Anyas Alltag

Welpenstunde

Anya Biberthaler ist selbstständige Autorin und Journalistin, sie lebt mit ihrer Familie im bayerischen Würmtal. Seit der Welpe Lucky Luke mit zur Familie gehört, macht sie ihre ganz eigenen Erfahrungen mit der Spezies Frauchen und Herrchen

Viele Erwachsene sind von Kindern oft wahnsinnig genervt. Weil die Kleinen eben schmatzen und brüllen und überall ihre Kaugummis und ihre Popel hinschmieren. Mich hat das noch nie aus der Fassung gebracht, ich bin sozusagen kinderresistent. Das einzige, das mir an Kindern wirklich auf den Wecker geht, sind deren Eltern.
Und so bin ich froh, dass meine Kinder inzwischen in einem Alter sind, in dem sie sich ihre Freunde selbstständig aussuchen und auch ohne Begleitschutz mit diesen spielen. Natürlich wird man trotzdem immer mal wieder in den einen oder anderen mütterlichen Smalltalk involviert, vor der Schule oder der Flötenstunde, aber das ist alles nichts gegen die Nachmittage in fremden Wohnzimmern mit Windel-Gesprächen und Kleinkindkeksen.
Diese insgesamt sehr positive Entwicklung, diese Spirale nach oben, ist nun leider wieder unterbrochen. Denn seit Kurzem habe ich einen Hund und Lucky, mit vollem Namen Lucky Luke, oder auch mein Sargnagel, raubt mir nicht nur den letzten Nerv, sondern bringt mich auch mit der Spezies Herrchen und Frauchen in Kontakt. Und wenn ich dachte, dass Eltern schlimm sind, dann war das ein sehr naiver Gedanke.
Als Hundebesitzerin macht man keinen Schritt, der von der Umgebung unkommentiert bleibt. Man kann nicht einmal in Ruhe Wauwaus Futter kaufen. „Aha“, keifte mich neulich eine Supermarktkundin an, „Sie geben Ihrem Hund Trockenfutter, dann kriegen ihre Kinder wahrscheinlich Astronautennahrung!“ „Die Hunde meiner Züchterin werden steinalt und kriegen auch Trockenfutter“, verteidigte ich mich. Die Frau starrte mich wütend an. „Es gibt auch Raucher, die 100 Jahre alt werden.“
Es war insgesamt keine gute Hundewoche. Schon am nächsten Tag besuchte ich mit Lucky eine dieser Welpen-Sozialisierungs-Stunden und durfte den Hundehalter-Wahnsinn von einer neuen Seite kennenlernen. Die Welpen rasen durch die Gegend, die Hundehalter stehen derweil rum und halten Smalltalk. Neben mir steht das Frauchen von Stupsi, zusammen mit ihrer kleinen Tochter. „Lucky ist leider frech und wild, er knabbert alles an, auch die Kinder“, berichte ich. „Ist das bei Stupsi auch so?“ Das Mädchen nickt bejahend. „Nein, bei uns ist alles super“, flötet Stupsis Frauchen, „wir haben überhaupt keine Probleme, sehr brav, wirklich.“ „Echt? Also Lucky flippt manchmal richtig aus“, lege ich nach, „der spinnt dann total, schnappt nach uns, flitzt wie eine Granate durch die Wohnung, zum Teil fliegt er und ich frage mich, ob das normal ist oder ob der einen Dachschaden hat.“ „Ist bei uns auch so,“, murmelt das Mädchen und grinst. Ihre Mutter wirft ihr einen strafenden Blick zu. „Aber das stimmt doch gar nicht. Stupsi macht solche Sachen nicht.“

„Ach ja, und Lucky ist von der Stubenreinheit so weit entfernt wie ein Säugling.“ Stupsis Frauchen klimpert verwundert mit den aufgeklebten Wimpernbüscheln. „Ja komisch, also Stupsi schläft nachts durch.“ „Ist Stupsi wirklich stubenrein?“, frage ich ungläubig.
Das Mädchen schüttelt entschieden den Kopf. Ich schenke ihr einen dankbaren Blick. Jetzt kommt Stupsis Herrchen dazu. Er hat offenbar Teile der Unterhaltung mitbekommen und möchte seinen Senf dazu geben. „Hast du Probleme mit deinem Hund? Also Stupsi ist tiefenentspannt. Toller Hund!“
„Nun, Lucky ist ein Rüde, vielleicht liegt‘s daran. Männliches Imponiergehabe, kläffen, sich wichtig machen, weißt schon.“ Stupsis Herrchen schaut säuerlich. „Zur Not werde ich ihn kastrieren lassen“, meine ich, „das hat bei unseren Hasen auch super funktioniert.“ Herrchen zuckt zusammen.
Die Hundetrainerin ermahnt uns, unsere Hunde wieder einzufangen. Lucky ist ausnahmsweise froh, dass das Gerangel vorbei ist und lässt sich vorbildlich einfangen; Stupsi hat sich hingegen in einen zähnefletschenden Bullterrier verbissen, was ich mit Genugtuung beobachte.
So bietet also auch die Welpenstunde ihre lichten Momente. Und ja, man muss es positiv sehen. In läppischen zwei Jahren ist Lucky seinen Welpen- und Teeniejahren entwachsen, die Begegnung mit Frauchen und Herrchen wird sich dann, ähnlich einer Eltern-treffen-sich--vor-Flötenstunde-Situation, auf ein souveränes Hallöchen am Waldrand beschränken.

Anya Biberthaler

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