Das Negativimage von

Volkswagen

Gelten höchstrichterliche Entscheidungen auch für die Automobilbranche? Diese Frage stellt man sich derzeit im Deutschen Verband der Spielwarenindustrie, DVSI. Die Irritation ist berechtigt. Der DVSI ist verständlicherweise empört über eine Klage der Volkswagen AG gegen einen Hersteller von Modellautos wegen Lizenzgebühren.

Die Modellautos, die Kinder bespielen, wollen sie später auch fahren. Eine bessere Art der Markenbindung kann man sich nicht wünschen. Die Automobilindustrie sieht das anders, sie möchte an den bespielbaren Nachahmungen realer Vorbilder gern Geld verdienen – und das nicht zu knapp. Die Hersteller von Modellautos wiederum nutzen gegenüber den Vorbildproduzenten ihr seit Generationen tradiertes Recht, die reale Welt im Kleinen originalgetreu nachzubilden. Zum Wohle der Automobilindustrie. Denn: Autoliebe beginnt im Sandkasten oder auf dem Wohnzimmerteppich. „Bis weit in die 80er Jahre hinein funktionierte diese Beziehung weitgehend reibungslos, konstruktiv und ohne allzu große gegenseitige Einflussnahme“, erläutert Ulrich Brobeil, Geschäftsführer des DVSI. Nun ist diese klassische „Win-win-Situation“ durch übertriebene und ungerechtfertigte Lizenzforderungen der Automobilindustrie in eine Schieflage zu Lasten der deutschen Spielwarenproduzenten und -importeure geraten – mit erheblichen Nachteilen für beide Seiten. Der Rückzug auf abstrakte Fahrzeugtypen, die bei den Kunden auf deutlich weniger Resonanz stoßen, ist für Brobeil keine Lösung. Auch die Automobilindustrie kann dies nicht wollen. Sie würde sich die Möglichkeit verscherzen, junge Menschen schon früh von ihrer Marke und ihren Produkten zu begeistern. Trotz permanenter Dialogbereitschaft des DVSI sperrt sich aber insbesondere die Marke Volkswagen vehement gegen eine für alle Seiten angemessene Lösung, während einige andere Automobilhersteller mittlerweile Einsicht zeigen. Wie die Autohersteller selbst bestätigen, ist dieses Lizenzgeschäft dabei für sie finanziell gar nicht einmal besonders relevant. Stärker wögen hier die Negativeffekte durch die unterbliebene kostenlose Werbung im Kinderzimmer. Und dies in einer Branche, die ansonsten große Millionenbeträge in ihre Kampagnen investiert. Vor diesem Hintergrund wirkt es geradezu grotesk, dass seit Jahren versucht wird, Lizenzeinnahmen von den mittelständischen Spielwarenherstellern zu generieren, die mit ihren Produkten eben jene Reklameleistung kostenlos miterbringen. Um den Widerstand betroffener Spielwarenmarken auszuhebeln, wenden sich einige Fahrzeughersteller mit ihren Lizenzforderungen sogar auch direkt an deren beauftragte Produktionsfirmen. Doch nicht nur durch die verlangten Gebühren legt die Autoindustrie den Spielwarenherstellern regelmäßig Steine in den Weg. Dazu Ulrich Brobeil: „Zu Unrecht werden auf ihr Betreiben immer wieder auch Spielwarensendungen aus „Lizenzgründen“ am Zoll aufgehalten, wodurch es teilweise zu erheblichem Lieferverzug kommt – gerade für kleinere Betriebe können die Folgen existenzgefährdend sein.“

VW ignoriert EuGH-Urteil
Dem DVSI und seinen Mitgliedern geht es daher mittlerweile um grundsätzliche Klärung, nicht nur darum, ob die gängige Praxis der Lizenzvergabe sinnvoll ist. Die Frage lautet auch, ob sie statthaft ist und wie der Benachteiligung Einhalt geboten werden kann. „Unsere Mitglieder müssen sich seit 1988 – und das bis heute – immer wieder in kostspieligen Prozessen gegen die unberechtigten Forderungen der Automobilindustrie wehren. Dabei stellte der EuGH bereits fest, dass es das klassische Recht der Spielwarenindustrie sei, Vorbilder originalgetreu nachzubilden, um sie ins Kinderzimmer zu bringen“. DVSI-Geschäftsführer Ulrich Brobeil zeigt sich vor allem enttäuscht von der Marke Volkswagen, die durch den Abgasskandal bei manipulierten Dieselfahrzeugen weltweit in der Kritik steht. „Wir hatten am 28. Juli ein Gespräch mit Vertretern der Automobilhersteller, um sachlich die Angelegenheit zu klären. Es ging auch darum, Rechtsstreitigkeiten zu beenden und für die Zukunft zu vermeiden. Auf der Agenda stand: Kooperation anstatt Konfrontation. Doch dann mussten wir feststellen, dass VW am selben Tag Klage gegen unser Mitglied, den Modellautohersteller Premium ClassiXXs, eingereicht hat. Dies wurde von VW während des Treffens mit keiner Silbe erwähnt“, schildert Brobeil das zweifelhafte Verhalten von Volkswagen. Der DVSI und die Modellautohersteller stellten deshalb Mitte Oktober den konstruktiven Dialog mit dem Volkswagen Konzern „bis auf weiteres“ ein. Am 5. Dezember trat der DVSI dem Rechtsstreit als Nebenintervenient auf Seiten des Herstellers Premium ClassiXXs bei. „Letztendlich ist es nicht unser Ziel, die Automobilindustrie zu bekämpfen, sondern sie als Partner zu gewinnen und bei allen Beteiligten die Leidenschaft für das Projekt Modellauto zu wecken“, so Ulrich Brobeil. Der DVSI-Geschäftsführer unterstreicht: „Der Deutsche Verband der Spielwarenindustrie sucht deshalb den Dialog mit und die Nähe zu den Automobilherstellern, um eine Lösung zu finden, bei der am Ende alle Gewinner sind.“ www.dvsi.de

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