Safety

Das Kinderzimmer ist kein Alcatraz

Mit den Erziehungsratgebern sind sie schon durch. Junge Eltern wollen heute mehr. Ihr Informationsbedarf richtet sich danach, wie sie in einer komplexen Umwelt am besten für das heile Aufwachsen ihrer Kleinsten sorgen. Manche stehen dann erstmal ratlos vor dem Regal mit den Sicherheitsprodukten. Für sie bietet Daniela Kambor aus Babenhausen Workshops zu Unfallprävention und Gesundheitsschutz sowie auf Wunsch ganz individuelle Sicherheitsberatung im eigenen Zuhause an.

Daniela Kambor aus Babenhausen ist mit ihrer Beratungsagentur mybabyflow auch als Baby-Planer und Schwangerschafts-Concierge im Einsatz

Über kleine Sicherheits-produkte mit großer Wirkung sprach 1st Steps-Autorin Lioba Hebauer mit der zweifachen Mutter und Inhaberin der Agentur mybabyflow.

Frau Kambor, Ihre Informations-veranstaltungen für Eltern mit Kindern bis fünf Jahre haben regen Zulauf. Fehlt es denn an ausreichender Risikoaufklärung?
Es gibt online wunderbare und umfangreiche Seiten, die leicht verständlich geschrieben sind. Aber vielen Eltern fehlt die praxisorientierte Beratung. Sie kaufen auch Bücher über Erste Hilfe und trotzdem gehen sie, wenn sie sicher sein wollen, in einen Erste-Hilfe-Kurs für Kinder. Und das ist auch gut und wichtig, weil man praxisnah noch einmal andere Dinge lernt. Ich setze noch vor den Erste-Hilfe-Kursen an – Unfälle und Verletzungen sollen gar nicht erst entstehen. Ich habe diese Thematik zu meinem Herzensthema gemacht und mich bei der BAG und DAPG zur Multiplikatorin im Bereich Kindersicherheit ausbilden lassen, um in Hebammenpraxen, Eltern-Cafés, für Tagesmütter und Kindergärten oder für Firmen tätig zu sein. Es gibt einfach viel zu wenig Aufklärung!

Wo klafft die größte Wissenslücke?
Nach den Statistiken verunglückt alle 20 Sekunden ein Kind. Dabei denken die meisten Eltern, das höchste Risiko läge auch bei den Kleinsten im Straßenverkehr. Das ist aber leider ein Trugschluss. Rund 80 Prozent der Unfälle bei den Jüngsten passieren im häuslichen Umfeld. Eine so banale Sache wie eine umgeschüttete Tasse mit heißem Kakao oder Tee kann schon 30 Prozent des Kinderkörpers verbrühen. Solche Verbrühungen sind unfassbar langwierig und die Narben bleiben ein Leben lang. Viele Fragen kommen auch zum Herdschutzgitter. Ob man damit wirklich kochen könne und das praxisnah sei. Zu thermischen Verletzungsrisiken versuche ich besonders zu sensibilisieren. Auch bei den leider immer noch typischen Stürzen, die für Kleinkinder das höchste Verletzungsrisiko sind. Das Wichtigste ist hier die Aufsicht. Ob Wickelkommode, Bett oder Couch: Ich lasse keinen Säugling erhöht liegen und gehe weg. Man kann das Kind stattdessen kurz auf den Boden legen.

Sie bringen zu Ihren Workshops eine Produktekiste mit. Arbeiten Sie mit den Herstellern zusammen?
Genau. Ich habe verschiedene Produkte dabei, bin aber trotzdem produktneutral. Die Eltern sollen den oft sehr großen Qualitätsunterschied unterschiedlicher Hersteller sehen und das Produkt auch handhaben und in seiner Funktion verstehen – angefangen von unterschiedlichen Tischkantenabdeckungen, Steckdosensicherungen über Schlösser, Tür- und Fenstersicherungen, Kippschutz für TV-Geräte bis hin zum Treppenschutz. Dabei wird geklärt, was man braucht und was sich nicht lohnt anzuschaffen. Man soll ja auch kein Alcatraz für die Kinder schaffen, sondern mit offenen Augen durch die Welt gehen. Die Sensibilisierung für die Gefahren ist das Hauptziel.

Welche Produkte halten Sie persönlich für besonders wichtig?
Sobald ein Kind mobiler wird und sich hochzieht, sollten alle Möbel kippsicher an der Wand befestigt sein. Das geht mit einfachen Mitteln. Sobald die Kinder etwas größer sind, finde ich die Plättchen, die man zusätzlich zum vorhandenen Fenstergriff als Sicherung einbauen kann, besonders toll. Kinder können diese dann nicht öffnen, weil man fest auf den Knopf drücken und gleichzeitig den Hebel drehen muss. Außerdem bin ich ein totaler Fan des Anti-Rutsch-Bandes zur Treppensicherung. Das ist eine ganz einfache Geschichte. Dünne Klebestreifen, die sich oben wie Sandpapier anfühlen. Die halten ganz lang und sind rückstandsfrei wieder zu entfernen.

Links: Die WinLock Fenster- und Balkonsicherung von reer wird ohne Bohren oder Kleben angebracht

Kindersicherheit beginnt bereits vor der Geburt. Der MommyLine 2in1 Schwangerschaftsgurt von reer sorgt dafür, dass der Beckengurt in einer bequemen Position unterhalb des Babybauchs liegen bleibt. Das verhindert bei starken Bremsmanövern, dass das Ungeborene zu großem Druck ausgesetzt wird

Sie selbst haben zwei Töchter im Alter von drei und sieben Jahren. Welche Erfahrungen teilen Sie hier mit Ihren Kursteilnehmern?
Es gilt besonders darauf zu achten, wie man Kinder in so unterschiedlichem Alter beim Spielzeug zusammenbringt. Ich verwende dabei gerne einen Kleinteile-Tester. Bei den meisten Familien ist der total unbekannt. Dabei ist das ein so günstiges und einfaches Produkt, um zu testen, welche Teile vom kleineren Kind noch verschluckt werden können. Die Leute sind immer ganz erstaunt und erschrocken, was da so alles durchpasst. Auch der Spaltentester und das Sicherheitsmaßband zeigen eindrucksvoll, wie groß eine Spalte sein darf, damit Kinder sich nicht die Finger darin einklemmen oder wie klein der Abstand von Bettgitterstäben sein muss, damit der Kopf nicht durchpasst.

Sind Eltern heute nur sensibilisierter gegenüber den Risiken geworden oder auch unsicherer?
Wir machen uns heute mehr Gedanken. Früher hat man sich nicht überlegt, ob man beim Rollerfahren einen Helm aufziehen soll oder nicht. Wir geben unsere Kinder aber auch oft frühzeitig in Fremdbetreuung. Das verunsichert viele Eltern, weil zu Hause dann das Auge dafür fehlt, wo die Kinder noch Aufmerksamkeit brauchen und was sie zwischenzeitlich gelernt haben oder noch nicht können.

Produktsicherheit – Gewusst wo

Jedes Jahr ereignen sich in Deutschland knapp 300.000 Kinderunfälle im eigenen Zuhause. Fachleute schätzen, dass mehr als 60 Prozent aller Unfälle durch Aufklärung und geeignete Sicherheitsprodukte vermeidbar sind. Als Experte für Kindersicherheit ist hier das Unternehmen reer besonders aktiv. Um Eltern für Gefahren im eigenen Heim zu sensibilisieren, lädt der Hersteller sie auf einen virtuellen Rundgang in das 360°-Sicherheitshaus ein. Für den beratenden Fachhandel stellen die Leonberger online den Produktberater bereit.
Bis zu einem Alter von vier Jahren fehlt Kindern noch jegliches Bewusstsein für Gefahren. Gut ist daher, wenn Eltern bereits wissen, wo es gefährlich werden kann. „Unser Ziel ist es, die öffentliche Aufmerksamkeit auf das oft unterschätzte Thema zu lenken. Säuglinge und Kinder benötigen den größtmöglichen Schutz und je mehr Eltern über die Unfallursachen wissen, desto besser können sie ihre Kinder schützen“, sagt Tim Lorenz, Geschäftsführer der reer GmbH. Vom Flur zum Wohnzimmer, über das Kinderzimmer ins Bad, zur Küche und den Außenbereich informiert die virtuelle Tour über geeignete Sicherheitsprodukte wie die Elektrogeräte-Sicherung, den Sicherheitsdeckel für Tassen, den Türstopper oder das Pflanzenschutznetz. Schon kleine Helfer entfalten oft eine große Wirkung und tragen ungemein zur Sicherheit im Haus bei. 

360.reer.de

Einen nachhaltigen Beitrag, um Unfälle zu vermeiden, leistet auch der beratende Handel. Bei der Suche nach einer individuellen Lösung etwa bei Schrank- und Schubladensicherungen oder Tür- und Treppengittern wird man beim Online-Produktberater und Konfigurator von reer fündig.

reer.de/produktberater

Die Produktdatenbank der BAG Mehr Sicherheit für Kinder e.V. stellt eine wichtige Informationsquelle im Rahmen der Unfallverhütung dar. Hier werden Eltern und Fachpersonal über sichere und nicht sichere Produkte aufgeklärt. Auch sie wird von reer unterstützt. Das Unternehmen hat im vergangenen Jahr die Patenschaft für die Datenbank übernommen.

kindersicherheit.de/produktsicherheit

Nicht nur Hersteller, auch Händler haben gegenüber den Verbrauchern eine Sorgfaltspflicht. Ihnen kann eine volle Mithaftung zugesprochen werden, wenn sie mangelhafte Produkte wider besseres Wissen verkaufen. Es ist also wichtig, über geeignete Wissensportale immer informiert zu bleiben. In der EU sind Händler verpflichtet, die Behörden sofort zu informieren, wenn sie Gefahren bemerken. Die Warnung wird dann über das europäische Rapex-System verbreitet. Das System wurde 2001 eingeführt und umfasst neben den EU-Mitgliedsstaaten auch Island, Liechtenstein und Norwegen. Rapex-Berichte beschäftigen sich mit allen Verbraucherprodukten außer Lebensmitteln. Einen deutschsprachigen Auszug der wöchentlichen Rapex-Meldungen findet man etwa auf den Seiten der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.

produktsicherheitsportal.de

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