Wie erzieht man digitale Pioniere?

Pädagogisch Digital

Prof. Dr. Friederike Siller ist Dozentin am Institut für Medienforschung und Medienpädagogik (IMM) der Technischen Hochschule Köln. In ihrem Beitrag erläutert sie die Herausfoderungen, die sich Eltern und pädagogischen Einrichtungen bei der medialen Erziehung von Kindern stellen und bietet Lösungsansätze an.

Kinder sind in vielerlei Hinsicht Pioniere und Experten im Umgang mit digitalen Medien. Sie sind in den Familien oft diejenigen, die als erste neue Anwendungen und Programme ausprobieren. Eltern, pädagogische Fachkräfte und Lehrpersonen sind damit in einer für sie eher ungewohnten Situation, sind sie doch noch in einer anderen Medienwelt groß geworden. Gemeinsam ist ihnen: Es ist für Klein und Groß schier unvorstellbar, dass es erst seit einem guten Jahrzehnt mobile, internetfähige Geräte wie Smartphones und Tablets gibt. Heutzutage sind schon Familien mit kleinen Kindern mit mobilen Medientechnologien sehr gut ausgestattet. Geräte wie Tablets gelangen daher auch immer früher in Kinderhände und werden allerdings oft ohne Begleitung der Eltern benutzt. Als gesichert kann gelten, dass digitale Medien für Kinder in den letzten Jahren an Bedeutung hinzu gewonnen haben. Immer mehr Kinder nutzen sie und das für vielfältige Zwecke: um zu spielen, zu lernen, sich zu informieren oder sich mit anderen zu vernetzen. Die Dauer, in der junge Menschen digitale Medien nutzen, steigt auch von Jahr zu Jahr. Und hinzukommt, dass die Nutzung digitaler Medien in immer jüngerem Alter beginnt.

Die Möglichkeiten, die sich für Kinder mit Medien ergeben, sind um ein Vielfaches höher als noch vor zehn Jahren. Denn die Onlinewelt, die sich Kindern bietet, hat sich rasant gewandelt. Für das mobile Web entstand innerhalb weniger Jahre ein international ausgerichteter Markt für Kinder-Angebote. Dieser bietet vornehmlich Kinder-Apps, welche über die Stores großer Tech-Unternehmen angeboten werden. Gegenwärtig erhalten digitale Assistenten, zum Beispiel über Spracherkennung, Einzug in die Familien, wie auch insgesamt der Bereich der Internet of Things und damit die digitale Vernetzung alltäglicher Gegenstände in Familienhaushalten anzieht. Verschwunden ist in den letzten Jahren leider eine beachtliche Zahl von Webseiten aus dem offenen Internet für Kinder, darunter die von kleinen Vereinen oder Privatpersonen. Sie haben den Mobile-Turn nicht geschafft. Und natürlich sind auch die großen Dienste und Netzwerke – Videoplattformen oder Messenger – in den Blick zu nehmen, die stark von Kindern frequentiert werden, gleichwohl sie aber nicht für Kinder gemacht sind.
Eltern tragen heutzutage eine große Verantwortung, gute medienbezogene Entscheidungen für ihr Kind zu treffen. Gegenwärtig lässt sich bei Eltern ein ambivalentes Bild zeichnen: Einerseits erkennen sie die Bedeutung digitaler Medien für ihre Kinder und wollen, dass diese den Umgang damit erlernen. Für die jetzige Elterngeneration gehören Technologien zum Alltag und damit auch zum Familienleben dazu. Andererseits wollen sie mehr Schutz für ihre Kinder, wenn diese online sind. Dies ist auch darin begründet, dass viele Eltern bei der Medienerziehung ihrer Kinder unsicher sind. Eltern verfügen in der Tendenz über wenig Strategien und Ressourcen, um aus eigener „erzieherischer Kompetenz“ heraus angemessen die Mediennutzung ihrer Kinder zu begleiten und für sie da zu sein, wenn diese online Hilfestellung benötigen. Auch fühlen sich viele Eltern gegenwärtig in ihrer medienerzieherischen Arbeit nur wenig unterstützt, es kommt wenig konkrete Hilfestellung bei ihnen an, um ihren Kindern bei der Navigation und Orientierung in der digitalen Landschaft Rat zu geben oder Vorbild zu sein. Eltern in diesem Feld zu stärken, ist sicherlich eine dringliche Aufgabe. Neben den Eltern müssen aber auch die Schulen mitziehen, um Kinder für den Umgang mit digitalen Medien zu befähigen.

Prof. Dr. Friederike Siller

Kinder benötigen bei der Mediennutzung unbedingt erwachsene Anleitung und Begleitung

Die wichtigste Chance in der digitalen Welt für Kinder? Vernetzung! Und damit auch Zugang zu Wissen und Kommunikation mit der Außenwelt. Schule und Stadtbücherei sind für Kinder bei weitem nicht mehr die einzigen Orte, an denen Wissen und soziale Kontakte verfügbar sind. Stattdessen ergeben sich heute durch digitale Technologien eine Vielzahl von möglichen Settings, in welchen Kinder ihre Interessen verfolgen, mit anderen in Austausch treten und dabei auch etwas lernen könnem. Und alle Zeichen und Zahlen sprechen dafür, dass Kinder dies auch tatsächlich gerne tun, digitale Medien für ihr Leben und Lernen zu nutzen.
Kindern ging es online noch nie darum, frontale Angebote zu erhalten. Wesentlich für ihr Nutzungsverhalten war und ist die Vernetzung. Und es ist der kreative Umgang mit Medien. Damit haben gerade die ganz jungen Menschen die Möglichkeiten und den Geist des Internets ja auch richtig eingeordnet. In diesem Zusammenhang ist es keine überraschende Entwicklung, dass in den letzten Jahren insbesondere die Nutzung sozialer Medien bei jungen Menschen immens angestiegen ist. Wer ältere Kinder nach ihren Online-Erlebnissen befragt, bekommt mit hoher Wahrscheinlichkeit Berichte von Ereignissen, die sich in sozialen Netzwerken oder auf Messenger-Diensten abgespielt haben. Soziale Medien prägen also mittlerweile in nicht unerheblichem Umfang die sozialen Erfahrungen auch schon älterer Kinder – positiv wie negativ.

Wie werden Kinder gegenwärtig an die Nutzung sozialer, interaktiver Medien herangeführt? In der Grundschule spielen digitale Technologien kaum eine Rolle, geschweige denn werden sie beim Erwerb digitaler Kompetenzen für den Umgang mit sozialen Medien unterstützt. Dabei wäre aus Sicht der Mediennutzung der Kinder genau dann der richtige Zeitpunkt. Sie müssen Funktionsweise, Risiken und Chancen kennen, bevor sie diese nutzen und bevor sie möglicherweise in soziale Drucksituationen geraten. Also: Medienbildung, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist. Aber auch alle Anbieter von Onlinediensten, die häufig von Kindern genutzt werden, haben Antworten zu finden auf Fragen wie diese: Was wollen wir konkret tun, um auf unseren Angeboten verantwortungsvoll mit kindlichen Nutzern umzugehen – was ist zu tun, was zu lassen? Wie lassen sich altersgerechte, kindgerechte Zugänge schaffen? Wie können wir Kindern online mit mehr Rücksicht begegnen? Fragt man ältere Kinder übrigens zur Nutzung sozialer Medien, so sind sich diese schnell einig darin, dass jüngere Kinder von sozialen Medien fernzuhalten sind: zu hart, zu konfliktträchtig, nichts für weiche kindliche Gemüter, so sagen es die älteren Kinder.
Kinder haben das Recht, im Internet geschützt zu werden. In gleichem Maße haben sie das Recht, beteiligt zu werden und Zugang zu Wissen und unseren Kulturtechniken zu erhalten. Dies sind drei wichtige Säulen der Konvention über die Rechte des Kindes der Vereinten Nationen: das Recht auf Schutz, das Recht auf Befähigung und das Recht auf Beteiligung, die auch für den Onlinebereich gelten. Digitale Medien sind für Kinder und ihre Zukunft sehr wichtig. Die heutige Generation von Kindern stellt die erste Generation dar, die permanent Onlinezugang haben kann. Junge Menschen sind daher bei der Entwicklung von Sozial- und Medienkompetenzen in besonderem Maße zu unterstützen, damit sie die Chancen nutzen können, die digitale Medien für sie bereithalten, sie Risiken erkennen und damit umgehen lernen und sie sich zudem an einer guten Weiterentwicklung digitaler Technologien aktiv einbringen und diese auch mitgestalten können. Kinder müssen bei vielen Dingen in der Medienwelt erst lernen, damit umzugehen. Sie benötigen beispielsweise Strategien, abzuwägen, wem und was sie online Aufmerksamkeit widmen. Sie müssen die Balance halten können, zwischen onlinebezogenen und anderen Aktivitäten, wie beispielsweise Sport treiben, sich draußen aufhalten, mit Freunden spielen, Filme schauen, Bücher lesen, Bilder malen und so weiter. Sie müssen in der Lage sein, bewusste und eigene, absichtsvolle Me-dienentscheidungen zu treffen, sonst laufen sie Gefahr, sich online endlos in einer Art „Auto-Play-Modus“ zu verlieren. Familien und Schulen, aber auch Anbieter, Politik und die Gesellschaft als Ganzes haben daher auf gute Bedingungen für ein gesundes Aufwachsen von Kindern mit digitalen Medien zu achten. Hierzu zählen auch die etablierten Marken und Medien im Kindermedienbereich, den Fernsehsendern, den Verlags- und Medienhäusern, der Spielzeugindustrie, denen gegenwärtig – ob selbst gewählt oder nicht – auch eine orientierende Funktion zukommt. Sie sind Orientierungspunkte für Familien, denen man schon mal in einem anderen Kontext sein Vertrauen geschenkt hat, die man zumindest ganz gut kennt. Sie können einen guten Beitrag leisten, auch über den eigenen Radius hinaus zu wirken und eine gute, ausgewogene und vielfältige Kindermedienlandschaft mitzugestalten.
Kinder gehören ins Zentrum einer Digitalpolitik, lautet eine zentrale Forderung des UNICEF-Berichts „Kinder in der digitalen Welt“ und niemand sollte es sich künftig mehr leisten können, Kinder in diesen sie unmittelbar betreffenden Belangen nicht mit einzubeziehen. Ohne Kinder lässt sich kein gutes Internet machen.

friederikesiller.wordpress.com

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