Kinderernährung

Probieren, probieren, probieren!

Dagmar von Cramm ist eine der bekanntesten Autorinnen zum Thema Kinderernährung. Sie hat viele Kochbücher und Ratgeber dazu veröffentlicht und über vier Millionen Bücher verkauft. Ihre Klassiker „Kochen für Babys“ und „Kochen für Kleinkinder“ gibt es bei GU in einer neuen Auflage. Die Diplom-Oecotrophologin ist Mutter von drei Söhnen. Im Interview erklärt sie, wie Kinder eine gesunde Einstellung zum Essen bekommen.

Frau von Cramm, gibt es Ihrer Erfahrung nach ein absolutes Lieblingsessen von Kleinkindern oder bestimmte Zutaten, die fast immer ankommen?
Schon früh sind es individuelle Familien-Gewohnheiten, die Vorlieben bei Kindern schaffen. Darüber hinaus alles, was ein wohliges Mundgefühl gibt, saftig ist und eher süßlich schmeckt: Grießbrei, Kartoffelpüree, Apfelmus, Milchreis, Nudeln mit Tomatensauce.

Und umgekehrt, welche Lebensmittel sollten Eltern am Anfang eher meiden?
Je vielfältiger ein Kind isst, desto besser entwickelt sich sein Geschmackssinn. Toll, wenn auch die Eltern vielseitig essen und das mit ihrem Kind teilen. Eltern sollten eher aus gesundheitlichen Gründen ihrem Kind keine süßen Getränke geben, keine zu salzigen und zu scharfen Speisen, nichts schwer verdauliches.

Welche neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse sind in das aktuelle „Kochen für Babys“ eingeflossen?
Dieses Buch entwickelt sich ständig mit dem Thema weiter. Neu ist tatsächlich die Einstellung zur Allergievorbeugung: Vielfalt ist angesagt, nicht mehr Vermeidung und monotone Kost. Da hat es eine wissenschaftliche Revolution gegeben. Außerdem steht für mich heute das gemeinsame Essen absolut im Vordergrund, weil es eine so wichtige Rolle im Leben einer Familie spielt – nicht nur von den Nährstoffen her gesehen.

Was sind ihre persönlichen Lieblingsrezepte aus „Kochen für Babys?
In jedem Fall die leckeren Gemüsenockerln in Spinatrahm für Mom & Baby, die Nusswaffeln und der Möhrenaufstrich. Aber eigentlich mag ich alle Rezepte aus meinem Buch!

Was muss ich beachten, wenn ich Beikost selbst kochen will?
Das, was ich auch bei mir selbst beachten sollte: Frisches Gemüse und Obst der Saison, Vollkornprodukte, fein vermahlen und entsprechend auch Vollkornmehl oder Mehl der Type 1050. Nicht salzen, nicht zuckern, sondern die Lebensmittel ihr natürliches Aroma entfalten lassen. Nicht scharf anbraten oder grillen, lieber dünsten oder dämpfen. Und am besten Rapsöl verwenden.

Ab wann kann ein Kind mit den Erwachsenen mitessen?
Sobald es die ersten Zähne hat, sitzen kann und sich fürs Essen interessiert, meist zwischen dem achten und zehnten Monat – aber es gibt auch Spätentwickler. Die Eltern sollten ihre Portion nachträglich würzen und das Kinderessen stärker zerkleinern oder etwas verdünnen, damit es leichter essbar ist. Das habe ich in meinen Rezepten auch berücksichtigt.

Wie reagieren, wenn sich der Nachwuchs am Tisch verweigert?
Ablenken, herunterspielen, selber gerne essen und das auch kommunizieren. Wenn die Stimmung bei Tisch gut ist, schmeckt es auch kleinen Kindern am besten! Immer probieren lassen. Und nicht gleich das Gläschen als Alternative auf den Tisch stellen. Gesellschaft von älteren Kindern wirkt übrigens Wunder! Und nie aufgeben: Kinder müssen etwas bis zu 16mal probieren, bevor sie es mögen …

Gibt es Tricks, um gesunde Nahrungsmittel ins Essen zu schmuggeln?
Na klar: pürieren, soufflieren, panieren :-)))) Der beste Trick ist das Beispiel der Eltern: Was die gerne essen, will auch das Kind. Wenn aber Papa den Spinat als Hasenfutter verschmäht, dann wirkt diese Ablehnung viel stärker als die Begeisterung der Mutter für das grüne Gemüse. Auch Rituale bei Tisch wirken – und ein witziger Teller, das Lieblingsset, ein Smiley aus Tomatenmark oder Balsamicosirup auf der Gemüsesuppe. Möhrensterne oder Paprikamonde ....

Viele Eltern machen sich Sorgen, dass ihr Nachwuchs nicht genug isst. Wie lassen sich Druck und Dramen bei den Mahlzeiten vermeiden?
Die größere Gefahr in unserer Gesellschaft ist, dass Kinder zuviel essen! Drei feste Essenszeiten und nur vormittags ein zweites Frühstück und nachmittags eine Obst-Zwischenmahlzeit geben Kindern Geborgenheit und machen Appetit. Und wenn das Kind merkt, meine Eltern essen ja auch – es geht nicht nur um mich – dann entspannt das die Situation automatisch.

Kinder essen in den ersten Jahren oft nicht gerne Fleisch oder Fisch. Ist das ein Problem, was ist zu tun?
Fleisch und gerade Wurst ist bei Kindern leider oft nur zu beliebt und liefert zuviel gesättigte Fette und Salz. Wenn Kinder weniger davon essen – kein Problem. Gerade fetter Fisch wie Lachs oder Hering ist dagegen für die Hirnentwicklung gut. Lachscreme oder Heringshäckerle als Brotaufstrich dürfte kein Problem sein: Und: Auf Gräten achten. Letzten Endes spiegeln Abneigungen oft die Vorlieben der Eltern.

Und wenn ich bewusst mein Kind vegetarisch ernähren will, geht das?
Bei vollwertiger Ernährung: unbedingt. Ich habe dazu ebenfalls ein neues Buch geschrieben: „Vegetarisch kochen für Babys“. Das hätte ich früher nicht schreiben können – da haben sich tatsächlich die ernährungswissenschaftlichen Voraussetzungen geändert. Von veganer Kinderkost rate ich dagegen entschieden ab!

Wie gehe ich mit der Gier nach Süßem bei den Kleinen um?
Diese Gier wird doch oft erst künstlich geweckt! Von Natur aus mögen Babys die natürlich leichte Süße von Muttermilch. Wenn man sie nicht mit pappsüßen Breichen, Milchprodukten, Keksen oder Milchgetränken „anfüttert“, entsteht auch keine Gier. Da scheint sogar die Ernährung der Mutter in der Schwangerschaft Weichen zu stellen.

Was sind Ihrer Erfahrung nach die wichtigsten Essensregeln?
Probieren, probieren, probieren. Drei Portionen Gemüse, zwei Portionen Obst am Tag. Und regelmäßige Rituale und Mahlzeiten gemeinsam mit den Eltern. Der Rest kommt von selbst.

Gerade berufstätigen Eltern bleibt oft keine Zeit zum Kochen. Vom Döner über Thai bis Pizza – welche Alternativen sind das kleinere Übel?
Originale, frisch zubereitete Thai-Gerichte gehören zu den gesündesten der Welt. Aber to go ist das bei uns selten. Und ehrlich: Die fehlende Zeit redet uns doch allzu oft die Industrie ein. Wir nehmen uns oft nicht die Zeit! Mit ein bisschen Planung für die ganze Woche ist frische, schlichte Küche mit viel Gemüse doch zu stemmen. Sie wissen, was drin ist – und sparen dazu noch jede Menge Geld. Wenn die Zeit zum Einkauf fehlt: Eine Grüne Kiste hilft enorm!

Ihr Erfolgsrezept: Wie vermitteln Eltern am besten ein natürliches Verhältnis zum Essen?
Mit ihrem Vorbild! Das ist unschlagbar. Und weil viele junge Leute das Kochen für sich wieder entdecken, habe ich da große Hoffnung!

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