Familiensache - Berufe rund ums Kind

Die Familien-Kupplerin

Schokolade testen, Kuscheltiere designen, Kinderhotels führen … Eine Menge Berufe drehen sich um den Kosmos „Familie“. In unserer neuen Interviewreihe „Familiensache“ sprechen wir mit Menschen, die sich hauptberuflich oder ehrenamtlich für Kinder und/oder Eltern engagieren. Diese Reihe gibt uns die Möglichkeit, heutige Familien aus immer wieder neuen Blickwinkeln zu betrachten. Auftakt bildet das Gespräch mit Irene Hübner, Gründerin und Leiterin des Singleportals https://www.moms-dads-kids.de.

Die 78-jährige Irene Hübner bringt Familien zusammen, verkuppelt alleinerziehende Mütter und Väter, macht Patchwork- Glück möglich. Und das seit 19 Jahren. Sie verknüpft das virtuelle Kennenlernen potenzieller Pärchen mit höchstpersönlicher Betreuung. Täglich ist sie zwischen 12 und 20 Uhr telefonisch erreichbar.

Frau Hübner, sind Sie der Kummerkasten der Alleinerziehenden?
Ich habe eine Devise und die lautet: Wenn mich jemand mit schwerem Herzen anruft, dann soll ihm nach unserem Gespräch ein wenig leichter sein. Das habe ich mir auf die Fahne geschrieben. Und ich freue mich, wenn ich meinen Klienten ein paar Tipps geben darf. Ich hatte erst neulich so einen Fall, eine Mutter rief mich an, weil es mit den Kindern in der neuen Patchworkfamilie nicht klappen wollte. Ich habe ihr geraten, mit der ganzen Familie Ferien auf dem Bauernhof zu machen. Der Bauer war in die Probleme eingeweiht, er hat die Jungs kräftig arbeiten lassen und so hat sich alles gefügt. Ich habe große Freude daran, die Leute zu beraten. Im Vordergrund stehen aber meist die Bewerbungsunterlagen. Mir ist wichtig, dass die Singles ihre Bewerbung auch wirklich ernst meinen und sich bemühen. Ich sage immer: Ihr bewerbt euch in das Herz eines anderen. Also nehmt das bitte ernst. Das beginnt mit der Rechtschreibung und endet bei einem vernünftigen Bild.

Das müssten die Singles doch eigentlich selber wissen?
Im Grunde muss jeder, der auf der Suche ist, an die Hand genommen und geleitet werden. Die Tatsache, dass sich Menschen online präsentieren, führt auch zu Missverständnissen. Die Leute präsentieren sich nicht authentisch und oft passt nichts zusammen, die Stimme nicht zum Bild, der Text nicht zur Person. Manche formulieren sehr steif und ungelenk, obwohl das ganz heitere Leute sind. Ich habe früher die Leute höchstpersönlich vermittelt, also von Angesicht zu Angesicht. Natürlich hat man auf diese Weise ein ganz anderes Gespür für die Menschen. Ich konnte sehr oft den richtigen Partner vermitteln.

Warum haben Sie sich auf Familien spezialisiert?
Es waren damals die Alleinerziehenden, die mir am meisten am Herzen lagen. Das waren immer die ärmsten Seelen, die zu mir kamen. Hatten die Kinderchen an der Hand, kamen auch noch immer bei Regen und sahen dann noch ärmer aus. Früher standen Alleinerziehende schon sehr alleine da, in vielerlei Hinsicht. Zum einen natürlich finanziell und zum anderen war eine Single-Frau mit Kindern für Männer auch nicht wirklich interessant.

Hat sich das geändert?
Ja, Alleinerziehende sind heute selbstverständlich. Wenn du heute zu jemandem sagst, ich bin alleinerziehend, sagt der andere, bin ich auch.

Sehen Sie Alleinerziehende noch immer als arme Seelen?
Nein, das sehe ich heute definitiv nicht mehr so. Alleinerziehende sind heute sehr selbstbewusst. Manche meinen, mit dem Status „alleinerziehend“ hätten sie alle möglichen Privilegien und überall müsste man ihnen entgegenkommen. Sie haben sich die Fingernägel schön gemacht, die neue Handtasche am Arm und sind dennoch am Klagen. Ich war früher auch alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, mein Mann war pleite und konnte mich nicht unterstützen. Ich habe sieben Tage die Woche gearbeitet. Habe ich mich je beklagt? Nie. Das war damals meine Lebenssituation, also habe ich das eben gemacht.

Ist es für Kinder denn so wichtig, beide Elternteile zu haben?
Kinder brauchen beide Elternteile. Wenn es in einer Familie einen Vater gibt, ist es was anderes, als wenn es diesen nicht gibt. Ein Mann ist schon irgendwo eine Autorität und Kinder brauchen eine männliche Leitfigur. Ich weiß noch wie das bei mir als Kind war. Wir waren vier Kinder, wenn die Ellenbogen auf dem Tisch lagen, da reichte es, wenn mein Vater über den Brillenrand guckte. Mein Vater hat mir viel mitgegeben und ich habe heute oft den Eindruck, dass in Familien das männliche Leitbild fehlt. Etwas mehr Autorität würde den meisten Kindern nicht schaden.

Wie gut funktioniert das Patchwork- Glück?
Eine funktionierende Patchworkfamilie ist Schwerstarbeit. Wenn der Honigmond verflogen ist, kommen die Alltagsprobleme. Es ist ja schon in einer traditionellen Familie schwierig und viele werden mit ihren eigenen Kindern heute nicht mehr fertig. Manche Kinder sind auch recht renitent, sagen zu ihren Eltern Dinge wie „dumme Kuh“ oder „ich hasse dich“. Fraglich, wie viel Erziehungsarbeit da noch durchdringen kann. In einer Patchworkfamilie kommen oft Probleme hinzu. Wie behandle ich das andere Kind, ohne dabei mein eigenes zu benachteiligen? Wie viel Handy erlaube ich, wieviel der neue Partner? Da entstehen Angriffsflächen.

Was machen Patchwork-Familien besser?
Leute, die eine gescheiterte Ehe hinter sich haben, gehen geläutert in die zweite Runde. Sie versuchen, alte Fehler nicht mehr zu wiederholen. Zum Beispiel den Fehler, sich zu sehr als Mama und Papa zu definieren und zu wenig als Partner. Und sie gestalten sehr aktiv und sehr bewusst ihre Freizeit. Eltern wollen heute viel zusammen mit ihren Kindern unternehmen, mit Freunden kochen, zusammen wandern. Je mehr Familien dann zusammenkommen, desto besser. Ich habe den Eindruck, Geselligkeit liegt im Trend. Frauen suchen heute Männer, die Familie leben und nicht nur alleine vor sich hinpuzzeln. Sie fordern die Männer, binden sie aktiv in das Familienleben ein. Das ist eine sehr positive Entwicklung.
Anya Biberthaler

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