Zwischen Bolzplatz und Bibliothek

Stiftung Lesen in Bewegung

Von der Kitaleitung über den Sporttrainer, von der Deutschlehrkraft bis hin zum Fußballfunktionär – beim innovativen Ansatz, Leseförderung mit Bewegung zu verknüpfen, kommen alle in Schwung – und sind sich schnell einig: Sportbegeisterte und Bücherfans verbindet mehr als gedacht. Das nachhaltige, innovative Bildungsvorhaben „Lesen in Bewegung“ der Baden-Württemberg Stiftung und der Stiftung Lesen schafft den Brückenschlag.

Lesen und Bewegung scheinen auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam zu haben, ja sogar fast gegensätzliche Aktivitäten zu sein. In vielen Familien bedeutet Lesen eine gemütliche Vorlesestunde auf der Couch, Bewegung ein gemeinsamer Spaziergang oder Spielplatzbesuch. Das eine ist dabei oft der Ausgleich des anderen. Aber beides zusammen zu denken und zu tun, erscheint erst einmal abwegig. Ist es aber beim genaueren Betrachten gar nicht!
Dass sich mit Bewegung besser lernen lässt und die motorische eng mit der sprachlichen Entwicklung von Kindern zusammenhängt, haben verschiedene Studien bereits gezeigt. Daneben leistet die Verbindung von Lesen und Bewegung vor allem eines: Sie motiviert und zwar sowohl die Kinder, die nicht gerne lesen, als auch diejenigen, die sich mit Sport und Bewegung schwer tun. Der Bewegungs- und Sportanteil zeigt Lesen in einem anderen Licht und erreicht so Kinder und Jugendliche, für die Lesen bislang nur Schule, Noten und Druck bedeutete. Der Lese- und Buchanteil nimmt den weniger Athletischen die Angst vor der sportlichen Herausforderung. Die Klischees von „der Sportskanone“ auf der einen Seite und „dem Bücherwurm“ auf der anderen haben ausgedient.
Um ein Umdenken anzuregen, ist es enorm wichtig, dass in Übungen und Spielen auch tatsächlich Lesen mit Bewegung direkt verbunden wird und nicht wie üblich man sich erst mit Buch beschäftigt und dann zum Fußballspielen rausgeht. Die Lese- und Bewegungsspiele, die im Rahmen von „Lesen in Bewegung“ entwickelt wurden, zeigen, wie sich beides auf vielfältige Weise kombinieren lässt. So können Wörter oder Bilder in Büchern Ausgangspunkt für Bewegung sein: Ein Tierbuch regt zum Katzenbuckel, Affentanz und Storchengang ein. Im Zweierteam lässt sich Lesen und Bewegen auch aufteilen: Der eine liest aus einer Fußballgeschichte vor, während der andere versucht, mit allen Körperteilen einen Ball oder Luftballon zu jonglieren. Lässt er ihn fallen, tauschen Vorleser und Jongleur die Rollen. Auf Stichwörter im vorgelesenen Text können Kinder mit Bewegung reagieren. Wenn zum Beispiel das Wort „Pippi Langstrumpf“ in einer ihrer Abenteuer fällt, müssen alle Kinder so schnell wie möglich auf einem Bein eine Strecke abhüpfen. Wer zuerst ins Ziel kommt, darf weiter vorlesen.
Die Lese- und Bewegungsübungen lassen sich überall einsetzen: in Schule, Freizeit, Sportverein und natürlich auch zu Hause. Eine erfolgreiche Lesesozialisation beginnt in der Familie, wenn Eltern ihren Kindern von Anfang an regelmäßig vorlesen. Es zeigt sich sogar, dass Kinder, denen vorgelesen wird, auch anderen Betätigungen gegenüber aufgeschlossener sind, zum Beispiel auch gerne Sport treiben.
Vorlesevorbilder sollten beide Elternteile sein. Jedoch zeigt die Realität, dass die Väter sich beim Vorlesen eher in Zurückhaltung üben. Nur neun Prozent der Väter geben in der „Vorlesestudie 2013“ an, ihren Kindern täglich vorzulesen, während das zu 29 Prozent die Mütter tun. Bewegung und Toben ist hingegen eher die Domäne der Väter. Die Kombination von Lesen und Sport ist also auch ein guter Ansatz, um die Väter zum Vorlesen zu motivieren. Sie gibt Vätern die Möglichkeit, im Rahmen ihrer Interessen und Freizeitaktivitäten als Lesevorbild aktiv zu werden. Beim gemeinsamen Lesen von Fußballzeitschriften oder dem Vorlesen von Sportkrimis für Kinder können Väter so die eigene Lesefreude spielerisch an ihre Kinder weitergeben.
Denn natürlich sind spannende und abwechslungsreiche Geschichten und Bücher eine Grundlage für „Lesen in Bewegung“. Sie holen die Kinder und Jugendlichen bei ihren Interessen ab und knüpfen thematisch an ihre Lebenswelten an. Damit wecken sie Lesefreude, eine wichtige Voraussetzung, um die Lesekompetenz zu stärken. Denn wer gerne und viel liest, liest auch besser. Passende Lektüre lässt sich leicht finden – allen voran natürlich zum Thema „Fußball“. Dazu gibt es Erstlesebücher, Vorlesebücher, Sachbücher, Trainingsbücher, Romane, Rätselbücher, Bücher mit integrierten Spielen, Wissenskarten, Hörbücher und Kinder- und Jugendzeitschriften. Aber auch für andere Sportarten wie Skateboard, Karate und Ballett lassen sich geeignete Titel in den Leseempfehlungen der Stiftung Lesen recherchieren. So kann dem bewegten Lesen in der Familie oder beim nächsten Kinderfest nichts mehr Wege stehen. Sigrid Fahrer


Höchste Zeit für „Lesen in Bewegung“:
• 15,4 Prozent der Grundschüler erreichen nicht die Mindeststandards im Lesen (Quelle: IGLU-Studie 2011).
• 14,5 Prozent der 15-Jährigen verfügen nur über rudimentäre Lesekenntnisse (Quelle: PISA 2012).
• 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen sind übergewichtig, 6,3 Prozent adipös (Quelle: Kiggs 2003 – 2006).
Aber: 66 Prozent der Kinder und Jugendlichen, denen vorgelesen wurde, treiben regelmäßig Sport. Bei den Kindern und Jugendlichen, denen nicht vorgelesen wurde, sind es nur 55 Prozent (Quelle: Vorlesestudie 2011).

„Lesen in Bewegung“ ist eine innovative, nachhaltige Bildungsinitiative der Baden-Württemberg Stiftung und der Stiftung Lesen. Sie verbindet Leseförderung mit Bewegungsansätzen und hat zum Ziel, Freude am Lesen zu wecken und die motorischen, emotionalen und kognitiven Kompetenzen zu stärken.

Informationen zu den Aktionen unter www.lesen-in-bewegung.de

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