Die Philosophie...

...des Schenkens

„Schließlich blieb dem Regenbogenfisch nur noch eine einzige Glitzerschuppe. Alle anderen hatte er verschenkt! Und er war glücklich, glücklich wie nie zuvor!“ Diese Zeilen stammen aus dem Bilderbuch Klassiker „Der Regenbogenfisch“, ein Buch, das 1992 erstmals erschien und nach wie vor zur Standardlektüre heutiger Kinder gehört. Thematisiert ist ein kleiner Fisch, der seine Glitzerschuppen verschenkt und erfährt, dass ihn das Schenken glücklich macht. Die pädagogische Botschaft „Schenke und werde glücklich“ ist wissenschaftlich untermauert. Erst kürzlich haben Wissenschaftler an der Universität Lübeck nachgewiesen, dass Schenken tatsächlich Glücksgefühle auslöst.

Die bekannte Kindergeschichte dokumentiert noch eine andere, nicht ganz so rosige Seite der Gabe: Schenken ist in unserer Gesellschaft vor allem ein Tauschgeschäft, eines von Verbindlichkeiten und Reziprozität belastetes Ereignis. Denn wirft man einen Blick auf das soziale Gefüge der Fische, fällt auf, dass der zunächst einsame Regenbogenfisch erst dann in die Gemeinschaft aufgenommen wird, nachdem er seine Schuppen verschenkt hat. Er tauscht sein Glamourkleid gegen das Wohlsinnen der anderen. Nicht verwunderlich, wenn auch unsere Kinder in der ökonomischen Matrix verhaftet bleiben. Denn wer kennt sie nicht, die lieben Kleinen, die den Warenwert ihrer Weihnachtsgeschenke bis zur finanziellen Schmerzgrenze treiben  und ihre Eltern auffordern, den monetären Wert der Geschenke zu benennen. Nur so würden sie sich schließlich mit Freunden und Geschwistern adäquat vergleichen können. Im Gegenzug bieten sie am Weihnachtsabend sozial verträgliches Verhalten. 

Befasst man sich mit dem Schenken näher, fällt auf, dass vor allem die Rolle des Nehmenden nicht ganz einfach ist. Denn wird dieser nicht zum Schuldner wider Willen? Kann es ein Geschenk ohne Tausch, ohne Erwiderungspflicht geben? Jaques Derrida, einer der berühmtesten Philosophen der Postmoderne, der den Akt des Schenkens in all seine Facetten sezierte, kam zu dem Schluss, dass die reine Gabe an sich unmöglich sei. Verständlich, dass manche Beschenkte eiligst ein Gegengeschenk organisieren, damit sie nicht in immaterieller Schuld verstrickt bleiben. Es ist kein Zufall, dass sich die Wörter „Gift“ und „Gabe“ den Wortstamm teilen. Die ursprüngliche Bedeutung „Gabe, Geschenk“, die „Gift“ noch im 18. Jahrhundert hatte, ist heute im Deutschen verschwunden. Allein das Wort „Mitgift“ verweist auf die ehemalige Semantik, ebenso das englische Wort „gift“, das übersetzt „Geschenk“ heißt.

Auch wenn das Geschenk, glitzernd und verheißungsvoll, so frei und arglos erscheint, so ist es tatsächlich Teil eines hochkomplexen sozialen Geflechts. Zahlreiche Forscher verschiedenster Disziplinen haben in den letzten 100 Jahren den Ursprung und den Sinn des Schenkens untersucht und diskutiert. Das Werk „Essai sur le don“, 1925, des französischen Ethnologen Marcel Mauss gab dem Diskurs die Initialzündung. So unterschiedlich die Forschungsergebnisse am Ende waren, viele beurteilen das Schenken als eines der stärksten sozialen Kräfte überhaupt, wenn nicht gar als Grundlage einer intakten Gesellschaft.

Wer nun den Akt des Schenkens aus dem materialistischen Kontext befreien möchte, dem rät der deutsche, zeitgenössische Philosoph Christoph Quarch zu einem Blick auf fremde Kulturen. Jahrelang hatte der gebürtige Düsseldorfer die Kultur der Eskimo-Kalaallit aus Grönland studiert und zusammen mit dem Schamanen Angaangaq Angakkorsuaq das Buch „Schmelzt das Eis in euren Herzen“ geschrieben. In dem Kapitel „Vom Schenken“ wendet sich der Schamane direkt an seine Leser: „Es ist so schade, dass ihr Menschen des Westens den Sinn des Schenkens vergessen habt.“ Quarch erklärt, dass die Eskimo-Kalaallit, so wie auch viele andere traditionelle Kulturen, das Schenken als kommunikativen Akt, als Sprache in nonverbaler Form verstehen. Bekommt beispielsweise ein Eskimojunge eine Gänsefeder geschenkt, sagt ihm der Schenkende damit, dass er ihn für kraftvoll und ausdauernd hält. Die Feder ermutigt den Jungen, sein Potenzial zu entfalten und sich somit des Geschenkes würdig zu erweisen. Ursprünglich, so Quarch, hänge der Wert eines Geschenkes an dem, was es sagt, nicht an dem, was es gekostet hat. Angesprochen auf den lebendigen Austausch von Konsumgütern an Weihnachten, rät der Philosoph zu einer klaren Trennung von Schenken und Für-andere-kaufen. „Ich bin selbst Vater von zwei Kindern und kaufe ihnen an Weihnachten gerne das, was sie sich selbst nicht leisten können. Aber das ist nicht das echte Schenken.“ Deshalb macht Quarch auch Geschenke, die den ursprünglichen Sinn des Schenkens bewahren, also Geschenke, die das Kind inspirieren, begleiten, gerne auch irritieren, etwas mit hohem symbolischem Wert. Selbstgemachte Geschenke kommen für Quarch der reinen Philosophie des Schenkens sehr nahe. Denn diese drücken vor allem eines aus: Wertschätzung und Liebe gegenüber dem Beschenkten. 

Anya Biberthaler

 

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