Kind und Beruf

Working Moms

Kind oder Beruf – oder doch beides? Das Thema ist in Politik, Öffentlichkeit und Medien ein Dauerbrenner. Zu Recht, denn nach wie vor ist es für Mütter eine große Herausforderung, ihrem Beruf gerecht zu werden, ohne dabei die Kinder zu vernachlässigen. Wie geht es eigentlich Müttern, die in der Konsumgüterindustrie für Baby- und Kinderprodukte arbeiten? Wie unterstützen die Unternehmen die Mütter bei ihrem täglichen Spagat? Anya Biberthaler begibt sich auf Spurensuche und lässt vier Mütter aus ihrem Leben erzählen.

Viele Mütter reiben sich nach wie vor zwischen Kind und Karriere auf. Dies ist eines der wesentlichen Ergebnisse einer Studie, die das rheingold Institut zusammen mit der Online-Plattform for-me-online.de des Konsumgüterherstellers Procter & Gamble (P&G) vor kurzem durchgeführt hat. Rund 1.000 Frauen zwischen 20 und 50 Jahren gaben dem rheingold Institut Auskunft zur eigenen Lebenssituation als berufstätige Mutter in Deutschland. Konkret berichten viele Frauen, die Job und Familie miteinander verbinden, von einem herausfordernden Alltag. 

Ein besonderes Spannungsfeld ist der Working Mom-Studie zufolge das Familienmanagement. Damit alles reibungslos läuft – Job, Erziehung und Partnerschaft –, setzen sich die berufstätigen Mütter in Deutschland stark unter Druck. Mehr als zwei Drittel (68 Prozent) geben an, immer 120 Prozent zu geben. Sieben von zehn Frauen (72 Prozent) wollen stets alles perfekt machen. Dabei gelingt der Spagat nur bedingt: Fast jede zweite Befragte (46 Prozent) hat ständig ein schlechtes Gewissen, Familie, Partner und Freunde zu vernachlässigen. Zudem geben 46 Prozent der Studienteilnehmerinnen an, dass von ihren eigenen Bedürfnissen im Alltag nichts mehr übrig bleibt. Kristina Bulle, Brand Director P&G, äußerte sich in einer Pressemitteilung des Unternehmens zu den Ergebnissen: „Die Studie zeigt, dass berufstätige Frauen in Deutschland derzeit hierfür nicht die optimalen Bedingungen vorfinden. Hinzu kommt ein Machbarkeitsideal der Gesellschaft, das den Druck auf die Frauen erhöht.“ Über massive Probleme, Kind und Karriere zu vereinbaren, sprechen auch die Autorinnen Susanne Garsoffky und Britta Sembach, deren neues Buch „Der tiefe Riss“ in diesen Tagen auf dem deutschen Buchmarkt erscheint. (Lesen Sie dazu auch unser Interview ab Seite 30). 

Berichte von Working Moms aus der Konsumgüterindustrie für Baby- und Kinderprodukte weisen darauf hin, dass in dieser Branche außergewöhnlich familienfreundliche Strukturen vorliegen. Die Entscheidungsträger sind sich offenbar ihrer besonderen Verantwortung und Verpflichtung gegenüber Familien bewusst und nehmen ihre Vorbildfunktion innerhalb der Indus-trie auch wahr. Wir lassen vier Mütter aus der Branche zu Wort kommen. Vier Mütter, die es geschafft haben, ihre ganz individuelle Balance zwischen Kind und Karriere zu finden.

Anya Biberthaler

„Keine verkappte Vollzeitstelle“

Bevor ich zu Lansinoh kam, habe ich bei einer Werbeagentur gearbeitet. Als ich dann Mutter wurde, weigerte sich die Agentur, mir eine Teilzeitstelle anzubieten. Trotz vorheriger Absprachen! Vor die Wahl gestellt, eine Ganztagsstelle anzunehmen oder zu kündigen, sah ich mich gezwungen, vor Gericht zu ziehen. Das war unangenehm aber der Prozess ging sehr positiv für mich aus. Die Richterin gab mir in allen Punkten Recht, sie war ganz und gar auf meiner Seite. Als das schließlich ausgestanden war, machte ich mich auf die Suche nach einem neuen, familienfreundlichen Arbeitgeber. Eine Werbeagentur zog ich nicht mehr in Betracht. Wenn man sich für eine Familie entscheidet, muss man sich einen anderen Job suchen, das hatte ich gelernt. Ich stieß dann auf die Stellenanzeige von Lansinoh und wusste sofort, dass ich diese Stelle haben muss, diese und keine andere. Seit Februar 2016 bin ich hier, habe eine 20-Stunden-Woche und bin glücklich. Und ich bin der Firma gegenüber auch wirklich dankbar, dass sie mir als zweifacher Mutter eine Halbtagsstelle angeboten hat. Diese Fairness rechne ich hoch an. Der Halbzeitjob ist auch keine verkappte Vollzeitstelle, die Aufgaben kann ich in der gegebenen Zeit auch gut bewältigen. Ich habe in meiner beruflichen Laufbahn oft erlebt, dass Mütter diskriminiert oder rausgekickt wurden. Nur die wenigsten schaffen es, ihren Karrierelevel zu halten. Es geht für die meisten einfach nicht reibungslos weiter; mehr noch, Mütter erfahren oft ein Downgrading. Das ist bitter in einem wohlhabenden Land wie Deutschland, das ja so erpicht darauf ist, dass die Frauen Kinder bekommen. Aber dann wird man als Mutter benachteiligt und allein gelassen. Vor einem Dreivierteljahr habe ich entschieden, auf eigenen Beinen zu stehen und habe mich selbständig gemacht, damit ich flexibel bleibe und auch andere Kunden bedienen kann. Auch dieses Modell hat Lansinoh jederzeit unterstützt. Ich habe also wirklich Glück gehabt. Ebenso mit meiner Kita und der robusten Gesundheit meiner Kinder. Die Kinder gehen gerne in die Kita und die Erzieherinnen nehmen die Kinder auch, wenn sie mal eine Schniefnase haben.

Kerstin Feuß, Lansinoh

„Nicht zu arbeiten, ist keine Option“

Als mein Großer ein Jahr alt war, stieg ich wieder in meinen alten Vollzeitjob ein. Leider bot mir mein damaliger Arbeitgeber nicht die Möglichkeit, Teilzeit zu arbeiten. Mit zwei kleinen Kindern war das jedoch ziemlich anstrengend. Im Göller Verlag arbeite ich nun in Teilzeit, wie alle in meinem Team, die ebenfalls Kinder haben. Unsere Arbeitszeiten ergänzen sich optimal und die Möglichkeit, im Home-Office zu arbeiten, kommt mir sehr entgegen. So bin ich flexibler. Aber klar, als Mama mit Job läuft nicht immer alles reibungslos. Ich muss gut planen und bin darauf angewiesen, dass mein Umfeld gut mitspielt. Auch für meine Kinder ist es manchmal anstrengend, vor allem das frühe Aufstehen und das morgendliche „Antreiben“. Besonders mein Kleiner würde morgens lieber gemütlich in den Tag starten. Außerdem fände er es schön, wenn ich ihn schon vor dem Mittagessen vom Kindergarten abholen würde. Doch trotz dieser kleinen Hindernisse kann ich meine Arbeitszeit im Verlag ganz gut mit den Kindern vereinbaren und wir haben am Wochenende gemeinsame Zeit, die wir für Unternehmungen nutzen. Ein Leben ganz zu Hause wäre keine Option für mich. Zum einen möchte ich mich finanziell absichern und unabhängig bleiben, zum anderen ist es auch schön, rauszukommen und meine Fähigkeiten einzubringen.

Corinna Bonsignore, Göller Verlag

„Das Vertrauen ist da“

Arbeiten hat mir immer Spaß gemacht. Mit der Geburt meiner Töchter habe ich jeweils immer ein paar Monate pausiert, bin dann bis zum ersten Lebensjahr meiner Kinder Teilzeit eingestiegen und habe danach wieder Vollzeit gearbeitet, so sieht mein Modell aus. Ich wollte nie Teilzeit arbeiten, denn ich finde, dass Teilzeitmamas es nicht immer leicht haben. Ich habe das Gefühl, dass sie oft zerrissen sind, durch den Tag hetzen, mit dem Anspruch, sie müssten extra viel leisten. Das Modell Teilzeit hat sicher seine Vorteile, aber für mich stellte sich die Frage: Wie sieht meine ganz individuelle Lösung aus?

Meine Kinder besuchen eine Ganztagsschule und sind vor 16 Uhr nicht zu Hause. Meistens gehe ich an drei Tagen die Woche um 16 Uhr nach Hause, an den zwei anderen Tagen arbeite ich open end. An diesen Tagen übernehmen Tante und Papa die Nachmittags- und Abendbetreuung. Ich bin zufrieden, so wie es ist. Ich gehe wahnsinnig gerne arbeiten und hab gleichzeitig ein tolles Verhältnis zu meinen Kindern, sie kennen es auch gar nicht anders. Wenn wir Zeit miteinander verbringen, unternehmen wir auch meistens etwas Schönes, es ist dann echte „Quality Time“. Für mich bedeutet die Vereinbarkeit von Kind und Beruf, dass man sich selber eingesteht, dass man nicht immer 100 Prozent geben kann und dass nicht immer alles perfekt läuft. Das muss es auch überhaupt nicht. Was ist überhaupt eine perfekte Mutter? Kinder haben davon oft eine ganz andere Vorstellung als ihre Mütter. Die Vorstellungen über das perfekte Mutterbild klaffen weit auseinander.
Ich glaube, es ist wichtig, einfach mal loszulassen. 

Lego kommt mir als Working Mom immer sehr entgegen. Kinder haben in unserem Unternehmen selbstverständlich einen riesengroßen Stellenwert, und das spiegelt sich in sehr familienfreundlichen Strukturen wider. Dazu kommt, dass viele Führungspositionen bei uns mit Müttern oder Vätern besetzt sind und die wissen natürlich um die täglichen Herausforderungen einer Working Mom. Wir haben bei Lego beispielsweise die „Child Care Days“. An fünf Tagen im Jahr kann man sich frei nehmen, um sich im Krankheitsfall um sein Kind zu kümmern. Natürlich gibt es auch eine gesetzliche Regelung für diese Fälle, die vor allem gesetzlich Versicherte betrifft. Die Child Care Days von Lego gelten für alle Mitarbeiter. 

Zur Not kann ich auch Home-Office machen, mein Vorgesetzter und meine Kollegen wissen, dass ich die Arbeit, egal wo und wann, leiste. Sie vertrauen mir. Es ist doch so: Je mehr du gibst, desto mehr bekommst du zurück. Es ist ein stetes Geben und Nehmen, aus dem ein positiver Kreislauf entsteht. Kann sein, dass ich ohne Kinder mehr Karriere gemacht hätte. Aber ich habe mich bewusst dafür entschieden, mit meinen Kindern auch Zeit zu verbringen. Klar, ich könnte auch noch Babysitter und Au Pairs engagieren und mich dann noch intensiver meiner Arbeit widmen. Aber ich will einfach nicht auf die Zeit mit meinen Kindern verzichten, und bisher war es immer möglich, eine anspruchsvolle Tätigkeit mit meiner Familie zu vereinbaren.

Claudia Maus, Lego

„Der beste Job meines Lebens“

Ich habe die Herausforderung, Kind und Vollzeit-Beruf zu vereinbaren, noch vor mir. Denn ich bin vor 16 Monaten zum ersten Mal Mutter geworden. Bis mein Sohn im Oktober in die Krippe kommt, arbeite ich von daheim aus für PEG auf Basis eines Mini-Jobs. Ab Oktober werde ich dann die Stundenzahl wieder aufstocken und an zwei Tagen die Woche in unserem Büro in Dachau arbeiten. An drei weiteren Tagen arbeite ich von zuhause aus, mitunter für eine andere Firma. So komme ich auf einen abwechslungsreichen Vollzeitjob bei gleichzeitig ausreichend Zeit für den Nachwuchs. Dieses sehr flexible Arbeitsmodell hatte ich schon, bevor ich Mutter wurde. Wie wunderbar, dass sich alles so gut fügt. Sollte mein Sohn mal krank werden, wird das auch kein Problem sein. Der Geschäftsführer von PEG ist in erster Linie selber ein sehr liebevoller Vater, und so ist auch der Betrieb überaus familienfreundlich. Ich kann bei PEG auch mal die Büro-Tage tauschen, selbst ein komplettes Arbeiten aus dem Home-Office wäre theoretisch möglich. Aber das möchte ich gar nicht, denn wenn der Arbeitgeber so sehr Rücksicht nimmt, versucht man automatisch seinen Teil beizutragen, dass es am Ende gut läuft. Ich freue mich sehr auf das Leben als Working Mom und ganz besonders auf die netten Kollegen im Büro. 

Barbara Haussmann, PEG GmbH

 

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