Spielerische Entdeckungsreise

... mit Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer

Bestsellerautor Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer („Der kleine Medicus“) gehört zu den bekanntesten Ärzten in Deutschland. Gemeinsam mit der Firma sigikid hat er eine Reihe von Produkten entwickelt, mit denen er das Körperbewusstsein von Kindern schult.

Die Produktfamilie „Erwin und Rosi“ feierte ihr Debut vor zwei Jahren auf der Spielwarenmesse in Nürnberg. Im Zentrum der Kollektion stehen die Stoffpuppen Erwin und Rosi, die mit ihren herausnehmbaren Organen den Kindern einen Blick in das Innere des Körpers ermöglichen. Unsere Autorin Anya Biberthaler will wissen, wie die Kinder auf die Stoffpuppen reagieren und fragt nach bei einem, der es wissen muss: Professor Dietrich Grönemeyer.

Herr Grönemeyer, kleine Kinder leben dieses unbewusste, ganzheitliche Körpergefühl. Stört man nicht eben dieses Gefühl, wenn man ihnen erzählt, dass sie aus Knochen und Organen bestehen? Ab welchem Alter kann dies sinnvoll sein?
Ich bin nicht der Meinung, dass man Kinder vor Wissen und der Übernahme von etwas Selbstverantwortung schützen müsste. Auch Kindergartenkinder sind froh, wenn sie ernst genommen werden und mehr über sich und die Welt erfahren können. Mir geht es ja nicht darum eine „heile Welt“ kaputt zu machen, sondern den „Kosmos Körper“ in die Welt der Kinder zu bringen. Gemeinsam auf Entdeckungsreise zu gehen. Dazu gehören auch unsere Organe, die so spannend, aber manche bis heute nicht wirklich verstanden sind. Denken Sie nur an unser Gehirn. Seine Leistungskraft ist unvorstellbar groß. Und wir nutzen doch nur einen Bruchteil.

Wie reagieren und wie spielen Kinder mit Erwin und Rosi? Gibt es dazu Erfahrungswerte? Entspricht das Spielverhalten Ihren Erwartungen?
Die Kinder sind neugierig. Ihr Spieltrieb ist groß. Sie experimentieren gern mit den Erwin- und Rosi-Puppen, sie kuscheln mit Stoffhund Kannickel, der sowohl beim „kleinen Medicus“ als auch bei „Erwin und Rosi“ für tierisch viel Wirbel sorgt. Oder sie lassen sich wärmen vom Trösterle-Hasen mit Kirschkernkissen. Die Figuren sind toll, weil sie das spielerisch in den Büchern vermittelte Wissen noch mal anders begreifbar machen und handfest vor Augen führen.

Wie viel Grönemeyer steckt in Erwin und Rosi?
In jeder meiner Figuren, ob im „kleinen Medicus“ oder „Erwin und Rosi“ steckt ein Teil von mir. Zum Beispiel mein Wissensdurst. Meine Neugier. Meine immer neue Begeisterung für die Wunderwelt des Körpers, den wir doch oft nur oberflächlich kennen. Als Radiologe bin ich fasziniert von der Schönheit und Komplexität dieser Innenwelt. Nun zeige ich den Kindern mit „Erwin und Rosi“ naturgemäß keine MRT- oder CT-Bilder. Dafür gebe ich ihnen beispielsweise in „Mein großes Buch vom Körper“ durch Klappbilder überraschende Einblicke. Auch die Erwin- und Rosi-Puppen kann man mit viel Spaß auseinandernehmen, in ihnen spannende Dinge entdecken und sie spielerisch auf Herz und Nieren prüfen …

Herr Grönemeyer, Sie sind Professor für Radiologie und Mikrotherapie. Auf welchem Weg haben Sie zu den kleinen Patienten gefunden? Über ein bestimmtes Erlebnis? Oder über ihre eigenen Kinder?
Ich bin Arzt. Als solcher liegen mir das Wohl und die Gesundheit der Menschen – egal, ob jung oder alt – am Herzen. Aber die Kindheit und damit die Zukunft sind mir besonders wichtig. Je früher wir mehr über unseren Körper erfahren, desto besser. Ich möchte, dass Kinder das Wunder Leben, Körper, Seele und Geist begreifen lernen. Als Großvater wünsche ich das nicht nur meinen Enkeln, sondern allen Kindern. Deshalb habe ich 2007 die Dietrich Grönemeyer Stiftung für Prävention und Gesundheitsförderung für Kinder aus der Taufe gehoben. Deshalb habe ich meine Figuren „der kleine Medicus“ und in seinem Kontext auch „Erwin und Rosi“ Leben eingehaucht. Diese kleinen Helden sind großartig, um Kinder auf Augenhöhe zu erreichen, neue, spannende Sichtweisen zu eröffnen und Wissen mit Spaß zu vermitteln.
 

Der Markt für „Medizinspielzeug“ ist – noch – klein. Sehen Sie darin noch mehr Potenzial?
Mir geht es nie darum, einen „Markt“ zu bedienen. Das Wort „Nachfrage“ verstehe ich pädagogisch – nicht wirtschaftlich. Ich sehe großes Interesse bei Kindern, mehr über sich, über Gesundheit und Krankheit zu erfahren. Wenn ihnen Spielzeug dabei helfen kann – wunderbar! Der Magen kneift, der Zahn tut weh – es sind die kleinen Wehwehchen, die Kindern oft große Bauchschmerzen machen. Doch woher kommen die Schmerzen? Wie gehen sie wieder weg? Wie funktioniert so ein Körper eigentlich? Kinder wollen das alles wissen. Aber es gibt viele Wege, die zu einem gesünderen Leben führen können. Deshalb erobern „Erwin und Rosi“ seit 2014 ja auch die Bühnen in NRW. Dabei liegt der Fokus des 40-minütigen, interaktiven Schauspiels besonders auf Bewegung und Gleichgewicht – soll das Stück doch gerade die motorischen, sensorischen und geistigen Fähigkeiten der Kinder fördern.

Soweit ich es bisher erfahren habe, interessieren sich vor allem kranke Kinder für Spielsachen wie Arztkoffer und Gesundheitsbücher. Hier gäbe es interessante Ansatzpunkte für eine Zusammenarbeit mit Kinderkliniken. Ist etwas in die Richtung angedacht, geplant?
Sicher ist: Gute Prävention – in welcher Form auch immer – steckt zu oft in den Kinderschuhen. Deshalb schaue ich immer, welche Kooperation das Thema noch weiter befördern kann. Unter anderem habe ich ja seiner Zeit in der SAP Arena die größte Schulklasse der Welt mit knapp 10.000 Kinder „unterrichtet“. Unter anderem bin ich Gastredner in Kinderunis. In meiner Stiftung laufen Projekte wie die „Gesundheitsbotschafter“, die „Medicus-Bundesgesundheitsspiele“, das Bühnenstück „Der Medi-Circus – der kleine Medicus“ oder „Erwin und Rosi auf der Suche nach der Sommersprosse“. Kinderkliniken zu besuchen, daran habe ich auch schon gedacht. Vielleicht auch in Teamwork mit den bundesweit aktiven Klinik-Clowns. Ich habe Patch Adams selbst kennengelernt. Ein faszinierender Mann. Ein Mann, der Recht hat: Lachen ist gesund – Humor ist die beste Medizin!

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