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Interview

Was Kinder stark macht

Astrid Lindgren sagte einmal: „Zwei Dinge hatten wir, die unsere Kindheit zu dem machten, wie sie war – Geborgenheit und Freiheit.” Nicht verwunderlich also, dass die Autorin auf so unverwechselbare Art und Weise für und über Kinder schreiben konnte. Welche anderen Gründe es für die ungebrochene Beliebtheit ihrer Geschichten gibt, warum Pippi Langstrumpf ein starkes und zeitloses Vorbild vor allem für Mädchen ist und wie man Haltung gegenüber der politischen Rechten zeigt, verriet Lindgrens Urenkel, Johan Palmberg, TOYS Redakteurin Astrid Specht im Interview.

Herr Palmberg, was war es an der eigenen Erziehung und Persönlichkeit Ihrer Urgroßmutter, das sie dazu brachte, Kinder ernst zu nehmen und ihnen mit ihren Geschichten auf Augenhöhe zu begegnen?
Ich glaube, ein Faktor, der dazu beitrug, war das äußerst liebevolle Elternhaus, in dem sie aufwuchs. Ihre Eltern hatten ein gutes Gespür dafür, was es bedeutet, Kind zu sein, und es scheint, dass sie ihre drei Töchter und den Sohn als ganze Menschen respektierten. Aber Astrid hatte auch eine einzigartige Fähigkeit, sich an ihre eigene Kindheit zu erinnern. Und zwar nicht nur an das, was ihr widerfahren war, sondern auch daran, wie sich dieses Kind-Sein anfühlte. So erinnerte sie sich zum Beispiel daran, wie ungerecht es sich anfühlen konnte, nicht ernst genommen zu werden – und sie konnte darüber schreiben.

Wie hat ihre Wahrnehmung von Kindern die Figuren beeinflusst, über die sie schrieb?
Ich denke, das hängt ebenfalls mit ihrer Fähigkeit zusammen, sich daran zu erinnern, wie es war, ein Kind zu sein. Eine ihrer großen Stärken war, dass sie Kinder als Individuen mit einem reichhaltigen Innenleben sah, und sie konnte nicht anders, als sie so zu porträtieren.

Warum sind ihre Geschichten über die Zeit hinweg so beliebt geblieben? Und warum haben Eltern und Bildungseinrichtungen ihre Werke nicht von Nachttischen und Leselisten verbannt? Immerhin sind einige ihrer Figuren ziemlich rebellisch, kritisch gegenüber den Erwachsenen und sogar etwas subversiv ...
Ich glaube, die Tatsache, dass sie sich daran erinnerte, wie es ist, ein Kind zu sein, einen großen Teil davon ausmacht. Sie hat es irgendwie geschafft, Themen und Geschichten zu finden, die nicht nur bei Kindern auf der ganzen Welt, sondern auch in jeder Generation, die ihre Geschichten liest, Anklang finden. Ich glaube, ihr „Trick“ dabei war, dass sie immer zu ihrem eigenen Vergnügen und dem ihrer jungen Leser geschrieben hat.
Was Ihre Frage nach dem „Verbot“ ihrer Werke anbelangt, so hat dies meiner Meinung nach mit dem Zeitpunkt des Erscheinens der Bücher zu tun. Zumindest wenn wir Pippi als Beispiel nehmen. Das erste Pippi-Buch erschien 1945, in einer vom Zweiten Weltkrieg verwüsteten Welt. Viele Menschen waren des Autoritarismus, der zum Krieg geführt hatte, überdrüssig, und Pippi war Teil des Pendels, das zurück Richtung Humanismus schwang.
Aber die Bücher wurden zu manchen Zeiten und an manchen Orten verboten oder zensiert, je nach den Befindlichkeiten der jeweiligen Zeit, aber die Geschichten scheinen sich immer durchzusetzen. Eines meiner Lieblingsobjekte in der riesigen Astrid-Lindgren-Sammlung in der Königlichen Bibliothek von Stockholm ist die Samizdat-Ausgabe von den Brüdern Löwenherz; sie wurde während der kommunistischen Ära, als das Buch eigentlich verboten war, im Untergrund von Charta 77 in der Tschechoslowakei veröffentlicht.

Johan Palmberg ist Rechteverwalter bei der Astrid Lindgren Company (© Johan Töpel)

Astrid Lindgren mit den deutschen Ausgaben von „Pippi Langstrumpf“ und „Die Kinder aus Bullerbü“ erschienen bei Oetinger (© Astrid Lindgren Aktiebolag)

In gewisser Weise bilden einige ihrer weiblichen Charakter einen Kontrapunkt zu Darstellungen vom Mädchen- und Frauen-Sein in den 1940er-, 1950er und frühen 1960er-Jahren. War das ein Faktor, der zum Erfolg der Bücher beigetragen hat?
Ja, ich glaube, damit könnten Sie recht haben. Ich glaube, dass vor allem Pippi für viele Menschen eine bahnbrechende Figur war, weil sie sich überhaupt nicht darum scherte, was von ihr als Mädchen erwartet wurde.

Warum ist es wichtig, Kindern starke (literarische) Charaktere als Vorbilder zu bieten?
Ich glaube nicht, dass Astrid ihre Geschichten mit dem Gedanken geschrieben hat, „Jetzt sollte ich ein starkes Vorbild schaffen“. Aber ich glaube, das hat sie trotzdem geschafft, indem sie ihre Figuren mit ihrer Hingabe und ihrem Mut ausgestattet hat. Eines der großartigen Dinge an der Literatur ist, dass sie einem die Möglichkeit gibt, verschiedene Arten des Seins und der Betrachtung der Welt zu erfahren, und ich denke, das ist das Wichtigste, wenn es um Vorbilder in Kinderbüchern geht: Sie können einem zeigen, dass es andere Arten des Seins gibt als die, die einem durch Erziehung vermittelt wurden.

Welche Botschaft wollte Astrid Lindgren Ihrer Meinung nach ihren jungen Leser*innen und deren Eltern vermitteln? Oder dienen ihre Geschichten „nur“ zur Unterhaltung ohne tiefere Absichten?
Sie hat oft gesagt, dass es keine „Moral“ in ihren Geschichten gibt, außer vielleicht die, Toleranz für ein wenig menschlichen Wahnsinn zu schaffen. Und ich weiß, dass sie als Lektorin für Kinderbücher immer heftig reagierte, wenn sie Bücher las, die eine zu deutliche Botschaft enthielten; sie war der Meinung, dass ein Kinderbuch in erster Linie der Unterhaltung dienen sollte und dass Kinder ziemlich gut darin sind, Belehrungsversuche zu durchschauen. Aber ich glaube auch, dass sie gar nicht anders konnte, als ihren eigenen Humanismus durchschimmern zu lassen.

Die politische Rechte hat in der Vergangenheit versucht, Astrid Lindgrens Werk für ihre eigenen Zwecke zu missbrauchen, möglicherweise nicht zuletzt deshalb, weil sie in ihren Geschichten das „N-Wort“ verwendet hat. Wie ist die Astrid Lindgren Company mit dieser Situation umgegangen?
Ja, das war problematisch, vor allem, weil wir wissen, wie sehr Astrid Lindgren Autoritarismus und Nationalismus verabscheute. Wann immer solche Dinge zur Sprache kommen, verweisen wir auf das, was Astrid selbst gesagt hat: „Ich verabscheue jede Trennung der Menschen nach Nationen oder Rassen, jede Diskriminierung zwischen Weiß und Schwarz, Ariern und Juden, Türken und Schweden, Männern und Frauen. [...] Ich bin nie ein Patriot gewesen. Wir sind alle Menschen, das ist mein Pathos im Leben gewesen.“

Die Astrid Lindgren Company ist dafür bekannt, das Erbe der Autorin besonders zu schützen und erlaubt nur selten Änderungen an Originaltexten oder Übersetzungen. Dennoch wird beispielsweise der Vater von Pippi Langstrumpf in der deutschen Fassung inzwischen als „Südseekönig“ bezeichnet. Warum haben Sie diesen Schritt unternommen? Hätte Astrid Lindgren dieser Änderung zugestimmt?
Es stimmt, dass wir bei Änderungen am Text sehr restriktiv sind, und dies war eine ganz besondere Situation, in der wir festgestellt haben, dass ein bestimmtes Wort in Astrids Büchern Kindern schaden könnte. Wir hatten das Gefühl, dass wir das nicht stehen lassen konnten. In dieser Überzeugung wurden wir auch durch die Tatsache unterstützt, dass Astrid selbst zu ihren Lebzeiten begann, die Bücher zu redigieren, um dieses Wort zu entfernen, da auch sie anfing zu sehen, in welchem Kontext es verwendet wurde. Schon in einem Interview in den sechziger Jahren sagte sie, wenn sie die Bücher damals geschrieben hätte, hätte sie Ephraim diese Hintergrundgeschichte nicht gegeben.

„Pippi of Today“ ist eine Wohltätigkeitsinitiative, die Mädchen auf der Flucht vor Armut, Ungleichheit und Unterdrückung in ihren Heimatländern unterstützt. Wie kam diese Initiative zustande?
Angefangen hat alles, als wir darüber diskutierten, wie wir den 75. Jahrestag der Erstveröffentlichung von Pippi Langstrumpf feiern könnten. Da Astrid eine sehr großzügige Person war, dachten wir, dass es in ihrem Sinne wäre, diesem speziellen Problem Aufmerksamkeit zu schenken, Geld zu sammeln und ein Bewusstsein für diese Schwierigkeiten zu schaffen, indem man die Stärke der Pippi-Figur nutzt.
Pippi kam 1945 heraus, einem Jahr, in der die Welt die damals größte Flüchtlingskrise aller Zeiten erlebte. Und jetzt, im Jahr 2021, gibt es eine anhaltende Flüchtlingskrise von noch größerem Ausmaß. Ein großes Problem bei vielen Flüchtlingshilfen ist, dass Mädchen oft als letzte davon profitieren. Erst wenn Erwachsene und Jungen ihren Anteil erhalten haben, bekommen Mädchen, was übrig bleibt. Dies ist ein großes Problem, das mit Programmen, die sich speziell an junge Mädchen richten, gemildert werden kann. Deshalb arbeiten wir mit der Organisation Save the Children zusammen, um Geld für diese Hilfsprogramme zu sammeln.
Der Name Pippi of Today kommt daher, dass es viele Gemeinsamkeiten zwischen den Mädchen auf der Flucht und Pippi gibt: Viele von ihnen kommen als Fremde an neue Orte. Einige von ihnen haben möglicherweise einen Elternteil, der verstorben ist oder vermisst wird. Vor allem aber sind sie alle sehr stark, genau wie Pippi.

Vielen Dank für diese Einblicke, Herr
Palmberg!

astridlindgren.com/de

© Jakob Forsell

Deutsche Erstausgabe von „Pippi Langstrumpf“ (1949) erschienen im Oetinger Verlag (© Oetinger Verlag)

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