Britax Römer Autokindersitze

„Wir spielen mit der Physik“

Autokindersitze sind heute multifunktionale High-Tech-Produkte. Dennoch müssen sie intuitiv richtig bedienbar bleiben. Alle Vorgaben zu erfüllen, ist auch für erfahrene Hersteller keine leichte Aufgabe. Richard Frank, Direktor Forschung & Entwicklung Global bei Britax Römer, erläutert Lioba Hebauer die vielfältigen Anforderungen in seiner Abteilung.

In das Ringen um die bestmögliche Formgebung und Werkstoffwahl fließen Erfahrungen aus Simulationen und Tausenden von Crash-Tests ein, um die Sicherheit für Kinder im Auto Schritt für Schritt zu steigern

Es sind eine Menge Vorgaben, die Autokindersitze heute erfüllen müssen. Sie sollen bei Frontal- und Seitenaufprallunfällen maximalen Schutz bieten, formstabil und trotzdem leicht sein. Kinderrückhaltesysteme kommen rückwärts- wie vorwärtsgerichtet zum Einsatz und wachsen ganz bequem am besten ein Jahrzehnt lang mit dem Kind mit. Im Idealfall erfüllen sie die gesetzlichen Richtlinien und die noch strengeren Konsumententests mit Bravour und sind universell für fast jedes Fahrzeugmodell einsetzbar.

Herr Frank, wenn der Verbraucher einen Britax Römer-Kindersitz im Fachgeschäft kauft, ist Ihre Arbeit beendet. Wie viel Zeit haben Sie vorher von der ersten Idee bis zur Marktreife in ein neues Modell investiert?
Im Normalfall zwischen eineinhalb und zwei Jahre. Wenn man einen Kombinationssitz wie den neuen Advansafix IV R betrachtet (siehe Kasten), der verschiedene Insassengrößen vom neun Monate
alten Säugling bis zum Zwölfjährigen abdecken muss, dann werden die Versuchskonfigurationen deutlich mehr. Die Entwicklungszeit kann für außergewöhnliche Projekte zwei Jahre und länger dauern.

Ein neuer Kindersitz entsteht zunächst einmal virtuell in einer Simulation?
Richtig. Wir beginnen mit der Designphase im Sinne von Industrial Design, um ein Produkt zu gestalten, wie wir es von der Formgebung, von den Abmessungen, aber auch Funktionalitäten haben möchten. Mit diesem Grundgerüst gehen wir in die Simulation. Da werden verschiedene Varianten von Geometrien, Werkstoffen und Werkstoffverhalten abgebildet und für die unterschiedlichen Insassengrößen und -massen die bestmögliche Lösung gefunden. Es ist letztendlich so, dass ich meinen Ingenieuren immer predige, dass wir die Physik nicht schlagen können. Was wir machen, ist mit der Physik zu spielen, das heißt Kräfte umzuleiten und Energien zu absorbieren.

Was bedeutet das konkret?
Wird das Fahrzeug durch einen Unfall stark gebremst, bewegt sich alles, auch ein Passagier im Fahrzeug, aufgrund der Massenträgheit erst einmal mit der ursprünglichen Geschwindigkeit weiter fort. Dadurch verkürzt sich der Bremsweg zum Stillstand und erhöht die Belastungen beziehungsweise das Verletzungsrisiko für das Kind. Die Geschwindigkeit des Passagiers muss also möglichst zeitgleich im gleichen Maß wie das Auto reduziert werden und das passiert etwa durch eine starre Anbindung des Kindersitzes an das Fahrzeug. Beim Advansafix zum Beispiel kommen sehr starre Isofix-Konnektoren zum Einsatz. Mittels dieser schaffen wir eine direkte Anbindung des Kindersitzes an das Fahrzeug und somit die beste Voraussetzung für eine kontrollierte und optimale Schutzwirkung. Zusätzlich erzielen die energieabsorbierenden Werkstoffe, wie zum Beispiel expandiertes Polypropylen, und die Formgebung des Kindersitzes eine kontrollierte Dämpfung.

Richard Frank leitet die weltweite Britax-Kindersitzentwicklung

Neu im Handel: der Kombinationssitz Advansafix IV R von Britax Römer

Wie oft wird ein neues Modell im Versuchslabor einem Crash-Test unterzogen?
Die Art des Produktes, die Anzahl der Installationen, der Verstellmöglichkeiten und die unterschiedlichen Dummy-Größen, die stellvertretend für das wachsende Kind in den Sitz passen, definieren die Versuchsmatrix, mit der wir die sogenannten „Lastfälle“ zu bedienen haben. Und da kommen dann durchaus 500 bis 600 dynamische Versuche zusammen. Die gesetzlichen Lastfälle sind Pflicht. Mit unseren Möglichkeiten – wir haben mittlerweile in Europa vier Crash-Anlagen – decken wir diese Lastfälle auch komplett eigenständig ab. Aber deswegen hat das Produkt noch lange nicht den Britax
Römer-Stempel verdient. Wir haben darüber hinaus eigene spezifische Prüfungen. Wir legen die Latte noch ein deutliches Stück höher. Darüber hinaus gibt es natürlich auch noch statische Prüfungen, wie die Überschlagsprüfung, Gurtschlösser müssen eine gewisse Zugfestigkeit aufweisen, die Gurtbänder verschiedene Eigenschaften mitbringen.

Welche Dummy-Generation kommt hier zum Einsatz?
Die Q-Serie ist die jüngste Dummy-Generation, die in der Entwicklung als auch für die Zertifizierung und die Konsumentenprüfungen herangezogen wird. Gegenüber den Vorgänger-Generationen sind sie näher am menschlichen Aufbau. Und es ist deutlich mehr Sensorik verbaut. Die neue Kindersitznorm ECE R129, die nun Schritt für Schritt die alte Norm ECE R44 ablöst, schreibt diese Dummys bereits vor. Bei der Q-Serie sind beispielsweise drei Beschleunigungssensoren im Kopfbereich angebracht, die Nackenkräfte werden gemessen, ebenso Brusteindrückung und Brustbeschleunigung. Die Gliedmaßen der Dummys sind den menschlichen ähnlicher, dadurch kann mehr gemessen und bewertet werden. Was bedeutet, dass der Kindersitz auch mehr können muss, um diesen zusätzlichen Kriterien gerecht zu werden und die Anforderungen zu erfüllen.

Sicher ist bei Kindern nie sicher genug. Wo sehen Sie weitere Angriffspunkte, um Ihre Autokindersitze noch besser zu machen?
Wenn wir unsere Sitze unter Laborbedingungen prüfen, sind die natürlich genial. Dennoch sehen wir unverändert Potenzial, um sie weiterzuentwickeln und zwar mit den Möglichkeiten, die gegeben sind. Da sprechen wir von Werkstoffen, von Geometrien in Verbindung mit Werkstoffen. Man kennt das aus der Automobil-Branche. Da werden Fahrzeuge leichter, gleichzeitig aber stabiler, sicherer und besser. Und das ist bei Kindersitzen nicht anders. Die Technologie, die sich in verschiedenen Industriebereichen entwickelt, kommt natürlich auch bei uns zum Einsatz. Auf der anderen Seite ist ein Kindersitz aber nur dann hervorragend, wenn seine Bedienung so intuitiv und so unempfindlich gegenüber Fehlbedienung wie möglich ist. Das heißt, wenn Eltern oder Großeltern das Kind in diesen Kindersitz setzen und dabei so wenige Fehler wie möglich machen können. Auch das gehört zur Kindersitzentwicklung: dass Dinge für den Endverbraucher so klar wie möglich gestaltet werden. Dass sich Dinge teilweise selbst einstellen oder Rückmeldung geben, wenn die Installation nicht korrekt ist.

Wie wichtig ist der Austausch mit der Automobil-Industrie?
Ohne geht es in diesem Bereich nicht. Eine Isofix-Verankerung etwa wäre nichts wert, wenn die Automobil-Industrie sich nicht auf einen einheitlichen Standard geeinigt hätte und wir für unsere Isofix-Konnektoren nicht entsprechende Gegenstellen im Fahrzeug finden würden. Genauso verhält es sich mit anderen Signalen, die in Zukunft über das Fahrzeug an den Kindersitz und wieder zurück kommunizieren. Da bedarf es ebenfalls eines gewissen Standards, um mit einer einheitlichen Sprache zu sprechen. Wenn Sie sich heute ein Fahrzeug im Vergleich zu einem von vor 15 Jahren anschauen, dann gibt es darin mehr Airbags und es ist eine Menge Elektronik verbaut. Pre-Safe oder Pre-Crash-Systeme sollen Unfälle vorausahnen. Vorausschauend wird geprüft, ob sich ein Unfallszenario einstellt und im Fahrzeug werden dann Vorkehrungen getroffen, das heißt, das Gurtzeug spannt sich etwas, die Pedallerie wird gegebenenfalls aus dem Gefahrenbereich gefahren, die Fenster und das Sonnendach verschließen sich. Über die Sensorik wird einem Rechner mitgeteilt, dass etwas getan werden muss. Die Zukunft wird nicht ausschließen, dass dieses Signal auch beim Kindersitz landet.
britax-roemer.de

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