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Fokus

„Ich kann das“

Durch den Austausch mit anderen, durch die Reaktionen anderer auf ihre Handlungen und deren Vorbild entstehen bei Kindern Selbstlernprozesse. Inwieweit diese für ihre Entwicklung von Bedeutung sind, beleuchtet der Autor des nachfolgenden Beitrags.

Kinder vertiefen sich in ihr Spiel, sie probieren Dinge aus, gestalten Neues, beobachten Veränderungen aufmerksam, versuchen es noch einmal und noch einmal. Auf diese Weise variieren sie ihre Sicht auf die Welt immer wieder neu und lernen so, wie die Welt funktioniert. Neues zu entdecken und Interesse für das Unbekannte zu entwickeln, motiviert Kinder, zu spielen und zu handeln. Durch das Handeln erlebt das Kind, dass es etwas verändern und entstehen lassen kann. Es erlebt Selbstwirksamkeit und nichts ist motivierender, als für das eigene Handeln ehrliche Aufmerksamkeit zu erlangen. Das heißt nicht, dass es permanent von Erwachsenen belobigt werden muss. Es genügt schon die Aufmerksamkeit, das Gesehenwerden und der Dialog über das, was geschieht.
Die neuseeländische Erziehungswissenschaftlerin Margaret Carr hat eine Methode entwickelt, mit der dem Kind die notwendige Wertschätzung für die beobachteten Lernfortschritte in Form einer „Learning Story“, einem Brief an das Kind, zuteil wird. Diese Lernfortschritte nennt sie Lerndispositionen, die so gespiegelte Beobachtung zeigt, auf welchem Lernweg das Kind unterwegs ist. Durch das Vorlesen solch eines Briefes, wird dem Kind motivierend transparent gemacht, was es gerade für sich als kleiner Forscher in dieser Welt entdeckt hat. Es entsteht ein Bewusstsein für die Resonanz, die durch das eigene Handeln erzeugt wird.

Was Margaret Carr beobachtet und in einer Lerngeschichte für das Kind beschreibt, sind fünf Lerndispositionen: Wie „interessiert“ (Aufmerksamkeit) zeigt sich ein Kind in einer Spielhandlung, wie „engagiert“ ist es bei der Sache (Begeisterung), wie lange kann es einer Situation „standhalten“ (Ausdauer), wie kann es sich „ausdrücken“ (mitteilen) und wie bezieht es andere, die „Lerngemeinschaft“, mit ein. Diese Faktoren sind nur die Spitze des Eisberges und geben Hinweise auf den unsichtbaren Teil unter der Oberfläche der Spielhandlung, nämlich die Lerngrundlagen „Zugehörigkeit“, „Wohlbefinden“, „Exploration“, „Kommunikation“ und „Partizipation“.
Margaret Carr hat hier auf sehr anschauliche Weise eine Beobachtungsmethode nutzbar gemacht, die dem Kind Motivation gibt und ihm die Möglichkeit bietet, voller Stolz aussprechen zu können „Guck mal, das habe ich gemacht!“. Für Eltern, die eine Lerngeschichte ihres Kindes bekommen, wird sehr schnell spürbar, wie ihr Kind wahrgenommen und wertgeschätzt wurde. Welche Eltern erfüllt das nicht mit einem besonderen Stolz?

Axel Antons-Eichner ist Regionaler Geschäftsleiter Nord bei Impuls Soziales Management

Über Impuls Soziales Management Impuls Soziales Management ist ein bundesweit tätiger Träger von derzeit 40 betrieblichen und öffentlichen Kinderbetreuungseinrichtungen. Als Dienstleister steht Impuls Unternehmen und Kommunen seit 25 Jahren beratend beim Aufbau und bei der Optimierung von Kitas zur Seite. Zu den Kunden zählen Großkonzerne wie die Daimler AG, die Volkswagen AG und RWE ebenso wie mittelständische Unternehmen. Knapp 850 Mitarbeiter sind für Impuls im Einsatz, davon mehr als 40 in der Zentrale in Kassel. e-impuls.de

Diese Methode kann eine Bereicherung für jedes Portfolio sein und Eltern auf eine sehr einleuchtende Weise Einblicke in den Alltag und die Lernfortschritte ihres Kindes bieten. Schon Friedrich Fröbel stellte Kindern Dinge zum Spielen zur Verfügung und beobachtete, wie sie durch den Umgang mit bestimmten Materialien erste naturwissenschaftliche Erfahrungen sammelten und Zusam-menhänge erkannten. Maria Montessori beschrieb in ihrer Überzeugung den Wunsch des Kindes: „Hilf mir, es selbst zu tun. Zeig mir, wie es geht. Tu es nicht für mich“ und berief sich auf den „inneren Bauplan“ des Kindes, das aus sich heraus die Fähigkeit besitzt, aus der Spielhandlung selbsttätig zu lernen. Und schließlich war es Emmi Pikler, die ebenfalls darauf hinwies, dass wir Kindern ihre Zeit und ihr eigenes Tempo geben müssen, um ihre Entwicklung zu entfalten. Gerade in den Zeiten der Digitalisierung sind das auch heute noch aktuelle Orientierungspunkte, um die selbsttätige Entdeckungsfreude des Kindes durch eigenes Handeln zu ermöglichen. Digitalisierung und die vielfältigen medialen Möglichkeiten können unsere Beobachtungen unterstützen und schärfen. Sie können auch im Dialog von Kindern mit Eltern unterstützen und das Spiel und die Entwicklung von Kindern transparenter machen. Bewusst angewendet steht die Digitalisierung in der Frühpädagogik nicht im Widerspruch zur Förderung von Selbstwirksamkeit und Selbstlernprozessen.
Und was ist mit MINT? Bildung, Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik? Immer dann, wenn Kinder im Sandkasten verschiedene Formen mit Sand befüllen, wenn sie das Gewicht
eines Steins mit dem eines Holzstückes vergleichen, wenn sie die Statik aufeinander aufgeschichteter Bauklötze erproben, wenn sie den Geschmack eines Blattes probieren, Ameisen beobachten oder zuschauen, wie Schnee in der Hand zu Wasser schmilzt, dann entstehen sinnhafte Verbindungen. Das ist die elementare MINT-Bildung. Hier werden die Grundbausteine gelegt, auf denen spätere Bil-dungsschritte aufbauen. Rhythmische Klangfolgen in der Musik und damit logische Reihenfolgen und Klangfarben zu erkennen, sind genauso frühe Mathematik wie die Kunst, über einen Balken zu balancieren, eine frühe Erfahrung im Bereich der Physik darstellt.
Wenn Kinder durch die Spielhandlung ihre Erlebniswelt verändern, befinden sie sich in einem Schöpfungsprozess, in dem sie ihre Erkenntnisse von der Welt, wie sie funktioniert, erweitern. In dem Moment, in dem sie diese Erfahrungen mit jemandem teilen, sich austauschen und in den Dialog eintreten, erweitern sie ihre Wissenswelt. Die Reggio-Pädagogik benennt die Notwendigkeit, den Dialog auf Augenhöhe mit Kindern über das Geschehen und die Beobachtungen zu führen, ohne mit fertigen Antworten auf noch zu lösende Fragen und Probleme zu antworten und so den Entdeckungsgeist der Kinder zu durchbrechen und zu steuern.
Gerade durch digitale Medien wird Kindern viel zu leicht die Erfahrung des eigenen Handelns genommen und vorgefertigtes, nicht selbst erprobtes Wissen vermittelt. Wenn Kinder damit aber keine emotionale Verknüpfung herstellen konnten und die Authentizität einer realen Persönlichkeit die Begeisterung nicht teilen kann, ist die Selbstwirksamkeitserfahrung meist nicht sehr nachhaltig. Dennoch ist der Wert, Entwicklungsschritte medial sichtbar zu machen, nicht zu unterschätzen. Und eine Lerngeschichte filmisch aufbereitet und digital vermittelt, hat ganz sicher auch einen besonderen Reiz.

Axel Antons-Eichner

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