Im Gespräch: Georg Rösner

Wir versuchen authentisch zu sein

Schokolade testen, Kuscheltiere designen, Kinderhotels führen … Eine Menge Berufe drehen sich um den Kosmos „Familie“. In unserer neuen Interviewreihe „Familiensache“ sprechen wir mit Menschen, die sich hauptberuflich oder ehrenamtlich für Kinder und/oder Eltern engagieren. Diese Reihe gibt uns die Möglichkeit, heutige Familien aus immer wieder neuen Blickwinkeln zu betrachten. In dieser Ausgabe im Gespräch: Georg Rösner, Gründer und Geschäftsführer der gleichnamigen Biosüßwarenfirma.

Der 67-jährige Georg Rösner zählt zu den Urgesteinen der Biosüßwarenproduktion. In seiner Produktionsstätte im niederbayrischen Straubing werden jeden Tag 100.000 Gummibärchentüten produziert und ausgeliefert. Mit seinem 23 Mitarbeiter starken Team stellt Rösner 80 verschiedene Artikel her, 70 Prozent davon machen Fruchtgummis aus. Zu seinen bekanntesten Marken zählen Ökovital und Ecovital.

Wer entscheidet in Ihrer Firma, was in die Tüte kommt?
Das entscheide ich zusammen mit einem Produktentwickler. Wir orientieren uns ausschließlich am Geschmack der jeweiligen frischen und reifen Frucht und nicht an überzuckertem Tutti-Frutti-Irgendwas.

Dann lassen Sie Kinder in dieser Entscheidung außen vor?
Kinder sind zwar in ihrer ungeschminkten Antwort sehr klar, aber auch dem angelernten Geschmack erlegen. Sie glauben etwas zu schmecken, wobei sie gar nicht mehr wissen, wie das natürliche Produkt wirklich schmeckt. Der Kontakt zur Zielgruppe findet auf den Biomessen statt, auf denen wir unsere Kunden, beziehungsweise deren Kinder verkosten. Natürlich interessiert mich deren Feedback, darum bin ich auch auf jeder Messe anwesend.

 

Also meine Kinder lieben Ihre Gummibärchen.
Wir versuchen so authentisch wie möglich zu sein, arbeiten also mit der authentischen Zutat. Beim Weingummi ist sogar Biowein verarbeitet. Wenn ich Erdbeergeschmack herstelle, arbeite ich mit Erdbeersaft, Erdbeerpüree oder Erdbeer-
konzentrat. Ich verwende erstklassige biozertifizierte Rohstoffe und verarbeite diese auch biozertifiziert.

Das Ergebnis ist Premiumqualität. Was treibt sie an?
Als ehemaliger Sport- und Biologielehrer habe ich natürlich zu Ernährung eine fundierte Meinung. Ich habe die Ernährungsphysiologie von der Pike auf gelernt und dieses fundierte Wissen kommt meinen Produkten zugute. Ich will einfach gute Süßwaren herstellen. Schnöder Mammon ist die eine Geschichte – viel besser ist es doch, Ziele zu haben.

Eines der Ziele ist die Reduktion von Zucker?
Ja, denn es ist ganz wichtig, dass man Kinder nicht schon im frühen Alter mit Zucker vollballert. Sind Kinder nicht an „Übersüßung“ gewöhnt, finden sie unsere Produkte auch süß genug. In der AÖL, dem Bioherstellerverband, wird diskutiert, wieviel Zucker in Babykost stecken soll. Im Moment ist auf jeden Fall noch zu viel drin. Das Problem ist aber: Lassen die Hersteller in der Babynahrung den Zucker weg, schmeckt es den Müttern nicht. Und was den Müttern nicht schmeckt, kaufen sie auch nicht für ihre Babys.

Aber dieses Missverständnis müsste sich doch durch Aufklärung lösen lassen?
Ja, wir sind dabei. Aber das Bewusstsein darüber, dass zu viel Zucker krank macht, ist noch nicht so alt. Ich arbeite seit vielen Jahren daran, die Gesellschaft aufzuklären. Ich bin wirklich froh, dass allmählich ein Umdenken stattfindet.

Schlägt sich das Umdenken auch in Zahlen nieder?
Nachdem nun selbst Organisationen wie die WHO die Familien vor zu viel Zuckerkonsum warnen, scheint das tatsächlich zu fruchten. In etlichen Familien findet durchaus ein Umdenken statt, eine echte Wertigkeit von Produkten wird zunehmend geschätzt. Konventionelle Süßwarenhersteller wie Haribo verzeichnen massive Umsatzrückgänge. Daher kommt jetzt auch der Lebensmittelhandel verstärkt zu uns Bioherstellern, um unsere Ware zu listen. Sie müssen die Verluste ja irgendwie wettmachen.

Also alles Bio oder was?
Auch in Bioläden wird zu viel Zuckerware angeboten, gezuckertes Müsli oder Fruchtriegel beispielsweise. Diese Produkte sind voll mit Fructose, Glucose, Sirup.

Reagieren auch konventionelle Hersteller auf die zunehmende Zucker-Kritik?
Natürlich reagiert Haribo seinerseits mit zuckerreduzierten Gummibärchen, aber sie tun sich schwer. Denn sie haben bei den Eltern ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Heinz bietet auch zuckerreduziertes Ketchup an. Aber das schmeckt fast noch süßer als das andere …
Ja, weil Zuckeraustauschstoffe verwendet werden. Wir machen das nicht. Wir produzieren nach anderen Verfahren und kommen ohne chemische Keulen aus. Wenn man unter die 32 Prozent Zucker will, muss man auf Zuckeraustauschstoffe zurückgreifen, auf Zuckeralkohole. Die sind aber hochproblematisch, sie docken an die Immunzellen im Darm an, sind der Einstieg zu Diabetes II, Allergien, Unverträglichkeiten.

Also Zucker ist schlecht, Zuckeraustauschstoffe erst recht?
Definitiv! Familien sollen ihre Kinder doch einfach natürlich ernähren, frisch. So komplex ist es eigentlich nicht. Die Unwissenheit mag auch damit zusammenhängen, dass in den Schulen Ernährungslehre abgeschafft wurde. Die heutigen jungen Eltern haben das alles nicht gelernt. Man müsste im Prinzip in die Kindergärten gehen und den Kleinen ein paar Grundregeln vermitteln.

Worin manifestiert sich das Zuckerproblem?
Ganz einfach. Ich war früher Sportlehrer, und damals war unter 20 Kindern ein Kind dabei, das ein Seil nicht hochklettern konnte. Heute kann von 20 Kindern eines hochklettern, 19 bleiben unten. Zu viel Gewicht, zu wenig Ausdauer, zu wenig leistungsstark. Das hängt stark mit der falschen Ernährung zusammen, konzentrierter, völlig unnatürlicher Energieaufnahme. Würde ein durchschnittliches Kind seinen täglichen Zuckerverbrauch auf unverarbeitete Weise zu sich nehmen, müsste es 6,5 Kilo Zuckerrüben futtern. Das schafft niemand, kein Magen, kein Darm, kein Organismus.

Haribo verzeichnet Verluste. Und Ihre Firma?
Zuwächse! Vor allem unsere veganen Produkte. Das mag auch mit der hohen Zuwanderung muslimischer Bevölkerungsgruppen und deren Konsumverhalten zusammenhängen. So gab es im bayrischen Landtag beispielsweise eine Anfrage mit dem Ziel, in den Schulkantinen keine Gummibärchen mehr zu verkaufen und so auf die muslimischen Kinder Rücksicht zu nehmen, deren Religion den Verzehr von Schweinegelatine verbietet. Nachdem ich die Herren im Parlament darauf aufmerksam gemacht habe, dass es mittlerweile auch vegane Gummibärchen gibt, werden jetzt auch vegane Gummibärchen in den Schulen angeboten.

Ihre Pläne für die Zukunft?
Ich bin jetzt 67 Jahre und habe noch einen Punkt auf der pesönlichen To-do-Liste. Ich arbeite daran, dass bis 2021 konventionelle Aromen in Bioware verboten werden. Wenn mir das noch gelingt, dann habe ich für die Gesellschaft einiges erreicht. 

Anya Biberthaler

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