Erziehung zur Zahnhygiene

Zahnfee war gestern

Früher tauschten Kinder ihre ausgefallenen Milchzähne bei der Zahnfee gegen kleine Überraschungen. Heute macht der Familienzahnarzt diesen Job. Sibylle Dorndorf sprach mit Dr. Manfred Pletz über die Erziehung zur Zahnhygiene.

Bild: prodente.de

Es ist erschreckend. Jeder fünfte Deutsche putzt sich morgens nicht die Zähne. Während die Österreicher Zahnputzkaiser sind, kaufen sich unsere Landsleute im Schnitt im Jahr gerade mal zwei neue Zahnbürsten und fünf Tuben Zahnpasta. Dabei ist wissenschaftlich erwiesen, dass, wer aktiv und regelmäßig Mund- und Zahnhygiene betreibt, gesünder lebt. Und je früher man eine positive Haltung zum Thema Zahn- und Mundhygiene entwickelt, desto besser funktioniert die Prävention.

Herr Dr. Pletz, ab welchem Lebensalter sollten Eltern für die Zahngesundheit ihrer Kinder aktiv etwas tun?
Mit der Zahngesundheit verhält es sich ähnlich wie mit der Prävention ganz allgemein: Bereits die schwangere Frau kann ihr Kind vor gesundheitlichen Schädigungen bewahren, indem sie beispielsweise keinen Alkohol konsumiert oder auf die Einnahme von Antibiotika, vor allem Doxycyclin, vollkommen verzichtet. Denn alles, was die werdende Mutter in dieser Zeit zu sich nimmt, nimmt auch das ungeborene Kind über die Blutbahn mit auf.

Und ab der Stunde Null, was gilt da?
Nach der Geburt müssen vor allem Mütter mit Kariesbefall darauf achten, dass sie auf das Vorkosten der Milchfläschchen oder auf das typische Abschlecken des Schnullers verzichten. Karies ist eine Infektionskrankheit, unwissende Mütter infizieren mit solchen „schlechten“ Angewohnheiten ihre Kinder.

Wie sehen erste Maßnahmen zur Zahnhygiene aus? Haben Sie Tipps?
Mit der Zahnhygiene sollten Mütter beginnen, sobald beim Kind der erste Zahn durchbricht. Das geschieht etwa im Alter von sechs Monaten. Mit einem Wattestäbchen ohne Zahnpasta kann man behutsam beginnen, die Zähnchen zu reinigen. Man kann daraus ein spielerisches Ritual machen, so dass das Kind diesen Vorgang positiv wahrnimmt und in seine tägliche Körperhygiene integriert. Später nimmt man dann Kinderzahnbürsten mit einem kleinen Klecks Zahnpasta. So gewöhnt sich das Kind an den Geschmack und Beläge sowie Bakterien werden gründlicher entfernt.

Apropos Kinderzahnbürsten und -zahnpasta. Je bunter desto besser?
Warum soll man aus dem Reinigen der Zähne nicht eine schöne Erfahrung machen? Umso leichter ist es, Kindern dieses tägliche Ritual anzugewöhnen. Mit der Zahnbürste in der Lieblingsfarbe oder sogar mit dem Lieblingsspiel- oder Lizenzcharakter wird das Kind Spaß beim Zähneputzen haben. Schätzungsweise 50 bis 60 Prozent der Grundschüler putzen ihre Zähne mit bunten, peppigen elektrischen Zahnbürsten. Das spricht doch für sich! Neben der Funktionalität und der „Coolness“ der Putzgeräte für Kinder ist es wichtig, dass vor allem kleine Kinder die Zahnbürste gut greifen können. Es gibt viele Modelle, die speziell auf die kindliche Motorik abgestimmt sind. Am besten im Geschäft ausprobieren, dann macht schon das Kaufen Spaß!

Süßigkeiten sind schlecht für die Zähne, Äpfel sind gut. Gelten diese Erkenntnisse heute noch und wie wichtig ist in Ihren Augen gesunde Ernährung für die Zahngesundheit?
Gesunde Ernährung ist neben der täglichen Mundhygiene und dem regelmäßigen Besuch beim Zahnarzt sowie regelmäßiger Fluoridierung eine der vier tragenden Säulen der Prophylaxe. Zum Glück ist gesunde Ernährung heute auch aufgrund der steigenden Übergewichtigkeit von Kindern und Erwachsenen in den Vorschulen und Schulen ein wichtiges Thema. Zusätzlich vermitteln gemeinnützige Organisationen wie zum Beispiel das Projekt „Klasse 2000“ Kindern bei Besuchen in den Grundschulen spielerisch den Nutzen einer gesunden Ernährung. Im Rahmen dieser Schulvisiten werden auch die Schädlichkeit von Rauchen sowie die negativen Folgen des Konsums von Alkohol und Drogen thematisiert. Nicht alle Kinder werden ja in den Familien für diese Themen sensibilisiert. Wir versuchen mit Klasse 2000 eine kindgerechte Prävention in die Grundschulen zu bringen.

Wie reagieren Kinder darauf?
Sehr aufmerksam und positiv. Kinder sind neugierig, sie lernen gern und oftmals ist es so, dass Kinder zu Hause versuchen, auf ihre Eltern einzuwirken und ihnen das Wissen vermitteln möchten, das sie aus der Schule mitbringen.

Gibt es noch die gefürchteten Schulzahnärzte?
Die gibt es noch, allerdings heute weit weniger gefürchtet, weil in etwas abgewandelter Form. Wir Zahnärzte gehen im Auftrag der LAGZ (Anm. d. Red.: Landesarbeitsgemeinschaft Zahngesundheit) regelmäßig in Kindergärten und Grundschulen, um in der Gruppe auf spielerische Art und Weise Mundhygienemaßnahmen sowie eine gesunde Lebensführung, zu der Ernährung und Hygiene gehören, zu vermitteln. Wir versuchen sinnvollerweise beide Themen zu verbinden, also zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen.

Dr. Manfred Pletz studierte und promovierte in Erlangen und führt seit Anfang der 90er Jahre eine Familienpraxis im niederbayrischen Markt Rotthalmünster. Seine Ausrichtung als Familienzahnarzt verlangt ein besonderes Leistungsspektrum. Dazu gehören Prophylaxe, Parodontologie, computergestützte Therapieverfahren sowie moderne Implantologie. Umfangreiche Kenntnisse in der Kieferorthopädie sowie ganzheitliche Therapieansätze wie die Anwendung der Applied Kinesiologie runden das Leistungsspektrum von Dr. Manfred Pletz ab. drpletz.de

Am lustigsten läuft der Erstkontakt in der Gruppe. Einer spielt Patient und die anderen schauen zu

Was ist das A und O einer gesunden Ernährung?
Ganz klar die Vermeidung von Zucker, zumindest die Einschränkung des täglichen Zuckerkonsums. Der versteckte Zucker in Limonaden und Grundnahrungsmitteln und der regelmäßige Konsum von Süßigkeiten ist mit der Grund für die steigende Übergewichtigkeit unserer Bevölkerung. Das Risiko, an Adipositas (Anm.: d. Red.: krankhafte Fettsucht) zu erkranken, steigt mit ungesunder Ernährung im Kindesalter. Aber auch zu viel Säure kann zu Schädigungen der Zähne führen. Säure wirkt sich ebenso negativ wie Zucker auf den Zahnschmelz aus.

Welche Nahrungsmittel sind denn besonders säurehaltig?
Vor allem Fruchtsäfte sollten mit Vorsicht genossen werden. Sie gelten als gesund, aber hier ist weniger mehr! Auch Krankheiten, die von häufigem Erbrechen begleitet werden, schädigen den Zahnschmelz. Eltern sollten ihre Kinder sehr aufmerksam beobachten, um rechtzeitig auf falsches Essverhalten, auf Ess- oder Ernährungsstörungen reagieren zu können.

Sie sprechen es an: Das Problem sind oft die Eltern. Wie kann man als Zahnarzt bei Eltern das Bewusstsein für Zahngesundheit und eine gute Ernährung schärfen?
So etwas geht immer nur bedingt. Am besten beim Besuch in der Praxis. In diesem „geschützten Raum“ kann man als Zahnarzt auf individuelle Probleme eingehen, kann ungestört Aufklärungsgespräche führen und muss Eltern nicht „vorführen“. Diese Zahnputzunterweisungen für Eltern und Kind sind vor allem bei sehr kleinen Kindern wichtig, denn die Gruppenprophylaxe setzt erst ab dem Kindergartenalter ein.

Spüren Sie ein eher geschärftes Bewusstsein für Zahngesundheit?
Ein gutes Körperbewusstsein und eine gesunde Lebensführung, und dazu gehört die Zahnhygiene, treffen wir vor allem in der oberen Bildungsschicht der Bevölkerung. Bildungsferne Familien haben oft einen sehr hohen „Kariesindex“. Hier bemerken wir weniger Bereitschaft, sich diesen Themen zu widmen.

Wie packen Sie solche Eltern und deren Kinder?
Oft bei der Eitelkeit. Wer möchte nicht schöne, gesunde Zähne haben?

Kommen wir von den Eltern zu den Kindern: Wie alt sind Ihre kleinen Patienten im Schnitt, wenn sie das erste Mal zu Ihnen kommen?
Meistens besuchen mich Kinder, wenn die Milchzähne kommen oder die ersten Zähnchen da sind. Also im Alter von eineinhalb bis zwei Jahren. Aber wir haben in unserer Familienpraxis auch viele Patientinnen, die ihre Kleinen bereits in der Babytrage mitbringen. Auf diese Weise schnuppern sie schon ganz früh erste „Zahnarztluft“. In Sachen erster Zahnarztbesuch hat sich in den vergangenen Jahren wirklich viel getan – früher kamen Kinder oft erst, wenn sie Schmerzen hatten, dann war die erste Erfahrung mit dem Zahnarzt natürlich eher unangenehm.

 

Gibt es beim ersten Zahnarztbesuch eine Art „Warm-up“ in der Praxis?
Ja, natürlich. Das ist sogar sehr wichtig. Ich nehme mir dann extra Zeit und mache das gern so, dass Mütter mit ihren Kindern auf dem „Zuschauerstuhl“ Platz nehmen. Wir sehen uns dann gemeinsam in der Praxis um, schauen, was es für Geräte gibt, viele Kinder zeigen dann ganz ungezwungen stolz ihre ersten Zähnchen. Es ist ja ein ganz wichtiger Schritt ins Leben, wenn Kinder das erste Mal zum Zahnarzt dürfen. Und weil es Spaß machen soll und ich möchte, dass die Kinder gern wiederkommen, gibt es bei mir eine „Schatzkiste“, aus der sich die Kleinen bei jedem Besuch etwas aussuchen dürfen.

Meist heißt es ja „Du musst zum Zahnarzt“ ...
Das ist ganz verkehrt, ja, sogar fatal! Damit bauen Eltern ungewollt eine Hürde auf. Auch der Satz „Der Zahn muss gerissen werden“ sollte aus dem elterlichen Wortschatz verschwinden. Das gab es im Mittelalter, da wurden Zähne gerissen. So baut man bei Kindern unnötige Ängste auf. Das kann vermieden werden. Wenn der erste Zahnarztbesuch entspannt und locker läuft, kommen Kinder gern in die Praxis. Bei uns ist es lustig, auf dem Behandlungsstuhl können Kinder – und Erwachsene! – Tom & Jerry-Filme anschauen und an Fasching verkleiden wir uns alle.

Sind Eltern allein in der Verantwortung, die vorgeschriebenen Untersuchungen ihrer Kinder durchführen zu lassen oder ist das gesetzlich geregelt?
Bis zum Kindergartenalter sind die Eltern allein in der Verantwortung. Sie bekommen von ihrem Zahnarzt ein Heftchen, in das jährlich die sogenannten Früherkennungsuntersuchungen (FU) eingetragen werden. In den Kindergärten und Grundschulen findet dann die sogenannte Gruppenprophylaxe statt, über die wir eingangs schon gesprochen haben.

Kann man sagen, Sie sind ein echter „Kinderversteher“?
Mir macht der Umgang und die Arbeit mit Kindern Spaß. Ich habe selbst einen Sohn und eine Tochter, die sind allerdings schon groß. Aber irgendetwas muss ich wohl richtig gemacht oder vermittelt haben, denn beide studieren Zahnmedizin.

Der erste Besuch beim Zahnarzt – das läuft bei Dr. Pletz spielerisch und entspannt ab. Sanne und Julia probieren aus, wie es sich anfühlt, auf dem Behandlungsstuhl zu liegen

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