das erdenklich Beste.

Best Brands for Babys

Gerade die Babybranche vereint viele Hersteller, die „Design Thinking“ im Firmenethos verankert haben: Sie hinterfragen bei der Entwicklung ihrer Produkte alle Einzelaspekte. Sie legen Wert auf transparente und nachhaltige Herstellung, und denken „vom Kunden aus“.
Der Holzspielwarenhersteller Plan Toys beispielsweise fällt mit cleveren Spielwaren auf, die ressourcenschonend hergestellt die Bedürfnisse von Kindern ansprechen und dabei mit einer einzigartigen Ästhetik glänzen.
Ebenfalls auf Nachhaltigkeit in Verbindung mit Design bedacht ist der Plüschhersteller Heunec. Gerade für die Babylinien rund um Sandmännchen und Miffy stehen Verträglichkeit und Umweltaspekte im Vordergrund, beide Linien erfüllen den GOTS-Standard.

Auch Leander, dänischer Hersteller von Mobiliar für Babys, hebt sich durch Gestaltungsqualität vom Markt ab: Die durchdachten Produkte des Unternehmens funktionieren intuitiv, halten sich durch ihre schnörkellose Formsprache aber dezent im Hintergrund.
Dass gut gestaltete Produkte zu Klassikern werden können, zeigt die Babywippe des schwedischen Herstellers Baby-Björn. Seit den 60er Jahren nahezu unverändert ist sie durch ihre Schlichtheit und Zeitlosigkeit nach wie ausgesprochen beliebt bei jungen Eltern. Das gleiche gilt für die mitwachsende Design-Ikone Tripp Trapp, mit der Stokke 1972 die Welt der Hochstühle revolutionierte. Die Reduktion auf das Wesentliche liegt in der DNA skandinavischen Designs.
„Open ended Design“, heißt Produktgestaltung, die Babys und Kinder zum kreativen Umgang animiert, ist das Credo von Moluk. Die Spielwaren des Herstellers sind im Spieleinsatz flexibel und frei kombinierbar.
Sowohl bei Gestaltungsqualität als auch bei Nachhaltigkeitsansätzen tut sich der Kinderwagenspezialist Bugaboo hervor: mit langer Haltbarkeit, großer Flexibilität im Einsatz sowie einfach zu reparierenden Kinderwagen geht das Unternehmen von einer linearen in eine Kreislaufwirtschaft über.

Chancen für den Handel

Der Handel profitiert bei Marken, die auf hohe Designqualität achten und Wert auf kundennahes Agieren legen. Denn sie stehen mit ihrem Namen für ihre Werte ein. Außerdem sind gut gestaltete Produkte weniger beratungsintensiv, da sie sich selbst erklären und Wertigkeit vermitteln.
Und gutes Design macht sich schließlich nicht nur im Kinderzimmer gut, sondern auch im Ladengeschäft. Optisch ansprechende und durchdachte Produkte ziehen Blicke auf sich und vermitteln dem Kunden auch ohne Worte, dass das Geschäft Wert auf ein gutes Sortiment legt.

Joerg L. Meister

Kinderwagen von Bugaboo

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