Erste Bucherlebnisse

Mit Pappbilderbüchern die Welt entdecken

Bücher sind nicht nur Wegbegleiter, sondern auch Wegbereiter – Rebecca Schmalz, Lektorin im Arena Verlag, erklärt im Gespräch mit Sarah Daubert, welche tragende Rolle bereits ein Pappbilderbuch für die allerkleinsten „Lesefreunde“ haben kann. Es ist fester Bestandteil im spannenden Prozess des Großwerdens und hilft, die Welt mit allen Sinnen zu entdecken.

Büchern kommt eine große Rolle zu: Pappbilderbücher sind die ersten Bücher aus Papier. Ab wann ist dieses haptische und visuelle Erlebnis für den Nachwuchs sinnvoll?
Schon mit wenigen Monaten können Babys Bücher mit allen Sinnen erfahren. Stoffbücher sind für dieses Alter besonders geeignet. Sie sind leicht, gut zu halten und zu begreifen. Ausgestattet mit unterschiedlichen Fühlelementen werden sie zu einem tollen haptischen Erlebnis. Sind dann noch Rasseln und Knisterseiten integriert, genießt das Baby zusätzlich die beim Spielen selbst erzeugten Geräusche. Ab zwölf Monaten können dann Stoff-, Pappbilderbücher oder die Bände der Kiddilight-Reihe mit einfachen farbenfrohen Darstellungen erste visuelle Bucherlebnisse bieten.
 
Für welchen Erlebnischarakter steht das Pappbilderbuch?
Pappbilderbücher oder auch die Bände der Reihe Kiddilight sind für Kleinkinder wie Spielzeuge, sie werden betastet, getragen, bewegt, in den Mund genommen. Später kommt natürlich auch das buchspezifische Erlebnis hinzu. Gemeinsam mit Erwachsenen lernt das Kind zu blättern, zu betrachten, Dinge zu entdecken und zu erkennen – und im nächsten Schritt, diese Dinge auch zu benennen.
Kinder lieben die Zeit, die sie mit Erwachsenen und dem Buch verbringen. Sie lieben die Sicherheit, die zahllose Wiederholungen beim Immer-Wieder-Vorlesen bieten, das Wiedererkennen der Bilder und der Geschichten. Sind die Bücher dann noch mit Spielfunktionen wie Klappen oder beweglichen Elementen ausgestattet, wird auch der Spieleffekt immer wieder gern aufs Neue ausprobiert.

Wie wird hier mit Inhalten gearbeitet? Was ist das Qualitätsmerkmal?
In diesem Alter lernen die Kinder ihre Umwelt kennen. Bücher können dabei sehr helfen. Daher sollten sich die Inhalte am konkreten Alltag orientieren. Die Konturen sollten deutlich, die dargestellten Gegenstände möglichst ohne perspektivische Verzerrungen oder Überschneidungen leicht und klar erkennbar sein.
 
Woran orientiert man sich, wenn man Inhalte nach Kindesalter gliedert? Sprich: Was kommt in die „Pappe“, und was ist noch bei Stoff oder schon bei Papier besser aufgehoben?
Stoffbücher für die Allerkleinsten bilden oft nur einfache Gegenstände des Alltags oder auch Tiere mit Benennung ab. Es werden keine Geschichten erzählt und auf die Einbindung der Umwelt wird in der Regel verzichtet. Selten werden allereinfachste Szenen wiedergegeben.
Bei richtigen Pappbilderbüchern oder den Bänden der Reihe Kiddilight ist die Bandbreite deutlich größer. Je nachdem, für welches Alter das Buch konzipiert ist, werden der Text umfangreicher und die Darstellung detaillierter. Pro Doppelseite wird jetzt eine Szene gezeigt, die von einem erklärenden Text, manchmal auch schon mit dem Ansatz einer kleinen Geschichte begleitet wird. Das Bilderbuch weist dann sehr differenzierte Illustrationen auf, die wiederum einer ausgearbeiteten Geschichte folgen oder sie ergänzen.
 
Was ist die größte Herausforderung im Segment „Pappbilderbuch“?
Spannend ist, die Themen der Kinder – beliebt sind besonders Tiere, Fahrzeuge, Bauernhof – in immer neue Buchkonzepte zu verpacken. Erstes Wissen kann dabei ganz spielerisch vermittelt werden, und gleichzeitig wird das Buch mit Klappen, beweglichen Elementen oder Fühlelementen fast zu einem Spielzeug. So können Kinder ihrem jeweiligen Entwicklungsstand gemäß gefordert und angeregt werden.
 
Gibt es Elemente, die sich über die Jahre hinweg verändert haben?
In den letzten Jahren sind eine Vielzahl an Ausstattungsmöglichkeiten und Spielelementen hinzugekommen. Insbesondere die Reihe Kiddilight bietet fantastische Erweiterungen durch Puzzleteile, Spielfiguren, Drehscheiben oder Fühlmaterialien. Die Lieblingsthemen der Kinder allerdings sind weitgehend gleich geblieben.

Was „lernen“ Kinder mit Pappbilderbüchern?
Zunächst lernen Kinder, sich auf Bilder, später dann auch auf die Kombination von Bild und Text zu konzentrieren. Dabei lernen sie  ihre Umwelt und sich selbst besser kennen. Sie erfahren Wissenswertes über ihre Lieblingsthemen, das Geschehen um sie herum und ihren eigenen Alltag, wenn beispielsweise in den Geschichten Entwicklungsschritte beschrieben werden, die die Kinder gerade selbst durchleben. Und nicht zuletzt üben Kinder mit geeigneten Pappbilderbüchern auch ihr feinmotorisches Geschick – beim Blättern, Klappen, Drehen, Ziehen und Spielen mit den unterschiedlichen Ausstattungselementen.

Was ist das Besondere an diesen ersten „Lese“-Erlebnissen?
Da Kinder in den ersten Lebensjahren es besonders lieben, immer wieder dasselbe Buch anzuschauen, werden viele Pappbilderbücher zu treuen Begleitern für eine lange Zeit. Außerdem genießen Kinder gerade das gemeinsame Lesen in den ersten Büchern zusammen mit ihren Eltern oder anderen Bezugspersonen, sie lieben die Nähe, die daraus entsteht.

Wird hier bereits die Grundlage geschaffen, das Kind „am Buch“ zu halten?
Natürlich. Wenn schon Babys und Kleinkinder neben ihren anderen Spielzeugen auch mit Papp- oder Stoffbilderbüchern spielen, gemeinsam mit den Erwachsenen immer wieder die Szenen betrachten und den Texten, wie kurz sie auch immer sein mögen, lauschen, ist der Schritt zum umfangreicheren Bilderbuch und Vorlesebuch später ganz leicht. Bücher werden so in den Alltag der Kinder integriert. Damit wächst im Erstlesealter ganz sicher auch der Wunsch, endlich selbst Geschichten lesen zu können. Und klar ist: Das Lesenlernen fällt Kindern leichter, wenn sie bereits durch (Papp-)Bilderbücher wichtige Kompetenzen wie das Entschlüsseln von Zeichen, Figuren und Zusammenhängen erworben haben.

Was antworten Sie auf die Frage von Eltern und Großeltern: Nach welchen Kriterien suche ich das richtige Pappbilderbuch aus?
Wichtig ist es, Kinder mit dem gewählten Buch nicht zu überfordern. Daher sollten Eltern und Großeltern, wenn sie unsicher sind, ruhig auf die Altersempfehlung der Verlage oder BuchhändlerInnen vertrauen. Und dann natürlich sollte man sich beim Kauf von den Vorlieben des Kindes leiten lassen: Liebt es beispielsweise Fahrzeuge oder Tiere? Hier gibt es eine große Auswahl an einfacheren und aufwendigeren Spielbüchern. Spricht das Kind gern Reime mit? Dann wäre ein Buch mit Kinderreimen vielleicht ein gutes Geschenk. Mag es haptische Erlebnisse? Dann sind Fühlbücher das Richtige.

Frau Schmalz, herzlichen Dank für das Gespräch!

Bücher sind Kuschelmomente
In jedem Jahr kämpfen hunderte von Neuerscheinungen aus dem Kinder- und Jugendbuchbereich mit ihren fröhlich-bunten Covern um die jungen Leser – und ihre Eltern. Das richtige Buch zu entdecken, erscheint bei der Fülle der Auswahl fast unmöglich, besonders wenn es um den passenden Lesestoff für die ganz Kleinen geht, die noch nicht selbst entscheiden können. Wie finde ich das passende Buch für mein Kleinkind? Christine Paxmann, Herausgeberin von „Eselsohr“, der Fachzeitschrift für Kinder- und Jugendmedien, gibt Tipps für gelungene (Vor-)Lesemomente mit den lieben Kleinen.

Frau Paxmann, würden Sie sagen, es gibt ein „zu früh“ für das erste Buch?
Wohl kaum, allerdings sollte es das Richtige sein: Eines, bei dem kindliches Glücksgefühl geweckt wird. Weil das Kind plötzlich Worte mit Bildern verbinden kann, kapiert, wie Dinge aussehen. Das alles kombiniert mit einer Situation, die warm und vertraut ist. Nah herangerückt an denjenigen, der das Buch mit dem Kind liest – Bücher sind Kuschelmomente. Das ist Glück, auf das man im Idealfall immer wieder verlässlich zurückgreifen kann.

Wie individuell ist das „Lesealter“?
Wichtig ist, zu sehen, in welcher Entwicklungsstufe das Kind ist. Nur nach der Altersempfehlung auf einem Buch zu gehen, greift zu kurz. Man kann mit ganz einfachen Bildwörterbüchern und Pappen beginnen. Da sieht man schnell, ob ein Kind nach mehr dürstet, und kann im Pappbilderbuchbereich nach inhaltlich komplexeren Titeln suchen, zum Beispiel Themenbüchern zu Bewegungen, Formen, Farben. Tatsächlich sind kleine Kinder, die schon eine erste Buchsozialisation hinter sich haben, sehr aufgeschlossen für Wimmelbücher. Zeigt ein Kind Desinteresse, kann es am Buch, am Zeitpunkt oder an der Dauer der Lesezeit liegen.

Sie stellen als Fachmagazin für Kinder-und Jugendliteratur schon viele Jahre auf der Frankfurter Buchmesse aus: Wie finden Sie dort die Inhalte für Ihre nächste Ausgabe und welche Funktion hat diese Messe außerdem für Sie?
Auf viele Themen kommen wir in den Gesprächen mit Programmleitern und Presseleuten. Manche Themen liegen im wahrsten Sinne in der Luft. Viele Themen ergeben sich aus Schwerpunkten (Gastländer, Themen, Autoren, Illustratoren) – viele Themen sind natürlich wiederkehrend (Mädchenbücher, Jungsbücher, Thriller, Fantasy und so weiter). Oft sind es aber auch Veranstaltungen und Jubiläen, von denen wir erst auf der Messe erfahren, die uns einen Anlass zu einem Schwerpunkt geben.

Worüber haben Sie sich auf der Buchmesse am meisten gefreut?
Wenn man ein Messe-Junky ist wie ich, dann fängt das vibrierende Glücksgefühl am Aufbautag an und endet in der Nacht der Abfahrt. Dazwischen ist es ein Rausch an Gesprächen, neuen Gesichtern, Intelligenz, Witz, Tiefe, Herzlichkeit, alten Freundschaften und Neuentdeckungen. Unerlässlich zum Vibe ist ein wenig Zugluft, Heiserkeit, Schlafmangel und die seltenen Toilettenpausen – wo es zu den ungeahnt drolligsten „out of the box“-Treffen kommt.

www.eselsohr-leseabenteuer.de

Zur Übersicht "Leben & Welt"