Herausforderungen

Anspruchsvolle Spiele aus Essen

Das Hobby „Spielen“ hat mittlerweile eine große Zielgruppe erreicht, die nicht einfach würfeln und karteln wollen. Vielmehr sucht sie strategische Herausforderungen, die immer wieder zu neuen Überlegungen verleiten und auch gerne einmal mehr als eineinhalb Stunden Spielzeit in Anspruch nehmen dürfen. Weil die Zahl der Interessenten wächst, gibt es auch zunehmend mehr Verlage, die diese Spiele-Kenner bedienen. Faszinierende Erlebniswelten eröffnen sich, wenn man sich darauf einlässt.

Das Besondere bei anspruchsvollen Spielen: Durch „Kennerspiel des Jahres“ und „Deutscher Spielepreis“ rücken anspruchsvolle Spiele zunehmend ins Rampenlicht. Das Zielpublikum sucht spielerische Herausforderungen mit wenig oder (besser noch) gar keinem Zufallselement. Die Optionen sollten klar aber mannigfaltig sein. So lassen sich immer neue Strategien ausprobieren. Es gibt keine schnell zu durchschauende Gewinnmöglichkeit. Das hält diese Spiele am Leben. Die Spiele sind häufig aufwändig ausgestattet, dementsprechend teuer, verlangen ein längeres Regelstudium und oft mehrstündige Spielzeiten. Mit Erfahrung lässt sich Spielzeit allerdings verkürzen.

Bunny Kingdom
Bunny Kingdom, Häschen erobern die Welt. Schwarz, rot und gold-gelb sind die Hoppelhasen, dazu noch pink. Das ist sehr ungewöhnlich, ebenso der Spielverlauf. Auf einem 100-Felder-Plan werden die Figuren lediglich eingesetzt. Bewegung findet nicht statt. Das Raster wird zunehmend behaselt, meint bevölkert. Nachbarschaften der gleichen Farbe sind wichtig. Diese vergrößern ein Lehnsgut und so kann jeder bei den Zwischenwertungen und der Endwertung die nötigen Punkte generieren. Herz des Spiels ist ein dickes Kartendeck, das die Spieler für sich nutzen, sie reichen aber auch immer Handkarten an die Mitspieler weiter.
Die Kartenwerte sind sehr vielschichtig. Vom Besetzen einzelner Felder über das Bebauen gewonnener Regionen mit unterschiedlichen Gebäuden bis hin zu interessanten Individualwertungen reichen diese Optionen. Und es sind noch viel mehr Details im Geschehen. Jede Partie verläuft anders und verlangt neue Herausforderungen. Das ist der Reiz.


Great Western Trail
In Great Western Trail wird das gehalten, was der Titel verspricht. Als Rinderbarone organisieren die Spieler einen Viehtrieb von Texas nach Kansas City und
optimieren ihre Aufgabe möglichst gewinnbringend. Der Weg ist zu durchdenken. Durchs Sumpfland ist es kürzer aber auch gefährlicher. Auf dem Rindermarkt gibt es wertvolles Vieh, aber kommt man seinem Konkurrenten zuvor? Schnelligkeit ist gefordert. Auch macht es Sinn, den Eisenbahnbau voranzutreiben, dann können Rinder in weit entlegenen Regionen mit noch mehr Gewinn veräußert werden. Das sind nur drei Entwicklungsstränge, die man im Blick haben muss. Der Zugrhythmus ist äußerst einfach. Jeder zieht mit seiner Figur auf dem Trail voran. Dort wartet ein Plättchen mit verschiedenen Aktionsmöglichkeiten, die alle genutzt werden dürfen. Es ist die Kunst, seine Aktionen so abzustimmen, dass sie sich gut ergänzen. Verzetteln führt in Sackgassen, was nicht gut beim Rindertrail angesehen ist. Ein trotz Komplexität doch eher einfaches Vorgehen mit gut unterstützendem Spielmaterial hat das Spiel weit oben beim Deutschen Spielepreis landen lassen (2. Platz!).

Rajas of the Ganges
Rajas of the Ganges lädt auf einen kitschig-bunten Spielplan in das herrscherbetonte Indien ein. Dementsprechend geht es um Ruhm, Geld, Karma aber auch Waren und Ländereien. Nicht zu vergessen ist die Schifffahrt auf dem Fluss. Durch Würfel, die die Spieler zum Einsetzen ihrer Figuren in die entsprechenden Plan-Bereiche benötigen, versucht jeder, das Optimum aus seiner Würfelvorgabe herauszuholen. Die
große Kunst ist es, durch Verzahnungen verschiedener Spielelemente seine Ge-winnoptimierung voranzutreiben. Zum Beispiel können Länderplättchen so angelegt werden, dass sie den Auslagenrand verlinken und bisweilen Boni ausschütten. Jeder kann auf solche Vorteile verzichten, sie erbringen aber in der Summe dann wahrscheinlich den siegbringenden Vorteil. Auch Karma hat Charme. Zunächst kostet der Erwerb, aber mit Karma dürfen vielfältige Optimierungen, zum Beispiel Würfelverbesserungen, vorgenommen werden. Der Spielreiz wird durch die Vielschichtigkeit gewährt, was bedeutet, dass Fehler vorprogrammiert sind. Wer die wenigsten macht, zeichnet den Raja aus.

Altiplano
Während bei Ganges Üppigkeit und Überfluss herrscht, ist es in den Hochanden bei Altiplano genau umgekehrt. Kargheit und Mangel bestimmen das Geschick. Der Wohlstand wächst hier nur langsam, aber er wächst. Viele Optionen sind möglich, zum Beispiel Fischfang im Titicacasee, Alpakazucht auf eigenen Ranches oder auch der Gewinn von Erz im Gebirge. Das ist längst nicht alles. Thematisch interessant ist das Einlagern von Gütern für schlechtere Zeiten, die da kommen werden. Herzstück und Motor des Geschehens ist ein Bagbuilding-Rhythmus. Jeder hat ein Säckchen mit Aktions-Chips. Nur wenige werden gezogen und bestimmen die Planung für den Zug. Abgehandelte Plättchen werden gesammelt, bis das Säckchen leer ist, dann schöpft jeder wieder aus dem Vollen. Strategische Weitsicht darf nicht vernachlässigt werden, doch es sind die taktischen Entscheidungen eines jeden Zuges, die geschickt genutzt werden müssen.

Riverboat
Riverboat ist am Mississippi angesiedelt. Als Farmer wird am Oberlauf gesät und geerntet und mit Schaufelraddampfern der Ertrag nach New Orleans verschifft, um dort dann gewinnträchtig zu verkaufen. Das Gelungene bei diesem Spiel ist, dass Aktionen sehr oft parallel abgehandelt werden, so dass keine Wartezeiten entstehen. Zunächst besetzt jeder nach wechselnden Vorgaben eigene Parzellen auf seinem Grund und Boden, möglichst so, dass zusammenhängende Flächen beackert werden. Denn diese können dann zusammenhängend bebaut werden und so größeren Ertrag erzielen. Das sind topologische Aufgaben, die man im Blick haben muss. Die Ernte wird verschifft und hier gilt es, die richtigen Mississippi-Dampfer, das heißt Schiffsgrößen zu bestücken. Leider schippert dann aber kein Schiff den Fluss hinunter. Hier simuliert lediglich ein abstraktes Plättchen-Nehmen diese Aktion. Schließlich fällt der Blick noch auf Privilegien, die manchen Vorteil einbringen, aber auch geschickt genutzt werden müssen. Das schnelle Spielen, man braucht nirgendwo Kartentexte lesen und vor allem das Pflanzen, Ernten und Beladen jeder Runde sind einzig und reizvoll.

Transatlantic
Transatlantic simuliert die große Zeit der Segel- und Dampfschifffahrt zwischen Europa und Amerika. 50 historische Schiffe als Spielkarten sind am Start, aber jeder Reeder fängt natürlich klein an. Schiffe in Bewegung bringen Geld und Vorteile. Gewonnenes Kapital wird investiert, um schneller den Atlantik zu überqueren. Und wie in der Historie wird der jeweils Schnellste mit dem Blauen Band honoriert. Für das Unterfangen sind natürlich Schiffbau und mannigfaltige Schiffsnutzung wie Cargo, Kreuzfahrt oder Transport von Nöten. Und wenn man vom Segler auf Dampf umsteigt, geht nichts ohne Kohle, weshalb ohne Kohlebunker nichts mehr funktioniert. Alle Handlungen greifen filigran ineinander und werden durch Spielkarten in Aktion ge-bracht. Wie in modernen Spielen üblich, bleiben gespielte Karten abgelegt und können erst durch den Direktor wieder auf die Hand genommen werden. Dieses beliebte System funktioniert hier prächtig und setzt jeden immer wieder in die Entscheidung, wann und wie man beim Aufnehmen der Karten taktiert. Allerdings wird alles nur durch Auslegen von Karten simuliert, eine „echte“ Schiffsbewegung findet nicht statt. pen

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