Bauanleitung zum Erfolg

Typisch Revell

Bauanleitung zum Erfolg lautet der Untertitel des neuen Buchs „Revell-Story“, das der hochinteressanten Geschichte des ostwestfälischen Bausatzriesen gewidmet ist.

Zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein, kann manchmal das Leben verändern. Heinz-Georg Schöneberg, 1956 Verkäufer beim Spielzeugvertreiber Schreiber und während der Spielwarenmesse zu Gast in einem Nürnberger Hotel, hatte dieses Glück. Lewis H. Glaser, Gründer von Revell aus den Vereinigten Staaten, suchte dort händeringend ein Zimmer. Schöneberg, der veritabel Englisch sprach, half dem Amerikaner weiter, verkaufte seine wegweisenden Produkte bald schon erfolgreich zwischen Aachen und Zweibrücken und avancierte noch im selben Jahr zum ersten Geschäftsführer der deutschen Revell-Dependance in Bünde.
62 Jahre später wagte sich nun ein ungewöhnliches Autorenteam daran, die Geschichte der Ostwestfalen, die mittlerweile selbst das Headquarter des großen Spielzeugnamens sind, spannend, pointenreich und in die Tiefe gehend nachzuzeichnen. Ulli Taubert, der die Chronologie im Buch hauptsächlich verfasst hat, lebt seit nun fünf Jahrzehnten Revell mit Leib und Seele wie kaum ein anderer und steuerte viele überraschende Anekdoten bei. Zudem haben Taubert und Co-Autor Andreas Berse, Chefredakteur der Fachzeitschrift Modell Fahrzeug, alle drei noch lebenden Geschäftsführer interviewt.
Auf 176 Seiten entstand so ein farbenfrohes Kaleidoskop einer großen Spielzeugmarke, die mit ihrer bahnbrechenden Innovationskraft in Europa und der ganzen Welt die Märkte eroberte. Und: Der große Name hat spätestens ab den Sechzigern in jedem Jungenkinderzimmer Spuren hinterlassen – Klebstoff und Farben inklusive. Schon früh setzten die Strategen aus Bünde auf maßgeschneiderte Produkte für verschiedene europäische Länder, was für den Erfolg von Revell wie ein Turbo wirkte. In Moskau verkaufte Revell bereits seine Produkte lange bevor Michael Gorbatschow Glasnost ausrief.

Auch Service wurde bei Revell von Anfang an großgeschrieben. Fast jeder Bastler lobt und kennt die Abteilung X, die an Kunden fehlende Bauteile liefert, falls diese einmal verloren oder zu Bruch gegangen sind. Ein Service, der bereits auf den ersten Geschäftsführer Schöneberg zurückgeht.
Das Buch hält viele Überraschungen bereit. So wusste wohl kaum jemand, dass Revell auch die Beatles als Figuren im Programm gehabt hat oder sich als Eisenbahnhersteller versuchte. Brillant fotografierte Produktionsgeschichten aus China und Polen zeigen dem Leser, wie die Revell-Träume in den über den gesamten Globus verteilten Fabriken entstehen. Bausatzfans werden beeindruckt sein, wenn sie in der Chronologie bestens erhaltene Kartons von Raritäten aus der Frühzeit entdecken. Die Bandbreite reicht vom Atomkraftwerk über das Streifenhörnchen bis hin zur Mondrakete aus der Science-Fiction-Welt. Denn Ulli Taubert gelang es einen Sammler aufzutun, der über 2.500 ungebaute Kits von Revell im Bestzustand besitzt und seine Schätze für dieses Buch exklusiv ablichten ließ.
Man muss ganz sicher kein eingefleischter Revellist sein, um Gefallen an diesem Buch zu finden. Das Bausatzprogramm ist über die Jahre hinweg betrachtet eine kleine Kulturgeschichte der technischen Spitzenleistungen aus aller Welt, denn diese kommen ja auch im Kinderzimmer immer wieder ganz besonders gut an.
Dass Revell zum Beispiel beim Thema Tarnkappenbomber aus den USA mit seinen Produkten manchmal so weit seiner Zeit voraus war, dass die amerikanischen Geheimdienste auf die Firma aufmerksam wurden, liefert eine weitere überraschende Story in diesem Buch. Doch neben den Produkten vergessen beide Autoren auch die Personen nicht, die für Revell eine große Rolle gespielt haben. Thomas Frank von Audi, der mit Ulli Taubert viele Revell-Projekte anschob, Thomas Effnert, der als Urmodellbauer aus dem Nichts viele Prototypen schuf, die auf den Messen zu bewundern waren und Mario Falconi, der mit seiner Firma aus Rom Revell bei vielen Produkten in der Entwicklung zur Seite stand.
So wie sich die vielen Bauteile von einem Gießast bei einem Bausatz langsam aber sicher zu einem kleinen Kunstwerk zusammenfügen lassen, haben beide Autoren aus ihren Mosaiksteinchen ein Buch zusammengesetzt, das mehr ist als die Summe der Einzelteile – typisch Revell eben. Gustav Gießast

Heinz-Georg Schöneberg legte 1956 den Grundstein für Revell in Deutschland. Aus dem gleichen Jahr stammt das Kit Harbor TUG

Seit fast drei Jahren ist Stefan Krings als Geschäftsführer am Ruder von Revell

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