Geborgenheit schenken

Kuschelmomente

Kuschelmomente sind Nähe, sind Wohlgefühl, sind Wärme und bewirken etwas Großes in der Entwicklung eines Kindes. Dass in diesen Augenblicken so viel mehr passiert als das Offensichtliche, weiß Autorin Julia Dibbern.

Frau Dibbern, kuscheln ist ein Grundbedürfnis – von Anfang an. Was erfüllt das „Kuscheln“ genau?
Ja, kuscheln ist in der Tat ein Grundbedürfnis – genauso wichtig wie das Bedürfnis nach Nahrung, Schlaf und so weiter. Einer der Gründe dafür ist, dass beim Kuscheln – am besten Haut an Haut – das Hormon Oxytocin ausgeschüttet wird. Es führt dazu, dass wir uns miteinander wohl und sicher fühlen. Dazu noch lindert es Schmerzen und stärkt das Immunsystem. Die Wissenschaft weiß seit Jahren, dass Kinder, denen es an liebevollem Körperkontakt mangelt, sozial und emotional schlechter dran sind. Und sie sind auch anfälliger für Krankheiten. Das hat damit zu tun, dass Krankheiten durch Stress begünstigt werden. Kuscheln aber baut Stresshormone ab. Der kalifornische Psychiatrieprofessor Daniel Siegel sagt: „Das Gehirn ist ein soziales Organ, und unsere Beziehungen miteinander sind kein Luxus, sondern essentiell für unser Überleben.“ Das fasst es ganz gut zusammen. In den ersten Jahren lernt ein kleiner Mensch, wie soziale Beziehungen funktionieren. Und je liebevoller dieser Start, desto größer ist später auch die Fähigkeit, tiefe liebevolle Beziehungen einzugehen.

 

Wie wichtig ist kuscheln für die optimale Entwicklung eines Kindes?
Kuscheln ist enorm wichtig für die gesunde Entwicklung eines Kindes, nicht nur emotional und körperlich, sondern auch kognitiv. Platt gesagt: Kuscheln macht klug. Auch das hat wieder etwas mit Wohlfühlen zu tun. Unter Stress lernen wir nicht gut. Unser Gehirn kann dann nicht auf das gespeicherte Wissen zugreifen, sondern hat genug damit zu tun, mit der Stresssituation umzugehen. Für eine optimale Entwicklung ist es also gut, wenn kleine Kinder sich dort wohl und geborgen fühlen, wo sie sind.

 

Das Kuscheln mit Eltern, Großeltern und Co. ist unersetzbar – welche Rolle kommt Kuscheltieren zu?
Klar, das Kuscheln mit geliebten Menschen ist das Größte. Aber auch Tiere spielen eine große Rolle. Der zottelige Familienhund, die verschmuste Katze, die Haushühner ...
Wir sehen immer wieder, dass Kinder, die viel kuscheln dürfen und reich an gesunden Familienbindungen sind, wenig Interesse an Stofftieren zum Kuscheln haben. Die Stofftiere nehmen dann andere – nicht weniger wichtige – Rollen ein: Sie dürfen mit auf das Sofaschiff und über das große Meer fahren. Sie werden gestillt, gefüttert und herumgetragen. Sie sind dann oft mehr Spielpartner als Kuscheltrost. Zum Trösten sind Menschen da.

www.juliadibbern.de

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