Familiengeschichten

Eine Vorlesestudie

Tägliches Vorlesen bei Kindern stärkt Mitgefühl, solidarisches Handeln und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. So die aktuelle Vorlesestudie, die von der Kooperation Stiftung Lesen, Deutsche Bahn Stiftung und Die Zeit durchgeführt wurde. Wie und warum die Vorleseerfahrung unsere Gesellschaft beeinfllusst, erklärt Frau Dr. Simone Ehmig im Interview mit Sarah Daubert.

Frau Dr. Ehmig, was ist der Grund für die jährliche Erhebung der Vorlese-Studie? Und wie haben sich die Initiatoren zusammengefunden?
In Deutschland haben 14,5 Prozent der Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter Probleme mit dem Lesen, genauso hoch ist der Anteil der leseschwachen 15-Jährigen laut PISA-Studie. Seit 2004 setzen wir daher mit dem bundesweiten Vorlesetag, jährlich am dritten Freitag im November, ein öffentlichkeitswirksames Zeichen für das Vorlesen mit dem Ziel Lesefreude zu wecken und Lesekompetenz zu stärken. Gemeinsam mit den Initiatoren des Bundesweiten Vorlesetags – das sind neben der Stiftung Lesen die Wochenzeitung Die Zeit und die Deutsche Bahn Stiftung – führen wir seit 2007 ergänzend gemeinsam die Vorlesestudien durch, mit denen wir untersuchen, welche Bedeutung das Vorlesen für die Entwicklung von Kindern hat und wie es um die Situation des Vorlesens in Deutschland bestellt ist.

Seit 2007 erheben Sie bereits Daten zum Thema „Vorlesen“. Welche Entwicklung lässt sich hier ablesen? Gab es gravierende Veränderungen?
Gerade in den Gruppen mit besonders hohem Förderbedarf – bei Vätern und bildungsfernen Eltern – sind Veränderungen zu sehen. Dies zeigte unsere Vorlesestudie 2013 für Eltern drei- bis fünfjähriger Kinder. Der Anteil der Familien, in denen Eltern mindestens einmal pro Woche vorgelesen haben, war 2013 insgesamt um sechs Prozentpunkte höher als 2007. In bildungsfernen Familien betrug der Unterschied 14 Prozentpunkte, bei Vätern 13 Prozentpunkte. Die Unterschiede spiegeln erste Erfolge von Maßnahmen zur Sensibilisierung und Motivation von Eltern zum Vorlesen und Erzählen.

Das Fazit der aktuellen Studie zeigt deutlich: Die Stärkung sozialer Komponenten durch das Vorlesen führt die Ergebnisreihe an. Woran profitieren Kinder genau? Wie spielt hier was zusammen? Warum genau bringt es Kinder zum Beispiel zum Teilen? Ist für diese Entwicklung eher der Inhalt des Vorgelesenen verantwortlich oder das Erlebnis an sich?
Es ist ein Zusammenspiel von Inhalt und Vorlesesituation. In den Geschichten lernen Kinder Situationen und Handlungsoptionen kennen, die über ihr eigenes Erleben hinausgehen. Sie versetzen sich in Figuren hinein, vollziehen Erfahrungen und Gefühle mit. Sie lernen Konsequenzen von Handlungsweisen und Entscheidungen kennen, entwickeln Empathie, können Reaktionen ein- und abschätzen. Hinzu kommt, dass beim Vorlesen Gespräche angestoßen werden, die sich um alltägliche Erlebnisse ebenso wie um grundlegende Fragen, Probleme, Ängste oder Sorgen drehen. Sehr häufig geht es um soziale Erfahrungen und Beziehungen, die von den Kindern mit ihren Eltern „nebenbei“ verarbeitet werden können. Die genannten Prozesse setzen sich beim späteren eigenen Lesen fort, bei dem Kinder, denen vorgelesen wurde, erneut im Vorteil sind: Sie lesen selbst deutlich lieber, häufiger und intensiver als Gleichaltrige ohne Vorleseerfahrung.

Wie wichtig ist, was vorgelesen wird? Stehen zum Beispiel klassische Märchen auf gleicher Stufe zu Comics?
Wichtig ist, dass das, was gemeinsam betrachtet, vorgelesen und erzählt wird, Spaß macht und Freude am (Weiter-) Lesen vermittelt. Das können klassische Märchen ebenso sein wie Comics, Abenteuer- und Tiergeschichten oder auch Sachtexte. Jedes Kind ist einzigartig und hat unterschiedliche Wünsche und Bedürfnisse, die auch beim Vorlesen und Geschichtenerzählen berücksichtigt werden sollten. Eltern wissen am besten, was ihr Kind interessiert, was es mag und womit es sich gerade beschäftigt. Zu vielen Themen gibt es spezifische Vorlesegeschichten. Mitarbeiter/-innen in öffentlichen Bibliotheken und im Buchhandel können kompetent beraten, die Stiftung Lesen gibt unter http://www.stiftunglesen.de/service/leseempfehlungen/ aktuelle (Vor-) Leseempfehlungen für Kinder unterschiedlichen Alters.

Die von Ihnen befragte Zielgruppe (Kinder von acht bis zwölf Jahren) kann bereits selbst lesen. Was unterscheidet das Vorlesen vom selbst Lesen? Kann ein Kind durch das eigenständige Entdecken von Büchern Defizite ausgleichen?
Kinder, denen von den Eltern vorgelesen worden ist, haben später einen engeren Bezug zum eigenen Lesen und mehr Freude daran als Kinder ohne Vorleseerfahrung. Selbstverständlich können auch Kinder, denen früher nicht vorgelesen worden ist, Lesefreude entwickeln und sie profitieren in jedem Fall vom eigenen Lesen. Sie haben jedoch schlechtere Voraussetzungen und ein größeres Risiko, ihre Zugänge wieder zu verlieren: Unsere Studien zeigen, dass Jugendliche, denen die Eltern nicht vorgelesen haben, während der Pubertät deutlich häufiger die Lust am Lesen verlieren als Gleichaltrige, denen vorgelesen worden ist. Der sogenannte „Leseknick“ wirkt sich bei jedem vierten Jugendlichen ohne Vorleseerfahrung aus, aber nicht einmal bei jedem Zehnten, dem die Eltern in der frühen Kindheit vorgelesen haben.

Wie verhält sich print zu digital als Handwerkszeug für Vorlesemomente?
Eltern können Geschichten auf digitalen Trägermedien gleichermaßen gut vorlesen wie aus gedruckten Büchern. Mit E-Books, Apps und interaktiven Geschichten lassen sich Vorlesesituationen lebendig gestalten. Häufig ergänzen Animationen, akustische und spielerische Elemente die Texte und Bilder. Digitale Medien bieten die Möglichkeit, auch in Umgebungen und zu Zeitpunkten vorzulesen, in denen es mit gedruckten Büchern schwieriger ist, zum Beispiel im Wartezimmer oder unterwegs, auf Reisen. Und: Digitale Vorleseangebote sprechen Zielgruppen an, die sonst nicht so gern vorlesen. Dies gilt beispielsweise für Väter, die Vorlese-Apps aufgrund ihrer Multimedialität schätzen und gedruckten Büchern teilweise vorziehen. Empfehlungen und praktische Tipps für Eltern, die digitale Vorleseangebote nutzen möchten, stellt die Stiftung Lesen unter http://www.stiftunglesen.de/initiativen-und-aktionen/digitales/ zur Verfügung.

Was unterscheidet das gemeinsame Lesen von Büchern gegenüber anderen Medien, die ebenfalls durchaus gemeinsam genutzt werden können und Familienzeit bescheren?
Geschichtenerzählen, Vorlesen und gemeinsames Lesen – unabhängig davon ob aus gedruckten Büchern oder digitalen Trägermedien – bieten über die reine Vermittlung der Inhalte hinaus Anlässe zum Austausch, zu Gesprächen und gemeinsamen Aktivitäten wie Singen, Spielen und so weiter. Dies stärkt die Bindung zwischen Eltern und Kindern. Darüber hinaus öffnet das (Vor-) Lesen Kindern Welten und regt ihre Vorstellungskraft und Fantasie an. Dies unterscheidet das Lesen zum Beispiel vom gemeinsamen Betrachten von Filmen oder Fernsehsendungen, die im Familienalltag natürlich ebenfalls ihren Platz haben. Wichtig ist, dass Kinder das Lesen als selbstverständlichen Teil ihrer Lebens- und Medienwelt entdecken – und dass sie Freude daran entwickeln, in Geschichten einzutauchen und sie mit ihrem Alltag zu verbinden.

Neben wenig persönlichem Interesse, gibt es auch gesellschaftliche Gründe für „wenig Vorlesezeit“. Wie können Alternativen zum Vorlesen aussehen, wenn zum Beispiel beide Elternteile berufstätig sind? Welchen zeitlichen Rahmen empfehlen Sie Familien als qualitative Vorlesezeit?
Die Berufstätigkeit der Eltern ist nicht automatisch ein Hindernis für das Vorlesen – das zeigen unsere Studien. Es kommt nicht darauf an, wie lang vorgelesen wird, sondern dass es regelmäßig, am besten täglich geschieht und dass Eltern wie Kinder daran Freude haben, das Vorlesen als „quality time“ begreifen. Hörbücher, die Vorlesestimme von Kinderbuch-Apps oder digitale Lesestifte wie „Tiptoi“ und „Ting“ leisten ergänzend gute Dienste, wenn Kinder sich allein beschäftigen. Sie können jedoch das Vorlesen und Erzählen nicht ersetzen, weil der unmittelbare Austausch mit der Bezugsperson fehlt.

Wie können Handel und Industrie das Vorlesen unterstützen?
Die Stiftung Lesen bietet Unternehmen den Service „Mein Papa liest vor“ an. Das Projekt wendet sich an berufstätige Väter und Mütter von Kindern ab dem Säuglingsalter bis zu zwölf Jahren. Die teilnehmenden Arbeitgeber erhalten wöchentlich kostenlos eine Vorlesegeschichte samt Illustrationen und einmalig ein ausführliches Dossier mit Hintergründen und Vorlesetipps. Die Mitarbeiter/-innen können sich die Geschichten aus dem firmeneigenen Intranet herunterladen, ausdrucken und ihren Kindern abends oder am Wochenende vorlesen.

Gibt es noch andere Wege zum Vorlesen?
Um Kindern, deren Eltern ihnen nicht vorlesen, in anderen Umgebungen diese Erfahrung zu ermöglichen, engagieren sich bundesweit viele zehntausend Ehrenamtliche als Vorlesepaten in Bibliotheken, Kindertagesstätten und so weiter. Unternehmen können sich mit ihren Mitarbeitern für das (Vor-) Lesen in ihrer Region stark machen. Die Stiftung Lesen hat ein Modell für gemeinsame Vorleseinitiativen mit Unternehmen entwickelt, zu dem unter http://www.stiftunglesen.de/initiativen-und-aktionen/corporatevolunteering Informationen zur Verfügung stehen.
Darüber hinaus können Unternehmen Kindertagesstätten mit Vorlesebibliotheken ausstatten. Speziell zum Vorlesen, Erzählen und gemeinsamen Spielen mit Kindern aus zugewanderten und geflüchteten Familien können speziell ausgestattete Lese- und Medienboxen gespendet werden. Die Stiftung Lesen bietet Schulungen für Ehrenamtliche (unter anderem aus Unternehmen) an, die sich in diesem Bereich engagieren (http://www.stiftunglesen.de/initiativen-und-aktionen/fluechtlinge/).

Herzlichen Dank, Frau Dr. Ehmig!

www.stiftunglesen.de

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