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Global / Sicherheit

Defizite bei Spielzeugsicherheit

Ein aktueller Bericht des europäischen Spielwarenverbands Toy Industries of Europe (TIE) hat Erstaunliches aufgedeckt: 97 Prozent von fast 200 Spielzeugartikeln, die von Drittanbietern auf vier Online-Plattformen (AliExpress, Amazon, eBay und Wish) in sieben verschiedenen europäischen Ländern (Dänemark, Frankreich, Deutschland, Italien, Niederlande, Spanien und Schweden) gekauft worden waren, hielten die strengen Sicherheitsregelungen für Spielzeug der EU nicht ein. Außerdem stellten laut dem Report „EU Toy Safety: The problem of unreputable sellers on online marketplaces“ 76 Prozent des getesteten Spielzeugs eine echte Gefahr für Kinder dar.

Die aufgedeckten Probleme waren vielfältig – von der Erstickungsgefahr durch kleinere Spielzeugteile, die sich leicht ablösen, über schädliche Chemikalien, deren Konzentration die EU-Grenzen hundertfach überstiegen, bis hin zum Verletzungsrisiko durch scharfe Spitzen und Kanten.
Die erworbenen Spielzeugwaren waren keine Markenartikel oder trugen Markennamen, die in der EU nicht bekannt sind. TIE hat da genauer hingesehen: Das größte Problem, so der Verband, sei die unzureichende Verantwortung, die die Online-Plattformen für die über sie vertriebenen Produkte übernehmen und die fehlende klare Gesetzgebung in diesem Zusammenhang. Die Bedeutung des E-Commerce sei so essenziell für Wirtschaft und Gesellschaft, dass jede Anstrengung gemacht werden müsse, um bei den Verbrauchern Vertrauen für das Online-Shopping aufzubauen.
„Die grundlegende Vorausetzung dabei ist, dass die EU – und ihre nationalen Regierungen – die Rolle der Online-Marktplätze in den Lieferketten erkennen müssen. Sie sind vergleichbar mit einem Importeur oder einem Großhändler und sollten vergleichbaren Regeln unterliegen,“ sagte Catherine Van Reeth, Generaldirektorin von TIE.

„Der derzeitige Mangel an Klarheit bei der Rolle der Plattformen führt dazu, dass diese sich vor der Verantwortung für die Sicherheit der Spielwaren, die auf ihren Marktplätzen verkauft werden, drücken können und dies auch tun. Auf der anderen Seite investieren seriöse Spielzeughersteller sehr viel in die Sicherheit, um zu gewährleisten, dass ihre Produkte alle Regulierungen einhalten und Kinder nicht in Gefahr bringen.“ Neue, für 2020 erwartete EU-Gesetzentwürfe sollten die Chance nutzen, die Online-Plattformen zu zwingen, sich mit den problematischen Aktivitäten der Verkäufer auf ihren Marktplätzen zu befassen, darauf zu reagieren und diese zu überprüfen.
Alle vier Online-Plattformen wurden mit den Erkenntnissen des TIE-Berichts konfrontiert, die Reaktionen darauf fielen „unterschiedlich aber insgesamt verhalten aus“. Zwei der Online-Plattformen schickten keinerlei Benachrichtigungen an Kunden, die von TIE moniertes, gefährliches oder nicht regelkonformes Spielzeug gekauft hatten. Ein drittes Unternehmen versendete nach mehr als zwei Monaten Informationen zu zwölf der 31 Artikel, die als potenziell gefährlich eingestuft worden waren – ohne Details, wie es zu dieser Einschätzung kam. Die vierte Plattform nahm sogar noch später Kontakt zu ihren Kunden auf, übermittelte dafür jedoch detaillierte Informationen und gab Orientierungshilfen.

Während drei der vier Plattformen schnell die von TIE als unsicher und illegal identifizierten Produkte entfernten, sind bis heute ähnliche, wenn nicht gar identische Produkte weiterhin zum Kauf verfügbar. Stand Juni 2020 werden sie immer noch auf den vier Online-Plattformen angeboten. TIE sieht dies als weiteren Beweis dafür, dass Verpflichtungen für Online-Marktplätze gesetzlich festgelegt werden müssen.
Zusätzlich zu der Notwendigkeit neuer Gesetze legt TIE großen Wert auf Verbraucherbewusstsein und hat eine Reihe von Ratschlägen zum Online-Kauf von sicherem Spielzeug herausgegeben:
Gehen Sie nicht davon aus, dass der Verkäufer mit der Online-Plattform identisch ist – in vielen Fällen nutzen unabhängige Händler den Marktplatz als Verkaufsplattform, für diese übernehmen AliExpress, Amazon und Co. aber keine Verantwortung.
Informieren Sie sich, von wem Sie wirklich kaufen. Schauen Sie sich den Namen des Verkäufers an – ist es eine Marke oder eine Firma, die Sie wiedererkennen? Oder ist es wenigstens eine echte Firma? Finden Sie eine Webseite oder eine registrierte Adresse, wenn Sie diese online suchen?

Prüfen Sie, ob das Spielzeug wirklich ein Schnäppchen ist. Ist der Preis des Spielzeugs vergleichbar mit dem ähnlicher Produkte? Wird das Spielzeug, dessen Kauf Sie erwägen, von diesem Verkäufer wirklich billiger angeboten als bei anderen Quellen? Wenn ja, muss es einen Grund für diese Preisdifferenzen geben. Es könnte beispielsweise sein, dass durch den Verkäufer die sicherheitsbedingten Kosten reduziert werden.
Wenn das Spielzeug ankommt, prüfen Sie die Adresse des Herstellers oder des EU-Importeurs auf dem Spielzeug oder auf der Verpackung – das sind gesetzliche Anforderungen für alle Spielzeuge, die in der EU verkauft werden.

Robert Hutchins*
*Artikel ursprünglich veröffentlicht auf toynews-online.biz

Die detaillierte Studie ist verfügbar auf https://www.toyindustries.eu/wp-content/uploads/2020/06/Executive-Summary-Online-Marketplaces-6-1.pdf

Detaillierte Erkenntnisse des Projekts

Über 76 Prozent der Produkte fielen bei Sicherheitstests durch

Von der gesamten Stichprobe mit 193 Artikeln in sieben Märkten wurden 134 Spielzeuge für weitere Untersuchungen an ein unabhängiges Sicherheitstestlabor ge-schickt. 76,8 Prozent erfüllten nicht die nötigen Sicherheitsstandards und erwiesen sich so als für Kinder gefährliche Produkte. TIE weist zudem darauf hin, dass die Produkte keine vollständigen Sicherheitsüberprüfungen durchlaufen haben, sodass davon auszugehen ist, dass die Artikel, die nur teilweise getestet worden sind, weitere, unerkannte Sicherheitsmängel aufweisen.

Ergebnisse

Die sechs gängigsten Tests, die die Spielzeuge nicht bestanden, waren:
1. Gefahr durch Kleinteile: Um Erstickungen zu vermeiden, müssen Spielzeuge für Kinder unter 36 Monaten und ihre Bestandteile eine gewisse Größe haben, sodass Verschlucken oder Inhalieren nicht möglich ist.
Beispiel: Eine Babyrassel, die in Frankreich bei AliExpress gekauft wurde, verfügte über kleine Teile, die sich leicht ablösen ließen. Das ist ein ernsthaftes Erstickungsrisiko.

2. Verpackungsdicke: Eine Plastikverpackung, die aus flexiblem Material angefertigt wurde, sollte über eine gewisse Dicke verfügen, um ein mögliches Erstickungsrisiko zu vermeiden.
Beispiel: Ein Badespielzeug für Babys, das in Deutschland bei eBay gekauft wurde, wurde in einer Plastikverpackung angeboten, die ein Erstickungsrisiko darstellte, falls diese Nase und Mund be-deckt.

3. Unpassende Form und Größe für Babys: Spielzeug, das für Kinder unter 36 Monaten gedacht ist, die aber noch nicht selbstständig sitzen können, sollte eine Form und Größe haben, die verhindert, dass das Kind das Spielzeug gegen seine Kehle pressen kann.
Beispiel: Ein Musikspielzeug, das in Italien von Amazon gekauft wurde, hatte eine Form, die es für ein Baby möglich machte, es gegen seine Kehle zu drücken.

4. Zu hohe Phthalate-Konzentration: Phthalate werden als Weichmacher eingesetzt, um Kunststoffe flexibler und stabiler zu machen. Der Einsatz von Phtalaten ist in der EU stark eingeschränkt aufgrund seiner potenziell schädigenden Wirkung auf das endokrine System.
Beispiel: Badespielzeug, das in den Niederlanden von Wish gekauft wurde, überstieg die erlaubte Konzentration von Phthalaten um das 321-fache und stellt damit eine ernstzunehmende chemische Gefahr für Kinder dar.

5. Zugang zu Füllmaterial: Es muss gewährleistet sein, dass Kinder keinen Zugang zum Füllmaterial von Spielzeug haben, besteht doch die Gefahr, dass dieses von den Kindern in den Mund gesteckt wird und dass diese daran ersticken.
Beispiel: Eine Handschuhpuppe, die in Schweden bei AliExpress gekauft wurde, barg unter anderem diese Gefahr.

6. Scharfe Spitzen: Spielzeuge sollten keine scharfen Ecken oder Spitzen haben, die Kinder verletzen können.
Beispiel: Ein Teddybär, der in Spanien bei Amazon gekauft wurde, wies unter anderem scharfe Bestandteile aus Metall auf, die Kinder leicht verletzen könnten.

97 Prozent der Stichproben entsprachen nicht den EU-Gesetzen
Die vollständige Stichprobe von 193 Spielzeugen wurde mit Blick auf die Einhaltung der EU-Richtlinien für Spielzeugsicherheit überprüft. 97 Prozent entsprachen diesen Anforderungen nicht, weshalb ihr Verkauf in der EU illegal ist. Es gab mindestens 547 Gründe für eine solche Nicht-Konformität. Am häufigsten waren Mängel, die sich auf die Verpflichtungen zur Rückverfolgbarkeit bezogen. So fehlten Name und/oder Adresse der Hersteller auf der Verpackung oder Sicherheitswarnungen, die auf dem Spielzeug oder auf der Verpackung angezeigt werden müssen, wie zum Beispiel Warnungen für Kinder unter drei Jahren.
Im Vergleich der sieben Länder und der vier Online-Plattformen unterschied sich die Zahl der als gefährlich und mit den EU-Vorschriften nicht konform eingestuften Spielzeug-Artikel kaum.

 

Spielzeugtestergebnisse pro Land

Dänemark: 18 Spielzeuge getestet,
100 Prozent nicht konform
Frankreich: 38 Spielzeuge getestet,
94,7 Prozent nicht konform
Deutschland: 33 Spielzeuge getestet,
93,9 Prozent nicht konform
Italien: 34 Spielzeuge getestet,
100 Prozent nicht konform
Niederlande: 19 Spielzeuge getestet,
94,7 Prozent nicht konform
Spanien: 36 Spielzeuge getestet,
100 Prozent nicht konform
Schweden: 15 Spielzeuge getestet,
100 Prozent nicht konform

 

Ergebnisse von Spielzeugtests pro Online-Plattform

AliExpress: 43 Spielzeuge getestet,
69,7 Prozent durchgefallen
Amazon: 24 Spielzeuge getestet,
83,3 Prozent durchgefallen
eBay: 27 Spielzeuge getestet,
81,5 Prozent durchgefallen
Wish: 40 Spielzeuge getestet,
77,5 Prozent durchgefallen

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